Secret Service Band 4 – Kapitel 11
Francis Worcester Doughty
Secret Service No. 4
Old and Young King Brady Detectives
Der geniale Bluff der Bradys
Oder: Ihre Verfolgungsjagd zur Rettung einer Erbin
Eine interessante Detektivgeschichte aus dem Jahr 1899, niedergeschrieben von einem New Yorker Detective
Kapitel 11
Ein Bluffspiel
Der Chef des Secret Service hatte bereits viele Erkundigungen nach den beiden Bradys eingezogen. Er hatte alle Detektive befragt, vergeblich versucht, ihnen eine Nachricht zukommen zu lassen, und war mittlerweile ernsthaft besorgt.
Mr. Moore war fast täglich zu Gast im Hauptquartier des Secret Service. Er erkundigte sich stets nach den Bradys. Er war sich sicher, dass sie die Betrüger, die ihn so geschickt hereingelegt hatten, doch noch dingfest machen würden.
Der Chef beriet sich mit einem seiner besten Detektive.
»Wirklich«, sagte er, »ich fürchte, die Lage ist ernst. Wir wissen, dass das Schlaue Trio in New York nach wie vor sein Unwesen treibt, aber von den Bradys sieht und hört man nichts. Ich verstehe das nicht.«
»Sie halten sich vielleicht bedeckt.«
»Die ganze Zeit über? Das bezweifle ich. Es wäre eine schlechte Methode.«
»Aber es entspricht ganz den Methoden des Old King Brady.«
Dieser Detektiv war von Eifersucht zerfressen.
»Nun, das mag sein. Aber wenn sie wieder auftauchen, bin ich mir sicher, dass sie handfeste Ergebnisse vorweisen können.«
Und so vergingen die Tage. Doch eines Tages erschien eine merkwürdige Anzeige in einer New Yorker Tageszeitung.
Es war folgendes zu lesen:
Gesucht – Ein vermögender und philanthropischer Herr, der einer Witwe unter dem Recht des späteren Rückkaufs wertvolle Anleihen einer namhaften Gesellschaft mit hohem Abschlag abkauft. Die Anleihen werfen halbjährlich zehn Prozent Dividende ab. Schreiben oder vorsprechen bei Mrs. M., sechste Klingel, Apartmenthaus Nr. —, 60th Street, New York.
Am nächsten Tag erschien direkt unter der obigen Anzeige folgende Mitteilung:
Anzeige – Mrs. M. aus der 60th Street wird darüber informiert, dass ihr Anliegen erfüllt werden kann, wenn sie sich im Laden von Jacob Schwartz, Getty Square, Yonkers, meldet.
Als die Betrüger dies lasen, breitete sich ein breites Grinsen auf ihren Gesichtern aus.
»Aha!«, rief die Lustige Ann. »Diesmal haben wir einen leichten Fang. Eine Reise nach Yonkers macht mir nichts aus. Schwartz! Ein guter, alter holländischer Name. Ich wette, dort gibt es reichlich Geld.«
»Sicherlich!«, stimmte Corcoran zu. »Brauchst du wieder einen Ehemann, Annie?«
»Mal sehen. Ich habe meine Pläne noch nicht ausgearbeitet«, antwortete die gerissene Frau.
Es dauerte jedoch nicht lange, bis sie ihren Plan gefasst hatte. Das Ergebnis war, dass sie am nächsten Morgen einen Frühzug nach Yonkers nahm.
Der Laden von Jacob Schwartz am Getty Square war leicht zu finden.
Eine respektabel aussehende Dame in Witwenkleidung betrat das Geschäft. Ein junger Angestellter mit eindrucksvollem Kotelettenbart stand hinter dem Tresen.
»Was kann ich für Sie tun, gnädige Frau?«, fragte er mit holländischem Akzent.
»Ich komme auf diese Anzeige hin«, sagte sie mit leiser Stimme. »Ich bin Mrs. Miller aus der 60th Street in New York. Sind Sie Mr. Jacob Schwartz?«
»Oh nein, gnädige Frau«, antwortete der junge Mann. »Ich bin sein Sohn. Ich hole meinen Vater.«
Und er huschte hinter einem Vorhang in ein Hinterzimmer.
Die Lustige Ann setzte sich. Ihre Blicke wanderten neugierig durch den Laden und dessen Inhalt. Er unterschied sich nicht von anderen Geschäften dieser Art.
Einen Moment später trat jedoch ein großer, freundlich wirkender Holländer vor sie.
»Ah, gnädige Frau«, sagte er schlicht und treuherzig. »Ich habe Ihre Anzeige in der Zeitung gelesen und hatte solches Mitleid mit Ihnen, dass ich meinem Sohn sagte, ich würde Ihnen schreiben.«
»Sie sind sehr gütig, mein Herr!«, sagte die angebliche Mrs. Miller mit piepsiger Stimme. »Ich brauche dringend Hilfe, sonst würde ich mich niemals von den Anleihen trennen, die mir mein lieber verstorbener Mann hinterlassen hat.«
Der gute Mister Schwartz rang nervös die Hände.
»Ah, gute Frau, klagen Sie nicht«, sagte er mitfühlend. »Sie werden nicht betrogen werden. Ich gebe Ihnen mein Wort, Sie sollen mehr bekommen, als Sie verlangen. Ich leihe Ihnen das Geld und Sie behalten Ihre zehn Prozent Zinsen für sich selbst.«
»Oh nein, nein!«, protestierte die unter Tränen stehende Witwe. »Daran könnte ich nicht denken. Aber geben Sie mir die Möglichkeit, sie wieder zurückzukaufen?«
»Aber gewiss doch.«
»Ich danke Ihnen.«
»Haben Sie die Anleihen dabei?«
Die Witwe zog ein Bündel Papiere aus ihrer Handtasche.
»Sie sind hier«, sagte sie. »Es sind Anleihen der Far West Gas Company aus Smartville, Wisconsin. Wenn Sie möchten, kann ich meinen Banker holen, damit er bürgt.«
Unter seinem gestutzten Bart lächelte der verkleidete Detektiv breit. Doch er heuchelte tiefes Interesse und prüfte die Zertifikate. Es waren genau dieselben Fälschungen, mit denen sie bereits den Banker Moore getäuscht hatten.
»Ok!«, rief Schwartz aus, als er sie überflog. »Die sind in Ordnung, gnädige Frau. Ich sehe kein Problem. Aber ich habe heute nicht so viel Geld da.«
»Oh, ich habe es nicht eilig«, erwiderte die Witwe munter. »Sie können das Geld an jedem beliebigen Tag bereithalten, und ich komme vorbei. Die Summe beträgt 60 000 Dollar.«
»Ah, wenn Sie diese Anleihen auf den Markt bringen, könnten Sie eine viel größere Summe dafür bekommen!«
»Aber ich will nicht verkaufen«, entgegnete die Witwe. »Sie wurden mir von meinem lieben Mann hinterlassen, und ich möchte sie nach Möglichkeit für immer behalten.«
Schwartz rieb sich die Hände und nickte eifrig.
»Ich verstehe, gnädige Frau!«, rief er. »Sie lassen die Papiere hier, nicht wahr?«
»Ich muss sie mitnehmen, aber ich bringe sie nach der Überweisung wieder zurück«, erklärte die Witwe. »An welchem Tag soll ich wiederkommen, Mr. Schwartz?«
Der Holländer verneigte sich mit der Hand auf dem Herzen.
»Morgen, wenn Sie wünschen.«
»Morgen um drei Uhr!«
»Und bringen Sie Ihren Banker mit, gnädige Frau.«
»Das werde ich tun.«
Mrs. Miller, der sichtlich eine Zentnerlast von der betrübten Seele fiel, nahm ihre Anleihen an sich und ging.
Als sie fort war, lachten Jacob Schwartz und sein Sohn, bis ihnen die Tränen übers Gesicht liefen.
»Wie konntest du die schöne Witwe nur so täuschen?«, dröhnte Young King Brady. »Die Heimatlose und Freundlose. Ah, du herzloser Mann!«
»Sei dir nicht zu sicher«, sagte Old King Brady scharfsinnig. »Sie täuscht uns und könnte damit sogar noch Erfolg haben.«
Die Lustige Ann kehrte nach New York zu ihren Kumpanen in die 44th Street zurück. Sie war bester Laune.
»Er war das leichteste Opfer, das mir je untergekommen ist!«, rief sie. »Du meine Güte, das wird ein Kinderspiel. Ich soll morgen mit meinem Banker wiederkommen!«
»Ich!«, sagte Corcoran.
»Du!«
»Bist du sicher, dass alles glattläuft?«
»Völlig! Ein goldiger alter Holländer. Ich würde nicht mit seinem Herzen spielen, wenn nicht so viel auf dem Spiel stünde. Oh, das wird eine fette Beute!«
Corcoran und Hardy lachten. Alle waren heiter und redselig. Auf den bevorstehenden Erfolg wurden mehrere Flaschen Champagner geköpft.
Am nächsten Tag stiegen die Lustige Ann, Corcoran und Hardy in den Zug nach Yonkers. Hardy begleitete das Paar, um als Sekretär des angeblichen Bankers, Mr. Wellington Hall, zu fungieren. Das vornehme Trio betrat Mr. Schwartz’ Laden pünktlich zur vereinbarten Zeit.
Er blickte überrascht auf die beiden Männer, verneigte sich aber höflich, als die angebliche Mrs. Miller sie vorstellte.
»Das ist Mr. Wellington Hall, mein Banker, und Mr. Leeds, sein Sekretär.«
»Es ist mir eine Ehre!«, sprach Jacob mit einer tiefen Verneigung. »Ich würde mich freuen, wenn Sie in mein Privatzimmer kommen!«
Die drei Betrüger tauschten Blicke aus und betraten den kleinen, quadratischen Raum hinter dem Laden. Sie setzten sich rasch an einen Tisch.
Schwartz verließ für einen Moment den Raum. Die Lustige Ann zwinkerte ihren Begleitern zu und flüsterte: »Netter alter Vogel, was?«
»Ein Prachtstück«, sagte Corcoran. »Ob wir ihn nicht noch wegen einer Nebensache erleichtern können?«
»Macht erst einmal dieses Geschäft hieb- und stichfest«, ermahnte Hardy. »Das ist das Beste!«
In diesem Moment kam Schwartz zurück.
»Ah, meine Freunde«, sagte er, während er sich die Hände rieb, »ich glaube, wir sind bereit fürs Geschäft.«
Er trug eine lange Lederbrieftasche in der Hand. Als er sie öffnete, fielen mehrere Dokumente heraus. Darunter befand sich ein Bündel Kupon-Anleihen. Sie trugen den Stempel der Regierung und waren hübsch gedruckt, repräsentierten aber nur eine kleine Summe.
Die Betrüger beäugten die Papiere wie Wölfe ihre Beute. Old King Brady lächelte unter seinem Bart. Er blätterte die Papiere durch und nahm einen Blankoscheck heraus. Er war auf die Bank of New York ausgestellt.
»Nun, gnädige Frau«, sagte er schlicht, »jetzt erzählen Sie mir von dieser Far West Gas Company. Sie sagen, da ist alles in Ordnung?«
»Sie können Mr. Hall fragen, meinen Banker, der eine Autorität für Aktien ist«, antwortete die Lustige Ann.
»Die lukrativste Aktie in Amerika«, erklärte Hall nachdrücklich.
»Ah, das ist genug, gnädige Frau. Ich schreibe Ihnen jetzt meinen Scheck über 30 000 Dollar, und Sie bekommen Ihre Zertifikate zurück, sobald Sie das Geld zurückzahlen wollen.«
»Sie sind sehr freundlich, mein lieber Mr. Schwartz«, sagte die Lustige Ann mit geheuchelter Rührung. »Ich bin sicher, dass sie in Ihren Händen sicher sind.«
»So sicher, wie es nur sein kann«, versicherte Schwartz.
»Einen Moment«, warf Hall verbindlich ein. »Sie irren sich in der Summe. Diese Anleihen belaufen sich auf 60 000 statt 30 000 Dollar!«
»Oh ja!«, rief die Lustige Ann.
Schwartz machte große Augen.
»Mein Gott!«, rief er aus. »Das ist mehr Geld, als ich da habe!«
»Was?«
Der Ausruf entfuhr den Lippen aller drei Betrüger gleichzeitig. Für den Bruchteil einer Sekunde zeigte sich Bestürzung in ihren Gesichtern. Es war beinahe eine Enttarnung. Doch sie fingen sich augenblicklich wieder.
»30 000«, sagte Hall schroff. »Nun, das ist kaum ausreichend. Allerdings, wenn Sie das sagen, Mrs. Miller …«
»Ich … ich hoffe, es ist nichts verwehrt!«, stammelte die Witwe.
»Oh nein, gnädige Frau, das versichere ich Ihnen!«, rief Schwartz. »Das war mein kleiner Fehler. Ich habe nur 30 000 Dollar in Bar. Aber ich habe den Gegenwert. Sehen Sie! Hier sind Hypotheken! Noten! Ach, hier ist ein Wechsel gegen meinen lieben Freund Breitstein über genau diesen Betrag. Sie werden sehen. Ich werde das Geld von ihm holen. Myndert! Hör mal, Myndert!«
Auf den Ruf hin erschien der junge Schwartz aus dem Hinterzimmer.
»Myndert, mein Sohn, gehst du bitte kurz hinaus und bittest Mister Breitstein, für einen Moment vorbeizukommen?«

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