Marc Jordan – Band 1 – Kapitel 9
Marc Jordan
Heldentaten des größten französischen Detektivs
Band 1
Die Entführung einer Jungfrau
Kapitel 9
Die große Schlacht
Nachdem Marc Jordan wohlbehalten und im Besitz der so wertvollen Informationen nach Paris zurückgekehrt war, begab er sich unverzüglich zum Herzog de la Riviera. Dieser erwartete ihn in begreiflicher Qual. Als der unglückliche Vater sah, dass der Detektiv allein zurückkam, konnte er sich nicht beherrschen und schrie auf: »Sie sehen doch, dass sie tot ist! Dass Sie sie mir nicht zurückbringen konnten. Mein Kind, mein armes Kind!«
Und erneut brach er in Schluchzen aus.
Doch mit einem einzigen Wort trocknete der Ermittler seine Tränen.
»Ich bringe sie Ihnen morgen zurück«, sagte er.
»Lebend?«
»Lebend!«
Der Herzog traute seinen Ohren nicht. Nachdem ihm Marc Jordan jedoch geschildert hatte, was geschehen war, was er entdeckt und ihm die Worte wiederholt hatte, die er aus dem Mund seiner Tochter hörte, ehe er von dem geplanten Einsatz für die kommende Nacht berichtete, rief der Herzog aus: »Ich werde nicht so lange warten! Ich will dabei sein! Ich will mit Ihnen gehen! Eine zweite Nacht wie die vergangene überlebe ich nicht! Ich würde vor Angst und Fieber sterben!«
Der Ermittler verstand, dass er dem leidgeprüften Vater die Qual des weiteren Wartens nicht aufzwingen konnte, und willigte ein.
»Ich hole Sie um zehn Uhr ab. Halten Sie sich bereit!«
Danach ging er, um alles für den entscheidenden Kampf vorzubereiten.
Am selben Abend gegen elf Uhr, als das Haus, in dem die Tochter des Herzogs festgehalten wurde, in dichte Finsternis und Grabesstille gehüllt war, näherte sich eine ganze Reihe von Schatten aus der Nacht der Mauer, die Marc Jordan in der vorherigen Nacht erklettert hatte.
An der Spitze dieser Schatten, direkt hinter dem Detektiv, ging der Herzog de la Riviera. Er war von so heftiger Erregung ergriffen, dass ihm schien, als stocke ihm der Atem und als stünde sein Herz still. Er wagte kein Wort zu sprechen und passte jeden Schritt, jede Bewegung genau an die des Detektivs an.
Wenn es nur gelänge, bei Gott, und man ihm seine Tochter gesund und wohlbehalten zurückgegeben würde! Ah, was hätte er nach all den Qualen und unendlichen Schmerzen einer vermeintlich endgültigen Trennung nicht alles dafür gegeben, sie wiederzuhaben, sie zu umarmen und zu lieben!
Alle anderen verhielten sich ebenso still wie der unglückliche Vater und hielten den Atem an, aus Furcht, entdeckt zu werden.
Am Fuß der hohen Mauer angekommen, schleuderte Marc Jordan wortlos und ohne Befehl die Eisenhaken einer kleinen Strickleiter, die er mitgebracht hatte, auf die Mauerkrone. Als sie oben fest verankert waren, stieg er in der Dunkelheit leise empor. Nach ihm kletterte der Herzog, dann all die anderen – etwa zehn Mann –, während weitere Schatten draußen das zur Seine gelegene Haus sowie das Nachbarhaus, mit dem es verbunden war, umstellten. Das alles vollzog sich in lautloser Stille, als würden die beiden Anwesen von Gespenstern belagert und überschwemmt.
Als all jene, die die Mauer überwunden hatten, im Garten um den Ermittler versammelt waren, gab dieser ihnen die letzten Anweisungen. Anschließend folgten sie ihm alle zum unterirdischen Gang, den er in der Nacht zuvor entdeckt hatte und in den er nun eintrat.
Doch als der Detektiv vor der Tür stand, hinter der er die Stimme der Herzogstochter gehört hatte, bat er die anderen zu warten: Sie sollten bereit sein, beim ersten Schrei oder Signal herbeizueilen, und die Waffen schussbereit in der Hand halten.
Allein, mit dem Revolver in der einen und der Blendlaterne in der anderen Hand, drang er weiter in die Finsternis des Hauses vor. Er befand sich in einem breiten Flur, den das gräuliche Licht schwach erhellte, das durch große Fenster drang. Mehrere Türen führten von diesem Flur ab. Der Ermittler steuerte aufs Geratewohl eine davon an und öffnete sie geräuschlos.
In dem Zimmer angekommen, lauschte er. Er glaubte, das Geräusch eines Atems wahrzunehmen. Es war jemand im Raum. Aber wer? Die Gesuchte oder ein Gegner?
Er musste Gewissheit haben. Er deckte seine Laterne auf. Der Lichtstrahl traf auf das Gesicht eines schlafenden Mannes. Doch im selben Moment fuhr dieser hoch, stieß einen Schrei aus und schnellte auf die Beine, während er nach einem Revolver griff, der auf dem Tisch neben ihm lag.
Jordan hatte ihn sofort erkannt: Es war Maudru, genannt Eiserne Faust. Und auch dieser hatte den Eindringling erkannt, den er für tot gehalten hatte. Er riss die Augen vor Entsetzen weit auf, als stünde ein schrecklicher Geist vor ihm.
Doch das dauerte nur einen Sekundenbruchteil. Er hatte seinen Revolver bereits gerichtet und drückte ab.
Obwohl Marc Jordan mitten in die Brust und aus nächster Nähe getroffen wurde, stürzte er nicht. Ein Kettenhemd aus feinem Stahl hatte ihn geschützt. Er feuerte seinerseits, jedoch in die Luft, und schrie laut: »Zu mir! Zu mir!«
Augenblicklich erfüllte Lärm und Tumult das eben noch so friedliche, stille Haus. Überall in den Fluren knallten Schüsse.
Doch Maudru war verschwunden. Es wirkte, als sei er in die Wand gewichen oder im Erdboden versunken. Noch ehe der Ermittler die Verblüffung über dieses mysteriöse Verschwinden überwinden konnte, ertönten Hilferufe aus dem Garten – ausgestoßen von einem seiner eigenen Männer.
»Hierher! Hierher!«
Er begriff sofort: Man entführte das junge Mädchen!
Er stürzte hinaus und kam genau in dem Moment an, als eine größere Gruppe hinter einem dichten Gebüsch verschwand. Er richtete den Lichtstrahl seiner Laterne auf die Gruppe und erkannte vier Banditen, die eine offenbar ohnmächtige junge Frau forttrugen.
Er stieß einen verzweifelten Ruf aus.
»Zu mir! Zu mir!«
Als die Banditen ihn erblickten und die von allen Seiten herbeieilenden Männer hörten, ließen sie ihre Beute fallen und flohen Hals über Kopf in alle Richtungen, während Marc Jordan und seine Leute ihnen eine Salve aus ihren Revolvern nachfeuerten.
Der Detektiv stürzte sich auf den Mann, der ihm am nächsten stand und den er genau erkannt hatte: Es war der Graf von Cazalès.
»Elender!«, schrie er, während er auf ihn zielte.
Er drückte den Abzug durch. Doch noch ehe der Schuss brach, war der Graf verschwunden – spurlos verschwunden, genau wie sein Komplize Maudru.
Marc Jordan verharrte erneut fassungslos, die rauchende Waffe noch in der Hand.
»Das ist doch Zauberei!«, murmelte er völlig vor den Kopf gestoßen und wusste einen Moment lang nicht, was er tun sollte.
Das Knallen der Schüsse hatte im Garten große Aufregung ausgelöst; überall herrschte geschäftiges Treiben. Fil-en-Quatre eilte herbei, gefolgt vom Herzog de la Riviera, der rief: »Meine Tochter! Seine Tochter! Wo ist meine Tochter?«
Fil-en-Quatre fragte hektisch: »Was ist geschehen?«
»Ich habe eben auf den Schurken geschossen.«
»Und meine Tochter?«, schrie der Herzog.
»Ich habe sie gesehen! Sie wird fortgeschafft!«
»Lebend?«
»Ja, lebend! Ich wusste doch, dass sie nicht tot ist!«
»Ah, mein Gott, aber wir müssen hinterher!«
»Wohin denn? Alle scheinen hier unverwundbar zu sein und lösen sich in diesem verdammten Haus wie Schatten auf!«
Der Herzog rang verzweifelt die Hände. »Mein Gott, mein Gott, mein armes Kind!«
Während Marc Jordan sich allmählich von seinem Schreck erholte und versuchte, sich zu orientieren und einen klaren Kopf zu bekommen, riss ihn ein Schrei von draußen aus seinen Gedanken. Er erkannte die Stimme sofort – es war Lagingeole.
»Zu mir! Zu mir!«, rief der Agent mit verzweifelter Stimme.
Marc Jordan stürzte in die Richtung, aus der die Schreie kamen, gefolgt von Fil-en-Quatre und dem völlig verstörten Herzog. Seine Tochter lebte! Seine Tochter war hier in diesem Haus, und er konnte sie nicht sehen, sie nicht in seine Arme schließen. Der arme Vater hatte keinen anderen Gedanken mehr. Alles andere war ihm gleichgültig. Er schien einen Albtraum zu durchleben und nahm kaum wahr, was um ihn herum geschah, völlig hypnotisiert von der Gewissheit, dass seine Tochter keineswegs tot war.
Doch wie sollte er sie befreien? Wie sich ihrer bemächtigen? Mechanisch folgte er dem Mann, der versprochen hatte, ihm sein Kind zurückzugeben, ohne sich der Gefahr bewusst zu sein, in der er schwebte.
Marc Jordan erreichte den Garten, auf den das fahlen Licht des Mondes fiel, der gerade hinter den Wolken hervorgetreten war und die Schatten mit schemenhaften Gestalten erfüllte. Im selben Moment verschwand eine ungeordnete Gruppe durch eine Tür, die vermutlich in den anderen Garten führte. Er hatte verstanden: Sie schafften das Mädchen fort!
Er stürzte vorwärts, stolperte über ein Hindernis und wurde durch ein Stöhnen gestoppt. Er sah hin: Es war Lagingeole, gegen den er gestoßen war – am Boden liegend und gefesselt.
Er fragte hastig: »Sind sie weg?«
»Ja, Meister.«
»Haben sie das Mädchen mitgenommen?«
»Ja.«
Marc Jordan hörte gar nicht weiter zu. Rasend vor Wut warf er sich gegen die Tür. Sie sprang abrupt auf, und er verschwand, als wäre er von einem unsichtbaren Gespenst gepackt worden.
Das geschah so schnell und unerwartet, dass Fil-en-Quatre und der Herzog einen Schrei des Entsetzens ausstießen und wie erstarrt stehen blieben. Im selben Augenblick drangen mehrere Banditen in den Garten ein und stürzten sich auf den Herzog, den sie überwältigten, sowie auf Lagingeole.
Fil-en-Quatre jedoch, flink wie ein Affe, war rasch auf einen Baum geklettert und hatte sich im Schatten der Äste geduckt, ohne dass es jemand bemerkt hatte oder ahnen konnte, wo er geblieben war. Von seinem Hochsitz aus konnte er das Geschehen verfolgen: Er sah, wie einige der Banditen den Herzog ergriffen, der ohnmächtig schien, und ihn ins Haus trugen, während andere Lagingeole fortschafften, der noch immer jammerte.
Doch was sich derweil im anderen Garten abspielte, war noch weit interessanter als das, was Fil-en-Quatre von den Bäumen aus beobachten konnte.

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