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Deutsche Märchen und Sagen 203

Johannes Wilhelm Wolf
Deutsche Märchen und Sagen
Leipzig, F. A. Brockhaus, 1845

289. Die vier Träume

Kaiser Karl hatte sich auf der Jagd von seinem Gefolge getrennt und kehrte in ein Wirtshaus ein, das eine Höhle von vier Räubern war. Die Räuber freuten sich über die reiche Beute und begannen spöttisch, ein Spiel aus ihren Träumen zu machen.

»Mir träumt«, sagte der Erste, »dass man diesem Fremden den Hut vom Kopf nehmen sollte.«

»Und mir träumt«, fuhr der Zweite fort, »dass man ihm sein schönes Wams ausziehen müsste.«

»Mir träumt«, hob der Dritte an, »dass er diese prächtige Hose gar nicht braucht und sie uns schenken könnte.«

»Ich habe den besten Traum«, meinte der Vierte, »denn mir träumt, dass die goldene Kette mit der silbernen Pfeife um seinen Hals ihm viel zu schwer ist und wir ihn davon befreien sollten.«

Karl erwiderte gelassen: »Das sind wahrlich hübsche Träume! Bevor ihr sie jedoch erfüllt, lasst mich noch ein kurzes Stück auf meiner silbernen Pfeife spielen. Ihr werdet sehen, sie besitzt Zauberkräfte.«

Die Räuber wurden neugierig und willigten ein.

Karl trat an die Tür und pfiff dreimal aus Leibeskräften, woraufhin sein gesamtes Gefolge herbeieilte.

Nun sprach der Kaiser: »Jetzt bin ich an der Reihe zu träumen: Mir träumt nämlich, dass man euch alle vier auf der Stelle vor diesem Haus aufhängen lässt.«

So geschah es, und das war das Ende der vier Träume.

290. Der gekrönte Schuh

In Brüssel kaufte die Frau eines armen Schuhmachers einst eine besonders fette Gans auf dem Markt. Kaiser Karl beobachtete dies und ließ ihr von einem Diener heimlich folgen, um ihre Adresse zu erfahren. Am Abend ging er in abgetragenen Stiefeln zum Haus des Schusters und bat diesen, die Löcher schnell zu stopfen. Der Schuster lehnte jedoch ab: Heute feiere er mit seiner Frau das Gänseessen (Vergansung), und an einem solchen Festtag rühre er kein Werkzeug an.

Inzwischen deckte die Frau den Tisch. Der Duft der gebratenen Gans stieg dem Kaiser so köstlich in die Nase, dass ihm das Wasser im Mund zusammenlief.

»Ihr wollt mir zwar meine Stiefel nicht reparieren«, sagte Karl, »aber Eure Gans riecht so hervorragend, dass ich mich an Eurem Fest beteiligen möchte.«

Damit gab er dem Schuster Geld, um eine Flasche Wein zu holen.

Hatte der Handwerker den ungebetenen Gast anfangs noch auf die Hobokenheide gewünscht, so tauten er und seine Frau schnell auf. Sie luden den Kaiser ein, bewirteten ihn reichlich, und alle verbrachten einen fröhlichen Abend zusammen.

Am nächsten Tag ließ der Kaiser den Schuster an den Hof rufen. Dieser bekam es mit der Angst zu tun, folgte aber dem Befehl. Als er den Kaiser erblickte und seinen Zechgast vom Vorabend wiedererkannte, bangte ihm sehr – doch Karl empfing ihn überaus freundlich und fragte, welchen Lohn er für die köstliche Bewirtung verlange.

Der Schuster überlegte kurz und bat darum, dass der Kaiser seiner Zunft zum Gedenken an diesen Abend einen gekrönten Schuh für ihr Wappen verleihen möge. Kaiser Karl gewährte ihm diesen Wunsch zur großen Freude der gesamten Bürgerschaft.

291. Der Kauf von Flandern

Als Kaiser Heinrich IV. in Aachen gekrönt wurde, reisten die Lehnsherren des Reiches an, um ihm zu huldigen – darunter auch die Grafen von Flandern und Holland. Aus diesem Anlass wurden prachtvolle Feste und Turniere veranstaltet. Bei einem Lanzenstechen warf der Graf von Flandern den Grafen von Holland vom Pferd. Graf Floris von Holland war darüber tief gekränkt und grollte seinem Rivalen Balduin von Flandern.

Am folgenden Tag forderte Floris Balduin im Palast zu einer Partie Schach heraus. »Mein Einsatz ist die Grafschaft Holland!«, rief Floris.

»Ich nehme die Herausforderung an«, erwiderte Balduin, »und setze Flandern dagegen – obwohl allein meine Landschaft Waas mehr wert ist als ganz Holland!«

Sie setzten sich an das Schachbrett und spielten.

Nach einer Weile rief der Graf von Holland triumphierend: »Schach! Euer Flandern gehört mir!«

Balduin hätte seine Grafschaft tatsächlich verloren, wenn der Kaiser nicht eingegriffen und eine hohe Geldsumme festgelegt hätte, mit der sich Balduin freikaufen konnte.

Balduin bat zunächst die Stände Flanderns, die Summe für ihn zu übernehmen, doch diese lehnten ab. Auch die großen Städte des Landes verweigerten die Zahlung. In dieser Not sprang schließlich die Stadt Gent ein und beglich die gesamte Summe allein.

Zum Dank verlieh Balduin der Stadt Gent ein bedeutendes Privileg, das fortan als der Kauf von Flandern bekannt wurde: Gent wurde zur Hauptstadt erhoben, und der Graf verpflichtete sich, künftig keine Steuern in Flandern mehr zu erheben, ohne zuvor die ausdrückliche Zustimmung der Stadt eingeholt zu haben.

292. Heinrichs Spritze

Als Kaiser Heinrich III. noch ein kleiner Junge war, schenkte ihm ein Priester eine kleine silberne Wasserspritze, wie sie Kinder zum Spielen benutzen.

Der junge Heinrich sagte scherzhaft zu ihm: »Dafür, dass du mir diese Spritze geschenkt hast, werde ich dich zum Bischof machen, wenn ich einmal Kaiser bin.«

Als Heinrich im Jahre 1039 zum Kaiser gekrönt wurde, erinnerte er sich an sein Versprechen und erhob den besagten Geistlichen tatsächlich in den Bischofsstand. Doch diese Leichtfertigkeit blieb nicht ungestraft: Kurz darauf erkrankte der Kaiser schwer und lag drei Tage lang bewusstlos darnieder; nur sein schwacher Puls zeugte noch vom Leben. Die am Hof anwesenden Bischöfe beteten für seine Genesung, legten Gelübde ab und ordneten ein dreitägiges Fasten an, bei dem sie dem Volk mit gutem Beispiel vorangingen.

Der Kaiser genas schließlich. Doch kaum wieder zu Kräften gekommen, ließ er den frisch ernannten Bischof vorführen, enthob ihn nach Rücksprache mit seinen Beratern sogleich seines Amtes und entzog ihm alle Würden.

Als man sich über dieses harte Urteil wunderte, erklärte der Kaiser den Grund: Während seines dreitägigen Koma-Schummers sei er von bösen Geistern gequält worden. Diese hätten ihm genau mit jener silbernen Spielzeugspritze ein so glühendes Höllenfeuer ins Gesicht gespritzt, dass kein irdisches Feuer damit vergleichbar gewesen sei. Erst als ein schöner Jüngling erschien und einen Kelch voll Wasser über ihn goss, sei das Feuer erloschen, und er habe das Bewusstsein sowie seine Gesundheit wiedererlangt.

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