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Der Mythos Tempelritter – Teil 3.22

Mythos-Tempelritter

Einst waren sie im Hochmittelalter die mächtigste Organisation auf Gottes Erden. Sie waren führend im Bankwesen, sie besaßen die größte Flotte des Abendlandes. Zeugen ihrer schier übermächtigen Größe und ihres Reichtums findet man noch heute: Der Newport Tower in Newport, Rhode Island, der als Leuchtturm der Templer gilt; Santa Mariá de Eunate in Spanien, welche die Templer nach dem Vorbild der Grabeskirche in Jerusalem erbauten; Temple Church in London, die den Templern als englisches Hauptquartier diente; die Klagemauer sowie der Tempelberg in Jerusalem, wobei aufgrund der derzeitigen religiösen und politischen Auseinandersetzungen zwischen Israel und Palästina es dort unmöglich erscheint, umfangreiche Ausgrabungen durchführen zu können. Die Liste der noch existierenden zeitgenössischen Sachzeugen und Bauwerke ist groß und würde den hiesigen Rahmen sprengen.
Wer waren die Templer? Wie waren sie organisiert? Wer waren ihre Führer? Gingen die geheimnisvollen Templer am Freitag, den 13. Oktober 1307 tatsächlich unter? Oder gibt es heute noch Nachfahren der Templer? Fragen über Fragen.
In einer losen Folge möchte ich versuchen, den Mythos der Tempelritter ein wenig zu beleuchten.


Die Großmeister des Tempelordens


Thomas Bérard (1256 – 1273)

Thomas Bérard war vielleicht ein Engländer und wurde 1256 Großmeister. Wegen seiner kränklichen Konstitution leitete eine Zeit lang der Marschall, Stephan von Sissy, die Kriegführung. Thomas war ein sehr erfahrener, geistesstarker und tüchtiger Mann, der das geistige Wesen des Ordens besonders ausgebildet hat.

Syrien ging seiner gänzlichen Auflösung entgegen. König Hugo II. von Zypern führte zwar den Titel eines Königs von Jerusalem, war aber ein ohnmächtiger Regent der schwachen Überreste jenes Reiches. Gern hätte Papst Alexander IV. dem Land des Herrn aufgeholfen, doch einerseits hatte er selbst noch einen schweren Stand gegen den Staufer Manfred, andererseits wollte es ihm nicht gelingen, andernorts Begeisterung und tätigen Beistand für Palästina zu wecken. Bereits gegen Ende des Jahres 1255 hatte er den Archidiakon von Lüttich, Johann von Troyes, zum apostolischen Legaten in Syrien ernannt. Um diesem eine günstige Stellung zu bereiten, gab er den Tempelrittern – wie wir gesehen haben – mehrfache Beweise seines Wohlwollens und seiner Fürsorge. Auch hatte er noch im selben Jahr den Zwanzigsten aus den Einkünften aller geistlichen Güter zur Unterstützung des Heiligen Landes angewiesen. Im Jahre 1256 beauftragte er den Patriarchen Jakob von Jerusalem, dem verschuldeten Grafen von Joppe – da dieser sein gesamtes Vermögen für die Befestigung seiner Stadt aufgewendet hatte – 1000 Mark aus den bei den Tempelherren hinterlegten 13 000 Byzantinern zu übergeben, die dem Heiligen Land gehörten. Ferner ließ er in Deutschland das Kreuz predigen, jedoch vergebens.

In diesem Jahr erhob sich in Akkon ein gefährlicher Streit zwischen den Genuesen und Venezianern. Beide Nationen erhoben Ansprüche auf eine Kapelle St. Saba in Akkon und gerieten hierüber in blutigen Hader. Als sich die Genuesen mit den Pisanern gegen die Venezianer verbündeten, sahen sich Letztere genötigt, sich in den Schutz des Patriarchen zu begeben, um nicht aus Akkon weichen zu müssen. Diesen Schutz verschafften ihnen die Templer, die auf ihrer Seite standen. Später gewannen die Venezianer jedoch Pisa und andere Handelsstädte für sich, schlugen die Genuesen in zwei großen Seeschlachten und vertrieben sie aus Akkon, wobei sie den Tempelrittern viel zu verdanken hatten. Denn der Meister Thomas Bérard verschaffte den Venezianern auch das Wohlwollen des zyprischen Statthalters Johann von Arsuf, des Grafen Johann von Joppe und des Fürsten Bohemund von Antiochia, der ein Oheim des Königs Hugo von Zypern war. Da dieser Kampf die gesamten syrischen Zustände vollends zu zerrütten drohte, beendete ihn der Papst auf Verwendung der syrischen Prälaten und Barone im Jahre 1258 durch einen Vergleich.

Ein drohendes Zeichen für die Auflösung der christlichen Herrschaft in Syrien zeigte sich in einem blutigen Streit zwischen den beiden Ritterorden, deren gegenseitige Eifersucht nie geruht hatte. Diese brach im Jahre 1259 in helllichten Flammen aus, als Papst Alexander den Hospitalitern am 11. August als Auszeichnung erlaubte, schwarze Wappenröcke und in der Schlacht rote Koller mit einem weißen Kreuz zu tragen. Der Streit hierüber entbrannte zwischen beiden Parteien so heftig, dass es eines Tages in Akkon zum offenen Kampf kam. In diesem unterlagen die Tempelritter, und fast alle Templer, die sich in Akkon befanden, wurden von den Hospitalitern erschlagen, da diese vor Erbitterung keine Gefangenen machen wollten. Selbst der Meister Bérard scheint hier gefährlich verwundet worden zu sein. Darauf ist wohl seine oben angedeutete Kränklichkeit zurückzuführen sowie die Tatsache, dass in der Folgezeit der Marschall an der Spitze der Kriegszüge stand. Gerade um diese Zeit kam der Templer Hugo von Merl aus dem Tempelhaus Breisig unweit Neuwied in Ordensangelegenheiten nach Akkon und wurde Augenzeuge des blutigen Kampfes.

Um ihren großen Verlust auszugleichen, mussten die Templer aus den Komtureien des Abendlandes schleunigst Ersatz herbeirufen. Hier wohnten Tausende von Tempelherren, da sich der Orden zu dieser Zeit immer weiter im Osten Europas ausbreitete und die Mark Brandenburg in der Person des Ritters Wittekind einen eigenen Meister erhielt, der sich auch Meister von Alemannien und Slawien nannte. Im Jahr 1258 bestätigte Papst Alexander IV. dem Orden alle seine Besitzungen in Deutschland und Polen.

Bald nach jenem Streit mit den Hospitalitern gerieten die Tempelherren mit dem König von Armenien in große Misshelligkeiten. Sie hatten von Julian, dem Herrn von Sidon, der in den Orden der Trinitarier zu treten gedachte, die Stadt Sidon und die Burg Beaufort gekauft. Diese wollte der König gern besitzen, doch die Templer setzten ihren Besitzstand durch. Daraufhin brachten die Hospitaliter – um ihrerseits ihr Gebiet zu vergrößern – Balian von Arsuf an sich.

Bald bot sich Gelegenheit zum ernsten Kampf. Einige wilde Horden der Turkmenen, die schon seit mehreren Jahren das Fürstentum Antiochia mit ihren Raubzügen heimgesucht hatten, drangen nun in das christliche Land ein. Die Christen zogen dem Feind entgegen: Johann von Ibelin (Herr von Berytos), Johann von Gibelet (Marschall des Reichs), Stephan von Sissy (Marschall der Templer, der den noch nicht wiederhergestellten Meister Thomas vertrat) mit den Templern aus Akkon, dem Pilgerschloss, Safed und Beaufort sowie die übrige syrische Ritterschaft. Nur die mit den Templern zerfallenen Hospitaliter scheinen nicht mitgezogen zu sein. Leider wurde das christliche Heer von den Turkmenen aufs Haupt geschlagen. Die Templer büßten ihr gesamtes Kriegsgerät ein; viele wurden getötet, und Johann von Berytos, Johann von Ibelin, der Komtur des Pilgerschlosses, Matthias von Sauvage sowie viele andere gerieten in Gefangenschaft. Nur gegen schweres Lösegeld erhielten sie ihre Freiheit wieder.

Darauf kam eine schwere Heimsuchung über Syrien durch den verwüstenden Einfall der Mongolen, die seit dem Jahr 1256 Persien heimgesucht, die Herrschaft der Assassinen vernichtet, Bagdad erobert, das Kalifat zertrümmert, Mesopotamien sich unterworfen und im Jahr 1259 die muslimischen Fürsten Syriens angegriffen hatten. Schon früher waren die Tempelritter und Hospitaliter vom Khan Hülegü zur Unterwerfung aufgefordert worden, hatten den mongolischen Botschaftern jedoch erwidert: »Sie trügen die Ordenskleidung nicht, um ein müßiges Leben zu führen, sondern um für ihren Heiland zu sterben. Wenn die mongolischen Teufel kämen, würden sie die Knechte Christi auf dem Schlachtfeld bereit zum Kampf finden.«

Die Tempelherren zu Sidon und Beaufort reizten den Feldherrn Hülegüs, Kitbukha, noch mehr, indem sie einige den Mongolen zinsbare sarazenische Ortschaften nahe der Burg Beaufort feindlich überfielen und mit Gefangenen, Herden und anderer Beute zurückkehrten. Zudem erschlugen sie einen Neffen Kitbukhas, der das Geraubte zurückforderte, und wollten sich zu keiner Genugtuung verstehen. Hierauf rückte Kitbukha vor Sidon, eroberte die Stadt und zerstörte einen großen Teil der Stadtmauern; die Einwohner retteten sich in die Burg. Allgemeine Furcht ergriff die syrischen Christen. Man befürchtete einen Angriff auf Akkon, zerstörte daher die außerhalb der Stadt gelegenen Gärten, gestattete Sultan Qutuz von Ägypten bereitwillig mit seinen Scharen den Durchzug durch das christliche Gebiet und schloss mit ihm ein Bündnis zur Bekämpfung der Mongolen.

Man sah sich nach Hilfe aus dem Abendland um. Der Meister der Tempelherren wandte sich in einem bereits erwähnten Schreiben an König Heinrich III. von England, in dem er sich Bruder Thomas Bérard, von Gottes Gnaden der armen Brüderschaft des Tempels demütiger Meister nennt. Er meldet, dass er sich nun vollkommener Genesung erfreue und der apostolische Legat, die Prälaten und die Ritterschaften des Heiligen Landes ihm durch beiliegende Schreiben den traurigen Zustand des Reiches Jerusalem kundtun. Alles sei wahr, was diese Schreiben berichteten, und man könne auf keine andere Hilfe als auf die Könige von Frankreich und England hoffen. Weshalb er bitte, König Heinrich möge dem Heiligen Land so bald wie möglich helfen – woran dieser jedoch durch die inneren Unruhen in England gehindert wurde.

Das Schreiben des Meisters datiert vom 5. April 1260. Bereits nach 13 Wochen kam der Templer, der die gesamten Briefschaften überbrachte, in London an, sodass er diese Reise in einem für jene Zeit beispiellos kurzen Zeitraum vollendet hatte. Er überbrachte nicht nur dem König, sondern auch dem Templermeister von England Schreiben und berichtete mündlich, wie dringend das Heilige Land schleunige Hilfe benötige. Jedermann erschrak über die Verwüstungen, welche die Mongolen dort angerichtet hatten; man befürchtete, nächstens die Nachricht vom Untergang der christlichen Herrschaft in Palästina zu vernehmen. Doch diese Besorgnis erfüllte sich vorerst nicht, da Sultan Qutuz die Mongolen am 3. September zwischen Baisan und Nablus bei Ain Dschalut so entscheidend schlug, dass das auseinandergesprengte mongolische Heer – nachdem Kitbukha hier getötet worden war – Syrien gänzlich räumte. Nun vereinigte Qutuz Ägypten, Syrien und Palästina, wurde jedoch schon am 24. Oktober von Turanschahs Mörder, dem Mamluken Baibars, unweit von Gaza ermordet. Daraufhin wurde dieser grausame, rohe, aber tapfere Mann Sultan und fasste den festen Entschluss, der christlichen Herrschaft in Palästina ein Ende zu machen. Denn bei der Zwietracht unter den dortigen Christen war an keinen festen Vertrag mit ihnen zu denken, da es an Treue und Glauben, aber auch an einem gemeinsamen Oberhaupt fehlte. Schlossen die Sarazenen einen Vertrag mit den Tempelherren, entbrannten die Hospitaliter darüber in blinder Eifersucht und begannen Krieg gegen die Ungläubigen – und umgekehrt. Wollten die Muslimen durch einen Waffenstillstand mit der Ritterschaft zu Akkon ihre Schifffahrt sichern, erkannte der König von Zypern diese Waffenruhe nicht an.

Baibars konnte mit den christlichen Autoritäten nie zum Ziel kommen. Namentlich weigerten sich die beiden geistlichen Ritterorden 1262, die Gefangenen auszuwechseln, und wollten von dem früher eingegangenen Waffenstillstand nichts wissen. Stattdessen trachteten sie danach, den Schatten des christlichen Reiches aufzugeben und im Abendland ihren Sitz zu nehmen, wo sich nun auch ein Meister der Templer in Brabant und den Niederlanden findet. Im Abendland war die Bedeutung und Macht des Ordens so anerkannt, dass man in jenen gefahrvollen und bewegten Zeiten nirgendwo mehr Sicherheit für Personen, Güter und Bargeld zu finden wusste als in den Komtureien der Tempelherren. So übergab im Jahre 1261 Königin Margarete von Frankreich – wie sie selbst an König Heinrich von England berichtet – die Reichskleinodien in Gegenwart mehrerer französischer Großer dem Schatzmeister des Pariser Tempelhauses, Peter Bostell, und dessen Stellvertreter Nikolaus, welche jene Kleinodien im Tempelschatz bewahrten. Im Jahr 1264 erhielt die Königin diese auf ihr Verlangen unversehrt zurück.

Da nun beide Ritterorden keinen Frieden mit den Sarazenen hielten und auch die Ritterschaft zu Akkon töricht genug war, die Verträge mit Baibars nicht einzuhalten, brach dieser im April 1263 in das christliche Land ein. Er verwüstete es furchtbar, zerstörte namentlich viele herrliche Kirchen (wie die zu Nazareth und auf dem Berg Tabor u. a.), schlug die syrische Ritterschaft und belagerte selbst Akkon, woraufhin wieder ein Waffenstillstand geschlossen wurde. Der Zustand Palästinas war traurig: überall verwüstete Städte und Dörfer, unbebaute Fluren, furchtbare Räuberbanden und schreckliche Hungersnot. Vergeblich mahnte Papst Urban IV. das Abendland zur Hilfe, vergeblich wurde in vielen Ländern das Kreuz gepredigt – nur spärliche Haufen folgten dem Ruf.

Trotz alledem hielten die beiden Orden den Waffenstillstand mit Baibars nicht ein. Im Jahr 1264 zogen sie aus, zerstörten die Burg Lilium und machten große Beute. Am 15. Juni rückte die gesamte Ritterschaft aus Akkon aus, um einen gewissen Gerhard, den die Sarazenen mit vielen anderen bei Rama gefangen genommen hatten, auszulösen und die Auslösung nötigenfalls mit den Waffen zu unterstützen. Die Sarazenen verweigerten die Auslösung; daraufhin drangen die Christen bis Askalon vor und verwüsteten alles mit Feuer und Schwert, da sie wussten, dass das Land in den Händen der Ungläubigen bleiben würde. Am 20. November zogen beide Orden vereint mit der Ritterschaft von Akkon und französischen Pilgern nach Bet Sche’an, zerstörten die Stadt sowie die Umgebung, machten Gefangene und erbeuteten viele Lasttiere.

Der übermütige Leichtsinn, mit dem die Tempelherren bei dem traurigen Zustand Palästinas die Waffenruhe störten, veranlasste Papst Clemens IV. im Jahr 1265 – da auch von anderen Seiten Beschwerden über den Orden einliefen –, an die Templer zu schreiben: »Bedenkt wohl, was ihr der Kirche zu verdanken habt. Möge es nie geschehen, dass unsere und der Kirche Nachsicht, die so vieles durch nachsichtige Geduld von euch erträgt, durch euren Übermut herausgefordert wird, eine Untersuchung anzustellen, die nicht gut ausfallen würde und könnte«. In einer anderen Bulle vom 25. Juli an die Prälaten und Ritterorden des Heiligen Landes meldet er, dass er es an Tatkraft zur Unterstützung Palästinas nicht fehlen lasse und namentlich von König Ludwig von Frankreich sowie dem Markgrafen Otto von Brandenburg alles Gute in dieser Hinsicht hoffe.

Unterdessen bereitete Baibars einen kräftigen Einfall in das christliche Gebiet vor und rückte unerwartet am 26. Februar 1265 vor Cäsarea, nahm die Stadt ein und zerstörte sie. Ebenso erging es nach einiger Zeit Arsuf, das den Hospitalitern gehörte und bei dessen Fall 100 von ihnen umkamen. Beiden Städten war von den übrigen syrischen Christen keine Unterstützung zuteilgeworden, weil einer dem anderen alles Unheil gönnte. Am 23. April traf der Reichsverweser von Zypern, Hugo von Lusignan, ein, fand jedoch keine gute Aufnahme. Die Hilfsvölker aus dem Abendland trafen nur spärlich ein, und der unermüdliche Baibars ließ den Christen auch im Jahr 1266 keine Ruhe. Plötzlich, am 14. Juni, rückte er vor Safed, einen überaus festen Ort der Tempelritter auf einer Höhe zwischen Akkon und dem See Genezareth. Der Sultan trieb die Belagerung mit solchem Eifer voran, dass selbst der letzte Tag des Ramadan, an dem die Emire vom Kampf ausruhen wollten, zur Fortsetzung genutzt werden musste. Hundert Goldstücke wurden demjenigen geboten, der den ersten Stein von der Mauer Safeds herabwerfen würde. Die schwache Besatzung konnte dem Angriff dieses zahlreichen Heeres nicht standhalten. Auf Hilfe war nicht zu rechnen: Wie die Templer den Hospitalitern in Arsuf nicht beigestanden hatten, so halfen diese nun jenen in Safed nicht. Auch die syrischen Barone dachten an keinen Entsatz der Bedrängten. Diese traten daher mit Baibars wegen der Übergabe in Unterhandlungen. Der Sultan hasste die Tempelritter und sprach es offen aus, dass er sich nur an ihnen rächen, die Übrigen jedoch verschonen wolle, sodass mehrere aus der Besatzung zum Feind übergingen. Hierauf brachen die Templer die Verhandlungen ab und kämpften den Kampf der Verzweiflung. Als sie nach einiger Zeit die Unterhandlungen wieder aufnahmen, soll der Sultan sie zurückgewiesen, ein Emir ihnen jedoch freien Abzug bewilligt haben. Nach anderen Nachrichten habe Baibars die Templer in der Weise hintergangen, dass bei der Beschwörung des Vertrags Emir Kermun Aga anstelle des Sultans auf dem Thron gesessen habe, während Baibars als Schwertträger unter den Hofleuten anwesend war und der Emir schwor, ohne dass der Botschafter der Tempelherren den Betrug bemerkte. Wiederum nach anderen Quellen soll Baibars den Abzug unter der Bedingung erlaubt haben, dass sie Safed weder beschädigen noch Waffen oder Geld mitnehmen. Als man jedoch bei den Abziehenden Waffen, Kleinodien und sogar gefangene Sarazenen entdeckte, habe er den Vertrag für nichtig erklärt. Daraufhin wurden 2000 Christen auf einen benachbarten Hügel geführt, die Ritter von den Pferden gerissen und allen freigestellt, ob sie zum Islam übertreten oder sterben wollten; eine Nacht Bedenkzeit wurde gewährt. Zwei Templerkleriker (Minoritenmönche), Jakob von Puy und Jeremias, ermahnten ihre Brüder, standhaft im Glauben an Christus zu verharren. 600 folgten dieser Ermahnung und wurden auf jener Anhöhe enthauptet. Den Komtur und die beiden Kleriker ließ der Sultan geißeln, schinden und anschließend enthaupten. Da man die Leichname zur Nachtzeit von einem Lichtglanz umleuchtet sah, ließ sie der Sultan einscharren. Der Burgvogt Leo, der die Verhandlungen mit den Sarazenen geführt hatte, nahm den islamischen Glauben an.

Außer Akkon und einigen wenigen Ortschaften und Burgen stand das Land den Ungläubigen offen. Bis nach Armenien drangen Baibars’ Scharen vor und zerstörten auch dort ein Schloss der Templer. Da sich König Hethum I. dem siegreichen Sultan gänzlich unterwarf, verließen die Tempelherren ihre hier gelegenen Schlösser wie Gastun, Roche de Russol sowie einige andere Besitzungen und zogen sich nach Akkon zurück. Die christlichen Waffen mussten überall weichen; immer kleiner wurde die mit dem Blut vieler erschlagener Kreuzfahrer gedüngte Scholle Landes, die dem Kreuz Christi noch geweiht blieb. Als im August der Reichsverweser Hugo von Lusignan mit der französischen Ritterschaft und den drei Ritterorden einen Streifzug in die Gegend von Tiberias unternahm, fiel der Vortrupp, der aus mehr als 40 Hospitalitern bestand, in einen Hinterhalt und wurde niedergehauen. Den übrigen Haufen überfielen in der Nacht die in der Gegend wohnenden Landleute und töteten den größten Teil.

Auch im Jahr 1267 kam Baibars nach Syrien und befestigte Safed als einen der wichtigsten Verteidigungspunkte des Landes. Plötzlich zog er am 2. Mai vor Akkon, verkleidete eine Schar der Seinen als Tempel- und Hospitalritter, überraschte so die Arbeiter auf dem Feld, erschlug eine große Menge von ihnen, schleppte 500 Gefangene nach Safed und ließ sie dort töten. Dergleichen Überfälle wiederholte er öfter, sodass die Gegend um Akkon völlig unsicher und menschenleer wurde.

Am 7. März 1268 nahm er Joppe ein, am 4. April die Templerburg Beaufort. Hier hatte sich ein Teil der Besatzung zufällig am Tag zuvor nach Akkon begeben, sodass der Widerstand nicht lange währte. Zwar sandte der Großmeister vom Pilgerschloss aus die Botschaft baldiger Hilfe, doch der Bote war ein im Dienste des Ordens stehender Muslim, der das Schreiben dem Sultan überbrachte. Daraufhin ließ dieser ein Schreiben im entgegengesetzten Sinne abfassen. Hierdurch wurden die Templer in Beaufort getäuscht und übergaben am 15. April die Feste. Daraufhin rückte Baibars am 16. Mai vor Antiochia und brannte die Stadt nieder. Nun räumten die Tempelherren die Burg Bagras. Immer mehr rückten ihre Verbliebenen an Mannschaft und Besitzumfang um Akkon zusammen; eine Besitzung nach der anderen gaben sie auf, um im Abendland dafür Ersatz zu finden.

Der Meister von Frankreich, Amalrich de Laroche, hatte dem Grafen Karl von Anjou, der König von Sizilien geworden war, im Jahr 1267 eine Summe Geldes geliehen, um die Macht der Staufer zu vernichten. Der Papst war über diese Hilfsleistung hoch erfreut, dankte dem Meister dafür und erteilte dem Schuldvertrag gern seine Bestätigung. Die Meister der einzelnen Ordensprovinzen waren wegen der mühseligen Stellung des Konvents in Palästina nun die wahren Hebel und Führer der templerischen Gemeinschaft im Abendland; namentlich der Meister von Frankreich erfreute sich allgemeiner Bedeutung. In England war es zu dieser Zeit Humbert Peraut, der später dieser Würde entsagte – vielleicht weil der vom Großmeister ins Abendland gesandte Visitator, Marschall Stephan von Sissy, nicht alles so vorfand, wie es sein sollte. Der Meister von Irland hieß Humbert von Manchester, der von Brandenburg, Böhmen, Mähren und Polen Johannes.

Obwohl vom Königreich Jerusalem nur noch ein Schatten übrig war, ließ sich König Hugo III. von Zypern am 24. September 1269 zu Tyrus als König von Jerusalem krönen, ohne dass dem Reich durch diese Thronbesteigung ein Vorteil erwachsen wäre.

Im September dieses Jahres wollte König Jakob I. von Aragonien eine Seefahrt nach dem Gelobten Land antreten. Die Hospitaliter und die Ritter vom Heiligen Jakob in Aragonien unterstützten ihn mit Geldmitteln, doch von einer Unterstützung seitens der Templer wird nichts erwähnt. Als der Bischof von Barcelona und die Meister der beiden Orden in Aragonien von der Fahrt abrieten, folgte der König diesem Rat und unterließ sie. Nur einige Schiffe sandte er nach Akkon. Als sich mithilfe dieser aragonischen Pilger am 18. Dezember ein Zug von 200 Rittern aus Akkon in das Land der Heiden wagte, wurden sie von einer türkischen Übermacht überfallen und – da die Ritterorden keine Hilfe sandten – mit großem Verlust in die Flucht geschlagen.

Endlich erfolgte im April 1270 ein zweiter Kreuzzug des betagten Königs Ludwig IX. von Frankreich, und zwar nach Tunis. An diesem Zug nahmen die syrischen Tempelherren, deren Zahl ohnehin unbedeutend war, keinen Anteil, sondern nur einige französische Templer unter Anführung Amalrichs, des Meisters von Frankreich. Dieser war kurz zuvor vom Hof König Karls von Sizilien nach Tunis gekommen und leitete hier die Befestigungen des französischen Lagers. König Ludwig starb vor Tunis am 25. August; sein Nachfolger Philipp der Kühne kehrte im November mit dem Kreuzheer nach Frankreich zurück, ohne dem Gelobten Land geholfen zu haben.

Nach dem Tod Papst Clemens’ IV. (29. November 1268) wählten die Kardinäle schließlich am 1. September 1271 den Archidiakon Tedaldo von Lüttich, der sich seit 1267 im Heiligen Land aufhielt, zum Papst. Im Herbst 1271 brachten ihm der Templermarschall Stephan von Sissy, der mehrere Provinzen seines Ordens im Auftrag des Meisters visitiert hatte, und der Ritter Fulko von Puetricart die Nachricht von seiner Erhebung auf den päpstlichen Stuhl, woraufhin er sich Gregor X. nannte. Da er die traurige Lage Palästinas aus eigener Anschauung kannte, durfte man die zuversichtliche Hoffnung hegen, er werde sich eines Kreuzzugs besonders annehmen. In der Tat ermahnte er bald nach seiner Ankunft im Abendland (März 1272) König Philipp von Frankreich, dem Land des Herrn zu Hilfe zu eilen, da es andernfalls den Heiden gänzlich in die Hände fallen müsse. Er trug seinem Legaten, dem Bischof von Korinth, auf, bei König Philipp eine Anleihe von 25 000 Mark Silber zur Ausrüstung von 500 Bewaffneten für das Heilige Land aufzunehmen und nötigenfalls für dieses Darlehen die Liegenschaften der Templer dem König zu verpfänden. Gregor benachrichtigte den Konvent des Ordens hiervon, da er den Großmeister Thomas persönlich kannte. Er verpflichtete sich diesem gegenüber, jene Anleihe aus dem apostolischen Schatz zurückzuzahlen, sodass dem Orden aus dieser Bürgschaft kein Nachteil erwachsen sollte.

Unterdessen fuhr Sultan Baibars fort, den Christen in Palästina eine Besitzung nach der anderen zu entreißen. Im Jahr 1271 schlossen beide Ritterorden einen Waffenstillstand mit ihm. Die Hospitaliter besaßen an Burgen nur noch das überaus feste Margat, die Templer Tortosa und das Pilgerschloss. Am 9. Mai erschien den syrischen Christen der letzte ansehnliche Helfer aus dem Abendland in der Person des Prinzen Eduard von England, der mit zahlreichen Scharen englischer und französischer Pilger herbeikam. Doch auch er war nicht imstande, der bedeutenden Macht des Sultans Baibars Einhalt zu gebieten. Dieser erlitt zwar durch die von Prinz Eduard und König Hugo von Zypern herbeigerufenen Mongolen empfindliche Verluste, kam daraufhin aber selbst aus Ägypten herbei, um Damaskus vor jenen Horden zu schützen. Die gesamte christliche Ritterschaft einschließlich der geistlichen Ritter unternahm einen Zug zur Burg Caco bei Cäsarea, raubte, mordete und schlug ein Lager bei Cäsarea auf. Schließlich schloss man 1272 wieder einen Waffenstillstand, während dessen Baibars versuchte, Prinz Eduard durch Assassinen umbringen zu lassen. Der Emir von Joppe trat nämlich mit dem Prinzen in geheime Verhandlungen unter dem Vorwand, Christ werden zu wollen und auch andere Muslimen zum Abfall zu bewegen, wenn man ihm eine tüchtige Belohnung verheiße. Prinz Eduard war geneigt, diesem Vorgeben Glauben zu schenken, obwohl ihn der erfahrene Großmeister Thomas Bérard, der sich als Engländer des Prinzen besonders annahm, warnte.

Infolge dieser Verhandlungen kamen öfter zwei Assassinen als Boten des Emirs zum Prinzen, und der Mord wäre ihnen gelungen, hätte nicht die Gewandtheit und Körperkraft des Prinzen den Mörder entwaffnet. Zwar wurde Eduard im Gesicht verwundet, und wegen des schlimmen Verlaufs der Wunde befürchtete man, der Dolch des Assassinen sei vergiftet gewesen; doch der Meister Thomas Bérard sandte schleunigst ein wirksames Gegengift. Der Prinz genas, kehrte im August nach Hause zurück und bestieg hierauf den Thron Englands.

Von da an mussten die Christen in Palästina dem übermächtigen Baibars alles bewilligen. Als um diese Zeit der Herr von Berytos starb, wollte König Hugo das heimgefallene Lehen einziehen. Der Sultan forderte es jedoch für die Witwe des Verstorbenen, und auf den Rat der Tempelherren gab man diesem Ansinnen nach – umso mehr, als die zyprische Ritterschaft dem König ihre Dienste außerhalb Zyperns verweigerte und Hugo sich genötigt sah, die drei Ritterorden zur Vermittlung zwischen ihm und seinen widerspenstigen Vasallen anzurufen.

Zu diesem Zweck begaben sich 1273 Meister Thomas Bérard, der Marschall der Hospitaliter, der Komtur der Deutschherren und der Seneschall des Königreichs Jerusalem, Johann von Grelly, nebst mehreren syrischen Baronen nach Zypern. Sie konnten jedoch keinen Vergleich zustande bringen, bis es dem König später durch Nachgeben gelang. Kurz nach Bérards Rückkehr von Zypern starb dieser alte und erfahrene Großmeister am 25. März, unter dem der Orden nicht nur äußerlich gedieh, sondern sich – wie wir in der Folge sehen werden – auch geistig nur zu sehr entwickelte. Während der nun eintretenden Vakanz, die nicht lange währte, leitete Ritter Robert als Großkomtur die Angelegenheiten des Ordens.

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