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Das Wrack des Piraten – 1. Kapitel

Friedrich Gerstäcker
Das Wrack des Piraten
1. Kapitel
La Pulpería

In dem Seitenstübchen einer kleinen, aber keineswegs unbedeutenden Pulpería am westlichen Ende der Stadt Valparaíso saß am Abend des 5. August des für Chile besonders wichtigen Jahres 1810 eine stattliche Anzahl von Gästen bunt gemischt zusammen. Sie besprachen vor allem die Hauptereignisse des Tages: die Absetzung des Generalkapitäns Carrasco, die am 18. Juli in der Residenzstadt Santiago stattgefunden hatte, sowie den Antrag des berühmten, über die Kordilleren herübergekommenen Álvarez de Jonte. Dieser forderte, eine Regierungsjunta einzuberufen, um das spanische Joch abzuwerfen, das noch auf ihren Schultern ruhte und mit jedem Jahr drückender wurde.

Señora Fostero – die vortrefflichste lebendige Empfehlung, die je hinter einem Schanktisch gestanden hatte, und zugleich die ehrbare Besitzerin dieser Wirtschaft – würde es uns sicher übel nehmen, wollten wir uns nicht erst einen Augenblick mit ihr beschäftigen, ehe wir uns den Gästen zuwendeten.

Señora Fostero, oder kurz Señora, wie sie von den Fremden und Tía mía, Tantchen, von den älteren Stammgästen genannt wurde, wog auch in der Tat zwei andere Schenkwirtinnen auf – nicht nur an Umsicht und Erfahrung im praktischen Leben, sondern auch an chilenischem Marktgewicht. Sie konnte in jeder Hinsicht als Muster einer wahrhaft vortrefflichen Wirtin gelten.

Ihre Jugendzeit war jedoch nicht so ruhig verflossen, wie es ihr Alter bei gutem Auskommen und kräftiger Gesundheit zu werden versprach. Zweimal verheiratet, hatte sie beide Männer verloren. Der erste war ein wilder, unbändiger Geselle gewesen, der sich nicht mit dem ehrbaren Daheimsitzen vertrug. Seinen unruhigen Neigungen zuliebe kaufte er vom Geld seiner Frau einen kleinen Schooner, um zwischen den Inseln und der chilenischen Küste Handel zu treiben. Das ging mehrere Jahre gut, doch einmal blieb seine Rückkehr aus. Die arme Frau wartete jahrelang vergeblich. Schließlich war sie genötigt, dem Kapitän eines anderen Schooners zu glauben. Dieser war mit Lorenzo Fajardo von Tahiti ausgelaufen und nur knapp einem Taifun entkommen, hatte aber zwei Tage später Trümmer gefunden, die er für diejenigen von Fajardos Schiff hielt. Da Fajardo verschollen blieb, gab es keinen Zweifel mehr, dass er den Tod in den Wellen gefunden hatte. Aus dieser Ehe stammte eine Tochter.

Sechs Jahre später heiratete sie den Chilenen Fostero. Diese Ehe blieb kinderlos, und Fostero starb schon im dritten Jahr an den Folgen eines Sturzes vom Pferd. Señora Fostero heiratete nicht wieder. Mehr um eine Beschäftigung zu haben als aus Not, führte sie die Wirtschaft allein fort. Ihre herangewachsene Tochter Manuela gab sie zu einer Schwester nach Santiago, um sie dort erziehen zu lassen. Valparaíso war damals nur ein kleines Hafenstädtchen und eine Pulpería kein geeigneter Ort, um ein junges Mädchen großzuziehen. Erst seit einigen Tagen war Manuela zu einem kurzen Besuch bei ihrer Mutter.

Um die Gäste zu bedienen, hatte Señora Fostero zwei junge Mädchen aus Quillota aufgenommen: Marequita und Juana. Wie flüchtige Grazien huschten sie durch das dämmrige Zimmer, um Getränke sowie Oliven, Orangen und Trauben herbeizuschaffen.

Die behaglichste Ecke des Gemachs nahmen vier Personen ein. Nicht der Älteste von ihnen, aber doch derjenige, der durch seine Persönlichkeit und Kleidung auffiel, verdient unsere erste Beachtung. Obwohl er heute zum ersten Mal das Haus betreten hatte, führte er das Wort, behandelte Señora Fostero vertraulich, scherzte mit den Aufwärterinnen, ohne die Miene zu verziehen, und bewegte sich so ungezwungen, als ginge er hier seit Jahren aus und ein. Dabei sprach er von den entlegensten Teilen der Erde so vertraut, dass man meinte, er rede von seiner Heimat. Sein sonnengebräunter Teint und seine kräftige Gestalt bestätigten diesen Eindruck.

Er war ein wohlgebauter Mann, vermutlich in einem südlichen Land geboren, mit krausem, schwarzem Haar und einem gepflegten Vollbart. Über seine Stirn lief von den Haaren bis zur Nasenwurzel ein schmales schwarzes Pflaster, was ihm ein unheimliches Aussehen verlieh. Seine dunklen Augen verrieten Feuer; wenn er jedoch schweigend und in Gedanken versunken den Raum musterte, glühten sie mit einem wilden Glanz unter den buschigen Brauen hervor. Selbst das reizende Antlitz Manuelas, die sich vor einer halben Stunde neben ihre Mutter gesetzt hatte, vermochte den starren Ausdruck in seinen Zügen nicht zu mildern.

Auf den ersten Blick schien er wie die unteren chilenischen Schichten gekleidet: Ein einfacher blauer Poncho mit gemustertem Rand verhüllte seinen Oberkörper. Doch am Hals waren der Kragen einer feinen Tuchjacke und ein schneeweißes Hemd sichtbar. Unter dem Poncho hingen die Quasten einer schwerseidenen chinesischen Schärpe herab, wie sie eigentlich nur vornehme Chilenen oder Seeleute trugen, die das Chinesische Meer befahren hatten. Sein breitrandiger schwarzer Filzhut hing hinter ihm an der Stuhllehne.

Der Zweite am Tisch war ein junger Mann von etwa sechsundzwanzig Jahren mit hellbraunem Schnurrbart, kastanienbraunem Lockenhaar und blauen Augen. Seine Kleidung mit dem goldenen Streifen um die blaue Tuchmütze verriet den englischen Seeoffizier. Edward Wilkinson war Leutnant auf Seiner Majestät Fregatte TERPSICHORE. Bei einem Gefecht mit einem französischen Kriegsschiff war er so schwer verwundet worden, dass sein Kapitän ihn zur Genesung in Valparaíso zurückgelassen hatte. Sein Schiff wollte ihn bei der Rückkehr von der peruanischen Küste wieder abholen.

Von der Schusswunde hatte er sich erholt, dafür war er von einem anderen Geschoss getroffen worden: der Liebe zu Manuela, die er in Santiago kennengelernt hatte. Wilkinson war Waise, aber vermögend und folgte der Seefahrt mehr aus Neigung. Die Liebe zu Manuela ließ ihn jedoch planen, sich in Chile niederzulassen und der See für immer zu entsagen.

Dem Erfüllen dieser Wünsche stand jedoch ein Hindernis entgegen: Er war Protestant, Manuela Katholikin. Das spanische Gesetz verbot gemischte Ehen streng. Selbst wenn eine Trauung möglich gewesen wäre, hätte Manuelas Mutter, eine strenge Katholikin, nie eingewilligt. Auch Manuela selbst versuchte, die Neigung zu unterdrücken, da sie die Hindernisse erkannte – obwohl ihr Herz im Stillen Nein dazu sagte. Señora Fostero schätzte den jungen Mann zwar, wünschte aber dennoch, ihre Tochter hätte ihn nie kennengelernt. Nur die Hoffnung ihres Beichtvaters, zur Bekehrung des Ketzers beizutragen, hielt sie davon ab, ihn förmlich abzuweisen.

Die zwei anderen Gäste am Tisch gehörten ebenfalls der Seefahrt an. Sie waren Kapitäne kleiner chilenischer Küstenfahrzeuge und Stammgäste bei Señora Fostero. Sie schätzten das Haus nicht nur wegen des Weins, sondern auch wegen der freundlichen Mädchengesichter.

Die drei Letztgenannten hatten zuerst allein gearbeitet, als der Fremde eintrat und sich mit einer Flasche Bordeaux zu ihnen gesellte. Von da an übernahm er das Gespräch. Nur mit den neuen politischen Verhältnissen Chiles war er nicht vertraut; er gab an, erst heute mit dem Schooner ALBATROS aus Manila über Tahiti angekommen zu sein. Einer der Kapitäne äußerte die Besorgnis, Spanien könnte eine Flotte senden und die Häfen blockieren.

»Bah, Freund!«, rief der Fremde. »Das ist Unsinn – die Spanier haben nicht einmal genug Schiffe, um ihre Küste von Seeräubern frei zu halten. Marequita! Bring mir eine andere Flasche Wein; der Bordeaux ist sauer.«

Señora Fostero und die Gäste sahen ihn erstaunt an. Der Fremde fuhr unbeeindruckt fort: »Gar nicht weit von hier wurden wir von einem Schooner verfolgt. Wäre nicht ein größeres Kauffahrteischiff in Sicht gekommen, dem der Pirat nachjagte, säße ich heute nicht hier. So viel zu Ihrer spanischen Seemacht.« Er wandte sich an das Mädchen: »Danke, Marequita. Unter deinen Händen muss der Wein seine Schärfe verloren haben.«

»Señor ist der Einzige, der an unserem Wein etwas auszusetzen hat«, bemerkte die Señora verärgert. »Wir beziehen ihn aus bester Quelle.«

»Kein Zweifel, Tantchen«, erwiderte der Fremde gelassen. »Ein schlechter Kork verdirbt manchmal den besten Wein.«

»Sie wurden von einem Piraten verfolgt?«, schaltete sich der junge Engländer ein. »In welcher Gegend?«

»Ich bin kein Seemann, Señor«, antwortete der Fremde. »Aber es war etwa acht Tagereisen von hier, südlich von Valparaíso.«

»Hoffentlich erstattet Ihr Kapitän Anzeige bei der Regierung?«, meinte Wilkinson. »Es lägen genug Kriegsschiffe im Hafen, um einen Kreuzer auszusenden.«

»Hat der Böse wieder einen Piraten unter Segel?«, rief der alte Kapitän. »Ich dachte, seit man Tenares den Garaus gemacht hat, sei die Art ausgerottet.«

»Tenares soll ein wilder Bursche gewesen sein«, sagte der Fremde und leerte sein Glas. »Welche Schiffe haben ihn damals genommen?«

»Die SAN ANTONIO und der PENDENCIERO«, erwiderte der Engländer.

»Und wie hieß der Kaufmann, der den Schooner damals auf einer Auktion erwarb? War das nicht Don Pablo Manuto?«, fragte der Fremde.

»Ja, der vorige Käufer des RECONOCIDO«, antwortete der Kapitän.

»Der vorige Käufer!«, rief der Fremde erstaunt, wobei ihm Wein über das Glas goss.

»Ihr scheint großes Interesse an dem Fahrzeug zu haben«, meinte der englische Offizier.

»Ich war ihm näher, als mir lieb war«, erwiderte der Fremde ruhig. »Mein Erstaunen galt aber Don Pablo.«

»Don Pablo Manuto starb am selben Abend nach dem Kauf«, erklärte der Kapitän. »Er war insolvent, und der Schooner trieb beschädigt in der Bucht, bis ich das Wrack billig kaufte, um die Masten und die Kajütausstattung zu nutzen.«

»Wäre es möglich, das Fahrzeug einmal zu besuchen?«, fragte der Fremde.

»Warum nicht?«, erwiderte der Kapitän. »Morgen früh um zehn Uhr kann ich Sie hier abholen.«

»Ich bin auch dabei«, schaltete sich Wilkinson ein. »Ich wollte mir das Wrack schon lange ansehen.«

»Das könnte ein teures Vergnügen gewesen sein«, merkte der Fremde an. »Dieser Freibeuter ließ viele Menschen von seinem Deck springen, aber kaum jemand kam lebend hinauf – außer als er durch einen Treffer der SAN ANTONIA San Antonio beide Masten verlor. Ein Rätsel bleibt, wie man ihn aufspüren konnte.«

»Der Aufenthaltsort wurde durch einen Kajütenjungen bekannt«, erklärte der Engländer. »Der Pirat hatte ein Schiff geplündert und versenkt. Dem Jungen gelang es, sich von den Fesseln zu befreien und auf einem Holzstück zu überleben. Er hatte gehört, dass die Räuber nach Tahiti wollten.«

»Sonderbar, wie solche Dinge ans Licht kommen«, sagte der Fremde. »Der Kapitän wurde gehängt, nicht wahr?«

»Nein, seine Leiche wurde nie gefunden«, antwortete der Engländer. »Er erhielt im Kampf einen Hieb über den Kopf und ging vermutlich mit den Haifischen unter.«

»Ich weiß nicht, ob ich da nicht lieber hängen würde, als zu den Haifischen zu springen«, meinte der Kapitän schaudernd.

»Contra gusto no hay disputa«, sagte der Fremde trocken. »Aber hat man Schätze an Bord gefunden?«

»Nein, die Beute war unbedeutend«, erwiderte Wilkinson.

Gegen zehn Uhr brachen die Seeleute auf. Der Fremde blieb noch kurz sitzen, zahlte und wandte sich an die Wirtin: »Apropos, Tía mía! Ihr werdet hier Señora Fostero genannt – aber hießt Ihr früher nicht anders?«

»Mein erster Mann ist auf See umgekommen«, sagte die Dame überrascht.

»Und Señor Fostero?«

»Er ist seit Jahren tot. Woher kennt Ihr mich?«

»Erinnert Ihr Euch nicht an einen alten Bekannten? Sucht mal in Euren Schuldbüchern nach demjenigen, hinter dem eine hübsche Summe steht. Buenas noches!« Damit verließ er das Haus.

»Ave Maria purísima!«, rief Manuela erleichtert. »Mir fällt ein Stein vom Herzen, dass er fort ist.«

»Er hatte ein Gesicht wie Eis und Augen wie der Böse«, flüsterte Marequita.

Edward Wilkinson ging zu Manuela in das Vorzimmer, um sich zu verabschieden. »Gute Nacht, Manuelita. Soll ich ohne Hoffnung scheiden?«

»Ihr wisst, dass das Gesetz und meine Mutter verlangen, dass ein Protestant keine Katholikin heiratet«, sagte sie traurig. »Ich kann mein Seelenheil nicht opfern.«

»Würdest du mich lieben, wenn ich deinen Glauben annehmen würde?«, fragte Edward plötzlich ernst.

»Wenn du es aus Überzeugung tätest – mit welcher Dankbarkeit! Aber du dürftest es nicht nur mir zuliebe tun«, antwortete sie. »Ich will beten, dass Gott dich erleuchtet.«

Sie reichte ihm die Hand, die er innig an seine Lippen drückte, ehe sie rasch das Zimmer verließ.

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