Führer durch die Sagen- und Märchenwelt des Riesengebirges 39
Max Klose
Führer durch die Sagen- und Märchenwelt des Riesengebirges
Mit zahlreichen Abbildungen aus dem Riesengebirge
Verlag von Brieger & Gilbers. Schweidnitz (Świdnica). 1887.
Überarbeitete Fassung
XII. Hohenfriedeberg und Zeiskenschloss
1. Die Kapelle bei Hohenfriedeberg
Bei der Stadt Hohenfriedeberg, die durch Friedrich des Großen glorreichen Sieg über den Herzog Karl von Lothringen am 14. Juni 1745 bekannt ist, liegt auf einem Berge ein Kirchlein, welches von dem Ritter Niclas von Czettriz im Jahre 1634 Gott zu Ehre und Dank erbaut worden sein soll. Der Ritter war nämlich von den Schweden auf seinem festen Bergschloss, dem Czeschhaus, eingeschlossen worden. Die Feinde hungerten die Burg aus, und der tapfere Czeschhäuser, der mannhaft für den Kaiser und seinen Glauben gefochten hatte, musste an die Übergabe seiner Burg denken. Als er mit den Schweden unterhandelte, bewilligten diese Männern und Weibern freien Abzug mit ihrer tragbaren Habe. Ihm selbst aber gewährten sie keinen Ausgang, sondern wollten ihn für seine hartnäckige Verteidigung züchtigen.
Als die treuen Knappen und Diener das Wort des Feindes erfuhren, wollten sie nicht daran denken, ihren lieben Herrn zu verlassen. Sie steckten ihn in einen Schweinetrog und bedeckten ihn mit Kleidern. Darauf hoben sie den Trog auf die Schultern. Glücklich gelangten die braven Leute mit ihrer teuren Bürde bis auf den Berg bei Hohenfriedberg und setzten den Trog endlich dort nieder. Als der Ritter sich gerettet sah, dankte er innig dem Höchsten und versprach, an der Stelle, wo er nach der Belagerung seinen Fuß zuerst hingesetzt hatte, eine Kirche zu bauen. Dass der Ritter sein Wort gehalten hat, beweist das Kirchlein.
2. Das Zeiskenschloss
In der Nähe des heutigen Fürstenstein liegt das alte Zeiskenschloss, auch Czeschhaus genannt. Das Schloss soll um das Jahr 1200 erbaut worden und 1634 von den Schweden zerstört worden sein. In dessen verschütteten Kellern sollen reiche Schätze vergraben liegen. In der Johannisnacht sitzt eine schöne Jungfrau am Fuße des Burgberges. Wer sie ist, weiß niemand; wahrscheinlich handelt es sich um die schöne Liska.
3. Die schöne Liska
Vor vielen hundert Jahren zeigte sich oft eine Dryade in der Umgegend des festen Zeiskenschlosses. Sie soll so schön gewesen sein, dass jeder Mann, der sie in völliger Blöße sah, vor Entzücken starb. Den Bewohnern der Gegend ist sie noch heute unter dem Namen die schöne Liska in Erinnerung.
4. Der Liskateich
Unweit des Zeiskenschlosses liegt der Liskateich. Er hat seinen Namen von der schönen Liska erhalten, einer Halbgöttin oder Priesterin aus altheidnischer Zeit. Sie badete bei Mondschein oft in dem stillen Wasser, weil sie sich dort vor Männeraugen nicht beobachtet wusste. In späteren Zeiten haben Vorübergehende sie oft weinend am Ufer sitzen sehen.
Sie hatte nämlich dem tapferen Burgherrn vom Zeiskenschloss, der aus dem dritten Kreuzzug heimgekehrt war, ihr Herz geschenkt. Sie dachte daran, ihre Übernatürlichkeit in dem Teich abzuschweifen, um des Ritters Gattin zu werden. Der Burgherr schlich der schönen Geliebten jedoch in den Wäldern heimlich nach und belauschte sie, als sie ihre herrlichen Glieder bei Mondschein in die Fluten tauchte.
Liska bemerkte den Bräutigam zu spät und verkündete ihm schluchzend, dass er in drei Tagen sterben und sein Geschlecht unbekannt erlöschen müsse, weil er eine göttliche Blöße geschaut habe. Diese Voraussagung ging in Erfüllung: Die Burg kam in andere Hände, und niemand weiß, welchen Namen und welches Wappen das Geschlecht jenes tapferen Ritters geführt hat.
5. Der böse Tzessel
Im Jahre 1549 saß Herr Christian Tzessel von Schwenz als Burgherr auf dem Zeiskenschloss. Er war ein wilder und gefürchteter Ritter, der bis zur Grödtitzburg, bis zum Kynast und bis Breslau als der böse Tzessel bekannt war. In seiner Mordlust gab Herr Tzessel einst einem seiner Arbeiter auf, von Mittag bis zur Nacht einen drei Ellen tiefen und vierzig Ellen langen Graben zu schlämmen. Er drohte, den Mann in Stücke hauen zu lassen, wenn er die Arbeit nicht fertigstelle.
Der arme Arbeiter ging jammernd an die Riesenarbeit. Kaum hatte er aber den ersten Spatenstich getan, da sah er die Nutzlosigkeit seiner Bemühungen ein; denn zwanzig Männer hätten in der kurzen Zeit die Arbeit nicht erledigen können. Er setzte sich hoffnungslos an den Grabenrand. Als er seine Augen einmal aufschlug, gewahrte er einen schwarzen Mann, der fleißig an dem Graben arbeitete und in wenigen Minuten das ganze Werk, das er vollbringen sollte, fertigstellte.
Mit dankerfülltem Herzen warf sich der Arbeiter dem Fremden zu Füßen und wollte dessen Hand küssen. Dieser wehrte ihn aber ab und sagte: »Sieh mich genau an! Ich bin der Teufel und habe doch noch ein besseres Herz als der böse Tzessel; denn du hast mir leidgetan. Gehe deshalb zu dem Ritter und sage ihm, dass du mit deiner Arbeit fertig bist und er sie sich selbst ansehen kommen soll. Von mir rede aber nicht, sonst bist du verloren.«
Der Arbeiter fürchtete sich vor dem gutmütigen Teufel durchaus nicht und hielt ihn gegenüber dem bösen Tzessel beinahe für den Herrgott. Als die dunkle Abenddämmerung sich auf die Fluren neigte, ging er in die Burg und meldete dem Ritter, dass die Arbeit getan sei. Dieser lachte und schwor, ihn lebend schinden zu lassen, wenn er ihn verspotte; denn den Graben könne in so kurzer Zeit nur der Teufel schlämmen – oder zwanzig Männer. Er sandte seinen Burgvogt hinaus und ließ die Arbeit besichtigen.
Dieser aber lief vor dem Teufel davon und meldete seinem Herrn, dass die Arbeit zwar auf das Beste ausgeführt sei, aber der Teufel dabeistehe. Dieser habe ihm aufgetragen, den Ritter selbst hinzusenden; denn den Burgvogt wolle er noch nicht holen. Als der böse Tzessel dies hörte, erbleichte er. Er ließ den Burgkaplan rufen, den er bisher als Narren behandelt hatte, und betete mit ihm.
Am anderen Tage sah er sich die Teufelsarbeit an und wurde ein frommer Mann. Sein erstes gutes Werk war es, den armen Arbeiter für seine Angst zu entschädigen. Obwohl Tzessel daraufhin den größten Teil des Tages mit Beten und Singen verbrachte, mochte er doch nicht auf dem Zeiskenschloss bleiben, wo ihm der Teufel schon so nahe gewesen war. Er zog fort und überließ die Burg seinem Burgkaplan, der sich den Teufel vom Halse zu halten verstand.

Schreibe einen Kommentar