Aus den Geheimakten des Welt-Detektivs – Band 14 – 4. Kapitel
Aus den Geheimakten des Weltdetektivs
Band 14
Das Geheimnis der Goldgräberhütte
Kapitel 4
Der neue Herr
Artur Titchburn war keineswegs der Einzige im vornehmen Haus in der Kensington Street, der mit Gewinn und Freude aus Amerika zurückgekehrt war. Allgemein hatte man ihn freudig erwartet und sich – wie es meist der Fall ist – nur das Beste vom neuen Chef erhofft. Das recht ansehnliche Personal der Firma Titchburn & Co. sehnte sich förmlich danach, wieder eine echte Führungspersönlichkeit an der Spitze zu haben.
Zu beklagen hatten sich die Angestellten im letzten Jahr zwar nicht – auch seit dem Tode des alten Titchburn gewiss nicht –, denn die Geschäftsleitung lag in den Händen des alten Kassierers, Mr. Nestor Dickens. Er war ein milder, liebenswürdiger alter Herr gewesen, stets darum bemüht, allen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Aber schließlich kann nur ein wirklicher Chef belohnen und befördern. Deshalb war die Rückkehr Artur Titchburns in den Kontoren der Firma, die das gesamte Erdgeschoss des Hauses einnahmen, mit großer Freude begrüßt worden.
Bald jedoch mussten die Angestellten einsehen, dass sie sich gewaltig getäuscht hatten. Artur war keineswegs der nachsichtige Herr, auf den sie gehofft hatten. Im Gegenteil: Er trat ihnen bestimmt und schroff gegenüber, verlangte die höchstmögliche Arbeitsleistung und dachte nicht im Traum daran, Sonderzahlungen zu gewähren oder auch nur ein warmes, anerkennendes Wort zu verlieren. Die Angestellten von Titchburn & Co. merkten rasch, dass nun ein anderer Wind wehte und der neue Chef gründlich aufzuräumen gedachte.
Erst vier Wochen waren seit seiner Rückkehr vergangen, und schon hatten mehrere Mitarbeiter ihre Stellung verloren – bloß weil sie es ein einziges Mal gewagt hatten, dem neuen Herrn zu widersprechen. Einen besonders schweren Stand hatte der alte Nestor Dickens. Er war die rechte Hand des verstorbenen Titchburn gewesen, und die Firma verdankte ihm zweifellos einen Großteil ihres Erfolgs und Ansehens. Er hatte Titchburn treu dabei geholfen, das bedeutende Vermögen zu erwerben, denn er war ein Mann von großer Sachkenntnis und wahrem Bienenfleiß war. Da er schon etwa sechzig Jahre zählte, hatte er sich doppelt gefreut, als die Nachricht eintraf, dass Artur sich auf dem Weg nach London befinde.
»Jetzt werde auch ich mich ausruhen können«, hatte er zu einigen älteren Beamten gesagt. »Ich werde den jungen Herrn nur noch in das Geschäft einführen und ihn dann bitten, mich zu pensionieren. Du lieber Gott, ich habe so viel im Leben gearbeitet, dass ich mir das Recht wohl verdient habe, meine alten Tage in Ruhe zu verbringen.«
Doch so friedlich und sonnenhell, wie der alte Dickens sich seinen Rücktritt vorgestellt hatte, sollte er nicht verlaufen. Nestor Dickens hatte gewiss alles aufs Beste vorbereitet, sodass Artur ohne Mühe aus den Geschäftsbüchern Einblick in sein und Floras Vermögen gewinnen konnte. Dennoch nörgelte er schon in den ersten Tagen an allen Abrechnungen herum, die Dickens ihm vorlegte. Er tadelte dies und jenes und ließ sogar durchblicken, dass er den Argwohn hegte, es sei in den Abrechnungen nicht alles in Ordnung.
Dickens verstand diese Anspielungen zuerst gar nicht. Der alte Titchburn hatte ihm Millionen anvertraut und er hatte sie getreulich verwaltet. Wie hätte er auch nur auf den Gedanken kommen können, dass der Sohn dieses Mannes, der ihm so große Dankbarkeit schuldete, ihn einer Unterschlagung für fähig hielte? Trotzdem fühlte sich Dickens in Arturs Nähe unbehaglich.
»Ich weiß nicht«, sagte er schon nach wenigen Tagen zu einigen Angestellten, »aber der junge Herr gefällt mir ganz und gar nicht. Es ist seltsam, wie sehr sich ein Mensch in der Fremde verändern kann. Artur war doch schon ein Jüngling von zwanzig Jahren, als er London nach dem Zerwürfnis mit seinem Vater verließ, und ich habe ihn heranwachsen sehen. Ich weiß, dass er damals einen liebenswürdigen Charakter hatte, keinem Menschen ein Unrecht antun konnte und ganz besonders die Tugend der Dankbarkeit in hohem Maße besaß. Aber jetzt … Der Mann muss fürchterliche Erfahrungen in Amerika gemacht haben. Er ist ein finsterer, verschlossener, jähzorniger Mann geworden – und was das Schlimmste ist: Er ist misstrauisch bis zur Unleidlichkeit.«
In diesem Moment läutete eine Glocke über dem Pult des alten Kassierers. Dieser begab sich sogleich über eine Wendeltreppe in Arturs Privatkontor.
»Sie wünschen mich zu sprechen, Mr. Titchburn?«, sagte Dickens. »Ich stehe zu Ihrer Verfügung.«
Artur Titchburn saß an seinem Schreibtisch. Er sah ärgerlich und gereizt aus. »Ich finde mich aus Ihren Abrechnungen nicht heraus«, sagte er. »Das Vermögen, das mein Vater hinterlassen hat, muss nach meiner Schätzung viel größer gewesen sein.«
»Die Hinterlassenschaft ist genau so groß, wie es aus den Papieren klar und deutlich hervorgeht«, antwortete Dickens. »Wenn Sie die Güte haben wollen, Mr. Titchburn, die Kontoauszüge mit mir durchzugehen, werden Sie sehen, dass alle Posten stimmen und ein Irrtum …«
»Ich danke Ihnen!«, rief Artur schroff abweisend. »Natürlich, wenn Sie es mir erklären, wird es schon stimmen! Ich werde jedoch einen gerichtlichen, vereidigten Buchsachverständigen bestellen. Er mag den ganzen Plunder durchsehen – und zwar mit größter Aufmerksamkeit, das werde ich ihm ausdrücklich einschärfen.«
Dickens trat einen Schritt zurück. Der alte Mann hob den Kopf mit den weißen Haaren. »Wollen Sie damit etwa sagen, Mr. Titchburn«, brachte er erbleichend heraus, »dass Sie meiner Buchführung und meinen Aufstellungen Misstrauen entgegenbringen?«
»Und wenn es so wäre?«, rief Artur achselzuckend. »Es würde mir wahrscheinlich nicht viel nützen. Ich sehe schon, dass ich hier in ein Wespennest gestochen habe. Das kommt davon, wenn die Leute ein Jahr lang sich selbst überlassen sind und keinen Herrn über sich haben. Da tun sie natürlich alles, was ihnen beliebt. Wahrscheinlich habt ihr darauf gerechnet, dass ich nicht mehr zurückkomme, aber …«
»Halten Sie ein, Mr. Titchburn!«, rief Dickens mit zornbebender Stimme, während helle Entrüstung aus seinen treuen Augen sprach. »Ich werde es weder dulden, dass Sie mich beleidigen, noch die braven Leute draußen in den Kontoren, die zumeist alte, erprobte Mitarbeiter der Firma sind! Ich fordere Sie jetzt sogar ausdrücklich auf, den Gerichtssachverständigen hinzuzuziehen. Er wird Ihnen bestätigen, dass Sie um keinen Penny geschädigt wurden. Heiliger Gott, dass mir so etwas passieren muss!«, fuhr der alte Mann mit zitternder Stimme fort. »Mir, der ich 38 Jahre lang mein Leben in den Dienst Ihres Vaters gestellt habe! Schon die bloße Dankbarkeit hätte Sie davon abhalten müssen, mir ein so niederträchtiges Misstrauen entgegenzubringen.«
»Sie vergessen, mit wem Sie sprechen, Dickens!«, rief Artur und richtete sich langsam aus seinem Sessel auf. »Sie stehen Ihrem Chef gegenüber!«
»Nicht mehr, Mr. Titchburn – nicht mehr meinem Chef!«, gab Dickens abwehrend zur Antwort. »In demselben Moment, als ich spürte, dass Sie mir mit Misstrauen begegnen, stand mein Entschluss fest, Sie um meine Entlassung zu bitten. Ich hätte es wohl verdient, dass die Firma mir ein sorgenfreies Alter sichert, aber darauf verzichte ich. Meinen ehrlichen Namen will ich mitnehmen – nichts weiter, Mr. Titchburn! Möge Gott Sie nicht dafür strafen, dass Sie nach so langer Abwesenheit nur zurückgekehrt sind, um einen alten Mann aus seiner Stellung zu verdrängen. Ich verlasse Ihr Haus noch in dieser Stunde!«
Dickens wandte sich ab, wankte zur Tür und war kurz darauf verschwunden.
»Alter Schleicher!«, murmelte Titchburn und sah ihm giftig nach. »Ich bin froh, dass ich ihn los bin. Wie er mich nur immer angesehen hat – so forschend, so misstrauisch, als frage er sich: Ist er es oder ist er es nicht? Ich will sie los sein, diese lauernden Blicke, die mir bis in die Seele dringen!«
Eine Viertelstunde später stürzte Flora in das Kontor, in dem Nestor Dickens gerade seine persönlichen Papiere zusammenpackte.
»Was muss ich da hören, mein lieber, alter Freund?«, rief das holde Mädchen. Sie ergriff Dickens’ Hand und umfasste sie herzlich. »Sie wollen gehen? Sie wollen uns verlassen?«
»Für immer, Flora, für immer«, antwortete Dickens mit dumpfer Stimme und drängte nur mit Mühe die heißen Tränen zurück. »Der neue Herr will es so, und ich räume das Feld. Ich kann nicht abwarten, mein Kind, bis er mich vielleicht eines Tages beschuldigt, ein ungetreuer Beamter zu sein – dieser Tag wäre mein letzter.«
Im selben Moment öffnete sich die Tür und ein ebenmäßiger junger Mann mit seidenweichem, blondem Schnurrbart trat ein. Als er Flora bei Dickens erblickte, ging ein Strahlen über sein Gesicht.
»Ah, welch ein Glück, Flora, dich hier anzutreffen!«, rief er erfreut. »Du bist wahrscheinlich aus demselben Grund hier, der mich zu Mr. Dickens geführt hat. Ja, was ist denn geschehen, lieber alter Freund?«, wandte er sich an den Kassierer. »Ich habe gehört, dass Sie Ihre Entlassung eingereicht haben. Aber das ist doch unmöglich! Was soll denn aus Titchburn & Co. werden, wenn Sie nicht mehr an der Spitze stehen?«
»Es leitet ja jetzt ein anderer die Geschäfte«, gab Dickens mit tief erregter, bebender Stimme zur Antwort, »der es besser versteht als ich.«
Dann erzählte Dickens dem jungen Mann alles, was soeben im Privatkontor vorgefallen war, ohne zu verheimlichen, dass Artur sehr schlecht auf alle Angestellten zu sprechen war. Während Dickens sprach, schmiegte sich Flora an die Seite des blonden Mannes. Er legte seinen Arm um ihre schlanke Gestalt und sie lehnte ihren Kopf an seine Schulter.
Eberhard Kolmar hatte jedes Recht, Flora diese Zärtlichkeit zu erweisen: Sie waren schon seit über einem Jahr heimlich miteinander verlobt. Vielleicht hatte der alte Titchburn die Liebe geahnt, die seine Tochter für seinen ersten Buchhalter, den gebürtigen Deutschen Eberhard Kolmar, empfand. Jedenfalls hatte er Eberhard sehr geschätzt und ihn zusammen mit Dickens fast allabendlich zu sich eingeladen, um mit ihnen Karten zu spielen oder bei einer guten Zigarre zu plaudern. Unglücklicherweise hatten die beiden jungen Leute dem Vater ihre Liebe nie gestanden – sonst hätte Titchburn wahrscheinlich trotzdem Eberhard arm und Flora eine Millionenerbin war, gern und freudig in die Heirat gewilligt.
Dem Bruder gegenüber hatte Flora allerdings noch nicht gewagt, von ihrer Liebe zu Eberhard zu sprechen. Mit steigender Entrüstung vernahm Eberhard nun, welch ungeheure Beschuldigung Artur gegenüber dem alten Kassierer ausgesprochen hatte.
»Flora«, sagte er zu seiner Geliebten, »diese Wunde kannst nur du wieder heilen. Du musst sofort vor deinen Bruder treten und ihm klarmachen, was Dickens für deinen Vater war und für uns alle immer noch ist. Du musst von ihm verlangen, dass er diesem würdigen Mann Abbitte leistet!«
»Das will ich auf der Stelle tun!«, rief Flora. »Nein, Papa Dickens, Sie dürfen nicht fort – das würde ein Unglück für unser Haus bedeuten! Schnell noch einen Kuss, Eberhard – vor Papa Dickens können wir unsere Liebe ja ungeniert zeigen. Und nun werde ich sehr ernst mit meinem Bruder reden.«
Flora schmiegte sich in die Arme ihres Geliebten. Er neigte das blonde Haupt, und nachdem er ihr entzückt in die Augen geblickt hatte, wollte er seine Lippen auf die ihren legen – da öffnete sich die Tür und Artur Titchburn trat ein. Als hätte er eine Schlange zertreten, zuckte er zurück.
»Was bedeutet das?«, rief er mit harter Stimme. »Flora – ich finde dich in den Armen dieses Mannes, meines Buchhalters? Und ausgerechnet hier im Kontor von Mr. Dickens? Ah, ich sehe schon: Die Verschwörung gegen mich geht viel tiefer, als ich geahnt habe! Meine eigene Schwester scheint gegen mich im Komplott zu sein und pflegt sehr eigenartige Beziehungen zu meinem Personal.«
Flora war abwechselnd weiß und rot geworden. Mit einem leichten Schrei wand sie sich aus Eberhards Armen. Nun aber trat sie dem dunkelbärtigen Mann entschlossen entgegen.
»Was meine Beziehungen zu Eberhard anbelangt«, antwortete sie mit fester Stimme, »so hättest du sie vielleicht ohnehin noch heute erfahren, mein Bruder. Ich bin heimlich mit ihm verlobt, und die Verlobung wird wahrscheinlich schon in den nächsten Tagen öffentlich bekannt gegeben. Soeben wollte ich dich aufsuchen«, fuhr Flora fort, »denn ich habe gehört, dass du dich ungebührlich gegenüber Mr. Dickens verhalten hast. Das kannst du nur in Übereilung getan haben, und es wäre unverzeihlich von dir, wenn du es nicht sofort wieder gutmachtest. Ich bitte dich daher: Reiche Papa Dickens die Hand und sage ihm, dass dein Herz nichts von den rauen Worten weiß, die du ihm zugerufen hast!«
»Und ich befehle dir, dich sofort auf dein Zimmer zu begeben!«, brauste Artur auf. »Dort oben ist dein Reich, hier unten ist das meine! Du wirst es wohl mir überlassen müssen, wie ich meinen Leuten gegenübertrete. Mr. Dickens verlässt mein Haus noch in dieser Stunde; er hat seine Entlassung gefordert und ich habe sie bewilligt. Was diesen Herrn hier anbelangt«, fuhr Artur fort, indem er Eberhard mit einem verächtlichen Blick von oben bis unten maß, »diesen Herrn, der es gewagt hat, seine Augen zu dir, meiner Schwester, zu erheben – so werde ich mir erlauben, seine raffinierte Spekulation auf dein Vermögen zu durchkreuzen. Auch er ist entlassen, und ich verlange, dass er sich sofort entfernt!«
»Es könnte mir nichts Ehrenvolleres geschehen«, antwortete Eberhard Kolmar mit einer Stimme, die vor Zorn und Schmerz erbebte, »als denselben Weg zu gehen wie Mr. Dickens – den Weg, der uns auf ewig von Ihnen entfernt, mein Herr! Dass Sie es jedoch gewagt haben, mich einer raffinierten Spekulation zu bezichtigen: Dafür würde ich Ihnen ins Gesicht schlagen, wenn ich nicht bedenken würde, dass Sie Floras Bruder sind. Oder ich würde Sie – da ich preußischer Reserveoffizier bin – vor die Mündung meiner Pistole fordern, wenn ich die Gewissheit hätte, dass Sie in den neun Jahren im Westen Amerikas nicht Dinge getan haben, die es mir unmöglich machen, mich mit Ihnen zu duellieren!«
»Schuft – mir so etwas ins Gesicht zu sagen?!«, schäumte Artur wild. »Schuft – ah, das kostet Blut!«
Die beiden Männer wollten aufeinander stürzen, doch Flora und Vater Dickens warfen sich dazwischen. Im nächsten Moment ergriff Artur Floras Hand. Er presste sie mit eisernem Druck und rief, während er das Mädchen fast mit Gewalt zur Tür zog:
»Du wirst diesen Menschen nicht mehr wiedersehen, dafür werde ich sorgen! Ich bin das Oberhaupt der Familie und du hast mir zu gehorchen – komm! Und Ihr beiden seht zu, dass Ihr aus meinem Haus herauskommt!«
»Ich füge mich vorerst der Gewalt«, erwiderte Flora, »aber Eberhard: Meine Liebe gehört dir und ich halte meinen Schwur!«
Im nächsten Augenblick war sie mit Artur hinter der Tür verschwunden.
Der alte Kassierer und Eberhard Kolmar blickten sich traurig an. Über die Lippen von Vater Dickens kamen mit dumpfer Stimme die Worte: »Der ist zu unser aller Unglück aus Amerika zurückgekehrt – tausendmal besser wäre es gewesen, er hätte London nie wiedergesehen! Als guter, liebenswürdiger Mensch ist er gegangen – als schlechter Mensch ist er zurückgekehrt.«

Schreibe einen Kommentar