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Die Pirateninsel – Kapitel 1-1

Das Wrack der Gunfleet

Es war eine verdammt raue Nacht. Während der beiden vorangegangenen Tage sank das Barometer langsam aber beharrlich. Die Dämmerung sah rot und bedrohlich aus, eine starke Brise wehte von Süd-Ost. Obwohl an diesem tristen Novembertag der Wind mal abflaute, mal etwas zunahm, hatte sich diese Brise bis zum Einbruch der Dunkelheit zu einem regelrechten Novembersturm mit pfeilartigem Regen und Graupelschauern entwickelt, welche von wütenden Böen getrieben einer Musketensalve gleich auf das Straßenpflaster schlugen.
Bei solch einem Wetter jagt man keinen Hund vor die Tür. So sagte sich Ned Anger, als er in Brightlingsea den gemütlichen Schankraum des Ankers betrat, einen Stuhl griff und sich in die Nähe des lodernden Wrackholzfeuers setzte, um auf sein Pint zu warten, welches er am Tresen bestellt hatte.
»Und doch gibt es viele arme Seelen«, erwiderte die dralle Wirtin, während sie Ned das bestellte Pint auf einem kleinen Tablett brachte. »Es bleibt zu hoffen, dass in dieser furchtbaren Nacht niemand da draußen zu Tode kommt«, fügte sie noch hinzu, als Ned sein Glas nahm und eine Zwei-Pence-Münze auf das Tablett legte.
Ein mitfühlendes Murmeln der anwesenden Gäste ging als Antwort auf diesen menschenfreundlichen Wunsch durch den Raum, von einigen mit einem zweifelhaften Wiegen des Kopfes begleitet.
»Aye, aye, wir alle hoffen dies«, bemerkte Dick Bird, von seinen Freunden scherzhaft Dicky Bird genannt. »Wir alle hoffen dies, aber zum einen ist mir bei diesem außergewöhnlichen Gedanken unwohl. Es gibt keine Möglichkeit, den Wind abzustellen, aber einige arme Unglückliche müssen ihre Knochen da draußen auf den Schiffen zu Markte tragen.« Er wies mit dem Daumen über die Schulter in Richtung Meer. »Und vor allem werden mit jedem Wrack einige Menschenleben zu beklagen sein. Gibt es jemanden, der bei der Suche hilft?«
»Aye, aye«, antwortete der alte Bill Maskell von seiner Lieblingsecke unter der großen altmodischen Uhr aus. »Bob ist wie immer über den Bach zum Turm gegangen. Der Junge will unbedingt gehen. Er sagt immer, dass es seine Pflicht sei, dort hinaufzugehen und bei schlechtem Wetter seinen Blick über das Meer schweifen zu lassen. Seine Augen sind so scharf wie Nadeln. Es wäre gut, wenn wir Hundert von seiner Art hätten. Ich dachte immer, es reiche aus, nach ein bis zwei Stunden vor Ort zu sein, um mit der Suche zu beginnen, wenn es einer von uns sein sollte.«
»Ich habe mich oft gefragt, warum das Los immer auf Bob fällt, bei schlechtem Wetter auf die Suche zu gehen. Warum ist das so?«, fragte ein Mann in einem seemannsähnlichen Anzug am anderen Ende des Raumes. Dessen Gebaren und Verhalten vermittelten den Eindruck, dass er nicht das verkörperte, was er tatsächlich war – so etwas wie ein aufdringlicher Mensch. Er war ein Händler, verkaufte Schiffzubehör mit einem Ehrgeiz, dass man ihn für einen alten Seebären hielt, obwohl er erst ein paar Monate im Ort wohnte.
»Nun, sehen Sie, Mister, das ist nun mal so«, erklärte der alte Maskell, der davon ausging, dass die Frage insbesondere an ihn gerichtet war. »Bob wurde als Baby vom Wrack der Maplin geholt und hat als Einziger das Schiffsunglück überlebt. Man fand ihn warm und behaglich eingewickelt in einer der Kojen auf der Luvseite der Kabine. Das wiegende Wasser stand nur drei Zoll unter ihm. Als er alt genug war, um alles zu verstehen, bestand er als Dank für seine Rettung darauf, nach Wracks Ausschau zu halten, um schnell Hilfe herbeiholen zu können. Seit dieser Zeit sieht er dies als seine Pflicht an. Und täuschen Sie sich nicht: Es gibt in dieser Gegend kein schärferes Auge, welches eine Signalrakete erkennt, kurz nachdem sie abgefeuert wurde.«
»Und haben Sie jemals versucht, seine Verwandten ausfindig zu machen?«, fragte der Verkäufer.
»Nun ja, ich kann nicht mehr genau sagen, was wir taten«, antwortet der alte Bill, »weil wir nicht so recht wussten, wie wir dies anstellen sollten, müssen Sie wissen. Das Schiff, von welchem er gerettet wurde, war ein Passagierschiff der Londoner Reederei Lightning, und ich sagte es bereits, er war der einzige Überlebende. Es gab niemanden, den wir fragen konnten. Nur die Initiale ›R.L.‹ auf seiner Kleidung war alles, was wir von ihm wussten. Wir mussten uns mit dem wenigen zufriedengeben und darauf hoffen, dass die Meldungen über das Wrack in vielen Zeitungen verbreitet und so Freunde oder Verwandte auf ihn aufmerksam wurden. Aber segnen Sie sein Herz! Wir hatten von niemanden über ihn etwas gehört. Deshalb habe ich ihn adoptiert und gab ihm den Namen Robert Legerton nach einem alten Kameraden, der vor einigen Jahren ertrank.«
»Und wie lange ist es her, dass der Junge auf dem Wrack gefunden worden war?«, fragte der Verkäufer.
»Nun, lassen Sie mich nachsehen«, sagte der alte Bill. »Wenn ich mich recht erinnere«, setzte er nach ein oder zwei Wimpernschlägen nach, »habe ich es in der Familienchronik zu Hause aufgeschrieben, aber ich kann mich beim besten Willen nicht genau erinnern. Es muss so vor 14 oder 15 Jahren im Winter passiert sein, aber …«
»Im nächsten Monat sind es genau 14 Jahre her«, sprach einer der Wirtshausgäste entschieden. »Es war der gleiche Sturm, als mein armer Bruder Jo ertrank.«
»Recht hast du, Tom«, erwiderte Bill. »Ich erinnere mich. Es war die gleiche steife Brise wie jetzt, und seitdem sind 14 Jahre vergangen. Und die Frauen übernahmen den armen kleinen Bob, als wir ihn an Land gebracht hatten. Da war er etwa über zwei Jahre alt. Sie bestimmten das Alter durch seine Zähne, so wie wir es bei Pferden auch machen, müssen Sie wissen, Mister.«
»Aye! Das war ein schrecklicher Winter für Wracks«, bemerkte Jack Willis, ein feiner tapferer junger Bursche von rund fünfundzwanzig Jahren. »Es war mein erstes Jahr auf See. Ich ging beim Skipper der Kohle-Brigg Nancy in die Lehre und segelte ab Harwich. Der Skipper hieß Daniell, wegen seiner Größe nannten wir ihn Long Tom Daniell. Er war so groß, dass er in seiner Kabine nicht aufrecht stehen konnte, fuhr für viele Jahre aufs Meer und bekam dadurch regelrecht runde Schultern. Ich glaube nicht, dass der Mann jemals wusste, wann er mal krank gewesen war. Er war furchtbar stolz auf seine Gesundheit, der arme Kerl. Nun ist er tot, ertrunken. Er sprang bei Sturm über Bord, als ein alter Mann beim Segelraffen von der Vorobermarsrah fiel. Obwohl der Skipper gut schwimmen konnte, waren beide verloren. Nun, er war ein guter Schwimmer, wenn Sie es so verstanden wissen wollen. Sie sprechen über den jungen Bob, welcher ein guter Schwimmer ist. Ich schätze mich glücklich, davon reden zu können, weil er für Long Tom Daniell eine Kerze angezündet hatte. Auch kann ich mich gut daran erinnern, als wir vor Yarmouth Roads lagen …«

Jack wurde durch das plötzliche Öffnen der Tür und dem eiligen Eintreten eines großen und etwas schlanken blonden Jungen, gekleidet mit Ölzeug, Leggings und einem Sou’wester, der im Gaslicht glänzte, unterbrochen. Während er für einen Moment durch den abrupten Übergang von der Dunkelheit zum Licht geblendet in der Tür stehen blieb, tropfte das Wasser von ihm herunter und bildete auf dem gründlich gescheuerten Boden eine kleine Pfütze um seine Füße.
Dieser Neuankömmling war kein anderer als Bob Legerton.
»Nu, Bob, was gibt es Neues?«, riefen die Anwesenden ihm neugierig zu.
»Raketen stiegen von der Middle und der Gunfleet auf«, keuchte der Junge, während er mit dem Handrücken die Feuchtigkeit aus den Augen wischte.
»In Ordnung«, antwortete der alte Bill. Er richtete sich zu seiner vollen Größe auf, warf einen prüfenden Blick durch das Zimmer und rief: »Nun, Kameraden, wie viele von euch sind zu gehen?«
»Warum fragst du, Vater, wir alle sind jederzeit bereit«, antwortete Jack Willis. »In Erwartung, was uns diese Nacht erwartet, haben wir unser Ölzeug dabei. Du brauchst nur deine Mannschaft auswählen und weg sind wir.«
Ein allgemeines Raunen der Zustimmung folgte diesen Worten. Die Männer stellten sich unverzüglich an die Seiten des Raumes, sodass Bill einen freien Blick auf jeden Einzelnen hatte und seine rasche Wahl erleichterte.
»Dann nehme ich dich, Jack, und dich, Dick, und dich, und dich, und dich.« Sehr schnell waren die stärksten und fest entschlossensten Männer ausgewählt.
Die Auserwählten verloren keine Zeit, zogen ihr Ölzeug an; keine leichte Aufgabe, bei welcher sie von den anderen fröhlich unterstützt wurden. Während die Männer damit beschäftigt waren, füllte die Wirtin mehrere Gläser mit heißem Grog und spendierte jedem der Abenteurer ein Glas.
»Hier, Jungs, trinkt das, bevor ihr hinaus in die Kälte und Nässe geht. Ich bin mir sicher, dass in dieser Nacht wie dieser und bei solch einem Auftrag wie der eure keiner von euch Schaden nehmen wird. Und du, Bill, schieß eine Signalrakete ab, wenn ihr jemanden retten und nach Brightlingsea bringen solltet, damit ich Bescheid weiß. Ich lasse heißes Wasser und Decken für die armen Seelen bereitstellen, wenn ihr wieder an Land kommt.«
»Aye, aye, Mutter, das werde ich«, antwortete der alte Bill. »Die einzige Hoffnung, die wir möglicherweise haben werden, besteht darin, dass mit etwas Glück der Wind abflaut und wir mit allen zurückkehren können. Also, Jungs, auf geht’s! Und danke für den Grog, Mutter.«
Die Männer verließen das Wirtshaus, und Bill führte sie hinunter zum Strand, welcher nur wenige Yards entfernt lag. Für einen Moment sahen sie auf der Wasserseite das flackernde Licht einer Laterne, das kurze Zeit später erloschen war.

Fortsetzung folgt …