Die Bezwinger des Erdinneren – 1.05
Grigori B. Adamow
Die Bezwinger des Erdinneren
Aus dem Russischen
Erster Teil
Das außergewöhnliche Projekt
Kapitel 5
Der Aufbruch des Tiefengeschosses
Die Zeche Gigant hatte ihren Namen nach einer grundlegenden Rekonstruktion erhalten, bei der man ihre Tiefe auf einen Kilometer gebracht hatte. Das Bergwerk war nach dem neuesten Stand der Technik ausgerüstet. Der gesamte Prozess der Kohleförderung – der Abtransport, das Sortieren, die Förderung über Tage und das Verladen in die Waggons – war vollständig mechanisiert und automatisiert. Die menschliche Arbeit unter und über Tage war auf ein Minimum reduziert worden; der Mensch überwachte nur noch den Lauf der Maschinen. Ein Hochspannungsring, der das Dnepr-Wasserkraftwerk sowie sämtliche Elektrizitätswerke der Südukraine und des Donbass miteinander verband, versorgte die Zeche reichlich mit Strom.
Die Nähe zu den Industriezentren, der Reichtum an elektrischer Energie, das hervorragend ausgebaute Transportwesen über und unter Tage, die elektromechanischen Werkstätten und nicht zuletzt der bereits einen Kilometer tief in die Erde getriebene Schacht bewogen Marejew dazu, genau die Zeche Gigant als Startplatz für sein Tiefengeschoss zu wählen.
Hier, auf der untersten Sohle, inmitten zahlreicher Strecken, von denen ein dichtes Netz von Stollen abzweigte, stach eine Strecke durch ihr ungewöhnliches Aussehen und ihre Ausmaße hervor. Die hohen Gewölbe, das außergewöhnlich helle Licht, die dichte Verkabelung, das Gleisnetz und die Fahrkräne erweckten den Eindruck einer großen Werkhalle einer Maschinenbaufabrik. Riesige, leistungsstarke Ventilatoren und Kompressoren pumpten von der Oberfläche frische, vorgekühlte Luft herab und milderten die für diese Tiefe typische hohe Temperatur.
In der Mitte der Strecke befand sich ein runder Schacht mit einem Durchmesser von vier Metern. Er wurde vollständig von einer Metallscheibe in der Farbe brünierten Stahls ausgefüllt – dem Heck des Tiefengeschosses, das mit seiner kegelförmigen Bohrspitze tief nach unten in den Schacht ragte. Ein massiver Deckel war zur Schachtwand hin zurückgeklappt und gab eine runde Luke frei. Drei vertikale Stahlsäulen ragten aus dem Heck empor. Jede trug an ihrer Spitze einen flachen Stahlschirm mit einem Bündel aus stählernen Sehnen und Speichen, die ihn beim Absenken der Säule wie einen Entenfuß zusammenzogen. Nun, im aufgespannten Zustand, schlossen die drei Schirme dicht aneinander an und bildeten über dem Heck des Geschosses eine Kreisfläche, die sich gegen eine aus Stahlplatten gefügte, waagerechte Plattform stemmte. Diese Plattform hing in zwei Metern Höhe über dem Schacht, gehalten von vertikalen Trägern, die im Gewölbe der Strecke verankert waren, und war oben wie unten von einer zylindrischen Stahlbrüstung umgeben. Aus dem Schacht führten durch einen kleinen Kegel in der Mitte der Metallscheibe zwei sehr dünne, biegsame graue Schläuche heraus. Sie stiegen durch eine runde Öffnung in der Plattform über dem Schacht zum Ziegelgewölbe auf, wurden dort über eine breite Umlenkrolle geführt, verliefen über eine Reihe weiterer Rollen bis zum Maschinenraum am Ende der Strecke und flochten sich dort in ein komplexes Leitungsnetz ein.
Marejews Geschoss war montiert und startbereit. Es war in den eigens dafür vorbereiteten, zehn Meter tiefen Schacht abgesenkt worden, und bereits gestern hatten sich Meißelkrone und Bohrmesser bei der ersten Versuchsfahrt in das Gestein der Erdtiefe gefressen. Die gesamte Apparatur des Geschosses war in Gang gesetzt worden: Die Drucksäulen hatten ihre Schirme entfaltet und hielten, indem sie sich gegen die über dem Schacht schwebende Plattform stemmten, den für den Vortrieb nach unten erforderlichen Anpressdruck aufrecht; eine Archimedes-Schnecke rotierte um das Geschoss und förderte das vom Bohraggregat zerkleinerte Gestein und die Kohle nach oben; eine Infrarotkamera hielt alles auf Film fest, was das Geschoss umgab, während sich die Schlauchtrommeln mit den Stromleitungen für die Motoren abrollten.
Noch im Leerlauf arbeitete die Pumpe des Mineralisators und presste die vorgesehene Substanz in das aufgelockerte Gestein über dem oberen Boden des Geschosses. Die Klimageräte reinigten die Luft, führten frischen Sauerstoff zu und regelten Temperatur sowie Luftfeuchtigkeit im Inneren des Geschosses. Marejew stand bei den unteren Bohrmotoren, und ihr gleichmäßiges, musikalisches Summen erfüllte seine Brust mit Freude.
Alles verlief reibungslos. Die zwei Testmeter legte das Geschoss ohne Störung oder Verzögerung zurück; es drang so leicht in das Gestein und die Steinkohlenflöze ein wie ein Bohrer in weiches, nachgiebiges Holz.
In wenigen Stunden sollte die Abreise erfolgen. Alle befanden sich an ihren Plätzen und warteten auf den feierlichen Augenblick des Aufbruchs. Die Monteure hatten die obere Kammer bereits am Morgen verlassen, nachdem sie die letzten Muttern angezogen und die finale Überprüfung der Mechanismen abgeschlossen hatten. Soeben waren auch die Reinigungskräfte gegangen und hatten Unrat, Staub sowie Reste von Dreck und Spänen mitgenommen – all das, was den Einzug von Menschen und eine Abreise auf lange Zeit unweigerlich begleitet.
Im Geschoss waren nur noch Marejew, Bruskow und Malewskaja zurückgeblieben. Sie hatten den letzten Kontrollgang durch alle drei Deckebenen beendet und standen nun in der oberen Kammer. Alles war hier auf engstem Raum untergebracht, um jeden Quadratzentimeter sparsam auszunutzen.
Zehn hohe Kisten, im unteren Teil fest verschalt und oben mit Gittern versehen, reihten sich an der runden Wand auf; in ihnen befanden sich die Thermoelement-Batterien – das Herz des künftigen unterirdischen Kraftwerks. Durch das obere Gitter erkannte man ihre matt-silbrigen, mit Drähten durchwebten Säulen.
Zwei kleine, schwarze Motoren von enormer Leistung zeichneten sich in der Mitte der Kammer ab, dicht an den Boden geschraubt. Drei stählerne Drucksäulen ragten durch die Decke und stützten sich auf Drehscheiben; während der Rotation schraubten diese Scheiben nach und nach zwei innere Schäfte aus jeder Säule nach oben. Dadurch wurden der zusätzliche Druck beim Abstieg und der Hauptdruck von unten beim Aufstieg des Geschosses auf dem Rückweg erreicht. Die gewaltige Leistung der Motoren, der Druck der Säulen sowie die außergewöhnliche Härte der Bohrmesser und der Meißelkrone garantierten dem Geschoss eine Sinkgeschwindigkeit von bis zu achtzehn Metern pro Stunde in weichem Gestein und mindestens zwölf Metern in härtestem Material.
Links von den Motoren, zwischen zwei Drehscheiben, stand ein zylindrischer Behälter mit flüssigem Mineralisator. Auf dem Behälter befanden sich zwei kleine Pumpen, von denen kurze, dicke Rohre zur Decke aufstiegen. Unter der Decke verzweigte sich jedes dieser Rohre in ein Geflecht aus unzähligen, konzentrisch angeordneten feinen Röhrchen, die nach außen führten. Malewskajas Mineralisator, von den Pumpen nach draußen in das zerkleinerte Gestein gepresst, sollte der Erdschicht die Härte und Monolithität von Granit verleihen. Die Wirkung der Substanz würde feste Gewölbe schaffen, die die Last der gigantischen Erdsäule über dem Geschoss trugen. So wurde die Gefahr gebannt, vom gewaltigen Druck zerquetscht zu werden. Malewskajas Mineralisator war eine brillante Antwort auf die Warnungen der Kritiker gewesen.
Rechts von den Motoren, zu beiden Seiten der dritten Drehscheibe, lagen auf hohen Böcken zwei riesige Trommeln von mehr als einem Meter Durchmesser, auf die in gleichmäßigen Windungen dünne graue Schläuche gewickelt waren. Auf jeder Trommel befanden sich fünf Kilometer dieser Schläuche. Sie bestanden aus einer feinen, elastischen Drahtspirale, die mit einer wärmeisolierenden, wasserdichten und säurebeständigen Masse ummantelt war. Durch einen dieser Schläuche sollte später von der Oberfläche flüssiger Wasserstoff mit einer Temperatur von 252 Grad unter null hinab zu den Thermobatterien geleitet werden. Durch den anderen Schlauch sollte derselbe Wasserstoff, der unter dem Einfluss der unterirdischen Hitze in den gasförmigen Zustand übergegangen war, zur Oberfläche in eine neuartige Tieftemperaturanlage nach dem System von Professor Kapiza aufsteigen, um erneut verflüssigt und wieder nach unten zu den Thermoelementen geführt zu werden. Auf diese Weise würde der Wasserstoff nahezu verlustfrei und kontinuierlich in einem geschlossenen Kreislauf zirkulieren, ohne nachgefüllt werden zu müssen.
Darüber hinaus verlief in jedem Schlauch ein hauchdünnes Kabel – eine Speiseleitung aus einer erst kürzlich erfundenen Legierung von Aluminium und einem der seltenen Elemente. Das Kabel ermöglichte die Übertragung gewaltiger Strommengen bei einem extrem geringen Leitungsquerschnitt. Über eine dieser Speiseleitungen, die andere blieb als Reserve, sollte von der Oberfläche über eine kleine Umspannstation Strom in die Motoren des Geschosses fließen – für die Bohr- und Antriebsmechanismen, für den Betrieb aller Versorgungsapparate und Instrumente sowie für die Beleuchtung. Später sollte über dieselbe Speiseleitung der im unterirdischen Kraftwerk erzeugte Strom an die Oberfläche geleitet werden.
Zwischen einem der Motoren und der Thermoelement-Batterie ragte bis zur Decke der Kammer ein Schrank mit Akkumulatoren neuester Bauart empor – kompakt, leicht und zugleich von außerordentlicher Kapazität. Für den Fall einer Havarie – einer Unterbrechung der Stromzufuhr von der Oberfläche – waren sie mit Energie für vierhundertvierzig Stunden Vollbetrieb des Geschosses geladen. Gleich daneben, nahe der Ausstiegsluke, hing an Stahlseilen ein Hilfserkundungstorpedo. Seine kegelförmige Spitze mit der Meißelkrone wies nach oben und reichte beinahe bis zur Decke, während sich sein Heck auf einen breiten Ring stützte, der auf drei niedrigen, aber dicken Metallfüßen über dem Kammerboden stand.
Der Hilfstorpedo glich in Aussehen und Funktionsweise einer verkleinerten Kopie des Hauptgeschosses, nur war darin alles einfacher und kleiner gestaltet. In seinem Inneren fand nur eine einzige Person Platz. Er enthielt Akkumulatoren mit einer Energiereserve für einhundertzwölf Betriebsstunden, kleine Elektromotoren, eine einfache Steuerungsapparatur, Proviant- und Wasservorräte, Geräte zur Luftreinigung und Sauerstoffversorgung sowie ein kleines Funkgerät mit Peiler zur Verbindung und Orientierung über Funksignale.
Die freien Räume an der runden Wand zwischen den Thermobatterien waren mit zahlreichen Kisten ausgefüllt. Darin befanden sich Verpflegung, Werkzeuge, Ersatzteile und chemische Substanzen für die künstliche Klimatisierung und Mineralisierung. Hier lag auch das »Sauerstofflager« – die wichtigste Fracht der Expedition: Flaschen mit flüssigem Sauerstoff und Kisten mit trockenem Sauerstoff in Form von Chlorsäurekalium-Briketts. Dahinter lagen riesige, in dichten Stoff eingenähte Ringe aus Reserveschläuchen und Leitungen. In einer der Nischen zwischen den Batterien war nahe der Stiege ein kleiner Tisch an der Wand befestigt; dort standen drei Klappstühle. Es war der Platz des Wachhabenden während seines Dienstes an den Apparaten der oberen Kammer. Auf der gegenüberliegenden Seite der Kammer war eine weitere Nische mit einer Wasch- und Duschkabine belegt.
In der Mitte der Kammer schließlich, zwischen den Motoren, befand sich eine quadratische Luke, von der eine leichte Stiege in den unteren Raum des Geschosses hinabführte.
Marejew ließ sich erschöpft auf einen der Stühle am Wachtisch sinken.
»Lassen Sie uns ein halbes Stündchen ausruhen«, sagte er und strich sich den Schweiß von der Stirn. »Ich spüre meine Beine kaum noch. In einer Stunde werden bereits Leute in die Strecke hinab gelassen, und in drei Stunden ist Aufbruch. Es gibt noch viel Mühsal und Aufregung.«
»Ich kann die Minute kaum erwarten, in der Michail den Bohrmotor auf volle Leistung schaltet«, seufzte Malewskaja und setzte sich ebenfalls auf einen Stuhl. »Erst dann kann man sich wirklich einmal ausruhen.«
Alle drei waren reisefertig gekleidet – in blaue Overalls von besonderem Schnitt. Auf den Köpfen trugen sie blaue Baretts, an den Füßen leichte Tennisschuhe.
»Warum sind denn Ilja und Andrej Iwanowitsch noch nicht da?«, fragte Bruskow.
Im selben Augenblick war oben das Geräusch von Schritten zu hören, und in der Luke erschien Andrej Iwanowitsch. Er trat auf den Boden der Kammer, frisch und dem feierlichen Anlass entsprechend elegant, wenn auch nicht ganz modern gekleidet: mit Sakko, Weste und einem steifen, schneeweißen Kragen nebst kunstvoll geknoteter farbiger Krawatte. In der Hand hielt er einen herrlichen Strauß roter Rosen.
»Das ist für Sie, liebe Nina Alexejewna. Obwohl es den genehmigten Vorschriften der Hausordnung im Geschoss widerspricht – da angenommen wird, dass Blumen die Luft darin vergiften –, hoffe ich doch, dass sie Ihnen einige Stunden ästhetischen Genusses bereiten werden«, sagte er mit altmodischer Höflichkeit und überreichte Malewskaja den Strauß.
»Vielen Dank, Andrej Iwanowitsch«, erwiderte Malewskaja erfreut und nahm die Blumen entgegen.
»Haben Sie Zeitlin oben nicht gesehen?«, fragte Marejew.
»Nein, habe ich nicht. Ich dachte, er wäre längst hier.«
In diesem Moment ertönte über der Luke ein vertrautes Schnaufen. In der Öffnung erschienen zwei dicke Säulen von Beinen, die vorsichtig nach den Stufen tasteten, woraufhin sich der gewaltige Körper Zeitlins herabzulassen begann und die Luke fast vollständig ausfüllte.
»Wo seid ihr denn, Leute?«, rief er. »Wo seid ihr, ihr verwegenen Erdforscher, ihr unerschrockenen Tiefengräber?«
»Wo steckst du denn bloß, Ilja?«, antwortete Marejew. »Ich habe schon sehnsüchtig auf dich gewartet! Es sind die letzten Abschiedsminuten, und du bist immer noch nicht da.«
»Ach, frag lieber nicht, Nikituschka! Ich habe gerade einen derartigen Ansturm überstanden, eine solche Attacke. Sie haben mich schlichtweg zermürbt!«
»Wer hat dich attackiert? Wen haben sie zermürbt?«
»Na, mich natürlich! Eine ganze Armee von Reportern, Korrespondenten und Sonderberichterstattern. Aus aller Welt sind sie angereist. Ein wildes Volk! Dass ich da heil herausgekommen bin!«
»Ach, du Armer, Unglücklicher!«, frotzelte Malewskaja.
»Grüß dich, du Eroberin!«, wandte sich Zeitlin gutmütig an sie. »Genießt du deinen Sieg, du Schlange? Na warte, wir rechnen noch ab, wenn du zurückkehrst!«
Malewskaja lachte und vergrub das Gesicht im Blumenstrauß. Sie trat an Zeitlin heran und legte ihm eine Hand auf die Schulter.
»Iljuschenka, bis zu meiner Rückkehr hast du diese Abrechnung sicher längst vergessen. Ich verlasse mich auf deine Sanftmütigkeit.«
Der Wettstreit unter den Freunden hatte mit einem Sieg für Nina Malewskaja geendet. Vor zwei Monaten hatte das Komitee beim Rat der Volkskommissare die Besetzung der Expedition bestätigt und Marejew zum Leiter sowie Bruskow und Malewskaja zu Mitgliedern ernannt.
In seinem Innersten hatte Zeitlin bis zuletzt gehofft, dass er der Dritte sein würde. Die Kandidaturen von Marejew und Bruskow standen von Beginn an außer Frage: Der Erstgenannte war der Erfinder des Geschosses, der Zweite der Chefkonstrukteur der Station. Doch mit Malewskaja hätte Zeitlin wetteifern können – ihre Chancen auf eine Teilnahme an der Expedition waren in etwa gleich gewesen.
Als die Ärzte seine Kandidatur wegen eines Herzleidens ablehnten, war Zeitlin sehr betrübt gewesen. Tröstung fand er erst, als Marejew ihm vorschlug, unverzüglich mit der Projektierung eines neuen, noch bedeutend leistungsstärkeren Geschosses zu beginnen. Was ihn keineswegs daran hinderte, weiterhin den vom Schicksal geschlagenen Mann zu spielen, der von der hinterlistigen Malewskaja getäuscht worden war.
Von oben drang durch die Luke ein mächtiges Brausen herab, das zusehends lauter wurde. Marejew horchte auf, sein Gesicht wurde ernst. Er blickte auf die Uhr und erhob sich vom Stuhl.
»In wenigen Minuten beginnt die Abschiedskundgebung. Nehmen wir Abschied, Freunde! Doch zuvor möchte ich euch noch einige Anweisungen geben. Neben den allgemeinen Informationen, die wir unterwegs über Funk übermitteln werden, erhaltet ihr beide von mir Spezialberichte über alles, was den Betrieb des Geschosses, seiner Mechanismen, Instrumente und Apparate betrifft. Das gilt ganz besonders für dich, Ilja. Wenn du am nächsten Geschoss arbeitest, musst du alle Schwachstellen berücksichtigen, die sich bei unserem Geschoss zeigen werden. Sie, Andrej Iwanowitsch, müssen dasselbe bezüglich der Geräte und Instrumente tun.«
»Wird gemacht!«
»Achtet aufmerksam auf die Stromversorgung des Geschosses und den Betrieb der Kälteanlage. Ihr wisst, welche Bedeutung das für die Expedition und das Funktionieren des unterirdischen Kraftwerks hat. Es ist eine Frage von Leben und Tod für das Kraftwerk wie auch für uns.«
»Wir werden dort eine lückenlose Wache einrichten, Nikita. Mache dir keine Sorgen! Ich übernehme das selbst«, versprach Zeitlin.
Marejews erblasstes Gesicht wurde streng. Seine Wangenknochen traten scharf hervor. Neben ihm stand die ruhige Malewskaja und biss sich nachdenklich auf die Lippen, während sie an den Blütenblättern des Straußes nippte.
»Gut, Ilja. Und noch etwas … noch etwas … Falls uns ein Unglück zustößt …Es erwartet uns viel Unbekanntes … Unvorhersehbares …Wir müssen auf das Schlimmste gefasst sein … Lasst meine Idee nicht fallen, kämpft für sie, setzt ihre Verwirklichung durch – ohne natürlich unsere Fehler zu wiederholen.«
»Zweifle nicht, Nikita – weder an uns noch an dir selbst!«, sagte Zeitlin mit brüchiger Stimme. »Du wirst deine Idee selbst verwirklichen. Du wirst als Sieger zurückkehren!«
»Es ist Zeit zu gehen«, sagte Marejew, »doch zuvor wollen wir uns verabschieden.«
Sie reichten sich kräftig die Hände.
***
Der lichtdurchflutete unterirdische Saal der Zeche Gigant, dem in diesem Augenblick die Gedanken und Gefühle aus aller Welt zugewandt waren, war dicht gedrängt voller Menschen. Delegationen der Fabriken und Werke, die die Expedition ausgerüstet hatten, von wissenschaftlichen Einrichtungen und Instituten sowie gesellschaftlichen Organisationen, Vertreter der Roten Armee, berühmte Schriftsteller, Wissenschaftler, Künstler und Delegationen von Pionieren und Komsomolzen hatten sich um den Schacht mit dem Geschoss aufgestellt. Die stählerne Plattform darüber, die man in eine Tribüne verwandelt hatte, war mit Fahnen und Blumengirlanden geschmückt.
Stimmengewirr erfüllte die hohen Gewölbe der Strecke; fröhliche, freudige Stimmen und Lachen schallten immer lauter und aufgeregter, je näher der erhabene Augenblick rückte.
Vertreter des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei und der Regierung betraten die Tribüne. Ein Sturm von Ovationen und begeisterten Zurufen schlug ihnen entgegen. Er wuchs sich zu einem Orkan aus, als nacheinander Marejew, Bruskow und Malewskaja – marschbereit in ihren blauen Overalls und Baretts – in Begleitung Zeitlins und Andrej Iwanowitschs aus dem Schacht stiegen. Vom Donner des Beifalls und den Jubelrufen schienen die Gewölbe samt der kilometerdicken Erdschicht über ihnen beinahe einzustürzen.
Nach einer kurzen Abschiedskundgebung wurde Marejew von einer dichten Menschenmenge umringt, da jeder ihm die Hand drücken, ein Grußwort sagen und ihm Erfolg sowie eine glückliche Rückkehr wünschen wollte. Er kam kaum nach, allen zu antworten.
»Zeigt euch öfter am Bildschirm«, sagte er zu seinen Freunden, »wir werden uns immer freuen, euch zu sehen und zu hören.«
Unweit davon stand Bruskow neben einer kleinen alten Frau mit ergrautem Haar, einer schwarzen Tuchmütze und einer kleinen Ledertasche in den Händen. Die Alte blickte den heiteren, aufgeregten Bruskow an und fragte mit einem Lächeln, das ihre Sorge nur mühsam verbarg: »Hast du denn gar keine Angst, Mischenka? Wo du da nur hinfährst! Bei uns im Kolchos sagen die Leute, da unten herrsche eine unerträgliche Hitze.«
»Stimmt, Mütterchen, ganz recht«, sagte Bruskow lachend und legte den Arm um ihre Schultern, »wir fahren geradewegs in die Unterwelt, sozusagen mitten in die Hölle.«
Marejew blickte auf die Uhr: Es war Zeit! Er gab ein Handzeichen.
Der Chefingenieur des Kraftwerks, der an der Schalttafel des Maschinenraums bereitstand, drückte einen Knopf. Ein lauter, lang anhaltender Signalton ertönte.
Die letzten Minuten waren gekommen – letzte Worte, letzte Händedrücke.
Marejew trat als Erster an den Schacht und stieg mit einem winkenden Gruß in die Luke hinab. Nach ihm eilte Malewskaja, die sich aus dem dichten Kreis begeisterter junger Gesichter befreit hatte, in das Geschoss. Bruskow löste sich aus den mütterlichen Umarmungen. Kaum war er in der Luke verschwunden, ertönten die feierlichen Klänge der Internationale. Der gepanzerte Lukendeckel begann sich langsam auf seinen Position zu senken. Dann trat Stille ein.
Aus dem Lautsprecher auf der Plattform erschallte laut Marejews Stimme.
»Bitte die Plattform über dem Schacht räumen!«
Zeitlin übernahm seine Aufgaben als Startleiter.
»Wache, den Schacht umstellen! Bitte die Plattform räumen!«
Und eine Minute später in das Mikrofon:
»Fertig!«
»Spannung einschalten!«, war Marejews Stimme zu hören.
»Spannung einschalten!«, wiederholte Zeitlin.
»Spannung anliegend!«, antwortete der Chefingenieur und drückte die Taste auf der Schalttafel.
In der gespannten Stille, über den Köpfen der erstarrten, den Atem anhaltenden Menge, ertönte erneut Marejews laute Stimme:
»Schalte die Motoren ein. Starten den Aufbruch.«
»Start bestätigt!«, wiederholte Zeitlin in das Mikrofon und rief: »Auf Wiedersehen! Viel Glück und wohlbehaltene Rückkehr!«
Die Plattform begann unter dem gewaltigen Druck aller drei Drucksäulen zu schwanken.
Aus dem Schacht war ein anschwellendes Dröhnen zu hören. Die riesige Metallscheibe zuckte und begann sich langsam zu senken. Entlang des Schachtumfangs erschienen über dem Heck des Geschosses die ersten breiten Streifen zerkleinerter Kohle. Sie wuchsen und breiteten sich über der nach unten gleitenden glänzenden Scheibe aus und bedeckten deren Oberfläche immer mehr. Unter dem Druck der Säulen bebte die Plattform immer heftiger. Immer lauter dröhnte die Internationale. Bereits hatte sich der gesamte Schacht mit Kohlengrus und Schutt gefüllt. Zeitlin winkte dem Chefingenieur an der Schalttafel mit dem Taschentuch, woraufhin die zylindrische Stahlbrüstung mit Poltern von der Plattform herabsank und in die Nuten rund um die Öffnung einrastete. Die Plattform war nun frei, und unter ihr bildete sich eine dicht verschlossene Verlängerung des Schachtes. Das dumpfe unterirdische Dröhnen, das von dort heraufdrang, verhallte zusehends.
Das Erschüttern der Plattform hörte plötzlich auf, doch nach wenigen Sekunden begann sie erneut in einem kontinuierlichen, feinen Zittern zu beben.
»Die Drucksäulen sind auf die zweite Position abgesenkt«, verkündete Zeitlin laut und strich sich mit dem Tuch den Schweiß von der erblassten Stirn.

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