Die Gespenster – Vierter Teil – 50. Erzählung
Die Gespenster
Kurze Erzählungen aus dem Reich der Wahrheit von Samuel Christoph Wagener
Allen guten Schwärmern, welchen es mit dem Bekämpfen und Ablegen beunruhigender Vorurteile in Absicht des Geisterwesens ernst ist, liebevoll gewidmet von dem Erzähler Friedrich Maurer aus dem Jahr 1798
Vierter Teil
Fünfzigste Erzählung
Das schreiende Kind in einer Gegend ohne lebendige Wesen
Bekanntlich treiben bei Weitem die meisten Gespenster ihr Unwesen im nächtlichen Dunkel. Es ist unstreitig gut, dass sie für ihre Neckereien gerade die Nachtzeit wählen, da die Menschen in der Regel schlafen und nur wenige ihren Belästigungen ausgesetzt sind. So wie es aber Menschen geben soll, die selbst am helllichten Tag und mit offenen Augen zugunsten des Gespensterwesens schlafen, träumen und faseln, so scheinen sich auch einige Geister nicht zu entblöden, am Tag ihren Unfug zu treiben. Eines dieser Gelichter schien im Frühjahr 1775 sein Mütchen an mir kühlen zu wollen.
Ich hatte in einem benachbarten Dorf zur Zeit einer dortigen Predigervakanz ein Amtsgeschäft verrichtet und wählte bei meiner Rückkehr nach Güssefeld den näheren Fußweg. Dieser führte über eine Wiese, die im Frühjahr und Herbst etwas sumpfig ist, nun aber noch gefroren und hier und da mit Eis bedeckt war. Ganz unbefangen setzte ich raschen Schrittes meinen Weg über diese Wiese fort.
Ehe ich es mir versah, fing an meiner Seite ein neugeborenes Kind an zu schreien. Obwohl kein Mensch um mich herum war, konnte ich doch deutlich wahrnehmen, dass dieses Geschrei ganz dicht neben mir erschallte. Beim hellen Sonnenlicht kam mir nicht einmal im Entferntesten der Gedanke an die Gegenwart eines Gespenstes. Vielmehr glaubte ich nichts gewisser, als dass dieses Geschrei von einem unglücklichen Säugling herrührte, dessen gewissenlose Mutter vielleicht grausam genug gewesen war, ihn hier dem Zufall zu überlassen. Unwille und Mitleid wurden in diesem Augenblick in mir rege. Ich wandte alle Mühe auf, das unnatürlich verwaiste Wesen ausfindig zu machen, um ihm Beistand zu leisten. Doch alle meine Nachforschungen waren vergebens, und der Laut ließ sich nicht wieder hören.
»Aber um des Himmels willen, was war denn das?«, war natürlich die erste Frage, die ich mir selbst vorlegte. Die Antwort lautete: »Wahrscheinlich ein Vogel oder irgendein anderes Tier.«
Mit dieser Beruhigung kehrte ich zu meiner Wohnung zurück, wo ich einen Freund vorfand, dem ich meine Wahrnehmung sogleich mitteilte. Auch er verfiel auf die Vermutung, dass der unsichtbare Schreier unstreitig ein Vogel in der Luft gewesen sei. Zwar kam mir dabei sogleich die Bedenklichkeit in den Sinn, dass ich in hiesiger Gegend noch nie einen Vogel oder ein anderes Tier auf diese Art habe schreien hören; indessen blieb uns fürs Erste nichts übrig, als uns mit dieser bloßen Möglichkeit abzufinden.
Ich hörte jedoch in der Folge nicht auf, nach der wahren Ursache des Geschreis zu forschen und mich namentlich bei den Bauern zu erkundigen, ob sie jemals einen Vogel oder ein anderes Tier mit einer solchen Stimme in dieser Gegend bemerkt hätten.
»Das wohl nicht«, erhielt ich zur Antwort, »aber das Kind, welches bekanntlich auf jenem Anger spukt, haben wir dort schon oft schreien hören.«
Alle meine Einwendungen dagegen waren vergeblich und meine Belehrungen in den Wind gesprochen. Es war nicht minder schwer, sie zu meiner Meinung zu bekehren, als mich von der Richtigkeit der ihren zu überzeugen.
Nach Verlauf eines ganzen Jahres hatte ich endlich das Glück, diesen kleinen Schreier zu entdecken, der so gefällig war, sein Geschrei so oft zu wiederholen, wie ich es wünschte. Ich ging nämlich mit meinen Kindern, ebenfalls gegen Ende eines Winters, in meinem Garten spazieren. Plötzlich erhob das spukende Kind wieder sein Geschrei. Ich ruhte nicht eher, bis ich es entdeckt hatte; denn diesmal war meine Neugier umso gespannter, je weniger ich über mir in der Luft oder um mich her irgendein Tier bemerken konnte, so rasch sich mein forschender Blick auch überallhin gewandt hatte. Der Schreier war kein Tier und auch kein mutwilliges Kind, sondern ein lebloses Etwas: Das Eis unter meinen Füßen brachte die spukhaften Wundertöne hervor!
Es liegt nämlich in der Natur und eigentümlichen Beschaffenheit eines jeden Eisbodenbereichs und des darauf gefrierenden Volleises, dass die unter dem Eis fest eingeschlossene Luft beim Auftreten auf den etwas biegsamen und elastischen Boden hervordringt und durch den engen Ausweg, durch den sie entweicht, diese schreienden Zaubertöne hervorbringt.
Dass dies die wahre und einzige Ursache des sonderbaren, in dieser Gegend so oft abergläubisch auf Geistertöne gedeuteten Geschreis war, leuchtete mir dadurch unwiderlegbar ein, dass ich dieses Geschrei durch festes Auftreten auf das Eis und den Boden so oft wiederholen konnte, wie es mir beliebte. Dies geschah auch einige Male, da meine Kinder an diesen Tönen Vergnügen fanden. Jedoch musste ich zu diesem Zweck entweder neue Stellen suchen, wo die Luft noch nicht durch unsere Fußtritte aus der gefrorenen Oberfläche gepresst worden war, oder mich für kurze Zeit von dem Ort entfernen, wo es bereits geschrien hatte. Dort konnte der schwammige Boden durch seine elastische Kraft wieder Luft in sich aufsaugen und die Töne aufs Neue hervorbringen, wenn ich wieder darauf trat.
Man sieht hieraus, wie schwer es oft fällt, die wahre Ursache einer Wirkung zu entdecken, und wie nötig es vor allen Dingen ist, dass ähnliche Umstände von Zeit und Ort eintreten, wenn dies gelingen soll. Vor allem zeigt es, wie falsch der Schluss wäre: »Ich kann die natürliche Ursache nicht entdecken, folglich ist keine da.«

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