Archiv

Tür des Todes – Kapitel 8

John Esteven
Tür des Todes
Kapitel 8
Unerwartete Dinge

Für Norse war der Fall also noch nicht abgeschlossen. Was mich betraf, so hatten mich seine Anspielungen und sein Verschweigen, mein eigenes Abenteuer mit Hasta und der Fund von Eleanors Taschentuch beunruhigt, aber auch völlig verwirrt zurückgelassen. Denn warum sollte es letztlich noch irgendeinen Zweifel oder ein Problem geben? Wir hatten ein unterzeichnetes Geständnis von derjenigen Person, auf die alle anderen Beweise als Schuldige hinwiesen – ein Geständnis, das ihn selbst belastete und alle anderen entlastete. Das war eine klare Tatsache und schien die Angelegenheit zu beenden. Aber wenn Norse trotz alledem nicht überzeugt blieb – und ich musste zugeben, dass die Entwicklungen der Nacht ihn nicht ganz unvernünftig erscheinen ließen –, wen verdächtigte er dann? Vermutlich Hasta. Aber dann hatte er von irgendeinem anderen Helfershelfer gesprochen, der im Hintergrund und im Verborgenen agierte und nach dem er tastete.

Um meine eigenen Gedanken zu ordnen, versuchte ich, die Abfolge der Ereignisse aus Norses Blickwinkel zu betrachten. Am Samstagabend war Celia Ballion getötet worden. Er hatte den Handschuh, den Drosselriemen und den Schatten, den Eleanor gesehen hatte, offensichtlich als den möglichen Versuch eines anderen betrachtet, Francis Ballion zu belasten. Warum? Erstens, weil diese Beweise zu übertrieben belastend wirkten, und zweitens, weil Ballion sich geweigert hatte, ein Alibi zu versuchen. Aber Norse hatte noch andere Gründe, die er nicht erklärt hatte. Ich erinnerte mich an die Fußspuren, die Roose abgeformt hatte, und fragte mich, ob hier ein Zusammenhang bestand. Möglicherweise, aber in dieser Richtung kam ich nicht weiter. Eine Sache war jedoch sicher: Norse hatte an einen Komplizen innerhalb des Hauses geglaubt, obwohl ich wiederum nicht wusste, aus welchem Grund. Außerdem hatte er Francis Ballion nicht für einen Heuchler gehalten. Gut: Das alles war zweifellos seine Haltung vor der Entdeckung des unterzeichneten Geständnisses gewesen. Aber was war danach geschehen, das Zweifel an dieser eindeutigen Erklärung aufkommen ließ? Hier begann meine Verwirrung. Ich erinnerte mich an sein antiquarisches Interesse an der Renaissance, konnte mir aber keinen Reim darauf machen. Dann folgten die jüngsten Ereignisse – sein heimlicher Besuch in Greyhouse, der absurde Satz, den er auf dem Papier entdeckt hatte, sein Interesse an den Bauplänen und Ballions Edelsteinsammlung und schließlich Eleanors blutbeflecktes Taschentuch. Das alles hing in seinem Kopf irgendwie zusammen, aber ich konnte den verbindenden Faden nicht finden. Wäre da nicht das Taschentuch gewesen, von dem ich wie er sicher war, dass es am vorangegangenen Morgen nicht übersehen worden war – wäre da nicht dies und das unerklärliche Verhalten von Hasta gewesen, hätte ich die Verdächtigungen des Detektivs für lächerlich gehalten. Aber auch hier war ich ratlos; denn genau jene Dinge, die mich beeindruckt hatten, schienen ihn relativ gleichgültig zu lassen, als ob er sie tatsächlich für selbstverständlich hielte. Dass er mehr wusste, als er mir erzählte, war klar, aber es blieb sein Geheimnis. Und genau diese Verschwiegenheit anstelle seines früheren Vertrauens war ein weiteres Rätsel. Warum sollte er an meiner Verschwiegenheit zweifeln?

Ich betrachtete die Sache aus einem anderen Blickwinkel und fragte mich, welchen Vorteil außer ihrem Ehemann irgendjemand aus dem Tod von Celia Ballion ziehen würde. Niemand profitierte außer ihm und Eleanor; und was Letztere betraf, weigerte ich mich, irgendwelche schwachsinnigen Befürchtungen zu hegen. Aber was hatte Norse dann gemeint, als er davon sprach, dass sie in die Atmosphäre von Greyhouse hineingezogen worden sei, und mich warnte, ihr aus dem Weg zu gehen? Es war ein neues Rätsel. Oder dass es im Zusammenhang mit einer so harmlosen Person wie Mrs. Ballion irgendein anderes Motiv als Habgier oder eheliche Abneigung geben könnte, schien völlig unglaubhaft.

Ich rief mir jeden ins Gedächtnis rufen, der auch nur entfernt mit dem Fall zu tun hatte. Nehmen wir zum Beispiel Carl Ballion. Wenn man einmal von allen anderen Umständen absieht – seinem Ruf, seiner Stellung, seiner Zuneigung zu seinem Bruder und Celia –, wie könnte er vom Tod seiner Schwägerin profitieren? Das waren verlogene Mutmaßungen. Es blieb natürlich Hasta; und doch konnte er, mangels eines Motivs, nur als jener Helfershelfer erscheinen, den Norse postulierte.

Nein, auf Schritt und Tritt stieß der Verstand hart an Francis Ballions unterzeichnete Erklärung. Was aber, wenn diese Schrift, wie er tatsächlich erklärt hatte, in dem Bewusstsein der Entdeckung verfasst worden war, um die Verfolger durch die Andeutung eines Selbstmords auf eine falsche Fährte zu locken, während er sich mit seiner Edelsteinsammlung aus dem Staub gemacht hatte? Könnte das der Grund für Norses Neugierde in Bezug auf sie sein? Es war eine Hypothese, die gewisse Schwierigkeiten klärte und andere unbeantwortet ließ. Sie erklärte vor allem nicht Norses Geheimniskrämerei – es sei denn (und das hielt ich für einen scharfsinnigen Gedanken), er befürchtete, dass Carl Ballion die Flucht seines Bruders begünstigen könnte und über die Verdächtigungen des Detektivs im Unklaren gehalten werden sollte. Denn schließlich war es merkwürdig, dass Ballion, wenn er sich zum Selbstmord entschlossen hatte, diesen nicht in Greyhouse begangen hatte, um so einen unwiderlegbaren Beweis für seine Erklärung zu liefern. Warum sollte er sich die Mühe machen, sich zu diesem Zweck zu verstecken? Und zur Unterstützung dessen erinnerte ich mich an seine leidenschaftliche Antwort auf Norses Frage, ob er des Lebens überdrüssig sei: »Ich bete das Leben als das Einzige an, das ich kenne und anzubeten habe.«

Es erschien zweckmäßig, selbst auf die Gefahr hin, langweilig zu werden, eine Zusammenfassung der Ereignisse bis zu diesem Punkt niederzuschreiben; denn hier, wenn ich zurückblicke, werde ich mir einer eigentümlichen Veränderung im Vorgang der Erinnerung bewusst. Wenn das, was folgt, obskur erscheinen mag, so ist diese Obskurität selbst ein Faktor dessen, was tatsächlich geschah. Außerdem kann ich die Ereignisse nur so aufzeichnen, wie ich sie in Erinnerung habe.

Um genau zu sein: Der Tag nach meiner Verabredung mit Norse markiert eine Verwirrung zweier Persönlichkeiten, das Verschmelzen zweier Geisteshaltungen – meiner eigenen und jener diffuses Aufdringlichkeit des Denkens, die in Greyhouse spukte. Im Rückblick erinnert es mich an einen Nebelschleier, der das Klare und Gewohnte von einer nebulösen Ungewissheit trennt: in einem Moment eine scharf umrissene Landschaft, im nächsten eine Welt aus gebrochenen Strahlen, verzerrten Umrissen und düsteren Illusionen. Oder, um das Gleichnis zu wechseln – denn nur durch Metaphern kann ich eine Vorstellung von dem geben, was stattfand –: Die Ströme meines Denkens, getönt von ihrer eigenen Individualität, vermischten sich an diesem Punkt mit anderen Strömen und verwoben sich zu einer merkwürdigen Zwiespältigkeit der Färbung. Zu keinem Zeitpunkt hörte ich auf, mir meiner selbst bewusst zu sein, mir meiner eigenen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bewusst zu sein; aber ich litt unter der Verwirrung meines eigenen Hintergrunds mit einem anderen, einer anderen Methode der Wahrnehmung und des Fühlens, durch die ich wie durch eine überlagerte Linse auf die Dinge blickte. Das Ergebnis davon ist, was das Gedächtnis betrifft, eine Verschiebung im Gefühl für die Realität, ein Verschwimmen der Umrisse, sodass ich bezüglich bestimmter Angelegenheiten im Zweifel bin, ob sie stattfanden oder reine Einbildung waren oder die verzerrte Spiegelung von etwas anderem. Dementsprechend kann ich dort, wo ich sie nicht gegen das Zeugnis anderer prüfen konnte, meine Eindrücke nur so vorlegen, wie sie sind, ohne ihre Genauigkeit zu beteuern.

Bevor ich jedoch dieses zweifelhafte und, wie sich herausstellte, gefährliche Erlebnis beschreibe, möchte ich ein Ereignis festhalten, an das ich mich deutlich erinnere, als wäre es der letzte Punkt, der nicht von der späteren Verschwommenheit getrübt wurde. Es war ganz einfach so, dass ich am folgenden Tag beim Verlassen meines Büros nach einem Blick in die Zeitung eine Schlagzeile sah, die vom Fund der Leiche von Francis Ballion berichtete.

Da stand es in aller Ausführlichkeit: Eine Leiche in Ballions Kleidern war in einem Wald nahe dem Fluss entdeckt worden, jedoch durch eine Schusswunde aus einer Schrotflinte so entstellt, dass das Gesicht unkenntlich war. Es konnte jedoch kein Zweifel bestehen, dass er es war. Die Schrotflinte, oder vielmehr eine kurze Donnerbüchse aus seiner Sammlung, lag griffbereit daneben. Eine mit seinem Namen gravierte Uhr und ein Saphirring (an diesen Ring erinnerte ich mich tatsächlich) waren von Carl sofort als die seines Bruders identifiziert worden. Statur und Körperbau waren dieselben. Anscheinend hatte auch Captain Rae Norse die Leiche als die des verstorbenen Sammlers bezeichnet. Damit löste sich meine Hypothese bezüglich der Edelsteine und einer möglichen Flucht Ballions in Wohlgefallen auf. Aber würde diese neueste Entwicklung Norse schließlich überzeugen?

Bevor ich für meine zweite Nacht als Assistenzarzt nach Greyhouse zurückkehrte, suchte ich die Räume des Detektivs auf und hatte das Glück, ihn anzutreffen. Aber sein Verhalten war enttäuschend. Er bestätigte lediglich, was ich in der Zeitung gelesen hatte, als ob keine weitere Erklärung erforderlich wäre.

»Aber«, rief ich aus, »Sie scheinen nicht einmal interessiert zu sein!«

»Oh doch, interessiert; aber ich dachte mir, dass die Leiche gefunden werden würde.«

»Und Sie haben keinen Zweifel, dass es Ballion war?«

Norse lachte.

»Seien Sie nicht albern – warum sollte ich? Wer sonst sollte seine Kleider, seine Uhr, seinen Tand tragen? Und außerdem gab es Merkmale an der Leiche, die Carl identifiziert hat. Welcher Raum für Zweifel bleibt da?«

»Nun, dann werden Sie diesmal zugeben, dass die Angelegenheit definitiv beendet ist?«

»Nun ja, diese Angelegenheit ist es. Tatsächlich hatte ich das bereits zugegeben.« Er verfiel in Schweigen und beäugte mich mit einem Blick verschmitzter guter Laune. Sein glattes Gesicht, an den Mund- und Augenwinkeln fein gefältelt – Augen von einem eigentümlichen Grün –, erinnerte mich an eine wächserne Maske. Sein seraphischer, wohlwollender Ausdruck zeigte nur eine Spur des Schalks. Ich war heimlich verärgert, fragte ihn aber beiläufig, ob er letzte Nacht gefunden habe, wonach er suchte.

»Wenn Sie Baupläne meinen«, erwiderte er, »oder eine Spur der Edelsteine, nein. Es scheint, dass Ballion sein eigener Architekt war – möglicherweise hat er die Zeichnungen vernichtet. Aber ich habe das hier gefunden.«

Er öffnete eine Schublade seines Schreibtischs, holte eine kleine Fotografie heraus und reichte sie mir. Sie zeigte die halb liegende Gestalt einer Frau.

Offenbar war das Original ein Gemälde gewesen, und zwar zweifellos aus jüngerer Zeit, da die getragene Kleidung der neuesten Mode entsprach. Es war eine Frau, deren Gesicht mir vage bekannt vorkam; aber ob es daran lag, dass ich sie tatsächlich gesehen hatte, oder an der Tradition, in der sie gemalt war, konnte ich unmöglich sagen. Der Künstler hatte sein Sujet offensichtlich in der Manier der mittelitalienischen Schule aufgefasst – Tizian, Bronzino, Veronese. Das Ergebnis war modern, aber mit einer täuschenden Reminiszenz. Sie saß halb auf einem Divan, das Kinn auf eine Hand gestützt, das Gesicht teilweise abgewandt, sodass die dunklen Augen aus der Leinwand heraus und weit darüber hinausblickten. Es waren die Augen einer Träumerin, aufmerksam, aber langsam, als wären sie ihrer eigenen magnetischen Kraft überdrüssig. Sie bewahrten das Gesicht vor der Belanglosigkeit, verliehen den vollen Lippen, den unregelmäßigen Zügen, dem trägen Herabhängen ihrer Schultern Bedeutung. Ein schwarzes Abendkleid betonte ihre eher lateinische Schönheit.

»Nun«, fragte Norse, »kennen Sie sie? Sie ist mit Sicherheit eine Frau von Stand und Kultur.«

»Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, dass ich sie gesehen habe«, überlegte ich.

»Denken Sie nach!«

Aber am Ende konnte ich nur den Kopf schütteln. Er stieß ein ungeduldiges Murmeln aus.

»Kein Glück! Nicht das geringste Fünkchen Glück irgendwo! Ich dachte, Sie hätten sie vielleicht gekannt. Nun, das ist alles, was ich gefunden habe.«

»Aber Sie müssten doch in der Lage sein, den Fotografen oder den Künstler ausfindig zu machen, wenn Sie es für wichtig halten.«

»Es ist eine private Fotografie und unsigniert. Die Signatur des Gemäldes erscheint nicht, wie Sie sehen. Was den Künstler betrifft, kann ich ihn jedoch wahrscheinlich ausfindig machen, wenn es der Mühe wert erscheint.« Er saß einen Moment da und sah mich geistesabwesend an. »Sie werden eines bemerken«, fuhr er fort, »dass hier, wie bei allem anderen, was mit Ballion zu tun hatte, das Merkmal einer bestimmten Epoche, einer bestimmten historischen Periode erscheint. Er war ein äußerst konsequenter Mann.«

»Nun«, erkundigte ich mich, während ich das Thema überdachte, »was wird angesichts all dessen aus Ihren Warnungen an mich von gestern Nacht?«

»Ich kann sie nur wiederholen«, erwiderte er, »und Sie bitten, Vorsichtsmaßnahmen zu treffen.«

»Warum?«

Er zögerte leicht. »Weil, wenn ein Fall beendet ist, daraus nicht folgt, dass nicht ein anderer begonnen hat. Nun hören Sie zu, und vor allem bewahren Sie Stillschweigen über das, was ich Ihnen erzähle. Ich würde nicht so viel sagen, wenn Sie nicht nach Greyhouse zurückkehren würden.

Ich glaubte, dass jemand die schmale Tür in der Nacht von Celia Ballions Mord geschlossen hat, nachdem jemand anderes hinausgegangen war. Ich glaube das immer noch. Denken Sie daran, dass es eine Nacht mit starkem Wind war, der direkt gegen die Tür blies. Denken Sie auch daran, dass sie nach innen öffnet. Unter diesen Umständen wäre es daher erstens äußerst schwierig gewesen, sie von außen zu schließen, denn der Halt, den die äußeren Eisennägel boten, würde zwar in einer stillen Nacht ausreichen, nicht aber, um die Tür gegen einen Sturm zuzuziehen. Aber das ist noch nicht alles. Die Stellung des Schlüssels, wie wir ihn auf dem Bücherregal fanden, deutete klar darauf hin, dass er von niemandem dorthin gelegt worden sein konnte, der an der Tür stand. Und wenn die betreffende Person allein gehandelt hätte, hätte sie an der Tür stehen müssen, um sie halb geschlossen gegen den Wind zu halten, der sonst Papiere, Vorhänge und so weiter im Raum durcheinandergewirbelt hätte. Stellen Sie sich nun diese Ecke der Bibliothek vor, wie Sie ihr von außen gegenüberstehen – Bücherregale zur Linken – und stellen Sie sich vor, wie Sie die Tür halb geschlossen halten, während Sie den Vorgang ausführen, den Schlüssel abzuziehen und wieder auf das Bücherregal zu legen. Sagen Sie mir, was seine normale Position wäre – eingedenk dessen, dass es wegen des Windes die linke Hand wäre, die benutzt wurde.«

Nach einem kurzen Nachdenken antwortete ich: »Der Griff des Schlüssels würde wahrscheinlich zur Tür zeigen. Er könnte jedoch sowohl senkrecht als auch in einem Winkel oder waagerecht liegen.«

»Ganz recht, aber die einzige Richtung, in der er nicht liegen würde, wäre so, wie wir ihn vorgefunden haben – nämlich mit dem Griff direkt abgewandt und im rechten Winkel zur Achse der Tür; das würde ein Verdrehen des Handgelenks über alle Notwendigkeit hinaus bedeuten, es sei denn, wir nehmen an, dass selbst dieses Detail bedacht worden war. Und das ist beinahe unglaubhaft. Aber wenn man zugesteht, dass eine andere Person die Tür schließt und drinnen bleibt, gibt es nichts an der Stellung des Schlüssels, das uns überraschen müsste. Oh«, fuhr er fort, »ich gebe Ihnen zu, dass dies alles an einem seidenen Faden hängt, aber der Faden scheint mir stark zu sein. Und außerdem gibt es noch eine andere Sache: Die Schritte, die Sie hörten, schienen den Korridor entlangzugehen, aber weg von der Haupttreppe. Wohin führt das nun?«

»Zum Dienstbotentrakt«, antwortete ich.

»Ja, oder an Eleanor Grahams Zimmer vorbei – aber ich will den Punkt nicht weiter verfolgen. Kurz gesagt, wenn ich überhaupt etwas über diese Angelegenheit weiß, dann weiß ich, dass mehr als eine Person an dem Verbrechen in jener Nacht beteiligt war und dass Ballions Komplize ohne Zweifel immer noch dort ist – und wenn er dort ist, ist er sicherlich wachsam und misstrauisch gegenüber Außenstehenden, insbesondere Freunden von mir, denen man um ein Uhr nachts im Dunkeln begegnet.«

»Aber wenn Sie Hasta verdächtigen«, erwiderte ich unruhig, »warum verhaften Sie ihn dann nicht?«

»Weil ich mich nicht zum Narren machen lassen will. Ich habe nicht den geringsten Beweis. Und wenn ich Ihnen das erwähnt habe, dann nur, damit Sie schweigen, Ihre Tür abgeschlossen halten und sich strikt an Ihre medizinischen Pflichten halten. Vergessen Sie alles andere, wenn Sie können. Andernfalls könnten Dinge zu geschehen beginnen – unerwartete Dinge. Selbst so bin ich mir nicht sicher. Und mein Angebot, Sie durch einen meiner Männer zu ersetzen, steht weiterhin offen.«

Aber ich schob dies beiseite, obwohl nicht mit so viel innerer Seelenstärke, wie sie Eleanors Beschützer hätte haben sollen.

»Was tun Sie in der Zwischenzeit?«, fragte ich.

Er lächelte. »Möchten Sie das wirklich wissen? Werden Sie geduldig mit mir sein? Sehr wohl.« Er zog unter seinen Papieren ein eng beschriebenes Blatt hervor. »Es ist diese Art von Dingen. Hier ist die Chronik einer italienischen Familie im sechzehnten Jahrhundert.« Und als ich ihn fahrlässig unterbrach: »Nein, hören Sie zu. Ich werde es zusammenfassen – es wird nicht lange dauern. Die Liste ist faszinierend. Es gab zwei Brüder, Guido und Ridolfo Baglioni.«

Und bei diesem Namen begann ich aufzupassen.

»Das«, fuhr Norse fort, »war im Jahr 1495. Sie hatten zahlreiche Söhne und Verwandte, darunter Grifonetto Baglioni. Sie besaßen viele Paläste in Perugia und beherrschten die Stadt unter sich. Es war eine Familie, die für drei Dinge berühmt war – ihren Reichtum, ihre Verschwendungssucht und ihre persönliche Schönheit. Einer der Söhne, Astorre, diente Raffael als Modell für den heiligen Georg; ein anderer, Gianpaolo, brachte die Leute wegen seiner Größe und seines gebieterischen Auftretens zum Stauen, wenn er vorbeiging; wieder ein anderer zeichnete sich im Reiten und in der Leichtigkeit des Schrittes aus, sodass – hören Sie zu, Ames – sodass niemand von seiner Anwesenheit wusste, wenn er hinter sie trat. Erinnern Sie sich an Francis Ballions leichten Schritt?«

Ich nickte, und ich erinnerte mich außerdem an jenen pantherartigen Schritt draußen vor meiner Tür.

»Sie hielten Pferde, Falken und Hunde – sie hielten sogar Löwen, deren Gebrüll in der Nacht die guten Bürger von Perugia erschreckte. Sie umgaben sich mit bewaffneten Gefolgsleuten, obwohl sie an Stärke und Geschicklichkeit selbst eine Schar waren, allesamt geschulte Soldaten, Anführer von Freischärlern, Condottieri. Sie füllten ihre Paläste mit Kunstschätzen, Gefäßen aus Gold und Silber, mit Gelehrten und Dienern, Dichtern und Hofnarren. Ihre Frauen waren schön und edel. Welch ein Festmahl bei der Hochzeit von Astorre Baglioni und Lavinia aus dem Hause Colonna! Welch ein Behängen der Straßen mit Samt und Wandteppichen, welch ein Ausstreuen von Fülle, zur Schau stellen von Goldbrokat, welch ein Luxus an Geschenken! Sie bewirteten Päpste und Fürsten, dienten als Kapitäne der Kirche oder Kapitäne von Städten – wurden die prächtigen Baglioni genannt.

Das ist die eine Seite der Medaille. Schauen Sie auf die andere.

Um 1560, in etwas mehr als zwei Generationen, waren sie verschwunden und hatten kaum eine Spur hinterlassen. Wissen Sie, wie?«

Norses Gesicht sah älter und faltiger aus, dachte ich, obwohl es vielleicht nur das Grau der Dämmerung war, die sich hereinbrach. Seine Art zog mich in den Bann: Er war verloren in seiner Heraufbeschwörung der Geschichte. Aber ich war mir noch etwas anderem bewusst – dieser Beklemmung einer merkwürdigen Vertrautheit, der Essenz von Greyhouse. Den ganzen Tag hatte ich sie von mir gewiesen; jetzt, in dieser mesmerischen Stunde, erschien sie wie eine Flutwelle. Ich erinnerte mich an Celia Ballion.

»Was ist aus ihnen geworden?«, fragte ich, wohl wissend, dass meine Stimme angespannt klang. »Ich bin mit ihrer Geschichte nicht vertraut.«

Norse beugte sich zu mir vor.

»Sie haben sich größtenteils gegenseitig vernichtet. Ein paar starben im Krieg. Astorre Baglioni wurde in derselben Nacht seiner Hochzeit in den Armen seiner Braut erstochen. Sein Vetter ermordete ihn, ebenso wie seinen Vater und seinen Bruder. Und dann folgte Mord auf Mord, ein Durst nach Meuchelmord, der sechzig Jahre lang nicht gelöscht wurde. Gianpaolo arrangiert die Tötung seiner Frau, und bei einem Gastmahl, als die Nachricht überbracht wird, verdoppelt er das Zechen. Er erschlägt zwei seiner Verwandten und wird seinerseits von einem Vetter, Gentile, dem Bischof von Orvieto, ins Jenseits befördert. Aber dessen Sohn rächt ihn, indem er Gentile und seine zwei Söhne tötet. Und die Fehde geht weiter, Verwandter gegen Verwandter – Folter und Messer und Verrat. Die Glücklicheren fielen im Krieg. Aber es blieb einem vorbehalten, wie ein Venezianer es ausdrückte, die Mütze des Judas Ischariot selbst aufzusetzen. Es war Malatesta Baglioni – und er war der Sohn und Bruder von Mördern. Er war 1530 Kapitän von Florenz. Er verriet die Republik, die ihn als ihren Führer gedungen hatte, die ihren verzweifelten letzten Kampf um die Freiheit führte, korrumpierte ihre Truppen, hinterging sie mit glatten Worten, untergrub ihre Verteidigung und verkaufte sie in die endgültige Sklaverei. Dann kroch er mit seiner Schande und seinem Blutgeld nach Perugia zurück, um inmitten seiner dortigen Pracht zu sterben.

Es ist eine unglaubliche Geschichte«, fügte Norse hinzu, »die nichtsdestoweniger buchstäblich wahr ist. In dieser einzigen Familie findet man, wie mir scheint, die Quintessenz der Renaissance.

Ich habe diese Tatsachen aus jenen Bänden gesammelt«, und er zeigte auf einen mit Pergament gebundenen Stapel. »Das ist es, was ich getan habe.«

Ich begann vage zu verstehen und fühlte mich wegen meiner früheren Stumpfsinnigkeit nicht wenig gedemütigt.

»Sie halten Francis Ballion also für ein Beispiel von Vererbung? Gianpaolo und seine Frau zum Beispiel – die Liebe der Baglioni zu Kunst und Prunk.«

Es war zu dunkel geworden, als dass ich sein Gesicht hätte sehen können, aber ich bemerkte ein Zögern in seiner Stimme. »Vielleicht«, murmelte er und wiederholte es mit unerklärlichem Nachdruck – »nun, vielleicht. Aber Sie leben in Greyhouse. Ich habe Ihnen alles erzählt, was ich kann – es liegt an Ihnen, die Moral anzuwenden.«

Als ich Norses Räume verließ, war ich mir einer seltsamen Veränderung in mir selbst bewusst. Anstelle des Widerwillens, den ich gestern Abend bei der Rückkehr nach Greyhouse empfunden hatte, war ich mir an diesem Abend einer merkwürdigen Begierde bewusst, einer Ungeduld, wieder in diesen hohen Mauern zu sein, ihre Luft zu atmen, die nach meinem Empfinden süßer, berauschender geworden war. Diese Straßen hatten etwas Belangloses, etwas Abscheuliches und Graues – nein, es war mehr als das: Sie fielen mir nicht nur als widerwärtig auf, sondern als fremd. Und ich erkannte, dass sich die Rollen vertauscht hatten; was mir gestern fremd erschienen war, war nun vertraut geworden; was vertraut gewesen war – mein tägliches Leben und meine Sorgen – war fern geworden. Es war keine unangenehme Verschiebung – weit gefehlt, obwohl von einem Gefühl der Schlaffheit, einer fast sinnlichen Trägheit begleitet. Ich empfand es als ein Privileg, der gewöhnlichen Stadt, den gesichtslosen Einrichtungsgegenständen meiner Räume, der Abgestandenheit des Clubs zu entkommen, zurück in eine Atmosphäre von Raum und Schönheit. Das Leben dort erschien voller, prächtiger und intensiver, vielleicht gerade weil es, wie Norse andeutete, das Element der Gefahr barg.

Mit anderen Worten: Im Rückblick würde ich es als einen unterbewussten Prozess beschreiben, der sich vom Tag zuvor fortsetzte. Allmählich war meine instinktive Abneigung zersetzt, geschwächt, zerstört oder vielmehr in Zuneigung und tatsächlich Verlangen verwandelt worden. Es ist kein ungewöhnliches Phänomen; nur in meinem Fall waren die Umstände, die Plötzlichkeit des Übergangs, eigentümlich. Aber zu jener Zeit, obwohl ich mir des Unterschieds bewusst war, dachte ich wenig darüber nach. Ich erinnerte mich vielmehr daran, wie ich in Gedanken Norses Bericht über die Baglioni durchging, und merkwürdigerweise empfand ich, anstatt ihre Verbrechen zu verurteilen, einen gewissen Neid. Es waren die Tage, in denen das Leben wärmer glühte als jetzt, unter einem blaueren Himmel, prächtiger gekleidet; seine Kürze war reicher an Empfindungen; seine Lebendigkeit schärfte sich wie ein Blitzstrahl gegen den Schatten des Todes. Ich urteilte schlecht, wenn man das Urteilen nennen kann, was nur fantastischer Zauber war. Bevorstehende Ereignisse sollten mich eines Besseren belehren.

Zu dieser Zeit war die Nacht fast angebrochen, sodass ich vorsichtig durch den Stadtverkehr fuhr und schließlich gegen sechs Uhr auf die Straße gelangte, die nach Greyhouse führte. Bis zu diesem Punkt war mir ein- oder zweimal der Gedanke gekommen, dass die Bremsen nachgestellt werden müssten, aber der Mangel war so gering, dass er unbedeutend war. Von hier an gab es eine freie Chaussee von etwa acht Meilen hinauf auf das Plateau, auf dem das Haus lag. Sie wand sich in leichten Spiralen hinauf, und obwohl sie schmal war, war sie gut ausgebaut, sodass man auf diesem Teil der Strecke mit guter Geschwindigkeit fahren konnte. Ich schaltete daher meine Scheinwerfer ein und gab Gas.

Die Nacht war ruhig und still, bereits mit einer Ahnung von Sternen, und während ich dahinsauste, kam mir der Gedanke, dass unsere Zeit in diesem Aspekt der Romantik zumindest den Baglioni etwas voraushatte. In einer solchen Nacht, wie wären diese prächtigen Strolche unter italienischem Himmel dahingesaust; mit was für einem Fanfarenstoß von Hupen und Verachtung des Gesetzes! Wäre der Motor damals erfunden gewesen, welche Lust hätten sie daran gehabt! Es gab wenig Grund, sie um ihre Trottpferde auf einer solchen Straße und in einer solchen Nacht zu beneiden, wenn die Kraft von fünfzig Pferden unter mir erzitterte. Ich fuhr zwischen Erde und Sternen mit einem Tempo, das selbst ihre Falken hinter sich gelassen hätte.

Ich nahm die Kurven rechts und links kaum mit einer Verringerung der Geschwindigkeit, denn es war eine Straße, die ich inzwischen sehr gut kannte und die wenig befahren war. Den größten Teil des Weges gab es auf einer Seite einen steilen Abhang nach unten, der von einer Böschung abgeschlossen wurde, die einen Abfall von zwölf bis zwanzig Fuß bildete; aber es lag keine Gefahr darin, zumindest bei trockenem Wetter. Eine letzte Kurve weiter oben führte hinaus auf das Plateau, wo in leichter Entfernung die Bäume von Greyhouse zu sehen waren. Sie war jedoch weniger leicht zu bewältigen als die anderen, und hier, etwas verlangsamend, schwenkte ich nach rechts und riss am Lenkrad.

Es erklang ein leises Knacken, das Lenkrad drehte sich schlaff wie ein gebrochener Hals, und ohne seine Richtung zu ändern, steuerte das Auto geradewegs auf die Böschung zu. Ich warf die Bremsen ein; sie griffen nicht … Ich war bereits am Rand … kippte … kippte …

Und da fuhren mir, wie ein widerhakiger Blitz im Geist, Norses Worte durch den Kopf: unerwartete Dinge

Dahin!

Und im selben Moment warf ich mich frei vom Lenkrad und stürzte hinab.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert