Aus den Geheimakten des Welt-Detektivs – Band 13 – 7. Kapitel
Aus den Geheimakten des Weltdetektivs
Band 13
Das Spitzenkleid der Königin
7. Kapitel
Ein entlarvtes Gespenst
Die kleine Gesellschaft, welche Schloss Dumbarton verlassen hatte, um einen kleinen Ausflug nach den »Needles« zu unternehmen, war bei den Kreidefelsen angekommen, die sich dicht am Meer erhoben. Cora Dessalines und Violet waren vorausgegangen, ihnen folgten die Zofe und der Kammerdiener des Lords, der alte Carey. Dieser war allerdings ein recht schlechter Gesellschafter für die Zofe, denn sie konnte während des ganzen Weges nicht ein Wort aus ihm herausbringen, und sie verwünschte wohl tausendmal den alten Brummbären.
»Ach, hier ist es herrlich!«, rief jetzt Cora Dessalines aus, als sie auf einem Wiesenplan angekommen waren, der mitten zwischen den Felsen lag. »Das ist ja ein Wunder der Natur! Ach, und diese wundervolle Aussicht aufs Meer!«
Violet hatte sich vorgenommen, Cora gegenüber freundlich zu sein. Sie dachte an das Versprechen, das sie ihrem Vater beim Abschied gegeben hatte, und sie besaß nun einmal eine Natur, die sich zu überwinden vermochte.
»Schnell, den Ball und die Schläger heraus!«, rief Cora. »Hier wollen wir Ballschlagen spielen – ich wette, Miss Violet, ich übertreffe Sie darin an Geschicklichkeit und Ausdauer.«
»Das ist wohl sehr leicht möglich«, antwortete Violet, »denn ich habe niemals eine rechte Freude am Spiel gehabt.«
»Wie? So jung und keine Freude am Spiel? Doch – jetzt soll alles anders werden, da ich auf Schloss Dumbarton bin. Geben Sie nur acht, kleine Violet, Sie werden das Lachen noch erlernen.«
Emmy, die Zofe, packte die Bälle aus, und auf Befehl Coras musste sie sich, ebenso wie der alte Carey, sogar am Spiel beteiligen. Die Spielerinnen, die Netzschläger in der Hand, stellten sich nun einander gegenüber auf, und Cora Dessalines verkündete die Regeln.
»Worauf ich ausdrücklich aufmerksam mache«, rief sie schließlich: »Jeder muss den Ball, der ihm gehört, oder vielmehr den Ball, der ihm zugeworfen wird, selbst holen. In dieser Beziehung, kleine Violet, gibt es nun einmal keinen Unterschied. Es gibt hier keinen Unterschied zwischen uns und den Dienern. Das ist eben die Schönheit des Spiels, dass man seinen Körper selbst in Bewegung setzen muss.«
»Ich hätte es auch niemals geduldet«, antwortete Violet, »dass mein lieber alter Carey sich für mich bückt.«
»Also, beginnen Sie nur – da, Violet, da haben Sie den Ball!«
Das Spiel nahm seinen Anfang. Die Bälle flogen hin und her, sie wurden von den Gegnern mit größerer oder geringerer Geschicklichkeit abgeschlagen, und die fröhlichen Stimmen der Spielenden wurden nur vom Rauschen des Meeres übertönt, das sich am Fuße der Kreidefelsen brach.
»Parieren Sie den Ball, wenn Sie können, Miss Violet!«, rief Cora plötzlich. Dabei versetzte sie dem Ball mit ihrem Netzschläger einen so gewaltigen Schlag, dass er über Violets Kopf dahinsauste und sich hinter dem Felsen verlor, der auf der einen Seite den Wiesenplan begrenzte.
Sogleich wollte sich Carey aufmachen, um den Ball, der offenbar sehr weit geflogen war, herbeizuholen. Aber Violet rief ihm zu: »Du bleibst hier, Alter! Erstens wäre dieser steile Felsen, über den du mit deinen alten Beinen hinwegklettern müsstest, viel zu hoch für dich, was ich nicht von dir verlangen kann. Und zweitens – haben wir denn nicht ausdrücklich ausgemacht, dass jeder seinen Ball selbst holen muss?«
Nach diesen Worten machte sich Violet sogleich auf den Weg und eilte den Felsen empor.
»Halten Sie ein, Violet!«, rief Cora ihr in diesem Augenblick nach. »Emmy soll Sie begleiten!«
»Nein, nein, ich gehe schon ganz allein«, rief das liebliche junge Mädchen, das bereits die Spitze des Felsens erklommen hatte und nun mit dem Abstieg begann. »Ah, hier ist es aber schön! Das weite Meer liegt vor mir ausgebreitet«, rief sie in hellem Entzücken. »Aber gleich, gleich bin ich wieder bei euch, und dann will ich Ihnen den Wurf vergelten, Mademoiselle Cora!«
Das helle Sommerkleid Violets flatterte jetzt hinter dem Felsen. Das Kind stieg in die Tiefe hinab, die sich wie eine Schlucht vor ihr auftat. Dort sah sie endlich den Ball am Fuße eines mächtigen Steinblocks, der sich bis zum Meer hinzog. Nur noch wenige Schritte von dem schaumigen Wasser entfernt, das sich beständig über den Strand ergoss, lag der grün-rote Ball, von der untergehenden Sonne beleuchtet.
»Ich habe ihn, ich habe ihn!«, rief Violet voller Freude. Schnell eilte sie hinunter. Schon hatte sie den Ball erreicht und streckte die Hand nach ihm aus, da …
Hinter dem Felsen sprang eine geschmeidige Gestalt hervor. Zwei Hände, wie die Krallen eines gierigen Raubtieres gekrümmt, packten Violet im Genick, warfen sie zu Boden und zerrten sie dem Meer zu. Violet war sofort bewusstlos geworden. Das Entsetzen hatte ihr die Sinne geraubt, und es war dem Mörder – einem hageren jungen Mann mit rotem, aufgedrehtem Schnurrbart – leicht, sein Opfer bis zum Fuße des Felsens zu ziehen. Ein Stoß – Violet lag in den Wellen, die das holde Kind erfassten und mit sich fortrissen. Die Strömung wirbelte den jungen, zarten Körper des Mädchens um den Vorsprung des Felsens herum, und der Mörder sah sein Opfer mit der Flut verschwinden.
Aber im selben Moment, in dem Violets Körper jenseits des Felsens verschwand, schoss plötzlich ein kleines Boot hervor. Vier Hände streckten sich gleichzeitig aus, um die Tochter Lord Haralds zu erreichen und zu bergen. Eine halbe Minute später lag Violet schon in dem kleinen Fahrzeug, und ein Mann mit einem ernsten, hageren Gesicht neigte sich tief bekümmert über sie.
»Beinahe wären wir zu spät gekommen, Harry«, sagte Sherlock Holmes zu seinem Gehilfen, denn er und Harry waren die beiden Männer im Fahrzeug. »Aber Gott sei Dank, sie lebt – sie atmet – wir werden sie retten.«
Sherlock Holmes begann nun sogleich, durch passive Bewegungen, die er mit der Halbvertrunkenen anstellte, das Wasser aus dem Leib des Kindes zu pumpen. Während das Boot schnell am Strand dahinglitt, wurde Violets Zustand immer erfreulicher und aussichtsreicher, und nach etwa zehn Minuten rief der Detektiv: »Sie ist gerettet!«
»Bringen wir sie sogleich zu ihrem Vater nach Schloss Dumbarton zurück?«, fragte Harry Taron.
»Nein, mein Junge. So leid es mir tut, muss ich dem Lord doch einen Schmerz antun, indem wir ihn glauben machen, dass er seine Tochter verloren hat. Wir fahren jetzt zu unserer Abfahrtsstelle zurück und bringen das holde Kind, ohne dass es jemand bemerkt, in unser Zimmer im Dorfwirtshaus von Dumbarton.«
»Sie schläft«, murmelte Sherlock Holmes. Dann beugte er sich wieder über Violet und rief empört: »Welche beispiellose Bestialität gehört dazu, sich an einem solchen unschuldigen Kind zu vergreifen! Aber wartet – wartet nur!« Drohend streckte der Detektiv seine geballte Hand aus und schüttelte sie in Richtung des Kreidefelsens, an dessen Fuß das Verbrechen geschehen war.
Wir wollen den verehrten Lesern den entsetzlichen Schmerz Lord Harald Dumbartons nicht schildern. Wir wollen jene schreckliche Nacht nicht beschreiben, die dem spurlosen Verschwinden Violets folgte. Wir wollen nicht ausführlich erzählen, wie der Lord selbst an der Spitze einer ganzen Armee von Fischern den Strand absuchte und wie er das Wasser mit Sperrnetzen durchfischen ließ, um wenigstens die Leiche Violets dem Meer zu entreißen. Denn das war ja leider nur zu klar und konnte keine Minute lang in Abrede gestellt werden: Violet war beim Versuch, den Ball vom Felsen zu holen, abgestürzt und im Meer ertrunken. Cora Dessalines bestätigte es, ebenso die Zofe und auch der alte Kammerdiener Carey – und dieses Zeugnis war dem Lord am wichtigsten.
Kaum waren zwei Tage seit dem schrecklichen Ereignis vergangen, da saß Lord Harald Dumbarton in seinem Schloss – ein gebrochener, von Schmerz und Verzweiflung zerrissener Mann. Da klopfte es leise an der Tür seines Arbeitszimmers. Ehe der Lord noch rufen konnte, man möge ihn allein lassen, da er niemanden sehen wolle, wurde die Tür schnell geöffnet und eine hagere, schlanke Gestalt schlüpfte herein.
Lord Harald schnellte von seinem Sessel empor. Er blickte den ihm gegenüberstehenden Mann, der ein glattrasiertes, intelligentes Gesicht besaß, aus weit geöffneten Augen an.
»Ich kenne Sie – ich sollte Sie kennen!«, rang es sich über seine Lippen. »Barmherziger Gott, was wollen Sie denn bei mir, Sherlock Holmes?«
»Ich will Ihnen die Ruhe Ihrer Seele wiedergeben«, antwortete der berühmte Detektiv leise. »Ich schwöre Ihnen, Mylord, vertrauen Sie sich mir für die bevorstehende Nacht an, und Sie sollen morgen früh nicht mehr unglücklich sein.«
»Ich – dem der Himmel das Letzte entrissen hat, an dem noch sein Herz hing – wie sollte ich denn noch auf dieser Welt glücklich werden?«, fragte der Lord.
»Mylord, Ihr Kind lebt! Ich schwöre es Ihnen«, fuhr Sherlock Holmes in gesteigerter Erregung fort.
Lord Harald wankte, aber Mr. Holmes fing ihn in seinen Armen auf, drückte ihn an seine Brust und flüsterte ihm mit leiser Stimme etwas ins Ohr. Diese Worte wirkten auf den Lord wie eine stärkende Medizin. Er ergriff plötzlich die Hände des Detektivs, umfasste sie mit zitterndem Druck und rief: »Schwören Sie mir, dass Sie soeben die Wahrheit gesprochen haben, Sherlock Holmes?«
»Ich schwöre es bei Gott dem Allmächtigen, der jetzt auf uns beide herabschaut!«, versetzte Holmes.
»O dann – dann lassen Sie mich meine Violet wiedersehen! Sie lebt – aber ist sie gewiss tödlich erkrankt?«
»Nichts von alledem«, versetzte der Detektiv ruhig. »Sie lebt und ist vollkommen gesund. Morgen früh wird Violet in Ihren Armen liegen, Mylord – vielleicht auch schon im Laufe dieser Nacht. Aber hören Sie mich an: Ich stelle eine Bedingung, die vorher von Ihnen erfüllt werden muss.«
»Und diese Bedingung?«
»Sie treten jetzt vor Cora Dessalines und teilen ihr mit, dass Sie die heutige Nacht in der Halle verbringen werden, in der der Sarg Ihrer ersten Gattin gestanden hat. Sagen Sie ihr, Sie wollen den Geist Ihrer Gattin bitten, Ihnen zu erscheinen und Ihnen Trost zuzusprechen.«
»Gut – aber und dann?«
»Dann leihen Sie mir Ihren Anzug und lassen mich an Ihrer Stelle Wache halten. Das ist alles, was ich von Ihnen verlange.«
»Ich begreife nicht, worauf Sie hinauswollen, Mr. Holmes«, versetzte der Lord, »aber ich willige ein.«
»Und Sie geben mir Ihr Wort als Edelmann, dass Sie Cora Dessalines nichts von unserer jetzigen Unterredung sagen?«
»Ich schwöre es Ihnen, Mr. Holmes. Aber mein Gott, ich vermag dies alles nicht zu begreifen und zu durchschauen!«
*
In die große Halle des Schlosses Dumbarton floss das Mondlicht durch die halb verhängten Fenster verstohlen hinein. Die weißen Säulen, welche die Decke des Saales trugen, schimmerten im blauweißen Licht gespenstisch. An einem Tisch saß ein Mann über ein Buch geneigt, das Haupt in die Hände gestützt. Es musste wohl ein sehr interessantes Werk sein, in dem dieser nächtliche Leser studierte, denn er hob den Kopf nicht einen Moment empor. Ja, es war, als gäbe er sich große Mühe, sein Gesicht in den Blättern des Buches zu verbergen.
Über seinem Haupt donnerte eben ein mächtiger Schlag, dann ein zweiter, ein dritter, bis zwölf Schläge verhallt waren. Die Turmuhr von Dumbarton hatte Mitternacht verkündet.
Da plötzlich – ein seltsames Geräusch hinter der Säule, die sich in der Nähe des Kamins befand. Ein blendendes Licht überflutete den Estrich des Saales, wie aus der Tiefe stieg eine weiße Gestalt empor – sie huschte um die Säule herum – ha, eine Frau in einem Spitzenkleid, das Antlitz zum Teil hinter einem feinen Schleier verborgen!
Der Mann am Tisch schrie auf, glitt vom Sessel herunter und fiel auf die Knie.
»Kennst du mich, Harald?«, ertönte in diesem Moment eine heisere, flüsternde Stimme durch den Raum. »Ich bin Maria, deine Frau.«
»Maria, meine geliebte Frau!«, schluchzte der Mann auf den Knien und verhüllte das Gesicht mit den Händen.
»Deine Frau, die noch einmal dem Grab entstiegen ist, um dich zu trösten. Violet, unser Kind, ist bei mir, es ist emporgestiegen zu den Füßen Gottes – weine nicht mehr um sie. Am treuen Herzen Coras suche Trost! Eile, deine Vermählung mit ihr zu vollziehen, und dann …«
Der Geist schrie plötzlich auf, denn noch ein zweiter Mann war hinter dem Tisch aus dem Dunkel blitzschnell emporgefahren. Er hatte einen Revolver, der neben dem Buch lag, an sich gerissen und richtete nun die Mündung auf die gespenstische Erscheinung im Spitzenkleid.
»Um Gottes Willen, schießen Sie nicht!«, rief Lord Dumbarton und fiel Sherlock Holmes in den erhobenen Arm. »Es ist meine Frau – es ist Maria! Sie ist aus ihrem Grab auferstanden und will in meine Arme eilen!«
»Steh!«, donnerte der Detektiv. »Steh, oder ich schieße dich nieder! Es gelüstet mich, dir ins Gesicht zu sehen – Sherlock Holmes glaubt nicht an Geister und Gespenster!«
Ein Schrei des Entsetzens ertönte. Die Frau im Spitzenkleid wollte entfliehen, aber schon hatte Sherlock Holmes sich auf sie gestürzt, sie am Hals gepackt und zu Boden geworfen.
»Herbei, Lord Harald!«, rief nun der Detektiv. »Überzeugen Sie sich mit eigenen Augen von dem ungeheuren Frevel, den man an Ihnen verübt hat!«
In demselben Moment zog Sherlock Holmes der sich wütend sträubenden Person den Schleier vom Kopf, und die vor Angst und Wut verzerrten Züge Coras wurden sichtbar. Die Verbrecherin wurde sogleich gebunden.
»Und nun werde ich daran gehen, die Helfershelfer dieser Elenden zu verhaften«, sagte Mr. Holmes.
»Ich verstehe Sie nicht, Mr. Holmes«, erwiderte der Lord erstaunt.
»Ich will Ihnen meine seltsame Bitte erklären«, gab Mr. Holmes zur Antwort. Er legte bei diesen Worten keinen Wert darauf, dass die am Boden liegende, gefesselte Cora jedes seiner Worte hörte. »Ich will mir nämlich einen Spaß mit der Mutter dieser Dame und ihrem Bruder machen. Denn diese beiden Personen waren es, welche die Komödie mit der gespenstischen Erscheinung ins Werk gesetzt haben. Nun bin ich sehr neugierig zu sehen, wie sie sich selbst einer gespenstischen Erscheinung gegenüber verhalten werden.«
»Ah, Sie wollen sie erschrecken?«
»Ich will sie durch einen großen Schreck zum freiwilligen Geständnis bringen«, versetzte Sherlock Holmes. »Und Sie würden mir nun einen ganz besonderen Gefallen tun, Mylord, wenn Sie die Güte hätten, mich jetzt zu begleiten. Ich verspreche Ihnen auch, dass die Verhaftung dieser würdigen Dame und ihres Herrn Sohnes gewissermaßen nur ein kleiner Abstecher sein soll und dass ich Sie dann sogleich zu Ihrer lieben kleinen Tochter, der holden Violet, führen werde.«
»Und werde ich meine geliebte Violet gesund und munter wiederfinden?«, fragte der Lord angstvoll. »Ist meinem holden Kind auch wirklich nichts geschehen? Mr. Holmes, sagen Sie mir die volle Wahrheit, denn es wäre schrecklich, wenn ich in dieser Beziehung eine Enttäuschung erleben müsste!«
»Sie können diesbezüglich ganz unbesorgt sein, Mylord«, gab Sherlock Holmes zur Antwort. »Ihr liebes Töchterchen ist vollkommen gesund und munter wie ein Fisch im Wasser. Im Grunde genommen ist ihr ja gar nichts geschehen. Dieser Flegel von einem Franzosen hat sie nur ein wenig gewürgt und dann ins Meer gestoßen. Aber Harry Taron, mein Gefährte, und ich lagen schon seit längerer Zeit in einem Boot auf dem Meer und haben die kleine Violet sogleich wieder herausgefischt. Sie war bewusstlos geworden, kam aber schnell wieder zu sich und verlangte sofort, ihren Papa zu sprechen. Diesen Wunsch konnte ich ihr allerdings nicht sogleich erfüllen, weil diejenigen, die dem Kind nach dem Leben getrachtet hatten, es für tot halten sollten. Ahnte ich doch, dass sie dann wieder die gespenstische Erscheinung ins Werk setzen würden, um Ihnen, Mylord, ans Herz zu legen, Cora so schnell wie möglich zu Ihrer Gemahlin zu machen.«
»O, welcher großen Gefahr bin ich da entgangen!«, rief Lord Dumbarton. »Mr. Holmes, ich weiß wirklich nicht, wie ich Ihnen für diese Tat danken soll.«
»Nun – erlauben Sie mir denn vor allen Dingen, dieser Elenden da das Spitzenkleid auszuziehen, das im Übrigen keine Minute länger an diesem verbrecherischen Leib bleiben soll. Höre, schöne Cora – sträube dich nicht länger, reizende Chansonette von Piccadillys Music Hall! Statt dieses Seidenkleides wirst du jetzt leider ein anderes Kleid anlegen müssen, das zwar nur aus grober Leinwand gearbeitet ist, dich dafür aber mehrere Jahre schmücken wird – das Sträflingskleid des Zuchthauses.«
Cora knirschte vor Wut mit den Zähnen, als Sherlock Holmes ihr das Kleid auszog; aber ihre ganze Wut war ohnmächtig – sie war gefesselt, sie war gefangen.
Bevor Sherlock Holmes, der Lord und Harry Taron das Schloss Dumbarton verließen, schärfte der Detektiv den Dienern ein, Cora gut zu bewachen, sie nicht aus den Augen zu lassen und jeden etwaigen Fluchtversuch der Verbrecherin zu verhindern. Er konnte sich in dieser Beziehung auf den alten Carey vollständig verlassen, denn der treue Diener seines Herrn hasste die Abenteurerin und freute sich nicht wenig darüber, dass es mit ihr so schnell ein Ende genommen hatte.
»Und nun erklären Sie mir alles, Mr. Holmes«, sagte Lord Dumbarton, indem er, in einen langen Mantel gehüllt, mit Harry Taron und Sherlock Holmes über die Isle of Wight dahinschritt, »denn es gibt in dieser ganzen Angelegenheit noch sehr viel, was mir vollständig unerklärlich erscheint.«
»Auch ich kann vorerst nur vermuten«, versetzte Mr. Holmes, »aber ich denke, meine Vermutungen sind vollkommen richtig. Als damals Ihre sterbende Gemahlin, Lady Maria Dumbarton, Ihnen in ihrer Todesstunde sagte, sie werde aus dem Reich der Geister wiederkehren, um Ihnen diejenige zu bezeichnen, die Sie später Violet zur Mutter geben sollten – da wurde dieses Gespräch belauscht. Madame Fadinard, die damalige Gesellschafterin Ihrer Gattin, stand an der Tür des Zimmers und sie muss wirklich sehr feine Ohren gehabt haben, denn sie hatte Wort für Wort von dem gehört, was die Sterbende Ihnen anvertraute. Weshalb haben Sie Madame Fadinard denn später aus Ihren Diensten entlassen, Mylord? Denn wie ich Sie kenne«, fuhr Mr. Holmes fort, »sind Sie nicht der Mann, eine Person, die Ihrer Gemahlin so nahestand, einfach auf und davon zu jagen.«
»Ich war leider zu meinem Leidwesen dazu gezwungen«, versetzte Lord Dumbarton. »Nach dem Tod meiner teuren Gemahlin hatte ich das ganze Hauswesen unter die Obhut von Madame Fadinard gestellt. Bald darauf machte mich aber Carey darauf aufmerksam, dass die Französin fleißig in die eigene Tasche arbeitete und sich zu bereichern suchte. Das hätte ich noch hingenommen. Er bewies mir aber auch, dass gewisse, mir sehr teure Gegenstände spurlos aus dem Schloss verschwunden waren und dass niemand sonst im Schloss als Madame Fadinard sie beiseitegebracht haben konnte.«
»Mit einem Wort: Sie hat gestohlen wie eine Elster«, merkte Mr. Holmes mit einem Lächeln an.
»Ja, so ungefähr«, lautete die Antwort Dumbartons. »Ich habe später bei einem Trödler in London einige kostbare und sehr altertümliche Raritäten entdeckt, die von Madame Fadinard aus meinem Schloss gestohlen worden waren. Diese freche Person hatte alle diese Sachen zu einem wahrhaft lächerlichen Preis verkauft. Selbstverständlich war ich nun gezwungen, diese Dame zu entlassen. Ich habe sie dann aber auch nicht einfach aus dem Haus geworfen, obwohl sie diese Strafe vollauf verdient hätte, sondern habe ihr dennoch – in Erwägung dessen, dass sie meiner verstorbenen Gemahlin gute Dienste geleistet hatte – eine kleine Pension ausgesetzt.«
»Sie haben natürlich wieder einmal wie ein Gentleman gehandelt«, rief Sherlock Holmes, »und der Dank dieser Madame Fadinard für diese großmütige Behandlung bestand nun darin, dass sie auf verächtliche, verbrecherische Weise ihre Tochter zur Lady Dumbarton machen wollte! Eingedenk der letzten Worte der Lady Maria verschaffte sich Madame Fadinard vor allen Dingen ein passendes Spitzenkleid. Sie wusste, dass die Tote damit begraben worden war, und mit Hilfe ihres sauberen Sohnes drang sie in das Gewölbe der Gruft ein, um das Kleid zu stehlen. Sie beging dann hier den Leichenraub und begann ihre Gaukelei, welcher Sie, Mylord, in Ihrer Niedergeschlagenheit und Ihrer großen Liebe zu der Verstorbenen sehr leicht zugänglich waren.«
»Ich gestehe«, rief Lord Dumbarton, »ich habe mich schändlich täuschen lassen!«
»Und hier sind wir am Ziel«, versetzte Harry Taron, indem er auf ein einstöckiges Haus zeigte, das in einem belebteren Teil der Insel lag. »Hier wohnen natürlich Madame Fadinard und ihr Sohn Eugen unter falschen Namen.«
»Wem gehört denn dieses Haus?«
»Dem Kaufmann Brown«, sagte Sherlock Holmes, »einem sehr ehrenwerten Mann, der natürlich keine Ahnung hat, dass er ein sehr gefährliches Pariser Verbrechergesindel in seinem Hause beherbergt. Sie werden sein Erstaunen sehen, wenn ich ihm die Enthüllungen mache. Wir müssen jetzt aber vor allen Dingen Mr. Brown sprechen.«
Harry Taron wollte schnell die Glocke am Hause ziehen, aber Mr. Holmes hielt ihn rechtzeitig zurück. »Nein, nein, lieber Junge«, versetzte er, »alles muss lautlos vor sich gehen. Ich werde mich diesmal meines Nachschlüssels bedienen, damit wir ungesehen ins Haus hineinkommen. Wir müssen lautlos ins Haus zu gelangen trachten – ah, die Haustür öffnet sich schon – und da ist ja auch Mr. Brown.«
In dem schlecht erleuchteten Hausflur stand ein rotblonder Mann, in einen langen Schlafrock gehüllt, mit Pantoffeln an den Füßen. Er blickte nicht wenig erstaunt auf die Eindringlinge und hatte nicht übel Lust, »Mörder! Räuber! Einbrecher!« zu schreien. Aber Mr. Holmes fasste sich schnell, trat an ihn heran und flüsterte ihm mit gedämpfter Stimme ins Ohr: »Ich bin Detektiv Sherlock Holmes aus London. Dieser Herr, der mich begleitet, dürfte Ihnen bekannt sein – es ist Lord Dumbarton.«
»Ah, welche große Ehre für mein Haus!«, versetzte Mr. Brown, indem er sich tief verneigte. »Gewiss kenne ich Seine Herrlichkeit! Aber was bedeutet das alles, dass Sie zur Nachtzeit in mein Haus kommen, meine Herren? Bitte, wollen Sie nicht hereinkommen?«
»Ganz recht«, meinte der Detektiv. »Bitte führen Sie uns in ein Zimmer, in dem wir vollkommen ungestört sprechen können.«
»Ich möchte Sie gern in das beste Zimmer meines Hauses geleiten, Mylord«, versetzte Mr. Brown zu Lord Dumbarton, »leider habe ich dieses Zimmer aber vermietet. Es sind sehr ehrenwerte Leute aus Paris – eine Putzmacherin, Madame Lunette, und ihr Sohn, der leider sehr krank ist und sich hier auf der Insel Wight erholen soll.«
»Gerade dieser Leute wegen wollte ich Sie sprechen, Mr. Brown«, versetzte Mr. Holmes. »Erschrecken Sie nicht: Diese Leute sind sehr gefährliche Verbrecher.«
»Verbrecher? Unmöglich! Sie haben mir doch vier Wochen im Voraus bezahlt.«
»Das ist eben der sicherste Beweis, dass es Leute sind, die Wert darauf legen, keinen Verdacht zu erregen«, erwiderte Holmes lachend. »Und nun eine Frage, Mr. Brown: Gibt es eine Möglichkeit, unbeachtet in das Schlafzimmer der Französin einzutreten?«
»Nichts leichter als das«, erwiderte Mr. Brown. »Eine Wendeltreppe führt von hier unten nach oben, und durch eine Tapetentür kann man ganz ruhig in das Schlafzimmer schlüpfen.«
»Aber die beiden sind doch noch wach – ich habe vorhin noch Licht bei ihnen brennen sehen. Sie werden also die Güte haben, mich sogleich hinaufzuführen«, versetzte Holmes, »aber ich will vorher noch ein wenig Toilette machen.«
Mr. Holmes trat vor einen Spiegel, entledigte sich seines Rockes sowie seiner Weste und warf sich das Spitzenkleid um. Dann nahm er aus einem kleinen Etui, das er immer bei sich trug, einige Stangen Schminke und legte etwas Grau auf das Gesicht, sodass er ganz und gar das Aussehen eines Gespenstes erhielt.
»Jetzt bitte ich noch um eine Serviette«, sagte er zu Mr. Brown. Nachdem dieser ihm eine gebracht hatte, band er sie um den Kopf und knotete sie unter dem Kinn fest.
»Jetzt nur leise die Treppe hinauf«, befahl er, »und du, Harry, komm mit mir hinein. Nimm diesen kleinen Revolver zur Hand, ich weiß, du bist ein guter Schütze. In demselben Moment, in dem die Tür auffliegt, gibst du einen Schuss ab. Sorge dafür, dass nichts anderes getroffen wird als die Kerze oder die Lampe, die auf dem Tisch steht, damit es im Raum dunkel wird.«
»Ihr könnt Euch auf mich verlassen, Meister«, versetzte Harry Taron ruhig.
Jetzt ging es die Treppe hinauf. Ganz leise, sodass kein Laut zu hören war. Mr. Holmes hatte die Tapetentür erreicht.
»Ist sie verschlossen?«, fragte er Mr. Brown mit leiser Stimme.
»Nein, sie ist unverschlossen.«
»Harry, nun denn: an deinen Posten! Und nun in Gottes Namen – jetzt kann die Komödie losgehen.«
Holmes stieß die Tür auf. Im selben Moment krachte der Schuss – die Kerze erlosch. Der Mondschein floss durch das Fenster in das Gemach hinein.
*
Madame Fadinard und ihr sauberer Sohn hatten einander am Tisch gegenübergesessen und leise miteinander geflüstert, bevor sich die Tapetentür auf so seltsame Weise öffnete.
»Du bist also sicher«, fragte Eugen eben, »dass Lord Dumbarton Cora jetzt Hals über Kopf zu seiner Gattin machen wird?«
»Verlass dich darauf, mein lieber Junge«, versetzte Madame Fadinard. »Jetzt wird es uns endlich glücken. Der Tod des Kindes wird ihm vollends den letzten Rest Verstand rauben. Und wenn Cora heute noch einmal im Spitzenkleid vor ihm erscheint und noch einmal die Lady Maria spielt, dann –«
»Dann ist sie acht Tage später selbst Lady Dumbarton und wir haben die Taschen voll Geld!«
»Es wäre aber auch schon die höchste Zeit«, brummte Eugen. »Glaubst du denn, ich habe Lust, länger in diesem elenden Nest zu sitzen, wo man nicht einmal die Zeit ordentlich vertreiben kann? Ich will wieder nach Paris zurück. Ich will mich wieder einmal tüchtig amüsieren.«
»Wirst du, mein goldener Junge, wirst du alles«, tröstete ihn die Mutter. »Und fortan wirst du es nicht mehr nötig haben, dir durch Einbrüche dein Geld zu verdienen. Wer eine Schwester hat, die Lady Dumbarton geworden ist, der hat ausgesorgt.«
»Nun, hoffentlich wird Cora nicht knausern. Ich denke, eine Rente von 30 000 Franc kann sie mir leicht aussetzen«, fuhr Eugen fort. »Denn sollte sie sich etwa weigern, dann – habe ich sie in der Hand.«
»Wie meinst du das, Eugen?«
»Das ist doch ganz einfach: Wenn sie sich nicht mehr an die Dienste erinnern sollte, die ich ihr geleistet habe, dann werde ich Lord Dumbarton die Augen öffnen – und mit ihrer ganzen Herrlichkeit ist es schnell vorüber.«
»Ja, bist du denn wahnsinnig geworden?!«, rief die Alte entsetzt. »Du könntest an deiner eigenen Schwester zum Verräter werden? Übrigens sei unbesorgt, es wird dir niemals an Geld fehlen. Und was mich anbelangt, so werde ich bald wieder in das Schloss Dumbarton einziehen und drüben die erste Rolle spielen. Der alte Carey soll mir dann aus dem Haus – dieser alte Heuchler, dieser elende Schleicher, der mir damals so fest auf die Finger gesehen hat! Manches drüben wird anders werden, darauf verlass dich nur, mein lieber Junge.«
In diesem Moment öffnete sich die Tapetentür wie von einem Windstoß aufgesprengt, ein Schuss krachte und das Licht erlosch.
»Teufel, was war das?«, stieß Eugen hervor. »Mutter – Alte, wo bist du?«
»Hier«, flüsterte Madame Fadinard und drängte sich dicht an ihren Sohn, der von seinem Sessel aufgefahren war. »Ich bin zu Tode erschrocken und …«
»Barmherziger Gott, was ist das? Eugen, blicke dorthin – hinüber zum Kamin!«
Im nächsten Moment ertönte ein entsetzlicher Aufschrei und Eugen fiel auf die Knie. In seinem Sturz riss er die Alte mit sich. Die beiden Verbrecher blickten voll furchtbaren Entsetzens hinüber zum Kamin, an dem regungslos eine Gestalt lehnte, die das Spitzenkleid, dabei aber einen fürchterlichen Totenschädel trug.
»Kennt ihr mich?«, erklang es jetzt aus dem Mund des Gespenstes. »Sagt euch nicht euer Gewissen, wer ich bin? Ich bin Lady Maria Dumbarton!«
»Allmächtiger, steh mir bei!«, stöhnte Madame Fadinard. »Ein Geist – ein wirklicher Geist!«
»Ja, der Geist derjenigen, die ihr aus der Grabesruhe aufgestört, die ihr im Sarg beraubt habt, die ihr nicht ruhig schlafen ließet! Elende Leichenräuber, ich komme jetzt, euch euer Ende zu verkünden!«
Langsam bewegte sich die Gestalt auf die Entsetzten zu. Der Pariser Verbrecher, der sich vor der ganzen französischen Polizei nicht fürchtete, lag auf der Erde und schrie: »Gnade, Barmherzigkeit! Ich schwöre, ich will das Grabgewölbe der Dumbartons niemals wieder betreten, niemals wieder den Sarg anrühren!«
»Zu spät – jetzt sollst du deine Sünden büßen. Ich berühre dich mit meiner kalten Hand und du zerfällst zu Staub!«
Unter den weiten Spitzenärmeln streckte sich eine weiße Hand hervor und –
Im nächsten Moment fühlte Eugen die Mündung eines Revolvers an seiner Schläfe und eine ganz andere Stimme rief ihm zu: »Rühre dich nicht, Kanaille, oder ich schieße! Ich bin Sherlock Holmes und du bist mein Gefangener!«
Lord Dumbarton, gefolgt von Harry Taron und Mr. Brown, stürmte jetzt in das Zimmer hinein. Die beiden Verbrecher wurden ohne jeden Widerstand überwältigt und gefesselt. Noch in derselben Nacht brachte Sherlock Holmes sie in das Gefängnis der Insel Wight.
Indessen lag Violet in den Armen ihres überglücklichen Vaters, der sein Kind immer wieder an sich drückte und unter heißen Freudentränen ausrief: »Ich bin von dem schweren Bann, der auf mir lastete, befreit. Jetzt weiß ich, dass die liebe Tote ruhig in ihrem Grab schlummert und dass wir Lebenden uns selbst auf unseren schweren Wegen zurechtfinden müssen. Violet, niemals wird eine zweite Frau dieses Schloss mehr betreten. Wir beide sind einander genug, mein Kind.«
Und Violet schlang die Arme um den Vater und rief unter Freudentränen: »Jetzt erst, Vater, weiß ich, wie lieb ich dich habe!«
*
Die Verbrechergesellschaft, die es darauf abgesehen hatte, sich langsam, aber sicher des Schlosses Dumbarton und des ungeheuren Vermögens der Familie zu bemächtigen, wurde zu den schwersten Strafen verurteilt. Der Prozess legte alles offen.
Die Mutter Coras war keine andere als jene Madame Fadinard, die ehemals die Gesellschafterin Lady Marias gewesen war und die letzten Worte der Verstorbenen erlauscht hatte. Daraufhin hatte sie mit Hilfe ihres Sohnes – eines bekannten Pariser Verbrechers – den Plan geschmiedet, ihre Tochter zur Lady Dumbarton zu machen. Für diesen Einfall erhielt sie zehn Jahre Zuchthaus. Cora Dessalines wanderte ebenso lange hinter verschlossene Türen, und ihr Bruder Eugen wurde auf Lebenszeit nach Britisch-Guayana verbannt.
Lord Dumbarton aber vermochte Sherlock Holmes nicht genug zu danken für den unschätzbaren Dienst, den er ihm geleistet hatte.
Titel der nächsten Nummer (14):
Das Geheimnis der Goldgräberhütte

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