Archiv

Das Gespensterbuch – Zwölfte Geschichte – Teil 4

Das Gespensterbuch
Herausgegeben von Felix Schloemp
Mit einem Vorwort von Gustav Meyrink
München 1913

Nikolaus Gogol
Wij, der Fürst der Dämonen – Teil 4

Der Philosoph war allein. Erst gähnte er ein paarmal, dann streckte er sich, blies in beide Hände und sah sich endlich in der Kirche um. In der Mitte stand der schwarze Sarg. Vor den dunklen Heiligenbildern brannten Kerzen, aber das Licht erleuchtete nur den Altar und warf einen schwachen Schimmer bis in die Mitte der Kirche. Der hohe altertümliche Altar machte einen recht gebrechlichen Eindruck; das durchbrochene und vergoldete Schnitzwerk hatte nur noch an ganz vereinzelten Stellen seinen Glanz bewahrt, die Vergoldung war stellenweise abgebröckelt oder nachgedunkelt. Die Gesichter der Heiligen waren ganz schwarz und blickten sehr düster und ernst aus den Rahmen. Der Philosoph sah sich noch einmal um.

»Nun«, sagte er, »wovor hätte ich mich hier zu fürchten? Kein Mensch kann herein, und gegen Tote und Gespenster aus der anderen Welt habe ich meine Gebete; wenn ich die hersage, wird kein Geist es wagen, mich auch nur mit einem Finger zu berühren. Ach was«, fügte er resigniert hinzu, »also fangen wir an zu lesen.«

Als er in die Nähe des Chors kam, erblickte er einige Bündel Kerzen.

Das ist ausgezeichnet, dachte der Philosoph, ich werde die ganze Kirche taghell erleuchten! Schade nur, dass man hier im Gotteshaus keine Pfeife rauchen darf!

Und er fing an, jedes Gesims, jedes Lesepult und jedes Heiligenbild mit Kerzen zu versehen; er sparte nicht mit ihnen, und bald war die ganze Kirche von Licht erfüllt. Nur oben schien die Dunkelheit noch größer geworden zu sein, und die düsteren Heiligen schauten noch finsterer aus ihren altmodischen, geschnitzten Rahmen, deren Vergoldung hier und da aufblitzte.

Er näherte sich dem Sarg und blickte verstohlen der Toten ins Antlitz – ein leichtes Frösteln durchlief seine Glieder. Er musste die Augen schließen vor dieser dämonisch strahlenden Schönheit.

Er wandte sich ab und wollte gehen; aber infolge einer seltsamen Neugierde, die den Menschen besonders in Augenblicken der Angst zu quälen pflegt, konnte er es nicht unterlassen, im Fortgehen noch einen Blick auf die Tote zu werfen, als derselbe Schauder ihn durchrieselte, sie noch einmal anzusehen.

Und in der Tat, die grausame Schönheit der Verstorbenen erschien ihm schrecklich. Vielleicht hätte sie diese lähmende Furcht nicht hervorgerufen, wenn sie weniger schön gewesen wäre. In den Zügen war nichts Schlaffes, Trübes, Erstarrtes; es war dem Philosophen, als ob ihn die Tote trotz ihrer geschlossenen Augen ansähe. Es schien ihm, als ob eine Träne zwischen den Wimpern des rechten Auges hervorquelle. Als sie über die Wange rollte, sah er deutlich, dass es ein Blutstropfen war.

Er trat schnell zum Chor, schlug das Buch auf und begann, um sich Mut zu machen, so laut als möglich zu lesen. Seine Stimme schlug gegen die längst verstummten, tauben Holzwände, aber sein voller Bass fand in der Totenstille kein Echo und erschien dem Leser rau und fremd.

Wovor soll ich mich fürchten, dachte er sich, sie wird doch nicht aus dem Sarg aufstehen! Sie wird doch Angst vor dem Wort Gottes haben! Sie soll ruhig liegen bleiben! Was wäre ich für ein Kosak, wenn ich Furcht hätte? Sicher, ich habe ein wenig zu viel getrunken, daher ist es mir so unheimlich. Ich will jetzt eine Prise nehmen. Hm, ein feiner Tabak! Ein herrlicher Tabak!

Allein, während er die Seiten umblätterte, schielte er immer wieder nach dem Sarg, und ein unabweisbares Gefühl flüsterte ihm ins Ohr: »Jetzt wird sie gleich aufstehen. Da – jetzt erhebt sie sich. Jetzt sieht sie hierher!«

Aber nichts störte die Totenstille, der Sarg stand unbeweglich da, und die Kerzen strömten ein ganzes Meer von Licht aus. Wie schrecklich ist doch eine hellerleuchtete Kirche – nachts, wenn sie einen Leichnam beherbergt, und keine Menschenseele in ihr ist!

Er erhob seine Stimme und begann in den verschiedensten Tonarten zu singen, um den Rest von Angst in seiner Seele zu betäuben. Aber immer wieder wanderten seine Blicke zum Sarg, als ob sie unwillkürlich fragen wollten: »Und was wird geschehen, wenn sie sich plötzlich erhebt und aus dem Sarg steigt?«

Allein der Sarg rührte sich nicht. Wenn auch nur das kleinste Geräusch zu hören gewesen wäre! Wenn nur ein lebendes Wesen einen Laut von sich gegeben hätte! Aber nicht einmal ein Heimchen machte sich im Winkel bemerkbar. Nur dann und wann hörte man das schwache Knistern einer entfernten Kerze, oder den leicht aufklopfenden Ton eines zu Boden fallenden Wachströpfchens.

»Als ob sie aufstünde!«

Sie erhob den Kopf …

Er schaute wild um sich und rieb sich die Augen. Wahrhaftig, sie lag nicht mehr, sie saß aufrecht im Sarg. Er wandte den Blick ab, aber im nächsten Moment sah er wieder mit Schrecken nach dem Sarg. Sie war aufgestanden – und ging mit geschlossenen Augen durch die Kirche … immer wieder breitete sie die Arme aus, als wolle sie jemanden umschlingen!

Nun kam sie direkt auf ihn zu. In seiner Todesangst beschrieb er einen Kreis um sich und betete aus Leibeskräften. Er sagte alle Beschwörungen her, die ihn ein Mönch gelehrt, welcher sein ganzes Leben lang mit Hexen und bösen Geistern zu tun gehabt hatte.

Dicht vor dem Kreis blieb sie stehen. Man sah, sie hatte nicht die Macht, ihn zu überschreiten und wurde ganz blau wie ein Mensch, der schon vor mehreren Tagen gestorben ist. Choma hatte nicht den Mut, sie anzusehen, sie war zu schrecklich. Ihre Zähne schlugen aufeinander, und sie öffnete ihre toten Augen, aber sie vermochte nichts zu sehen. Voller Wut – die sich deutlich in ihrem verzerrten Gesicht widerspiegelte – wandte sie sich zur anderen Seite und umschlang mit ihren ausgebreiteten Armen jeden Pfeiler, und betastete jede Ecke: Sie wollte Choma fangen. Endlich blieb sie stehen, drohte mit dem Finger und legte sich wieder in ihren Sarg.

Der Philosoph konnte nicht gleich wieder zu sich kommen und blickte voller Furcht auf die enge Behausung der Hexe. Da aber riss sich der Sarg plötzlich mit einem Ruck los und begann mit furchtbarem Pfeifen durch die Kirche zu fliegen, wobei er die Luft nach allen Richtungen kreuzte. Der Philosoph sah ihn einen Augenblick dicht über seinem Kopf, aber er bemerkte wohl, dass er den von ihm beschriebenen Kreis nicht zu berühren vermochte, und verstärkte seine Beschwörungen. Der Sarg stürzte mitten in der Kirche wieder herab und blieb unbeweglich liegen. Wieder erhob sich der Leichnam, der nun ganz blau und grün aussah.

Da ertönte der ferne Ruf eines Hahnes; der Leichnam sank in den Sarg zurück, und der Deckel fiel krachend zu.

Dem Philosophen klopfte das Herz zum Zerspringen. Er war ganz in Schweiß gebadet, aber durch den Hahnenschrei ermutigt, fing er an, schneller zu lesen, bis er sein Pensum Seite für Seite vollendet hatte. Beim ersten Morgenrot lösten ihn der Vorsänger und der alte Jawtuch, der damals das Amt eines Kirchenvorstehers bekleidete, ab.

Nachdem der Philosoph sein fernes Lager erreicht hatte, konnte er noch lange nicht einschlafen. Endlich aber siegte die Müdigkeit, und er schlummerte bis zum Mittag. Als er erwachte, glaubte er das ganze nächtliche Abenteuer geträumt zu haben. Man gab ihm einen Quart Schnaps zur Stärkung. Beim Essen ermunterte er sich vollkommen, flocht ein paar Bemerkungen in die Unterhaltung ein und aß beinahe allein ein ziemlich ausgewachsenes Ferkel auf.

Aber ein unerklärliches Gefühl hielt ihn ab, von den Ereignissen in der Kirche zu sprechen, und er antwortete auf alle neugierigen Fragen: »Ja, es gab dort mancherlei Wunderbares.«

Der Philosoph gehörte zu den Menschen, welche sehr leutselig werden, wenn man ihnen gut zu essen gibt. Er lag, mit der Pfeife zwischen den Zähnen, auf der Bank, sah alle mit freundlichen Blicken an und spuckte unaufhörlich aus.

Nach dem Essen befand sich der Philosoph in der besten Laune. Er fand Zeit, durch das ganze Dorf zu spazieren und schloss fast mit allen Bekanntschaft; aus zwei Hütten wurde er sogar herausgeworfen, und eine hübsche junge Frau versetzte ihm einen Schlag mit der Schaufel, als er in seiner Neugierde nachprüfen wollte, aus was für einem Stoff ihr Hemd und ihr Rock genäht wären.

Aber je näher der Abend heranrückte, um so nachdenklicher wurde der Philosoph. Eine Stunde vor dem Abendbrot versammelte sich fast das ganze Gesinde, um Grütze oder Klötzchen zu spielen, eine Art Kegelspiel, bei dem man statt der Kugeln lange Stöcke benutzt, und wo der Gewinner dann das Recht hat, auf dem Rücken seines Partners herumzureiten. Dieses Spiel hatte für den Zuschauer etwas äußerst Interessantes: Oft stieg der Pferdehirt, ein breitschulteriger Kerl, der aufgeschwemmt war wie ein Pfannkuchen, auf den Rücken des Schweinehirten, eines elenden, ganz runzeligen Männchens. Ein anderes Mal musste der Pferdeknecht seinen Rücken darbieten, und Dorosch sagte jedes Mal, wenn er ihn bestieg: »Das ist ein kräftiger Stier.«

Die solideren Leute saßen an der Küchenschwelle, rauchten ihre Pfeifen und blieben immer ernst, auch wenn die Jungen sich über einen Witz des Pferdeknechts oder Spirids vor Lachen ausschütten wollten.

Choma machte vergeblich den Versuch, am Spiel teilzunehmen; ein finsterer Gedanke saß ihm wie ein Nagel im Kopf. Beim Abendbrot gab er sich die größte Mühe, munter zu sein, aber seine Angst stieg in dem Maße, als die nächtliche Dämmerung den Himmel überzog.

»Nun wird es auch Zeit für uns, Herr Seminarist«, sagte der uns bekannte alte Kosak, indem er zugleich mit Dorosch aufstand, »komm, gehen wir an die Arbeit!«

Man führte Choma wie am vorigen Abend in die Kirche und wieder ließ man ihn allein; da stieg die Angst aufs Neue in ihm auf. Wieder sah er die düsteren Heiligenbilder, die glänzenden Rahmen und den bekannten schwarzen Sarg, der in drohender Stille unbeweglich in der Mitte der Kirche stand.

»Nun, all diese Zaubereien sind mir ja jetzt nichts Neues mehr«, sagte er, »das ist nur zum ersten Mal so schrecklich. Ja, das erste Mal ist es etwas peinlich, – aber später ist es schon nicht mehr so schlimm, dann ist es gar nicht mehr schrecklich.«

Eilig betrat er den Chor, beschrieb einen Kreis um sich, sagte einige Beschwörungen her und begann laut zu lesen, fest entschlossen, die Augen nicht vom Buch zu erheben und auf nichts zu achten. Er mochte etwa eine Stunde gelesen haben und begann schon müde zu werden und dann und wann zu husten. Er nahm daher seine Tabakdose aus der Tasche; ehe er jedoch eine Prise nahm, schielte er scheu zum Sarg. Sein Herz erstarrte.

Die Tote stand vor ihm, dicht vor dem Kreis und bohrte ihre erloschenen grünen Augen in die seinen. Der Seminarist erbebte, Eiseskälte durchrieselte seinen ganzen Körper. Er heftete seine Blicke auf das Buch und begann seine Gebete und Beschwörungen lauter herzusagen; hierbei hörte er, wie die Tote mit den Zähnen klapperte, und fühlte, wie sie ihre Arme ausbreitete, um ihn zu umschlingen. Er schielte mit einem Auge nach der Toten hin, und sah, dass diese nicht dahin griff, wo er stand – es war also klar, dass sie ihn nicht sehen konnte. Sie begann dumpf zu murren und sprach mit erstorbenen Lippen drohende Worte, die heiß aufzischten wie das Brodeln kochenden Peches. Er hätte nicht sagen können, was diese Worte zu bedeuten hatten, aber sie mussten etwas ganz Schreckliches enthalten. In seiner Todesangst begriff jedoch der Philosoph, dass es Beschwörungen waren. Nach ihren Worten erhob sich ein Sturm in der Kirche, ein Lärm wie von unzähligen Flügeln, die durch die Luft rauschten. Er hörte, wie die Flügel gegen die Fensterscheiben und eisernen Fensterrahmen der Kirche schlugen, er hörte es winseln und an den Eisen kratzen, eine ungeheure Kraft stieß donnernd gegen die Tür und wollte sie aufbrechen. Sein Herz schlug fortwährend zum Zerspringen, mit geschlossenen Augen las er seine Gebete und Beschwörungen – endlich ertönte etwas in der Ferne – es war ein ferner Hahnenschrei. Der gepeinigte Philosoph hielt inne und wurde ruhiger.

Als die Ablösung kam, fand man ihn halbtot an der Wand lehnend, und er stierte die hereintretenden Kosaken mit blöden Augen an. Fast mit Gewalt führten sie ihn hinaus und mussten ihn unterwegs die ganze Zeit über stützen. Als sie im Herrenhof ankamen, ermannte er sich jedoch und verlangte einen Quart Branntwein. Nachdem er ihn ausgetrunken hatte, strich er über sein Haar und sagte: »Es gibt viel Lumpenzeug auf der Welt. Und so viel Schreckliches …« Hierbei flog seine Hand durch die Luft.

Die Umstehenden ließen bei diesen Worten die Köpfe hängen. Selbst ein kleiner Junge, den alle im Hof schieben und stoßen zu können glaubten, wenn es den Stall zu reinigen oder Wasser zu tragen galt – selbst dieser arme Junge sperrte das Maul auf.

In diesem Augenblick ging eine nicht mehr ganz junge Frau vorüber, deren enganliegendes Oberkleid ihre vollen drallen Hüften sehen ließ; sie war die Gehilfin der alten Köchin und ein furchtbar kokettes Frauenzimmer, dessen Kopftuch immer mit allerhand schönen Dingen aufgeputzt war: einem Endchen Band, einer Nelke, ja sogar, wenn gar nichts Besseres zur Hand war, mit einem Stückchen Papier.

»Guten Morgen, Choma«, sagte sie, als sie den Philosophen erblickte. »Hallo, was ist denn mit dir los?«, schrie sie auf und schlug die Hände zusammen.

»Ja was denn, dummes Weib?«

»Mein Gott, du bist ja ganz grau!«

»Herrgott, Herrgott! Sie hat wirklich recht!«, sagte Spirid und sah ihn genauer an. »Du bist wirklich ganz grau geworden, wie unser alter Jawtuch!«

Als der Philosoph dies hörte, lief er schnell in die Küche, wo er ein kleines dreieckiges und ganz von Fliegen beschmutztes Stückchen Spiegel an der Wand gesehen hatte; es war mit Vergissmeinnicht, Nelken und sogar mit einer Girlande geschmückt, was darauf hindeutete, dass es einer putzsüchtigen Kokette bei der Toilette diente. Mit Schrecken sah Choma, dass sie die Wahrheit gesprochen hatte, die Hälfte seines Kopfes war wirklich ganz weiß!

Choma Brut ließ den Kopf hängen und überließ sich seinen Gedanken.

»Ich will zu dem Herrn gehen«, sagte er endlich, »ich will ihm alles erzählen und ihm erklären, dass ich die Gebete nicht mehr lesen will. Er soll mich gleich nach Kiew zurückschicken.«

Mit diesem Entschluss ging er auf die Freitreppe des Herrschaftshauses zu. Der Hauptmann saß fast regungslos in seinem Zimmer. Der trostlose Gram, den Choma schon früher auf seinem Gesicht bemerkt hatte, verdüsterte noch immer seine Züge, und seine Wangen waren vielleicht noch etwas hohler geworden. Man sah, dass er nur wenig oder gar keine Nahrung zu sich nahm. Die ungewöhnliche Blässe gab seinem Gesicht eine steinerne Unbeweglichkeit.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert