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Detektiv Nobodys Erlebnisse und Reiseabenteuer Band 1 – Teil 23

Detektiv Nobodys Erlebnisse und Reiseabenteuer
Nach seinen Tagebüchern bearbeitet von Robert Kraft
Band 1
Kapitel 4, Teil 1
Die Geheimnisse von Red Castle

Im St. Katharinen-Dock, dem ältesten Hafen Londons, welcher sich mitten im Zentrum der Riesenstadt befindet, lag schon seit zwei Wochen ein Schiff, von welchem damals in London viel gesprochen wurde. Es war ein ganz merkwürdiges Ding, das fast aussah wie eine riesige Zigarre mit zwei Schornsteinen und einem kurzen Signalmast darauf. Die Zeitungen machten darauf aufmerksam, dass dieses interessante Fahrzeug nach dem Typ neuer Torpedojäger auf einer New Yorker Werft erbaut worden war – ebenfalls aus Stahl, allerdings ohne Panzerung. Schließlich handelte es sich um eine Privatjacht, wenn auch um ein sonderbares Vergnügen, denn die runde Riesenzigarre musste sich in hochgehender See förmlich überschlagen.

Wer war denn ihr Besitzer?

Als das Ding die Themse heraufgedampft war, hatte man sich nicht nur über die seltsame Zigarre gewundert, sondern auch über die merkwürdige Flagge am Heck: eine junge Hexe, welche auf einem Flederwisch durch Sturm und Gewitter reitet. Es gibt kuriose Schiffsflaggen, aber so eine hatte man doch noch nicht gesehen; das war originell. Daher also der Name WETTERHEXE.

Als aber nun die Zollbeamten mit der Plombenzange an Bord kamen und vom Kapitän empfangen wurden, war das Staunen erst recht groß.

»Kapitän Flederwisch!«, erklang es wie aus einem Mund, und dann vergaßen alle, diesen Mund wieder zuzumachen.

Denn Flederwisch war doch sämtlichen englischen Zollbeamten als professionsmäßiger Schmuggler bekannt, und man lauerte nur darauf, ihn endlich einmal dingfest zu machen.

»Was für Schmuggelware habt Ihr denn diesmal an Bord?«, stellte einer von ihnen die naive Frage.

»Nein, geschmuggelt wird nicht mehr, ich habe es nicht mehr nötig. Ich habe genug dabei verdient, besonders bei meiner letzten Fahrt vor einem Vierteljahr, als ich 3000 Tonnen Tabak und ebenso viel Spirituosen nach England paschte – es sollte mich doch sehr wundern, wenn die Herren nicht im Nachhinein davon Witterung bekommen hätten. Das hat mich zum reichen Mann gemacht, und jetzt habe ich mir eine eigene Luxusjacht angeschafft, um bloß noch zu meinem Vergnügen in der Welt herumzufahren.«

So gemütlich wird die Schmuggelei im Nachhinein genommen. Wir freilich wissen es besser, woher Flederwisch die Jacht hatte und wer der eigentliche Besitzer derselben war. Aber die Zollbeamten wussten es eben nicht; sie mussten wohl oder übel glauben, was ihnen der Kapitän da erzählte.

Die WETTERHEXE nahm Kohlen ein, wozu sie noch öfters von Beamten betreten werden musste, und diese konnten nicht genug davon erzählen, was sie an Bord gesehen hatten. Zwar war die Jacht keineswegs mit verschwenderischer Pracht eingerichtet; der Komfort litt schon allein darunter, dass alle bewohnbaren Räume sehr klein und niedrig waren. Was den Fachleuten jedoch am allermeisten imponierte, waren die kolossalen Maschinen, die der Jacht eine Geschwindigkeit von bis zu 24 Knoten verliehen – damals eine unerhörte Leistung.

Und dennoch, trotz des Mangels an Luxus, fehlte es nicht an Beweisen dafür, dass Kapitän Flederwisch ein Mann war, der sein Geld zu verwenden wusste. So hatte er beispielsweise – um nur ein einziges Detail anzuführen – an Bord seinen eigenen Eisenbahnwagen, komplett mit Küche und allem, was zu einem Luxuswaggon gehört, um darin bequem wohnen zu können.

Was man an der Jacht ferner interessant fand, war die Besatzung, die aus nicht weniger als 26 Mann bestand. Kapitän Flederwisch hatte dort eine wahre Musterkarte aller Nationen und Hautfarben versammelt, vom tiefsten Pechschwarz bis zum reinsten Weiß eines schwedischen Stewards. Es mussten durchweg tüchtige Seeleute sein, das sah man ihnen an, und zudem hatten sie an Bord dieser Jacht keine Not zu leiden. Sie trugen sämtlich eine einheitliche, schmucke Uniform.

Das Zusammensuchen dieser Mannschaft war des Kapitäns eigene Arbeit gewesen. Solange sich das Schiff noch im Bau befunden hatte, war er fast ein halbes Jahr lang auf den weitesten Reisen unterwegs gewesen, um in verschiedenen Hafenstädten manchen alten Bekannten aufzutreiben und an Bord zu nehmen. Nur einige wenige hatte Nobody selbst besorgt. Unter diesen befand sich einer, der von dem ersten Tag an, als die Jacht im Hafen von London lag, in der weiteren Umgebung zu einer bekannten Persönlichkeit wurde.

Es war des Kapitäns Ordonnanz, die besonders die Post zu besorgen und dienstliche Wege zu erledigen hatte. Gleich als er sich das erste Mal mit seiner großen Ordonnanztasche auf der Straße sehen ließ, hatte er sofort seine Spitznamen weg, und zwar gleich zwei: Nasenkönig oder Zwergnase. Alles blieb stehen und lachte – dabei wäre ein Spitzname gar nicht nötig gewesen, denn der eigentliche Name dieses originellen Kerlchens war Puttfarken, Jochen Puttfarken. Und Puttfarken ist doch gewiss auch ein schöner Name.

Er war eigentlich kein Zwerg, nur ein sehr, sehr kleiner Mann, wozu auch beitrug, dass seine kurzen Beinchen noch etwas weiter nach außen geschweift waren, als es die menschliche Anatomie gewöhnlich erlaubt. Auf diesem Untergestell ruhte ein gewaltiger Oberleib mit noch gewaltigeren Schultern, von denen ein paar Arme herabhingen, deren Hände fast den Boden berührten. Und was waren das für Hände! Gelenke, die von keinem Handgriff umspannt werden konnten – nein, das waren überhaupt keine Hände, sondern fünfzinkige Kohlenschippen.

Trotz dieses kolossalen Knochenbaus schien der kleine Mann wie aus Kautschuk zusammengeknetet zu sein. Hiervon hatte er dem Publikum zwar noch keinen Beweis gegeben, aber das erkannte man schon an seinem Gang. Oder das war eigentlich auch kein Gang – gehen konnte er überhaupt nicht, sondern nur traben, ein ganz eigentümliches Rennen, bei dem er mit seinen Kohlenschaufeln mächtig schlenkerte.

Das Interessanteste an ihm aber war sein Gesicht, und das Hervorstehendste daran war die Nase. Doch eigentlich war das auch wiederum keine menschliche Nase, kein Geierschnabel, kein Lötkolben und kein Leuchtturm – das war einfach ein Zinken. Unter diesem Zinken hatte er einen breiten Schlitz, der von einem Elefantenohr zum anderen reichte, und über diesem Zinken befand sich links und rechts, dort, wo andere Menschen ihre Augen haben, je ein Schlitz, der stets pfiffig und vergnügt blinzelte. Von eigentlichen Augen war jedoch keine Spur zu sehen!

Nun, für sein Aussehen kann niemand etwas. Kapitän Flederwisch und sein Kompagnon wussten schon, wem sie ihre Brieftasche anvertrauten; wir werden diese Ordonnanz später noch näher kennenlernen. Gleich im Voraus sei nur erwähnt, dass sich Jochen Puttfarken selbst für den schönsten Mann auf Gottes Erdboden hielt. Von dieser Tatsache war er allein deshalb überzeugt, weil ihm immer alle Menschen nachguckten, am allermeisten die Mächens.

Dem Kai, an welchem die WETTERHEXE lag, näherte sich in dunkler Abendstunde ein Mann in Fischertracht. Wir kennen ihn: Es ist Nobody, der soeben von Rechtsanwalt Sir Clane kommt, dem er den spiritistischen Apport vorgeführt hat.

Vor dem Laufbrett hielt ein Matrose Wache.

»Ist der Kapitän schon wieder von Harrydocklane zurück?«, wurde er von dem Fischer angeredet.

Der schwarze Matrose musterte den sich nähernden Mann, trat auf diese Frage hin sofort zurück und ließ ihn passieren.

In London gab es nichts, was Harrydocklane hieß; das war eben ein Stichwort. Bei dem Verwandlungskünstler war ein solches stets unbedingt nötig, da ihn sonst seine eigenen Leute nicht erkannt hätten, und Nobody konnte sich schließlich beliebig nennen.

Er stieg durch eine Luke in einen engen, hell erleuchteten Gang und klopfte an eine der Schiebetüren.

»Come in!«

Nobody trat in die kleine Kajüte. Der eigentliche Jachtbesitzer, der jedoch keine Höflichkeit außer Acht ließ, befand sich dem von ihm bezahlten Kapitän gegenüber.

»Ich gratuliere«, begrüßte der Kapitän seinen Schiffsherrn, denn die beiden sahen sich nach Nobodys heutigem Riesenerfolg zum ersten Mal wieder.

»Danke«, entgegnete der Detektiv kurz. »Ist Keigo Kiyotaki gekommen?«

»Ja, 20 Minuten nach sechs Uhr fand er sich an Bord ein. Ich war natürlich sehr erstaunt, als er sich zu erkennen gab.«

»Ich passte auf, wann er aus dem Gefängnis entlassen wurde, heftete mich an seine Fersen und war im rechten Augenblick zur Stelle, ehe es so weit kam, dass er mit aufgeschlitztem Leib in die Themse stürzte.«

»Also wollte er wirklich Selbstmord begehen? Ich dachte, er ist ein Sintus, welcher nicht töten und folglich auch keinen Selbstmord begehen darf?«

»Er ist kein Sintus mehr. Er ist gar nichts mehr. Der arme Kerl, der aus Pietät gegen seinen Vater solch eine Tat beging, hat Vaterland und alles verloren, so sagte er mir. Aber ich habe ihm den Kopf gewaschen und ihm bewiesen, dass man auch ohne Heimat wahre Freunde haben kann. Als ich ihn entließ, wusste ich, dass er sich an Bord meines Schiffes begeben würde; deshalb brauchte ich ihn nicht erst zu begleiten, ich hatte noch anderes vor. Wo befindet er sich jetzt?«

»Er hat gegessen, jetzt schläft er. Bleibt er an Bord, Master?«

Master war Nobodys gewöhnlicher Titel an Bord, zur Unterscheidung vom Kapitän.

»Gewiss bleibt er an Bord; ich muss dem Jungen doch wenigstens ein Heim bieten. Er ist ein Japaner, in alle Mysterien der Priesterkaste eingeweiht und … ich denke, ihn noch recht gut gebrauchen zu können.«

»Darf ich Sie auf etwas aufmerksam machen?«

»Bitte sehr, Kapitän.«

Jetzt ging es zwischen den beiden etwas anders zu als damals, als sie sich in Brotteig einwickelten.

»Es gibt mir zu denken, dass dieser Japaner während des Prozesses so gänzlich von seinen hier ansässigen Landsleuten verlassen und förmlich verleugnet wurde. Die japanische Gesandtschaft lehnte sogar ab …«

»Ganz gewiss«, fiel Nobody seinem Kapitän ins Wort. »Keigo Kiyotaki hat ein Fürstengrab geplündert; so etwas ist auch bei uns ein ganz gehöriges Verbrechen. Er hat ein Monikono-Schwert daraus entwendet – das ist nach japanischen Ansichten ein Vergehen, so ungeheuerlich, dass wir es gar nicht mit Worten ausdrücken können. Ja, Kapitän, wir werden uns in nächster Zeit nach China begeben und uns in unmittelbarer Nähe Japans befinden. Es könnte doch bekannt werden, dass dieser Keigo Kiyotaki bei uns an Bord ist – wir dürften noch die größten Unannehmlichkeiten von unserer Menschenfreundlichkeit haben und uns den größten Gefahren aussetzen, denn … ich kenne die Japaner. Sie sind zu allem fähig, wenn es gilt, den Bruch eines Geheimnisses ihrer Kaste oder ein religiöses Vergehen zu rächen. Aber … wollen wir deshalb zu Kreuze kriechen und den jungen Japaner nicht lieber doch von Bord weisen, ehe wir uns solchen Gefahren aussetzen?«

Kapitän Flederwisch hatte verstanden, was jener meinte, und er lächelte, als er seine riesige Gestalt zur vollen Größe aufrichtete, so dass sein Kopf fast gegen die Decke stieß.

»Ich hatte Sie nur darauf aufmerksam machen wollen«, entgegnete er ganz einfach und verschmähte weitere Worte.

»Haben Sie schon von dem sogenannten Goto-Schatz gehört, Kapitän?«, begann Nobody wieder.

»Ja, ich habe den ganzen Fall verfolgt, und dabei hat sich ja herausgestellt, dass Keigo der letzte Erbe einer ganzen Reihe von Familien ist, welche alle zum Goto-Geschlechte gehörten und riesig reich gewesen sind. Aber aus einer Erbschaft wird jetzt wohl nichts mehr werden; das ganze Vermögen konfisziert doch jedenfalls der Staat oder die Kirche.«

»Natürlich, da ist nichts mehr zu wollen«, bestätigte Nobody und rieb sich wiederholt sinnend das Kinn. »In dieser Hinsicht ist Keigo jetzt arm wie eine Kirchenmaus. Nein, ich meine mit diesem Goto-Schatz eigentlich etwas ganz anderes. Auch ich habe schon von diesem sagenhaften Schatz gehört, und es könnte sein, dass doch etwas Reelles daran ist. Nun«, fuhr der Detektiv fort und erwachte aus seinem Sinnen, »ich werde meinen Schützling bei Gelegenheit auf den Zahn fühlen. Sind Briefe für mich angekommen?«

»Wenigstens sechs Dutzend; Mr. Hawsken wird sie schon sortiert haben.«

Nobody verließ die Kajüte und betrat eine Kammer, in die der enge Gang auf der Backbordseite ausmündete. Diese kleine Kammer war als Toilettenraum eingerichtet; sie enthielt einen riesigen Waschtisch, auf dem nichts fehlte, was ein Schauspieler zum Anschminken einer Maske brauchte. Vor allen Dingen fielen jedoch die großen Spiegel auf, die an allen Wänden angebracht waren.

Der Detektiv drückte auf einen Knopf, brachte den Mund an ein Sprachrohr und wünschte einen Mann namens Hassan zu sprechen. Gleich darauf erschien ein junger Araber. Diesem teilte er Verschiedenes mit, wobei sich zeigte, dass Nobody das Arabische ebenso gut beherrschte wie das Japanische. Wie zuvor mit Keigo, so redete er nun mit dem Araber in dessen Muttersprache.

Als Hassan die Kammer wieder verließ, trug er den Fischeranzug, dessen sich Nobody entledigt hatte, kunstvoll zusammengerollt unter dem Arm – das ganze Kostüm bis auf die hohen Seestiefel. Der Araber befand sich in dem sehr langen, aber kaum einen Meter breiten Korridor, der auf dieser Seite durch das ganze Schiff lief. Der Mann bückte sich.

Plötzlich schob sich eine komplette Wand in die Höhe und verschwand oben in der Decke: eine Art Rolljalousie. Eine Unmenge von Schubkästen kam zum Vorschein, jeder mit einem Etikett versehen, die angab, was für ein Kostüm der betreffende Kasten enthielt. Allein diese hohle Schiffswand barg mehr als 200 verschiedene Anzüge, und auf dieser Seite gab es zudem besondere Abteilungen für Perücken, falsche Bärte und dergleichen.

Das war es, wozu dieser Detektiv eine eigene Jacht brauchte! Weil er sie besaß, weil er auf diese Weise operierte und weil er dies stets als sein Geheimnis bewahrt hatte, hatte niemals jemand begreifen können, wie es diesem Privatdetektiv ermöglichte, sich manchmal zehnmal und noch öfter an einem Tag zu verwandeln!

Es hatte gewiss nicht an Leuten gefehlt, die es sich zur Lebensaufgabe gemacht hatten, dieses Rätsel zu lösen. Hiermit jedoch ist es gelöst. Hinzu kam, dass er diese Maskengarderobe auch in seinem eigenen Eisenbahnwagen immer bei sich führte, zumindest einen großen Teil davon, den er während eines Ausflugs ins Landesinnere zu benutzen gedachte.

Denn diese Verwandlungen in einem Hotel auszuführen, daran war ja gar nicht zu denken; die Kellner würden gleich beim ersten Mal stutzen, wenn sie aus einem Zimmer einen völlig anderen Mann heraustreten sähen.

Nobody brauchte jedoch auch keinen direkten Aufpasser zu fürchten. Er konnte seine Jacht als Matrose oder seinen Eisenbahnwagen, den er irgendwohin rangieren ließ, in der Maske des Koches verlassen; und wenn er wollte, konnte er sogar als ein ganz anderer zurückkehren. Denn jeder einzelne Anzug war wiederum doppelt – er brauchte ihn nur zu wenden, was an einem entlegenen Ort leicht zu bewerkstelligen war, und schon erschien er als eine vollkommen andere Person.

Wir werden später noch sehen, wie er einen Verfolger, der ihn entlarven wollte, auf diese Weise immer wieder getäuscht hat.

Der Jachteigentümer beanspruchte lediglich die hohlen Bordwände für seine Garderobe, die kleine Toilettenkammer und eine größere, als Kontor eingerichtete Kabine, in welcher er auch schlief – wenn er denn überhaupt einmal schlief! Es ging nämlich die Sage, Nobody benötige keinen Schlaf oder schlafe mit offenen Augen. In allen übrigen Räumen des Schiffes konnte Kapitän Flederwisch schalten und walten, wie er wollte; er konnte dort Gesellschaften und Feste geben, ohne dass Nobody ihn dabei behinderte.

Als jugendschöner Lockenkopf, gekleidet in einen bequemen, aber höchst eleganten Anzug, ging der vor wenigen Minuten noch so plumpe Fischerknecht durch eine Spiegeltür aus dem Toilettenraum in sein Büro.

Auf der einen Seite des doppelten Schreibtisches, auf dem selbst der kleinste Gegenstand seesicher befestigt werden konnte, erhob sich ein junger Mann, dessen blitzender, durchdringender Blick sofort auffiel.

Es war Mr. Hawsken, Nobodys Sekretär, der ehemalige Angestellte eines Detektivinstituts, den jener für seine eigenen Zwecke erzogen und förmlich dressiert hatte.

»Es sind 76 Briefe eingelaufen.«

»Mr. Hawsken, blitzen Sie mich nicht so an, wenn Sie mir dies melden. Beherrschen Sie Ihre Augen; Sie müssen sich mehr vor dem Spiegel üben. Man sieht es Ihnen ja auf eine Meile Entfernung an, dass Sie ein Detektiv sind. Ist etwas Besonderes darunter?«

Der so zurechtgewiesene Sekretär erstattete Bericht. Sämtliche Briefe waren an den Detektiv gerichtet, aber an die New Yorker Redaktion von WORLDS MAGAZINE adressiert; von dort wurden sie ihm regelmäßig nachgeschickt. In den meisten wurde der in Amerika bereits berühmt gewordene Detektiv gebeten, die Verfolgung eines durchgegangenen Kassierers oder eines anderen Individuums aufzunehmen, das mit Geld flüchtig geworden war. Denn Nobody hatte in Amerika bereits zwei durchgegangene Kassierer dingfest gemacht und ihnen die Beute wieder abgenommen, wobei es sich das eine Mal um Millionen gehandelt hatte.

Außerdem kamen immer noch gewöhnliche Einbrüche in Betracht, geheimnisvollere Diebstähle von Juwelen und dergleichen. Der Detektiv des WORLDS MAGAZINE sollte vermisste Personen wieder herbeischaffen, und schließlich wollte man ihn häufig in Spukgeschichten verwickeln. Als Geisterbanner hatte er dadurch ein besonderes Renommee erlangt, dass er einmal ein spiritistisches Medium entlarvt und ein anderes Mal einem Klopfgeist das Handwerk gelegt hatte.

Kurz und gut: Nobody war in den Ruf eines Geisterbeschwörers und Geisterbanners gekommen, und ein solcher hat in Amerika nun einmal ein weites Feld.

»Hier ist ein Brief, der wieder eine Spukgeschichte enthält«, sagte der Sekretär lächelnd, »und er wird Sie besonders deshalb interessieren, weil er gerade hier aus England kommt.«

Nobody nahm das Schreiben. Der Brief war von einer Frauenhand in unorthografischem Englisch und entsprechendem Stil geschrieben. Wir geben ihn in möglichst wortgetreuer Übersetzung wieder:

Hochgeehrter Herr Detektiv Nobody! Sie wissen doch, dass mein seliger Mann vor acht Jahren die Red Farm bei Truro in Cornwall gekauft hat. 7000 Pfund haben wir für das kleine Ding bezahlt, aber mein Mann war ganz verrückt danach, und ich war auch ganz verrückt, weil zu der Farm das Red Castle gehört. Dieses riesige Schloss ist doch allein 7000 Pfund wert, selbst wenn es auf Abbruch verkauft wird. Aber da sind wir gewaltig reingefallen.

Wir sind nämlich aus Irland, wussten nichts davon, hatten es eilig und griffen gleich zu, weil es so billig war mit dem schönen, mächtig großen Schloss. Aber in dem Schloss spukt es nämlich, wie Sie doch auch schon wissen, und deshalb will es kein Hund haben, nicht einmal geschenkt. Steine gibt es hier außerdem so viele, dass man das Schloss gar nicht erst abzubrechen braucht, wo man das Material mühsam den hohen Berg herunterschleppen müsste.

Da ist nämlich vor so an die 200 Jahre der Lord Douglas gewesen, der letzte Schlossherr, der keine Kinder gehabt hat. Das war ein ganz wütender Mann; nur so zum Zeitvertreib hat er fremde Wanderer in sein Schloss gelockt, eingesperrt und verhungern lassen. Seine eigene Frau hat er verhungern lassen, sogar seine Bauern hat er eingesperrt, um auszuprobieren, wie lange sie es aushalten, bis sie ganz tot sind. Nebenbei hat er unablässig an die Wände gemalt. Deretwegen hat der Lord nun keine Ruhe im Grab und muss in dem alten Schloss noch jetzt das treiben, was er vor 200 Jahren zu Lebzeiten getrieben hat. Wenn jemand in das Schloss hineinkommt, schmeißt der Geist hinter seinem Rücken die Tür zu und verriegelt sie, sodass man verhungern muss. Dann malt der Geist auch noch fortwährend an die Wände, besonders wenn nach einem recht hellen Tag eine recht finstere Nacht folgt. Und da will eben kein Hund das Schloss kaufen, weil sich doch niemand freiwillig einsperren lassen will, um nachher zu verhungern; und dann die Malerei an den Wänden – das ist doch auch zu dumm!

Hochgeehrter Herr Detektiv Nobody! Ich weiß, dass Sie etwas dagegen tun können, also tun Sie es doch bitte. Ich bitte Sie aus ganzem Herzen vielmals darum, damit ich den Geist endlich aus meinem Schloss bekomme und es verkaufen kann. Dann sollen Sie auch etwas davon abhaben; sagen Sie nur, wie viel Sie haben wollen. Ich habe nämlich schon viel von Ihnen gelesen. Meine Nichte, die in Amerika ist, hat mich einmal besucht und brachte mir drei Pfund Apfelmus mit; das war in Papier gewickelt, worauf WORLDS MAGAZINE stand. Was ich da von Ihnen lesen konnte, hat mir so gut gefallen, dass mein Verwalter gleich nach Amerika schreiben und die Zeitung bestellen musste. Nun lese ich fortwährend von Ihnen, und da Sie schon eine ganze Menge Geister gehascht haben, werden Sie doch auch den toten Lord fangen, damit er in meinem Schloss nicht immerfort die Türen zuschmeißt und mir meine Wände vollmalt.

Vielleicht brauchen Sie deswegen gar nicht erst hierher zu kommen; Sie können das gleich von Amerika aus machen, denn Sie wissen und können doch alles. Dass ich Ihnen etwas abgebe, wenn ich das Schloss verkauft habe, darauf können Sie sich verlassen, fragen Sie nur irgendjemanden, ich bin eine ehrliche Frau. Oder vielleicht ist es doch besser, wenn Sie einmal herüberkommen? Wenn Sie Reisegeld brauchen, schreiben Sie es nur, ich schicke es Ihnen. Ich lasse es mir etwas kosten, wenn Sie nur den Spuk wegbringen …

Nach einigen Zeilen mit Grüßen und Respektbezeugungen folgte der Name: Lydia Joke Mitchell – sowie die genaue Adresse: Red Farm bei Truro, Grafschaft Cornwall, England.

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