Aus dem Reiche der Phantasie – Heft 7 – Das Stahlross – 3. Teil
Robert Kraft
Aus dem Reiche der Phantasie
Heft 7
Das Stahlross
Verlag H. G. Münchmeyer, Dresden, 1901
Kapitel 3
Auf dem Stahlross
Georg machte die Bewegung des Schluckens. Dadurch kam er wieder zu sich. O, wie so angenehm kühl rann es ihm durch den Leib! Ach, so hätte er ewig trinken mögen!
Als er die Augen aufschlug, sah er einen in dunkelgrünen Stoff gekleideten Knaben vor sich stehen, der ihm eine große Flasche an den Mund hielt, und als er, ohne mit Trinken aufzuhören, die Augen etwas weiter wandte, erblickte er auch das blanke Pferd, das nun steif dastand. Gewiss war es ganz aus Eisen oder Stahl, eine wunderbare, im Himmel von Engeln gefertigte Maschine, die ein irdisches Pferd nie eingeholt hätte.
Das war eine seltsame Schlussfolgerung, aber bei einem Menschen, der eben aus einer Ohnmacht erwacht ist, nachdem er so Schreckliches durchgemacht hat, wohl begreiflich.
»Bist du ein Engel?«, war Georgs erstes Wort, als er mit Trinken absetzte.
Statt hierauf eine direkte Antwort zu geben, hob der Knabe die Hand zum Himmel empor und antwortete feierlich: »So wahr ich ein Mensch bin wie du, Unglücklicher, schwöre ich hiermit, diese ungeheuerliche Schandtat an dem zu rächen, der ihren Plan ersonnen hat, auf dass nicht die Sonne über mir vor Scham erblinde und der Himmel nicht feurigen Schwefel auch über die Unschuldigen regnen lasse. Und hättest du auch selbst eine so furchtbare Sünde begangen, dass du die ewige Verdammnis verdientest, so will ich dich doch rächen und den Teufel ausfindig machen und ihn mit dem Tod bestrafen, der so Entsetzliches an dir verbrochen hat.«
»Ich bin unschuldig«, flüsterte Georg, »denn habe ich auch einen Menschen getötet, so geschah es nur in Notwehr.«
»Erzähle mir, wie du in diese furchtbare Lage kamst, und nenne mir den, der eine solche teuflische Rache ausfindig machte, damit ich ihn zur Rechenschaft ziehe.«
Während Richard den völlig nackten Mann, der über und über mit Abschürfungen bedeckt war, wenn er auch sonst keine gefährlichen Verletzungen davongetragen hatte, mit Wein und Öl wusch, erzählte dieser mit häufig stockender Stimme, dass er nach dem Tod seiner Eltern zusammen mit seiner Schwester und den nötigen Landarbeitern eine Farm auf englischem Gebiet an der Grenze Transvaals bewirtschaftet habe. Mochte er auch mit deutscher Offenheit manchmal über englische Anmaßung gesprochen haben, den Gesetzen, unter denen er nun einmal stand, hatte er sich doch stets untergeordnet und auch seine Steuern immer pünktlich bezahlt. Aber da seine Schwester Anna ein schönes Mädchen war und von den Werbungen des sich allmächtig dünkenden Polizeihauptmannes nichts wissen wollte, dem Georg schon das Haus hatte verbieten müssen, um seine Ehre und die seiner Schwester zu schützen – so war er in den Augen des Mister Litton zum Verbrecher geworden. Es war nach dessen Ansicht eine unverzeihliche Frechheit, dass die beiden Deutschen ihm auf englischem Gebiet zu trotzen wagten.
Als Georg nun gestern Morgen von einer weiten Reise zurückkam, fand er seine Farm von englischen Polizisten besetzt, die wie die Gebieter auftraten, und erschien gerade noch zur rechten Zeit, um Anna vor den Zudringlichkeiten des Hauptmanns zu retten. Die Züchtigung, die er Mister Litton dafür mit der Reitpeitsche zuteilwerden ließ, hatte dieser daher wohl verdient. Dann kam es zum offenen Kampf, in dem Georg einen Soldaten tötete, darauf wurde er überwältigt, und das Folgende wissen wir bereits ausführlich.
»Der Schurke soll seiner Strafe nicht entgehen,« wiederholte Richard in gerechter Entrüstung. »Wo aber mag deine Schwester sein?«
»Sie ist ihm vollkommen schutzlos preisgegeben«, klagte Georg, »und ich kann mich nur noch an Mister Litton rächen. O, ich weiß, wo sich der Polizeihauptmann jetzt befindet. Er hat im sogenannten roten Tal ein Bungalow, eine indische Villa, dorthin schleppt er stets seine Opfer.«
»Dann auf nach dem roten Tal! Und die Rache sei doppelt, wenn wir zu spät kommen! Bist du fähig, mich auf meinem Stahlross zu begleiten, nachdem ich zunächst für deine erste Bekleidung gesorgt habe?«
Georg erhob sich und dehnte die Glieder. Er fühlte nichts gebrochen. Ja, er war zu allem fähig, wenn es galt, vielleicht noch seine unglückliche Schwester zu retten. Er sah nun, wie der Knabe am Hinterteil des Pferdes eine Klappe öffnete und dem Innenraum einige Kleidungsstücke entnahm. Nun wusste er auch, dass er es nicht mit einem Engel, sondern mit einem Menschen zu tun habe. Deshalb war sein Staunen über die wunderbare Maschine grenzenlos.
Aber Richard bedeutete ihm, jetzt nicht zu fragen, dann nannte er seinen Namen, erwähnte, dass er Ingenieur sei und dass die Maschine, die Georg schon kennen lernen würde, seine Erfindung wäre. Richard bat Letzteren, sich anzuziehen und sich durch Speise und Trank zu stärken. Als Georg nun seiner Bitte entsprach, konnte er wenigstens das Äußere der wunderbaren Maschine betrachten, an der sich Richard eben beschäftigte.
Das Ross, das ungefähr die Größe eines gewaltigen Zugpferdes hatte, war ganz aus Stahlplatten zusammengenietet und überall mit Gelenken versehen, sodass es wohl ganz die Bewegungen eines natürlichen Tieres nachahmen konnte. Außerdem aber war es auch noch mit Schrauben, Ventilen und anderen Mechanismen bedeckt und musste daher auch noch ganz andere Eigenschaften als ein lebendes Pferd besitzen. Eine ausführliche Beschreibung desselben war gar nicht möglich, denn wohin das Auge blickte, überall entdeckte es etwas Neues, Seltsames, was sicher seinen Zweck hatte. Auffallend war besonders das große, spitze Horn an der Stirn, das vorn und an der scharfen Schneide in der Sonne wie ein Diamant blitzte, und als das Pferd, scheinbar ganz aus eigenem Antrieb, den einen Fuß hob, zeigte es sich, dass der Huf mit vier spitzen Stacheln besetzt war, die ebenfalls wie Diamanten funkelten.
Sein Rücken war mit zwei bequemen Sätteln, an denen sich Steigbügel befanden, belegt, und als Georg bereit war, musste er sich auf den hinteren Sattel setzen, während Richard sich in den vorderen schwang. Ein Ruck nun in die aus Draht geflochtenen Zügel, und das Stahlross setzte sich erst schritt-, dann trabweise in Bewegung. Endlich begann es, ganz genau wie ein lebendes Pferd, zu galoppieren.
Während sie durch die Wüste sprengten, berieten sie sich. Richard zog nähere Erkundigungen ein, und als die gelbe Öde der grünen Landschaft wich und das Stahlross auf guter Landstraße der auftauchenden Stadt zu sprengte, wusste Richard, wie er sich zu verhalten habe, und entgegnete auf die Befürchtung, die Georg aussprach, dass der Polizeihauptmann, dessen Macht grenzenlos sei, ihn, wenn er ihn noch am Leben sähe, zum zweiten Mal zum Tode verurteilen würde.
»Sei ohne Sorge, mag seine Macht auch noch so groß sein – wenn sie nur in seiner Mannschaft und seiner Brutalität besteht, so bin ich ihm gewachsen.« Und dabei streichelte er lächelnd den Hals des Stahlrosses und schlug an den Kolben einer kleinen, seltsam geformten Pistole, die in seinem Gürtel steckte.
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