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Felsenherz der Trapper – Teil 03.6

Felsenherz, der Trapper
Selbst Erlebtes aus den Indianergebieten erzählt von Kapitän William Käbler
Erstveröffentlichung im Verlag moderner Lektüre GmbH, Berlin, 1922
Überarbeiteter Text
Band 3
Der Kundschafter von Fort Kavett
6. Kapitel
Der Kampf im Canyon

Vier Stunden später verließen vier Reiter und ein auf ein fünftes Pferd gefesselter Indianer das Lager Captain Tobblers. Zwei der Reiter waren Soldaten des Freiwilligenkorps, die beiden anderen Jonny Einaug und der Klapperschlangen-Tom. Die Soldaten hatten den Apachenhäuptling in ihre Mitte genommen; dessen Mustang war mit Lassos an die Pferde seiner Wächter gebunden.

Unter dieser Bedeckung sollte der Große Bär nach Fort Kavett geschafft werden. Jonny war es gewesen, der Tobbler diesen Vorschlag gemacht hatte. Der alte Trapper und Tom Pickparell ritten nun etwa dreißig Schritt hinter den dreien her und unterhielten sich flüsternd.

»Wenn die Apachen nun wirklich inzwischen hier angelangt sind!«, meinte Jonny zweifelnd.

»Keine Sorge!«, erwiderte der angebliche Naturforscher. »Zumindest sind die Späher schon in der Nähe gewesen und haben unseren Abmarsch beobachtet. Und wenn es nur zehn Krieger wären – sie genügen reichlich, um die beiden Burschen da vorn runterzuknallen und den Häuptling zu befreien. Wir beide fliehen dann zum Lager zurück und übernehmen die Wache zwischen zwölf und drei Uhr nachts. Tobbler wird den Apachen mit seinen Leuten so ohne Gegenwehr in die Hände fallen, wenn wir als Wachen absichtlich zu spät Alarm schlagen. Die Sache muss glücken! Dieser Captain ist ja ein viel zu großer Schafskopf, als dass er Lunte riechen könnte. Ein wahres Glück außerdem, dass Felsenherz und die beiden anderen Kerle nun wahrscheinlich nach dem Schwarzen Panther suchen werden! Haha – lass sie nur suchen! Wird ihnen wohl den Skalp kosten, dieses Herumschnüffeln!«

Auch Jonny Einaug feixte höhnisch: »Stimmt, Tom, der Comanchenhäuptling ist fein aufgehoben! Wenn wir dann erst unseren Sack mit Nuggets von den Mexikanern erhalten haben, kehren wir dem Wilden Westen für alle Zeit den Rücken!«

Er blickte plötzlich scharf nach rechts hinüber. Dort zog sich eine Reihe einzelner Felsen hin, die offenbar am Rande eines ausgetrockneten, steinigen Flussbettes lagen, wie man solche Erdeinschnitte in den Prärien häufig antrifft.

»Hm«, meinte er, »ich müsste mich verdammt irren, wenn nicht dort drüben soeben eine Rothaut über den einen Stein hinweggelugt hätte! Wird wohl ein Apache gewesen sein. Ah – da ist der Kopf wieder!«

Auch der gelbe Tom hatte den Indianer jetzt erspäht, hob die Hand und winkte ihm zu, worauf der Kopf wieder verschwand.

»Es war der Springende Wolf, der alte Unterhäuptling der Apachen«, erklärte Tom leise. »So, dann liefe ja alles nach Wunsch! Dort vor uns beginnen schon die sogenannten Kavett-Berge. Und wenn der Springende Wolf schlau ist, überfällt er uns in dem Engpass, der durch die Berge zur jenseitigen Savanne führt.«

Während dieses Gesprächs zwischen den beiden hartgesottenen Schurken, die aus Geldgier für die Mexikaner Spionagedienste leisteten, hatte links von dem kleinen Reitertrupp in einem lichten Waldstreifen Felsenherz mit seinen beiden Gefährten gehalten.

»Verdammt!«, flüsterte der lange Billy. »Der Schuft von Klapperschlangenjäger hat der Rothaut da drüben wahrhaftig ein Handzeichen gegeben! Felsenherz, mir wird jetzt so manches klar! Es soll den beiden Soldaten an den Kragen gehen, und …«

»Reiten wir weiter!«, fiel der blonde Trapper ihm ins Wort. »Wir müssen ständig in der Nähe dieser Halunken bleiben. Der Große Bär darf uns nicht entkommen. Ich vergieße ungern Blut. Aber so, wie die Dinge hier liegen, wird es ohne ernsten Kampf kaum abgehen.«

Da mischte sich der Skalpierte in das Gespräch.

»Drüben in den Kavett-Bergen gibt es einen Canyon, der als Pass benutzt wird. Jenes Flussbett aber, in dem die Apachen stecken, zieht sich im Bogen bis direkt an die Berge heran. Die Roten können also ungesehen bis an den Canyon gelangen, der sich für einen Überfall tadellos eignet.«

»Dann im Galopp weiter!«, rief Felsenherz leise. »Wir müssen die Ersten am Canyon sein!«

Durch die Bäume und Büsche gedeckt, sprengten sie davon. Leider hörte der Waldstreifen allzu bald auf. So waren sie gezwungen, ihren Weg in einem Tal weiter nördlich fortzusetzen, um nicht bemerkt zu werden. Dieser Bogen kostete sie viel Zeit. Als sie sich schließlich den zerklüfteten Kavett-Bergen näherten, war der andere Trupp mit dem Gefangenen bereits verschwunden.

Felsenherz und Billy sprangen von den Pferden, und Ersterer rief dem Skalpierten zu: »Barnley, Ihr haltet die Tiere! Führt sie dort in jene Schlucht. Wir müssen zu Fuß weiter, die Pferde hindern uns nur.«

Die beiden eilten nach rechts ein Quertal entlang, das sie in die Nähe des Canyons bringen musste. Sie bogen jedoch nicht in diesen ein, sondern erklommen die linke Steilwand und liefen an dem von Dornengestrüpp bedeckten Rand weiter. Plötzlich hallte aus der Tiefe vor ihnen der Knall von Schüssen herauf, denen ein mehrfaches Echo folgte.

»Zu spät!«, knirschte Billy. »Die armen beiden Texaner! Wartet, Hunde, wir zahlen es euch heim!«

Felsenherz und Billy gaben sich nun keine Mühe mehr, sich zu verbergen. Die Canyonwand machte hier eine scharfe Kante. Und nun bot sich den beiden Trappern fünf Meter unter ihnen ein Bild, wie es nur hier im Westen möglich war – wo sich neben dem ehrlichen Pelzjäger, Goldsucher oder Farmer allerlei verkommenes weißes Gesindel umhertrieb.

Die beiden Wächter des Großen Bären waren von acht im Canyon verborgenen Apachen völlig überraschend aus dem Sattel geschossen worden. Der eine war sofort tot. Der andere aber, ein breitschultriger Riese mit langem blondem Vollbart, hatte sich trotz dreier Kugeln, die ihn getroffen hatten, noch schnell in eine enge Felsspalte geflüchtet. Aus dieser heraus hatte er zwei der Apachen niedergeschossen, bevor der Blutverlust ihm die Besinnung raubte. Genau jetzt zerrten zwei Apachen den Verwundeten an den Beinen aus der Spalte hervor, während der verräterische Jonny Einaug die Fesseln des Apachenhäuptlings aufknoten wollte.

Der lange Billy riss die alte, treue Büchse hoch, die er nun endlich wieder in Händen hielt, zielte kurz und drückte ab. Jonny tat einen Sprung kerzengerade in die Höhe und fiel regungslos nach vorn auf das Gesicht. Felsenherz’ erste Kugel jedoch galt dem Springenden Wolf, der bereits das Kopfhaar des blonden Texaners gepackt hatte und den noch Lebenden skalpieren wollte.

Inzwischen hatte Billy einen weiteren Apachen niedergeschossen, ergriff nun sein langes Jagdmesser und schleuderte es einer dritten Rothaut, die gerade auf ihn anlegte, mitten in die nackte Brust. Der Schuss des Indianers löste sich noch und traf Billys Hutkrempe, sodass der Hut ihm vom Kopf flog.

Noch lebten drei Apachen und der gelbe Tom. Dieser war hinter einen großen Felsblock gesprungen und zielte nun auf Felsenherz, der noch die zweite Kugel im anderen Lauf hatte.

Billy brüllte warnend: »Zur Seite, Felsenherz!«

Die Warnung war überflüssig. Der junge Trapper sprang – jedoch nicht zur Seite, sondern mit mächtigem Schwung von der Canyonwand herab mitten unter die drei Apachen, die sich nun erst von ihrem Schreck erholt und zu ihren Wurfbeilen gegriffen hatten. Gerade als der gelbe Tom abdrückte, riss Felsenherz schon einen der Roten zu Boden, ließ die Büchse fallen und holte mit dem Tomahawk aus. Drei Sekunden später waren auch diese letzten Apachen erledigt.

Nur Tom Pickparell, der Spion, schien entkommen zu wollen. Er hatte sich auf sein Pferd geschwungen und jagte in wilder Flucht davon. Felsenherz bückte sich und hob rasch die Büchse auf, deren linker Lauf noch geladen war. Der Flüchtling bog im Canyon um die nächste Ecke. Für den Bruchteil eines Moments wurde so der Kopf seines Pferdes sichtbar. Ein Feuerstrahl fuhr aus der Büchsenmündung – das Pferd prallte zurück, als wäre es von einem Kolbenhieb getroffen worden, und brach zusammen. Tom lag mit dem rechten Bein unter dem Tier, das durch den Schädel geschossen worden war und sich im Todeskampf noch ein paarmal hin und her wälzte.

Felsenherz stand schon neben ihm. Tom Pickparells hinterlistige Augen leuchteten bösartig auf. Seine Hand riss eine Pistole aus dem Ledergürtel, und die Mündung berührte fast die Brust des jungen Westmanns.

»Stirb, Hund!«, zischte Pickparell hasserfüllt und drückte ab.

Doch den Bruchteil einer Sekunde vorher hatte Felsenherz’ rechter Fuß den erhobenen Arm getroffen, sodass die Kugel dicht über die Schulter des Trappers hinwegging. Ein gezielter Fausthieb warf den Spion der Mexikaner daraufhin bewusstlos auf den Felsboden.

Oben am linken Rand der Canyonwand war nun der Skalpierte erschienen. »Felsenherz, Billy! Von Nordwesten her sind gut zweihundert Apachen im Anmarsch!«, rief er den Freunden zu. »Ich bringe die Pferde hierher. Wir haben keine Sekunde zu verlieren!«

Felsenherz warf sich den besinnungslosen Tom über die Schulter und schritt auf den nahen Kampfplatz zu.

»Der Texaner ist soeben gestorben«, meinte der lange Billy mit ernstem Blick und deutete auf die Leiche des Blondbärtigen. »Ich denke, wir nehmen die beiden Toten ebenfalls mit, damit die nahenden Apachen sie nicht verstümmeln. Flink, binden wir sie auf ihre Pferde! Felsenherz, nehmt den Roten die Kugelbeutel und Pulverhörner ab! Auch ein Messer für Barnley und Jonnys Büchse dort drüben, die ein leidlicher Schießprügel zu sein scheint.«

Da tauchte auch schon der Skalpierte mit den Pferden auf. Wenige Minuten später waren auf dem Kampfplatz nur noch die Leichen der acht Indianer und die des Einäugigen zurückgeblieben. Die drei Gefährten ritten mit ihren Gefangenen und den Toten in scharfem Trab den Canyon entlang. Sie hatten dessen Einmündung in die Prärie noch nicht erreicht, als hinter ihnen ein wahnwitziges Gebrüll ertönte, das von den Felswänden vielfach zurückgeworfen wurde.

Der Skalpierte deutete nach links in eine Abzweigung des Canyons hinein.

»Dorthin!«, rief er. »Das ist unsere einzige Rettung! Die Apachen sind uns zu dicht auf den Fersen.«

Felsenherz lenkte seinen Braunen in die enge Schlucht, die bald breiter wurde und sanft nach Norden anstieg. Der Skalpierte übernahm die Führung. Es ging nun am Rand eines Abgrundes auf einem kaum meterbreiten Felsgrat entlang. Der noch immer gefesselt auf seinem Mustang sitzende Apachenhäuptling, der sich nun wieder in der Gewalt seines Überwinders befand, versuchte seine Krieger durch einige gellende Schreie auf die Fährte der Flüchtlinge zu bringen.

Der lange Billy kicherte jedoch höhnisch: »Brüll nur, roter Halunke! Die Berge verändern die Richtung des Schalls derart, dass deine Krieger durch dieses Konzert keinen Deut schlauer werden!«

Der gefährliche Pfad senkte sich in ein breites Tal hinab. Hier ging es im Galopp weiter nach Norden, bis der Skalpierte abermals in eine Seitenschlucht einbog, deren nacktes Gestein kaum eine Fährte annahm. Diese Fluchtroute mündete schließlich nach Nordosten auf die Prärie und ging in eine flache, steinige Bodensenkung über, in der man die Pferde tüchtig ausgreifen lassen konnte.

Die Sonne war bereits untergegangen, und die ersten Abendschatten breiteten sich über die Savanne aus. Noch anderthalb Stunden ritten die Flüchtlinge teils im Trab, teils im Schritt weiter, bis es völlig finster geworden war und sie ein Gehölz erreichten, das von einem klaren Bächlein durchflossen wurde. Hier machte Felsenherz Halt. Der Apache und der gelbe Tom wurden aufrecht an Bäume gebunden. Auch die beiden unglücklichen Texaner fanden unweit dieses Lagerplatzes ihr einsames Grab.

Der lange Billy hatte vorsichtshalber die Umgebung des Gehölzes abgesucht, jedoch nichts Verdächtiges entdeckt. So wurde ein Feuer angezündet, über dem die Freunde ein paar Fische brieten, die der Skalpierte im Bach beim Schein einer harzigen Astfackel mit seinem Tomahawk erlegt hatte. Als die einfache Mahlzeit vorüber war, erhob sich Felsenherz. Er führte den an den Händen gefesselten Tom ans Feuer und band ihn sitzend an einen Baumstumpf.

»Tom Pickparell«, begann er, »Jonny Einaug hat Euch fraglos erzählt, wie er in den Besitz des Mustangs meines roten Bruders Chokariga gelangt ist. Berichtet mir, was Ihr darüber wisst!«

Tom grinste frech. »Ihr seid doch so schlau! Sucht nur nach dem Comanchen!«, meinte er höhnisch.

Felsenherz warf ein paar trockene Äste ins Feuer und fuhr ungerührt fort: »Pickparell, ich warne Euch! Ihr wisst, dass ich noch vor drei Monaten ein friedlicher, harmloser Ansiedler war, bis plötzlich Apachen vom Unterstamm der Mescalero die Farm meines Onkels niederbrannten. Meine Braut und alle meine Verwandten wurden ermordet – mit Ausnahme meiner Schwester Anna. Seit jenem Schreckenstag ist mein Herz hart geworden, hart wie mein Vatername Felsen. Harry Felsen hieß ich einst, jetzt bin ich Felsenherz! Also, Tom Pickparell, wie kam der Einäugige in den Besitz des Mustangs?«

Tom lachte bloß: »Fragt doch Jonny!«

Da packte Felsenherz zu, riss Pickparell die Stiefel von den Füßen und stopfte ihm einen Knebel in den Mund.

Billy kicherte zustimmend: »Ah, verstehe, old Boy! Werden dem Halunken etwas die Zehen anwärmen! Hat’s verdient, der Schuft!«

Er packte Toms Unterschenkel und schwang sie mit unwiderstehlicher Kraft zur Seite, sodass die nackten Füße gefährlich nah über die heiße Glut gerieten.

Tom Pickparell zog sie unter verzweifelter Anstrengung zurück, erlitt dabei jedoch rasch schmerzhafte Brandwunden an Hacken und Sohlen. Der wahnsinnige Schmerz trieb ihm die Tränen in die Augen.

Felsenherz fragte kurz: »Wollt Ihr jetzt sprechen?«

Tom nickte hektisch.

Der Knebel wurde entfernt, und Felsenherz wandte sich an den Skalpierten: »Barnley, macht eine Satteldecke im Bach nass, damit wir sie Pickparell um die Füße legen können. Ich quäle niemanden unnötig.« Dann sah er wieder auf den gelben Tom herab. »Nun?«, fragte er.

»Jonny hat den Schwarzen Panther den Apachen in die Hände gespielt«, wimmerte dieser. »Es waren dieselben zehn Apachen, die die Schwester des Comanchenhäuptlings zum Tal der sprechenden Wasser bringen sollten. Mehr weiß ich nicht.«

»Und die zweihundert Apachen, die unter Führung des Springenden Wolfes standen und sich den Kavett-Bergen von Nordwesten her näherten?«

»Sie sollten Fort Kavett überfallen, werden jetzt aber wohl erst das befestigte Lager Captain Tobblers angreifen«, winselte Pickparell.

Der Große Bär hatte alles mit angehört.

»Hund!«, brüllte er nun von seinem Baum her dem Spion zu. »Elender, räudiger Hund! Meine Krieger werden dir die Zunge herausreißen, feiger Verräter!«

»Wo liegt das Tal der sprechenden Wasser?«, fragte Felsenherz weiter.

»Es ist dasselbe Tal, in dem ich das einsame Blockhaus entdeckte, das die Apachen inzwischen niedergebrannt haben. Sie fanden dort jedoch keinen der Bewohner mehr in den Trümmern. Nur ein paar Knochenreste, wie mir der Springende Wolf am Berg der Hasen erzählt hat. Ihr seht, ich spreche die Wahrheit.«

»Ich wusste längst, dass Ihr der Mann wart, der das Feuersignal gegeben hat«, erklärte Felsenherz. »In Euren Satteltaschen fand ich einen falschen Bart, und Euer gelber Leinenanzug lässt sich von beiden Seiten tragen – innen ist er blau.«

Der blonde Trapper winkte Billy und den Skalpierten beiseite. Sie berieten leise miteinander. Gleich darauf löschten sie das Feuer und ritten in die bereits mondhelle Prärie hinaus nach Süden, wo sich das Lager der Texaner befinden musste. Die beiden Gefangenen und den Mustang des Comanchenhäuptlings nahmen sie wieder mit sich.

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