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Nick Carter – Band 20 – Ein Kindesraub – Kapitel 5

Nick Carter
Amerikas größter Detektiv
Ein Kindesraub
Ein Detektivroman
Kapitel 5

Ein Verzweiflungskampf

Die Bahnstrecke kam in Sicht. Nick Carter hatte sie noch rechtzeitig erreicht.

Ein Blick auf seine Uhr belehrte ihn, dass bis zum Eintreffen des Zuges mindestens noch fünf Minuten verstreichen mussten.

Eine solche Frist war auch notwendig, denn der Detektiv musste das Haltesignal stellen, ohne welches der Personenzug an der kleinen Nebenstation nicht anhielt.

Diese Station war eigentlich nichts Besseres, als ein ausrangierter Güterwaggon, an dessen einer Breitseite eine Art Plattform errichtet war und in welchem bei schlechtem Wetter etwaige Passagiere Zuflucht suchen konnten. An dem einen Ende der Plattform befand sich ein hoher Signalpfosten mit beweglichem Arm.

Wurde dieser Arm, an dessen Ende sich eine Scheibe befand, durch einen Hebeldruck in horizontale Lage versetzt, so war dies ein Haltezeichen für den herannahenden Zug.

Unmittelbar hinter dem Signalmast zog sich eine etwa drei Fuß hohe Steinmauer entlang. Auf der anderen Seite der Schienen erhob sich ein Schuppen.

Nick hatte den Besitzer des Leihstalles nicht in sein Geheimnis eingeweiht, ihn aber davon verständigt, dass er Wagen und Pferde in jenem Schuppen finden würde, wenn der 9.15-Zug die Haltestelle passiert habe. Natürlich hatte er dem misstrauischen Geschäftsmann eine größere Summe als Sicherheit hinterlegen müssen.

Nicks ganzer Plan war derartig vorbedacht, und klug berechnet angelegt, dass ein Gelingen umso mehr außer Frage stand, als Groble und wenigstens drei seiner Spione sich auf falscher Fährte befanden und diese zweifellos eifrig verfolgten.

Wie es den Anschein hatte, war die wenig benützte Haltestelle von keinem der Groble’schen Spione bewacht und Nick wünschte innerlich nur, dass vor Eintreffen des Personenzuges keiner der Schurken auf der Bildfläche erscheinen möchte.

Ging alles nach seiner Berechnung, dann war Klein-Dorrit schon nach Ablauf weniger Minuten wieder in voller Sicherheit.

Als Nick Carter tags zuvor die Haltestelle ebenfalls passiert, da hatte er auch keinen der Groble’schen Spione wahrnehmen können – und dieser selbst hatte bei all seiner Offenherzigkeit, die ihn die Aufenthaltsorte seiner Getreuen ohne weiteres verraten machte, nichts derartiges geäußert.

Um so größer war nun die Überraschung des Detektivs, als im selben Moment, in welchem der von ihm geführte Wagen die Schienenspur erreichte, drei Kerle von der Wegseite her herausprangen, jeder von ihnen mit einem Revolver in der Rechten.

Im Nu fiel einer der Kerle den Pferden in die Zügel.

»Ah, das wollten Sie – so, das war Ihre Absicht?« schrie einer der Burschen, seine Schusswaffe drohend vorhaltend. »Herunter vom Bock, Mister!«

Annie Wilson stieß einen Aufschrei äußersten Entsetzens aus und auch Klein-Dorrit schmiegte sich verschüchtert an ihre Wärterin. War sie auch noch zu kindlich unerfahren, um die ganze Größe der Gefahr, in welcher ihr junges Leben schwebte, begreifen zu können, so fühlte sie doch schon mit dem Instinkt des Kindes heraus, dass David Groble und dessen Männer schlimmes gegen sie im Schilde führten.

Als die Wärterin nur schreckerstarrt das Antlitz mit den Händen bedeckte und sich um die Kleine nicht kümmerte, wendete sich diese nach dem Detektiv um.

»Rette mich, o rette mich«, schrie das Kind in der höchsten Angst, seine Arme um Nicks Nacken schlingend.

So groß die Geistesgegenwart des berühmten Detektivs auch war, so befand er sich jetzt doch nahe dabei, sie zu verlieren, derartig überraschend war das plötzliche Auftauchen der drei bewaffneten Spione ihm gekommen.

An die eigene Gefahr dachte er auch nicht einen Augenblick – umso mehr aber befürchtete er, dass bei einem sich entspinnenden Revolverkampfe das Leben Klein-Dorrits oder deren Pflegerin gefährdet werden könnte.

Hastig drückte der Detektiv das kleine Mädchen nieder, sodass es zwischen seinen Füßen und der Sitzhöhlung verschwand.

»Duck dich, Dorrit«, hauchte er ihr zu. »Versteck dich unter mir, damit die bösen Männer dich nicht treffen können!«

Brav gehorchte das Kind.

Auch die Wärterin sollte ein Gleiches tun; sie war indessen zu schreckgelähmt, um dem Befehl des Detektivs nachkommen zu können, sie verstand ihn wahrscheinlich nicht einmal.

Die beiden feurigen Pferde bäumten sich. Ohnehin waren sie durch den rasenden Galopp schon wild geworden – der plötzliche Überfall machte sie vollends scheu.

Ein Blick überzeugte Nick Carter davon, dass der Mann vorn bei den Pferden alle Hände voll zu tun hatte. Im selben Augenblick ließ der Detektiv auch schon die Peitsche schwirren und deren fürchterlicher Schlag fuhr dem zweiten Angreifer quer über das Gesicht.

Der Getroffene heulte laut auf vor Schmerz und taumelte zurück.

Zu gleicher Zeit hatte Nick Carter auch schon seine beiden Hände hochgeworfen – im selben Augenblick befanden sich zwei Revolver in seinen Händen. Von früher her kennt der geneigte Leser die sinnreiche Vorrichtung des Detektivs, welche ihm gestattete, zwei geladene Revolver in den Rockärmeln zu verbergen und sich ihrer durch eine einfache Bewegung zu versichern.

Zum Unterhandeln oder Drohen blieb keine Zeit.

Nick Carter schoss und der zweite der Angreifer brach im Feuer zusammen.

Völlig scheu durch den Knall des Revolverschusses geworden, gingen die Pferde dem Mann, der sie an den Zügeln festhalten wollte, einfach durch und schleuderten ihn zur Seite, während sie selbst in rasender Flucht, den Wagen hinter sich schleifend, über die Schienen stürmten.

Im gleichen Moment spürte Nick Carter einen heißen, stechenden Schmerz an seiner Schulter.

Der eine Schurke hatte auf ihn geschossen.

Doch noch ein anderer Schuss erdröhnte. Haarscharf am Körper des Detektivs vorüberschlagend, traf die Kugel das eiserne Rückgeländer des Kutscherbocks, prallte von diesem ab und flog harmlos ins Weite.

»Dachte ich es mir doch, dass die Kerle gute Schützen sind!«, murmelte der Detektiv vor sich hin. »Dieser Groble hat sich vorgesehen!«

Mit mächtigem Zügelruck lenkte er die scheu gewordenen Pferde trotz ihres Widerstrebens gewaltsam nach dem Schuppen zu und hielt dann plötzlich inne.

An dieser Stelle war der als Stationshaus dienende Frachtwaggon zwischen ihm und seinen Angreifern.

»Schnell, steigt ab!«, forderte der Detektiv.

Damit hatte Nick auch schon, selbst vom Bock springend, Klein-Dorrit von diesem herabgehoben und nach dem Häuschen zugewiesen.

Zu gleicher Zeit sprang auch Annie Wilson mit dumpfem Schreckenslaut auf den Erdboden nieder und blieb händeringend in völliger Geistesverwirrung stehen.

»Hinein ins Stationshaus!«, befahl Nick Carter.

Damit peitschte er auch schon wieder auf die Pferde ein.

Die Tiere stürmten voran und zogen den Wagen in den gerade vor ihnen befindlichen Schuppen.

Als der Buggy wieder in den Gesichtsbereich der jenseits der Schienen befindlichen Schurken kam, schossen zwei davon auf den Wagen, ehe sie gewahrten, dass sich niemand auf dem Bock befand.

Der Dritte im Bunde hätte nicht schießen können, selbst wenn er es gewollt hätte, denn schwer verwundet hatte ihn die Kugel des Detektivs in den Sand gestreckt.

Im nächsten Augenblick befand sich Nick Carter mit Annie und Klein-Dorrit im Inneren des Frachtwaggons, der nur durch ein einziges kleines, der Tür gegenüberbefindliches Fenster erhellt wurde.

Unverzüglich ließ er Wärterin und Kind sich flach auf die Erde niederwerfen.

»So, nun können wir es ausfechten!«, knurrte der Detektiv grimmig vor sich hin.

Doch im selben Moment fiel ihm auch schon ein, dass das Signal gestellt werden musste, sollte der Zug nicht ohne Aufenthalt vorüberbrausen.

Bisher hatte der Kampf kaum eine Minute gedauert.

Bis der Zug in Sicht kam, mussten demzufolge mindestens weitere vier Minuten verstreichen und bis dahin hatte der Detektiv seine Schutzbefohlenen und sich selbst gegen die Angreifer zu verteidigen.

Dass ihm dies gelingen würde, daran zweifelte Nick Carter natürlich keinen Augenblick. Er hätte es mit einem Dutzend solcher Kerle aufgenommen. Doch umso größer war seine Befürchtung, dass die Schurken durch die dünne Bretterwand des Frachtwagens schießen und Klein-Dorrit oder deren Wärterin treffen könnten.

»Ist Bill tot?«, hörte er eben einen der Burschen draußen fragen.

»Weiß nicht, doch es ist ebenso schlimm, denn er kann uns jetzt nichts mehr nützen!«

»Dann laufe du, was du kannst, zur Farm zurück und benachrichtige Groble. Sag ihm, was geschehen ist – er soll mit allen Leuten sofort hierherkommen!«

»Ich will die Beine unter die Arme nehmen!«

»Recht so! Mittlerweile bleibe ich hier! Der Schuft will das Signal einstellen. Das werde ich verhindern – und ist der Zug vorüber, will ich ihn schon davon abhalten, zu den Pferden zu kommen. Ich halte ihn in Schach, bis du mit Groble und den Übrigen zurückkehrst. Dann wollen wir ihn umzingeln und ihm Löcher ins Fell schießen!«

Der Detektiv hörte und verstand. Die Stimme des Mannes, der seinem Gefährten Befehl erteilte, kam von der Richtung her, in welcher sich der Signalmast befand.

Der Sprecher hatte sich hinter der Steinmauer verborgen, sodass er selbst nicht gesehen werden, aber jedweden niederknallen konnte, welcher auch nur den Kopf aus dem Stationshäuschen herausstreckte.

Wäre es nicht um die Wärterin und Klein-Dorrit gewesen, so würde Nick Carter keinerlei Beängstigung verspürt haben.

Doch auch unter den derartig erschwerten Umständen behielt er den Kopf oben. Wohl brannte ihn seine Wunde, doch er hatte nun keine Zeit, um an solche Kleinigkeiten zu denken.

Hauptsache war es vielmehr, sich zu vergewissern, ob der eine Strolch wirklich der Weisung seines Kumpans nachkam oder nicht.

Nick befand sich nahe der Tür. Von da aus konnte er, vorsichtig sich duckend, auf die Landstraße hinausspähen und auf dieser einen Mann sehen, der in großer Eile in der Richtung zu Grobles Farmhaus davonstürmte.

Das war gut, auf diese Weise hatte er es nur mit einem einzigen Gegner zu tun! »Vielleicht ist der Kerl kein Scharfschütze – ich will es wenigstens einmal versuchen!«, ging es Nick durch den Sinn.

Damit hob er seinen Hut und streckte ihn etwas aus der Tür auf die Plattform hinaus.

Im selben Moment krachte es auch schon und eine Kugel pfiff mitten durch die Kopfbedeckung.

»Das ist ein alter Witz!«, rief der Mann hinter der Steinmauer. »Ich habe nur eine Kugel durch deinen Hut gejagt, um dir zu zeigen, wie gut ich schießen kann. Wage dich nur mit deinem Dickschädel vor, dann ist der Kampf sofort zu Ende!«

Einen Augenblick lang stand Nick Carter ziemlich ratlos.

Das Kommen Grobles und seiner Leute verschlug ihm wenig. Diese konnten nicht früher auftauchen, als bis der so sehnlichst erwartete Zug längst vorübergedampft war.

Doch der Zug selbst fuhr ohne Aufenthalt vorüber, wurde das Signal nicht dementsprechend geändert.

Er selbst aber konnte den Scheibenarm nicht stellen, ohne sich an den Mast zu begeben – und unmittelbar hinter diesem zog sich die Steinmauer entlang. Dort aber lauerte sein Gegner mit schussbereitem Revolver im sicheren Hinterhalt!

Während Nick Carter noch fassungslos, vergeblich sein Gehirn nach einem Ausweg abmarternd, dastand, hörte er von fern schon das Pfeifen der Lokomotive.

Der Zug kam heran!

Spätestens in einer Minute musste er die Haltestelle erreicht haben, und das Signal war noch nicht gestellt!

»Ho, ho!«, höhnte der Schurke von der Steinmauer her. »Soll ich den Arm nicht für dich einstellen? Du Kinderräuber, versuch es doch – komm doch heraus – ich will dir dein Spatzenhirn mit einer Kugel spicken! Du feiger Hund, verkrieche dich doch nicht wie eine alte Frau!«

Eine halbe Minute lang blieb der Strolch dabei, den Detektiv mit derartigen Höflichkeiten zu überhäufen.

»Der Zug ist nur eine halbe Meile entfernt!«, schrie er hohnlachend von Neuem. »Man kann ihn schon heranrumpeln hören. Komm doch heraus, du Hasenfuß, und stelle dein Haltesignal! Ich tue es nicht, verlasse dich darauf!«

Doch mitten im Wort unterbrach sich der Bursche plötzlich, denn vom Inneren der kleinen Station aus war plötzlich ein Schuss gefallen.

Von dem kleinen Fenster aus sah er eine kleine Rauchwolke aufsteigen.

»Hahaha!«, spottete der Strolch von Neuem. »Dummer Kerl, ist das deine ganze Schießkunst – hast ja eine halbe Meile zu hoch gehalten und du willst – Donnerwetter!«, unterbrach er sich da auch schon.

Der Brave hatte zum Fluchen alle Ursache, denn Nick Carter hatte sich wieder einmal als unübertrefflicher Meisterschütze bewiesen.

Vom Fenster aus hatte er auf den Strick gezielt, welcher den Signalarm hochhielt. Mit einer Geschicklichkeit, welche ihresgleichen suchte, war von Nick Carter das Seil glatt durchschossen worden und der schwere Eisenarm fiel nun, seines Haltes beraubt, waagerecht nieder und die ausgestreckte Scheibe zeigte das erforderliche Haltesignal.

Rasend vor Wut sprang der Bursche hinter der Steinmauer hoch und versuchte, am Seil zu zerren. Natürlich aber ohne Erfolg, denn dieses blieb bei seinem Ziehen und Zerren schließlich in seiner Hand, während der Signalarm in seiner horizontalen Lage verharrte.

Nick Carter hatte in dem Bewusstsein, dass sicherer Tod ihm und seinen Schutzbefohlenen in Aussicht stand, sich rücklings auf die Erde geworfen und sich derartig ans Fenster herangewälzt, bis er durch dieses den oberen Teil des Signalmastes zu erblicken vermocht hatte. Dann hatte er über seinen Kopf hinaus geschossen und einen Meisterschuss erzielt, wie er selbst ihm zuvor noch nicht gelungen war.

Näher und näher kam der Zug herangerollt, doch Nick Carter blieb ruhig auf dem Boden liegen. Er begriff nur zu gut, dass der Schurke schießen würde, solange der Zug noch nicht zum Halten gebracht war. War dies erst einmal geschehen, so hütete er sich natürlich, angesichts der Zugbeamten eine Tat zu begehen, welche ihn an den Galgen bringen musste.

Doch im Augenblick durchschoss es auch schon den Detektiv, dass der Unhold versuchen konnte, in entgegengesetzter Richtung zu feuern. Abwartend blieb er darum noch immer auf dem Rücken liegen, die Linke mit dem Revolver gegen das Fenster, die andere Hand mit der Waffe darin gegen die offene Tür gerichtet.

Gerade als das Stöhnen und Zischen der die Fahrt des Zuges verlangsamenden Luftbremsen einsetzte, krachte eine Kugel durch die dünne Bretterwand und schwirrte kaum zwei Fuß über dem Kopf des Detektivs in die Gegenwand, um sich in dieser einzugraben.

»Alle Achtung, der Kerl tut, was er kann!«, flüsterte Nick, während er sich etwas näher zur Tür rollte.

Doch es war des Schurken letzter Schuss!

Der Zug war mittlerweile herangebraust, nun hielt er an und der Kondukteur sowie verschiedene Bremser sprangen ab.

Natürlich wunderten sie sich darüber, dass weit und breit kein Passagier zu sehen war, obwohl doch das Haltesignal gestellt war.

Annie Wilson, welche die letzten Minuten über beinahe vor Angst gestorben war, setzte sich nun aufrecht.

»Sollen wir nicht hinausgehen und den Zug besteigen?«, schrillte sie auf.

»Liegen bleiben!«, donnerte Nick Carter. Dann erhob er seine Stimme noch mehr: »Hallo, hallo! Ihr Leute draußen!«

»Im Stationshaus befindet sich jemand!«, rief einer der Bremser und eilte über die Plattform der Tür zu.

»Großer Gott!«, schrie er auf, als er in das Innere hineinblickte.

Der Anblick war auch zu befremdlich, denn mitten auf der Diele lag ein Mann auf dem Rücken und hielt in jeder Hand einen Revolver. Von seiner Schulter aber sickerte dunkles Blut und floss langsam auf die Erde.

In der einen Ecke aber kauerten eine verstörte Frau und ein nicht minder entsetzt blickendes kleines Mädchen.

»Rufen Sie noch einige Männer«, flüsterte Nick Carter mit schwacher Stimme, »ich fühle, dass ich verwundet bin, und weiß nicht, ob ich mir allein aufhelfen kann!«

»Gütiger Himmel!«, stammelte der Bremser. »Hat hier eine Schießerei stattgefunden?«

Dann, ohne auf Antwort zu warten, rief er einige seiner Kameraden herbei.

Sie kamen sofort und waren nicht minder bestürzt.

»Nehmen Sie das kleine Mädchen auf den Arm und tragen Sie es zum Pullmanwagen!«, ordnete Nick Carter an.

»Ich kann ganz gut gehen, Mr. Carter«, antwortete das kleine Mädchen und stand auch schon auf.

Doch der Bremser hatte die Kleine bereits in den Armen und trug sie hinaus.

Mit angehaltenem Atem lauschte der Detektiv, denn die Furcht beschlich ihn, dass der Schurke hinter der Steinmauer auf Klein-Dorrit einen Schuss abfeuern könnte. Doch nichts dergleichen geschah und Nick atmete erleichtert auf.

»Nun besteigen Sie den Zug, Mrs. Wilson!«, ordnete er an.

»Sie kommen doch auch mit?«, erkundigte sich der Kondukteur.

»Natürlich«, antwortete der Detektiv. »Bitte, helfen Sie mir ein wenig auf die Füße. Ich merkte erst, dass ich verwundet bin, seitdem ich hier auf dem Rücken liege. Nun kommt es mir gerade so vor, als sei ich halb gelähmt!«

»Was hat sich denn zugetragen?«, erkundigte sich der Zugbeamte, während er dem Detektiv hilfreich zur Hand ging.

»Das sollen Sie alles erfahren, sobald der Zug wieder in Bewegung ist. Ich möchte ein Einzelabteil im Pullmanwagen erhalten, falls ein solches frei ist.«

»Das können Sie haben. Werden Sie denn laufen können, Mister?«

Mittlerweile war Nick Carter schon wieder auf die Füße gekommen. Er schaute durch das Fenster und nahm ein schurkisches Gesicht wahr, das hinter einem Busch etwas die Landstraße hinauf hervorspähte.

»Ich kann ganz gut gehen«, antwortete Nick nun, »doch aus gewissen Gründen möchte ich Sie und Ihre Freunde bitten, mich derartig zu umringen, als ob ich schwer verwundet sei. In Wirklichkeit habe ich höchstens eine Fleischwunde davongetragen. Ein Muskelkrampf muss mich vorübergehend gelähmt haben, doch jetzt hat er schon wieder nachgelassen.«

Die Zugbeamten schleppten Nick Carter zum Pullmanwagen und über die steilen Treppenstufen zu dessen Plattform.

Gerade als Nick Carter durch die offene Tür das Wageninnere betrat, fiel sein Blick noch ein letztes Mal auf das grimmig verzerrte Gesicht seines Gegners, der anscheinend glaubte, durch seine Kugeln den Detektiv und Klein-Dorrit tödlich verwundet zu haben, weil beide in den Wagen hineingetragen worden waren.

Doch das war es gerade, was der Detektiv bezwecken wollte. Glaubten die Kerle, ihn und die kleine Dorrit getötet zu haben, so ließen sie es vielleicht darauf ankommen und blieben auf der Farm, um ihr Unwesen fortzusetzen.

Um alles in der Welt wollte der Detektiv David Grobles Fährte nicht verlieren, denn mehr als je war er davon überzeugt, dass dieser und seine Genossen all die Einbrüche in der Umgegend, darunter auch den Bankraub in New-Hamburg, auf dem Gewissen hatten.

Wäre es nicht um Klein-Dorrits willen gewesen, so hätte Nick Carter den Strolch schon vorhin festgenommen, als er neben ihm auf dem Kutscherbock gesessen hatte, einerlei, welche Gefahr er dadurch auch über sich selbst heraufbeschworen haben würde.

Der Zug hatte sich wieder in Bewegung gesetzt und ohne fremde Beihilfe begab sich Nick Carter in den State-Room, wie die einzelnen Salonabteilungen genannt werden. In kurzen Worten setzte er dem nicht wenig verblüfften Kondukteur das Geschehene auseinander und händigte ihm zugleich seine Karte ein.

»Gütiger Gott, Sie sind es, Mr. Carter!«, rief nun der Beamte, kaum dass er den Namen des berühmten Detektivs gelesen hatte. »Das ist ja eine wahre Himmelsfügung, dass wir Ihnen in Ihrer schrecklichen Lage beistehen konnten – ich will nur zuschauen, ob sich im Zug kein Arzt befindet, der Ihre Wunde verbinden kann!«

Dies war zwar nicht der Fall, doch wenige Minuten später stieg in Port Jervis ein Arzt in den Zug. Nick blickte durchs Fenster und sah auf der Plattform Grobles Spion, der wie gewohnt seinen Posten eingenommen hatte.

»All right, er weiß noch von nichts, und die Kerle werden uns unterwegs keine weiteren Scherereien machen!«, brummte der Detektiv vor sich hin.

Bald darauf nahm der Arzt sich seiner an und stellte fest, dass es sich nur um eine leichte Verwundung handelte, welche starken Blutverlust hervorgerufen und das Muskelfleisch beschädigt hatte.

Als Nick sich auf die Diele fallen gelassen und über diese gewälzt hatte, waren die verwundeten Muskeln übermäßig angespannt worden, was einen vorübergehenden Krampf hervorgerufen hatte.

»In zwei Wochen sind Sie wieder frisch und munter, Mr. Carter«, meinte der Arzt, als er die Wunde genäht und verbunden hatte.

»Darauf wollen wir es ankommen lassen!«, erklärte Nick Carter lachend. »Ich habe so eine Ahnung, als wäre ich in zwei Tagen wieder auf dem Posten!«

Er sollte recht behalten, denn es nahm ihn keinen Tag länger in Anspruch, da befand er sich auch schon wieder auf der Rückfahrt nach Port Jervis.

Vorher aber hatte er dem überaus erfreuten Mr. Sherman die glücklich gerettete Enkelin wieder wohlbehalten ins Haus gebracht.

Dorthin hatte ihn die von Gewissensbissen gefolterte Annie nicht begleiten wollen. Doch der alte Herr empfing auch sie auf das Gütigste und erklärte, dass der leidige Zwischenfall keinen Wechsel in ihren bisherigen Beziehungen zeitigen sollte.

Unter Tränen gelobte Annie, sich nie und nimmer wieder vom Weg der Pflicht verlocken lassen zu wollen – und der gütige alte Mann vertraute ihr gern. Dass sie sich fortan für Klein-Dorrit eher in Stücke reißen lassen würde, glaubte er ihr ebenfalls aufs Wort.

Doch umso sorgenvoller sah er der Zukunft ins Auge, dachte er an seine kleine Enkelin und deren Geschick. Noch lebte ihr unnatürlicher Vater und es stand zu erwarten, dass dieser alle Hebel in Bewegung setzen würde, um sein Kind wieder in seine Gewalt zu bekommen.

»Unbesorgt, Onkel Philipp!«, wusste der Detektiv den niedergeschlagenen Mann zu trösten. »Seiner Vaterrechte kann ich diesen David Groble nicht berauben, wohl aber kann und werde ich ihn selbst unschädlich machen! Hundert gegen eins wette ich, dass der saubere Patron ein Bankräuber ist – und als solcher blüht ihm mindestens zwanzig Jahre Zuchthaus. Ihm diese zu verschaffen, soll meine nächste und eifrigste Sorge sein!«

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