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Die Geschichte des goldenen Saffianschuhs – Kapitel 4

Antonina Domańska
Die Geschichte des goldenen Saffianschuhs
Original: Historia żółtej ciżemki
Eine Erzählung aus der Zeit der Herrschaft von Kasimir IV. Andreas
Mit 11 Illustrationen

Kapitel 4: Das Zwierzyniec-Pferdchen

Hochzeit in Pisary – Er ging nach Poręba und kam nach Krakau – Ein Tatar auf einem Holzpferd – Wieder ein Pilger – Warum hat der heilige Adalbert zwei Köpfe? – Vater Szymon

Der Wald erwachte zum Leben. Die munteren Vögel erfüllten die Luft mit fröhlichem Gezwitscher. Über den Baumwipfeln färbte sich der Himmel im Osten rosa. Wawrzek sprach sein Gebet, zupfte etwas Brot von dem Viertel, das ihm die gutmütige Grzegorzowa geschenkt hatte, und überlegte im Stillen, ob er schon gefahrlos vom Baum klettern könne.

»Na, sie werden mich wohl nicht mehr verfolgen. Sie sind weitergeritten, also drehe ich um. Ich gehe durch den Wald, aber nur ganz am Rand, damit ich den Weg nicht aus den Augen verliere. Mir ist der Urwald nicht mehr fremd, wovor sollte ich mich fürchten?«

Eine neue Wanderung begann, mit dem Unterschied, dass Wawrzek heute schon viel klüger war. Er hielt sich für einen Weltmann, reich an vielfältigen Erfahrungen. Er spürte, dass er sich vor niemandem mehr fürchten und auch nicht jedem Erstbesten glauben würde, der ihn zu seinen Eltern zurückbringen wollte. Er ging mutig voran, fürchtete keinen Hunger, denn die Gegend war besiedelt und die Landstraße belebt – alles war ganz anders als vor ein paar Wochen im Urwald.

Gegen Mittag erreichte er ein Dorf und näherte sich der ersten Hütte, wo er durch die offene Tür die ganze Familie sah, die im Flur zu Mittag aß. Er blieb in der Nähe stehen, gerade so, dass man ihn bemerken musste.

»Was ist das für ein Kind?«, fragte der Hausherr. »Sieht mir aus wie Bartkows Pietrek aus Szydło.«

»Aber woher denn, habt ihr nicht gesehen, Vater, dass Pietrek schwach auf den Beinen ist, und dieser hier steht kerzengerade da«, rief eines der Kinder.

»Frag ihn doch am besten, wenn du so neugierig bist.«

»He, Junge, was willst du hier?«

»Gebt mir etwas Wasser, ich habe schrecklichen Durst«, antwortete Wawrzek und küsste der Hausherrin die Hand.

»Und nichts zu essen?«, fragte sie, gerührt von dem demütigen Verhalten des Kindes.

»Vergelt’s Gott, ich habe noch ein Stück Brot, das mir die Grzegorzowa gegeben hat.«

»Na, nur Brot, das ist ja fast wie am Karfreitag; iss etwas Graupensuppe mit uns, lass es dir schmecken.«

Die Frau reichte ihm einen Löffel, er setzte sich auf die Schwelle neben ihre kleine Tochter und schöpfte aus der Schüssel Graupensuppe, die reichlich mit Speck verfeinert war.

»Und wer ist diese Grzegorzowa, die dir Brot gegeben hat?«, fragte der Bauer.

Wawrzek erschrak. Wenn er die Wahrheit sagte, würden sie ihn an die Wiłas ausliefern und der Alte würde ihn totschlagen.

»Das ist meine Patin; ich war zwei Wochen bei ihr.«

»Und wohin gehst du jetzt?«

»Ich gehe nach Hause, nach Poręba.«

»Wo ist dieses Poręba? Weit weg? Vielleicht sogar in der Nähe von Krakau?«

»Genau dort«, erwiderte Wawrzek, froh darüber, dass ihm diese Antwort von selbst eingefallen war. Er wusste nicht, was Krakau bedeutete; dieses Wort hatte er in seinem ganzen Leben noch nie gehört.

»Du bist doch so klein, wirst du dich nicht verlaufen?«

»Ich werde mich keinesfalls verlaufen; ich kenne den Weg, denn ich bin schon oft zu meiner Patin gegangen.«

Na, ich sollte mich lieber aus dem Staub machen, dachte er, wenn sie anfangen mich auszufragen, verplappere ich mich noch und dann gibt es Ärger.«

Er stand auf, dankte dem Bauern und der Frau, verabschiedete sich mit den Worten »Gelobt sei Jesus Christus« und trat vor die Tür.

»Warte mal, Kind, warte, es ist schrecklich weit bis zu diesem Poręba. Da wirst du nicht einmal bis morgen Mittag ankommen. Und falls du auf hartherzige Menschen triffst, nimm diesen Käse und Speck im Tuch; damit kannst du den Hunger stillen, bevor du zu deiner Mutter kommst. Oder hast du vielleicht keine Mutter?«

»Oh doch! Und eine gute …so wie ihr, oder vielleicht noch besser.«

Er ging fort.

»Nun, so viel habe ich erfahren, dass Poręba weit weg ist, nicht weit von Krakau, und dass ich nicht vor morgen Mittag ankomme. Das ist schon mal gut; der Weg wird mir nicht zu lang, wenn ich weiß, wohin er führt. Und dieses Krakau, das ist vielleicht so ein alter Eichenbaum oder ein großer Berg; aber warum haben sie zu Hause nie davon geredet? Ob ich hier richtig bin? Es gibt so viele Pfade in alle Richtungen, und die Landstraße teilt sich auch oft, nicht dass ich mich verirre. Die Leute zu fragen ist schlecht, nicht zu fragen ist noch schlechter.«

Er lief und lief und hielt sich instinktiv gen Westen, denn er erinnerte sich noch, dass die Sonne in Poręba vor dem Untergang in den Wald und auf den Fluss geschienen hatte. Dass sie beim Aufgehen von der anderen Seite auf den Fluss schien und sich mittags von oben im Wasser spiegelte, darüber dachte er nicht nach; er strebte nach Westen. Er hatte schon zweimal gerastet und ein Stündchen geschlafen, als er aus der Ferne ein Dorf erblickte.

»Tja, da muss man wohl wieder unter Menschen. Der Abend bricht an, vielleicht lässt mich ja jemand irgendwo auf dem Stroh schlafen.«

Er betrat eine lange, gerade Straße; auf der linken Seite standen Holzhäuser mit Strohdächern, hier und da Hütten aus Reisig, die dick mit Lehm beworfen waren; auf der rechten Seite befanden sich nur Scheunen und Ställe.

»Wie heißt dieses Dorf?«, fragte er einen Jungen, der Gänse nach Hause trieb.

»Pisary«, antwortete der kleine Hirte, schwang seine Rute und sang den in der Gegend von Krakau bis heute bekannten Gänseruf: »O lala haaa! O lala haaa!«

»Pisary …was nützt mir das … naja, ich muss mich irgendwo für die Nacht einladen. Da spielt doch etwas … laute Musik … oh Mutter … sind das vielleicht sie?«

Er schlüpfte in eine angelehnte Scheune und kauerte sich hinter die Tür; er hatte fürchterliche Angst, dass die Wiłas von irgendwoher hervorkriechen, ihn schnappen und umbringen würden. Es war völlig dunkel geworden; die Vorstellung hätte längst zu Ende sein müssen, aber da spielte und spielte die Musik immer weiter. Man hörte ein tiefes Brummen und ein Quietschen wie von einer Trompete; der erste Schreck verflog und Wawrzek lauschte der Musik.

»Na … ich bin doch dumm … das ist ganz andere Musik, nicht unsere!«

Die Nacht war stockfinster, genau wie gestern, und so konnte er sein Versteck ruhig verlassen; niemand würde sich wundern, dass ein Kind durch das Dorf lief. Also verließ er die Scheune und folgte dem Klang dieser Musik. Er sah ein großes Haus, das durch das Kaminfeuer und einige Öllampen hell erleuchtet war; aus den Fenstern strömte Licht auf einen großen, ebenen Hof. Zwei Dudelsackspieler saßen auf der Erdaufschüttung vor dem Haus und spielten schwungvoll auf, während Knechte und Mägde sich drehten, den Oberek tanzten, im Takt dazu aufstampften und ab und zu ein Paar stehen blieb.

Wawrzek stützte sich auf den Zaun, schob die Latten mit seinen kleinen Händen auseinander, schaute und lauschte.

»Hanuś mein, Hanuś, warum willst du mich nicht? Ich mag dich so sehr, und du flüsterst mit Jaśko!«

Ein zweites Paar kam herbeigelaufen.

»Der Mond scheint, die Sterne helfen, wohin ich mich auch drehe, die Mägde lieben mich!«

Doch das Mädchen verzog spöttisch das Gesicht, warf den Musikanten einen Halbgroschen hin und sang zurück: »Sie lieben dich, sie lieben dich wie der Hund den Bettler, du würdest jede heiraten, aber keine will dich!«

Wieder eilte ein Paar herbei, wieder Gesang, Lachen und Sticheleien. Auf der anderen Seite der Hütte, auf der hohen Erdaufschüttung, saßen die Hausherrinnen und plauderten. Der Tisch vor ihnen war reich gedeckt, und aus der Stube lief bald die Mutter, bald eines der Mädchen heraus und brachte riesige Schüsseln mit in Stücke geschnittener Wurst, fettem Schweinebraten oder Käse auf dem Sieb und Roggenfladen dazu. Ein grauhaariger Bauer lud die Hausherren an den Tisch ein, sie trugen Krüge mit Bier und Bauchflaschen voll Met aus der kühlen Kammer. Die Bauern aßen im Stehen, weil kein Platz zum Sitzen da war; aber auf eine Bank kam es nicht an, wenn man etwas zu beißen und etwas zum Spülen der Kehle hatte.

»Das ist ja eine Hochzeit«, flüsterte Wawrzek hinter dem Zaun, »die dort im hohen Kranz ist die Braut …. und der mit dem Strauß an der Mütze ist der Bräutigam. Genau wie in Poręba. Ach, wie diese Wurst duftet, einfach herrlich. Wenn sie mir doch nur einmal zum Anbeißen gäben … oh Gott, Gott.«

Und wie er zuvor dem Gehör gefolgt war, so ging er nun dem Geruch nach. Er stellte sich an die Wand neben die Dudelsackspieler; vielleicht bemerkte ihn ja jemand. Schließlich durfte man auf einer Hochzeit einen Reisenden nicht fortjagen, es wäre eine schreckliche Sünde, ihn nicht zu bewirten.

Ein schönes Mädchen sprang aus der Stube heraus; die Bänder ihrer Perlenkette flogen wie kleine Flügel, sie trug wohl sechs Röcke, und so bauschig. Was sie auch bewegte, alles rauschte und knisterte um sie herum. Sie brachte den Dudelsackspielern einen Krug Bier und Fleisch auf Brot; sie hörten auf zu spielen, dankten schön und machten sich ans Essen.

Da fiel ihr Blick auf den Jungen.

»O je, was ist das für ein Gast?«, fragte sie, beugte sich zu Wawrzek hinab und blickte ihm in die Augen. »Wo kommst du denn her? Ein fremdes Kind, nicht aus Pisary, stimmt’s? Hast du vielleicht Hunger?«

»No«, antwortete er ergriffen.

Dieses kurze, einsilbige Wort bedeutete vor vierhundert Jahren in der Volkssprache genauso wie heute eine sehr bestimmte Bejahung. Das Mädchen verstand sofort, wie groß der Hunger sein musste, wenn jemand »No« sagte. Sie nahm den Jungen an die Hand und zog ihn hinter sich her zum Tisch.

»Soll ich dir Wurst geben?«

»No.«

»Und Fladen?«

»No.«

»Dann setz dich in die Ecke auf den Boden, damit du den Leuten nicht beim Tanzen im Weg bist, und lass es dir schmecken.«

»Sieh mal an … sieh mal an … was für ein riesiger Kerl!«, meinte einer der Brautführer. »Wir haben uns schon gesorgt, weil der Hochzeitsbitter krank geworden ist; seht mal, Leute, was meint ihr, wäre der hier nicht gut?«

Er nahm Wawrzek auf den Arm, trug ihn herum und zeigte ihn allen; die Hausherren lachten, streichelten das Kind über die Wange, und fast jeder wunderte sich, wo der Kleine hergekommen war.

»Eh, was ist das für ein Hochzeitsbitter, der mit niemandem anstößt! Hej, Gevatter, auf Euer Wohl!«

Jemand goss einen Becher Met ein.

»Trink, trink, der ist gut und süß …«

Er trank, es schmeckte ihm; sie gaben ihm noch einen, und er trank auch den zweiten Becher aus.

Der Brautführer ließ ihn wieder los, weil er es eilig hatte zu tanzen; die Dudelsackspieler fingen schon wieder an zu brummen. Aber die Mädchen redeten sich heraus, sie seien müde und hungrig und müssten noch etwas essen. Sie setzten sich paarweise ins Gras, aßen und tranken. Wawrzek aber stand an die Wand gelehnt, denn ihm wurde irgendwie komisch in den Beinen und im Kopf … als wollte er bis in den Himmel springen, und im nächsten Augenblick drehte sich der ganze Hof, der Tisch und die Bank mit den Hausherrinnen, alles wirbelte und wackelte so sehr, dass er sich lieber mit aller Kraft an die Wand presste, weil diese sich wenigstens ruhig verhielt.

Die Tänze begannen von Neuem. Die Burschen, gestärkt vom Fleisch und erheitert vom Met, trieben es ausgelassen. Die Lieder hagelten herab, einer drängte den anderen vor der Musik weg, sie überschrien sich, sodass man nicht einmal verstehen konnte, wer was sang. Sie wirbelten die Mädchen so herum, dass selbst den Zuschauern schwindelig wurde. Derselbe Brautführer, der Wawrzek zuerst zum Hochzeitsbitter ernannt hatte, überredete die Braut, mit dem Kind zu tanzen. Sie wollten sich einen Scherz mit dem Kleinen machen, überzeugt, dass er sich schämen oder wie ein Bär herumtrampeln würde.

Wawrzek hatte jedoch ein vortreffliches Gehör, spürte den Takt, und die Peitsche des alten Grzegorz hatte ihn schwerere Dinge gelehrt als das Drehen beim Oberek. Zudem flößten die zwei Becher Met seinem Herzen gewaltigen Mut ein. Er warf sich mit ungeheurem Schwung ins Getümmel, und obwohl er der Braut kaum bis zur Taille reichte, packte er sie fest an den Miederlaschen und tanzte wie wild, bis alle staunten, was für ein ausdauernder Knirps das war.

»Na, lass mich schon los … du …ich kriege ja keine Luft mehr!«, bat Kondusia; aber Wawrzek hörte nicht hin, sondern wirbelte immer weiter im Kreis. Schließlich erbarmte er sich und ließ das Mädchen los. Wie von einem Rausch erfasst, fiel er auf die Hände, schlug einen Purzelbaum, noch einen und gleich den dritten. Er warf sich so geschickt und schnell herum, dass nur etwas in der Luft flimmerte – Kind, Spinne oder Ball. Die Bauern, völlig überrascht, wichen zur Seite, rissen die Augen auf und staunten.

Nach zehn oder zwölf Purzelbäumen setzte sich das erschöpfte Kind ins Gras, verdeckte das Gesicht mit den Händen und ruhte sich aus.

»Das ist mir ja ein Schalk!«, rief einer der Burschen. »Stand da stumm in der Ecke, so winzig und verarmt, man hätte geschworen, er kann nicht mal bis drei zählen, und das, liebe Leute, ist ein Besessener, eine Teufelsbrut!«

»Ach was … was für ein Besessener.«, nahm Magda, das Mädchen in den rauschenden Röcken, ihn in Schutz. »Wisst ihr etwa nicht, was die Jungen auf der Weide anstellen? Seid ihr selbst als Kleine nicht auf den Händen gekrabbelt? Seht ihn euch an … Besessener! So ein klitzekleines Kerlchen, zart wie ein Halm. Ihr habt ihn aus Übermut mit Met abgefüllt, und jetzt wundert ihr euch, dass ihm der Kopf verdreht wurde und er nicht weiß, was er tut.«

»Da sagst du die Wahrheit, Magda«, stimmte der Vater zu. »Da ist keine Teufelskunst dabei, das Kind ist einfach flink wie ein Kätzchen und treibt Schabernack, wie er nur kann. Ach, wenn man ihn den Wiłas geben würde, was die wohl in einem Jahr aus ihm machen würden!«

»Erinnert ihr euch noch, wie der alte Grzegorz zu Ostern hier war und so sehr nach einem kleinen Jungen gesucht hat? Er versprach fünf Silbermünzen im Jahr und schwor, dass dem Jungen kein Haar gekrümmt würde. Aber was nützt das, wenn selbst Maćkowa, die sieben Kinder hat, und Sobka ihn nicht hergeben wollten!«, fügte der Schulze hinzu.

Wawrzek hörte das Gewirr der Stimmen, achtete aber nicht darauf und verstand nicht, worum es ging; er saß auf der Erde, benommen vom Met und vom Tanzen, und ihm fielen die Augen zu.

Ich krieche irgendwo in eine Ecke und schlafe bis morgen, dachte er.

Auf einmal traf der Name des alten Grzegorz sein Ohr; er schreckte auf und war mit einem Schlag wieder wach. Er hörte das Ende des Gesprächs über die Wiłas; es wurde erzählt, dass der Alte nach einem Jungen suchte. Ein schrecklicher Schauer überlief ihn. Er kroch unbemerkt im Schatten davon, wartete einen Augenblick, kroch wieder ein Stückchen weiter … gab es dort vielleicht einen Spalt im Zaun?

»Sagt doch, was ihr wollt«, beharrte Tomek auf seiner Meinung, »ich glaube jedenfalls nicht, dass ein Kind ohne Anleitung, ganz von allein, solche Kunststücke aufführen kann. Das geht nicht mit rechten Dingen zu, und basta!«

»Lachhaft, wie der überall Teufel und Hexenmeister sieht«, rief Kostek, den man im Dorf den Ungläubigen nannte, weil er über Zauberei und böse Blicke lachte und sich sogar mit dem Schulzen stritt, dass es auf der ganzen Welt niemanden gebe, der Regen oder schönes Wetter herbeirufen, jemandem eine Krankheit anhexen oder sie mit Worten vertreiben könne. Ein wahrer Ungläubiger!

»Wartet, ich versöhne euch«, schaltete sich Magda ein und trat an sie heran. »Es ist doch das Einfachste, das Kind selbst zu fragen; vielleicht hat ihm ja jemand beigebracht, wie man Purzelbäume schlägt, was wäre daran schon verwunderlich? He, du Kleiner, komm doch mal her, ich muss dich was fragen! Wo ist er denn hin? Eben saß er doch noch hier im Gras!«

»Vielleicht ist er in die Stube gegangen?«

»Bei den Musikanten ist er auch nicht!«

»Er schläft bestimmt unter dem Kirschbaum, schaut nach!«

»Nein, hier ist er nicht; vielleicht hat er sich in die Kammer geschlichen und treibt dort sein Unwesen?«

»Nein, die Kammer ist abgeschlossen.«

»Ist er aus dem Tor gegangen?«

»Wir stehen hier schon seit einer guten Stunde«, meinten einige der Kinder, »und kein Junge ist vorbeigelaufen.«

»Aha, aha, was wird nun werden? Lacht doch über mich, warum lacht ihr denn nicht? Aha? Wer hat nun recht? Ungerufen ist er aus der Erde gewachsen, hat nach Teufelsart sein Unwesen getrieben und ist wieder in der Erde versunken. Wenn es nach mir ginge, würde ich auf der Stelle nach der Dudzina schicken!«

»Ach … man hat sie doch gar nicht zur Hochzeit eingeladen, wie sollte sie da jetzt kommen? Sie ist doch fuchsteufelswild!«

»Da kann man sich doch entschuldigen; oje, was für ein Riesending … einen Kranz Wurst und einen Blechkuchen schicken, und die Alte kommt im Galopp herbeigeeilt!«

»Aber wozu?«

»Wegen Kondusia.«

»Was hast du denn schon wieder wegen ihr?«

»Ach Nastka, Nastka, du läufst seit zwanzig Jahren auf der Welt herum, und was ist aus dir geworden? Wenn der Teufel auf einer Hochzeit mit der Braut tanzt, weiß doch jeder, was das bedeutet!«

»Heilige Mutter Gottes …«, rief Magda wütend, »aus einem kleinen, niedlichen Kind machen sie gleich den Teufel!«

»Hat dich Kostek schon zu seinem Glauben bekehrt? Frag doch den Pfarrer selbst, der soll dir sagen, ob der Teufel nicht jede beliebige Gestalt annehmen kann! Oder wäre es für ihn etwa seltsam, sich in ein Kind zu verwandeln? Wir haben doch alle gesehen, wie er mit Kondusia getobt hat, dass ihr fast die Seele aus dem Leib geflogen wäre! Und danach war er so zufrieden mit sich, dass er vor lauter Freude Purzelbäume geschlagen hat!«

»Sag mir doch«, flüsterte Nastka, die jüngere Brautjungfer, und stieß ihn mit dem Ellbogen an, »was wird nun daraus werden, dass der Teufel mit Konda getanzt hat?«

»Na, etwas Schlechtes; die Arme wird den ersten Schnee nicht mehr erleben. Deshalb sage ich ja, dass man Dudzina hier braucht. Sie würde das Mädchen ordentlich ausräuchern, über ihr murmeln, wie es sich gehört, und alles wird gut.«

»Dann laufe ich gleich zu ihr!«

»Lauf nur; aber mit leeren Händen ist die Mühe umsonst.«

Nachdem Wawrzek sich ganz leise durch die Lücke im Zaun geschlichen hatte, huschte er am Straßenrand entlang und wagte kaum, laut zu atmen, damit ihn kein Passant hörte. Er war sich sicher, dass man ihn gewaltsam festhalten und zu Grzegorz zurückschicken wollte.

Der Weg senkte sich zum Fluss hinab; man hörte das Plätschern des Wassers auf den Steinen.

»Wie jetzt? Gibt es etwa keinen Steg? Die Landstraße führt ja direkt bis zum Fluss …. eine furchtbare Finsternis, am Ende falle ich noch hinein und ertrinke. Aha …«

Er tastete mit der Hand weiter oben und unten und stellte fest, dass dort ein Geländer und große Bretter an Pfähle genagelt waren; das war also alles in Ordnung, man konnte auf die andere Seite gelangen.

Er lief und lief, da war wieder ein Dorf. Hunde bellten.

»Oh Jesus, gleich springt mich einer an und fällt über mich her.«

Auf gut Glück bog er nach rechts ab, wo es weniger dunkel war. Vielleicht ging es dort schneller aufs Feld? Er rannte stolpernd, fiel zweimal hin und schlug sich die Knie blutig; aber das war alles einerlei, Hauptsache, er war so weit wie möglich weg von den Leuten, die ihn an Grzegorz ausliefern wollten.

»Im Dunkeln finden sie mich wohl kaum; und sobald die graue Morgendämmerung anbricht, renne ich weiter. Hier werde ich erst einmal übernachten.«

Er zupfte etwas Heu von einem hohen Schober, grub sich samt dem Kopf darin ein und schlief tief und fest ein.

Bei Sonnenaufgang wanderte er weiter. Sah er von Weitem irgendein Dorf, umging er es und wich über die Felder aus; was, wenn die Wiłas überall Bescheid gegeben hatten, dass ihnen Wawrzek entlaufen war? Jeder würde schließlich erkennen, dass er eben jener Wawrzek war. Besser niemandem begegnen, besser vor Hunger ohnmächtig werden, als zur Peitsche zurückzukehren. Zum Glück führte ihn der Weg ganz von allein, er brauchte keine Angst zu haben, sich zu verlaufen. Auf der rechten Seite der Landstraße lagen undurchdringliche Wälder, hier und da eine Lichtung, wo man ein paar Walderdbeeren pflücken und Wasser aus einer Quelle trinken konnte.

»Oha, ein Dorf! Der Wald hat es aber gut verdeckt.«

Ihm entgegen kam hüpfend ein Mädchen, etwas größer als er; sie führte eine Kuh an einem Strick und sang mit feiner Stimme aus voller Kehle:

»Kein Dorf auf der Welt ist so schön wie unser Balice, die Kuh ging in die Saat, da nahmen sie mir den Rock; wärst du nicht zum Beerenpflücken gegangen, dann wäre das Kuhchen auch nicht ins Feld gelaufen!«

»Seht mal an, Leute … ganz ohne zu fragen habe ich erfahren, wie das Dorf heißt! Ach, dass ich bloß schnell hier wegkomme. Ich gehe mutig vorbei, und selbst wenn jemand fragt, gebe ich nicht zu, dass ich Wawrzek bin.«

Er stolzierte mit erhobenem Kopf dahin, als wüsste er ganz genau, wohin er ginge; dabei wusste er gar nichts. Er blickte zur Sonne.

»Es muss wohl schon etwas nach Mittag sein. Die Hausherrin sagte gestern, dass ich noch vor dem Abend nach Poręba komme. Ich muss aufpassen.«

Er ging, ruhte sich aus und ging wieder weiter. Ein Wanderer mit einem Bündel auf dem Rücken überholte ihn; er pfiff vergnügt vor sich hin.

»Der ist jung und sieht nett aus, vielleicht tut er mir nichts. Ich hänge mich an ihn. Hochwürdiger Herr! Hochwürdiger …«

»Redest du mit mir?«, fragte der Wanderer lachend. »Was willst du denn, du kleiner Wurm?«

»Ich wollte wohl gern mit Euch gehen, weil mir allein gar so bang ist.«

»So komm nur, komm, da wird es auch mir gleich lustiger. Wohin führt dich denn dein Weg?«

»Zur Mutter, nach Poręba. Und woher kommt Ihr?«, fasste der Junge den Mut zu fragen.

»Das verstehst du gar nicht, selbst wenn ich es dir erklären wollte; von weit, sehr weit her komme ich. Wie heißt du denn, mein Bursche?«

»Wawrzek. Und Ihr?«

»Stanko.«

Sie gingen zusammen weiter. Der Wanderer erzählte sehr fesselnde Geschichten: Wie ihn sein Vater mit zehn Jahren zu einem Goldschmied in die Lehre gegeben hatte; dieser Meister hatte vielleicht irgendeinen ererbten Nachnamen, aber alle nannten ihn schlicht nur Wojtek. Bei ihm lernte er sechs Jahre lang, eignete sich das Handwerk an und zog sogleich nach der Freisprechung mit einigen anderen Gesellen in die Welt hinaus. Am längsten blieb er in Nürnberg, fast ein ganzes Jahr.

»Wo, wo?«

»In Nürnberg. Das ist eine weltberühmte Stadt. Ich habe dort wieder bei einem sehr bedeutenden Meister namens Lebrecht gelernt und bringe prächtige Zeugnisse nach Hause mit. Aus Nürnberg bin ich im letzten Sommer aufgebrochen; unterwegs machte ich in anderen Städten Halt – hier eine Woche, da einen Monat, dort zwei; heute kehre ich nun endlich voller Sehnsucht zu den Eltern zurück, genau wie du zu deiner Mutter. Jetzt ruhen wir uns erst einmal aus und essen etwas, und in einer guten Stunde habe ich mein Ziel auch schon erreicht.«

Sie setzten sich unter einen Baum. Stanko nahm das Bündel vom Rücken, band es auf und holte ein sauberes Tuch hervor, darin Brot und Braten; an einem Band an seinem Gürtel hing ein Klappmesser, damit schnitt er für sich und den Jungen ab, und so aßen und plauderten sie.

»Nun aber rasch; mich drängt es schon so sehr, ich könnte glatt wie auf Flügeln fliegen!«

»Wisst Ihr denn gar nicht, wie dieses Dorf heißt?«

»Wie sollte ich das nicht wissen? Ich bin doch von hier; das ist Łobzów. Die durchlauchtigsten Könige haben hier ein Schlösschen, um sich im Sommer auszuruhen oder wenn sie auf die Jagd gehen. Mein Vater erzählte, dass der große König Kasimir es erbauen ließ.«

Sie gingen weiter; die getreidebedeckten Felder versperrten die Aussicht nicht mehr.

»Jesus, Maria … was ist denn das!«, rief Wawrzek aus und schlug die Hände zusammen.

»Wo? Was? Warum schreist du so?«

»O weh …… dort, dort … so viele … furchtbare Mauern, so viele Türme … einer neben dem anderen. Sie ragen ja bis in den Himmel! Ist das vielleicht gar nicht echt? Seht Ihr denn gar nichts?«

»Aha, du bist wohl zum ersten Mal in dieser Gegend, wenn du Krakau nicht kennst?«

»Was für ein Krakau?«

»Was für eines? Du siehst doch die Stadt vor uns – diese Stadt heißt Krakau.«

»O Jesus, und wo ist Poręba?«

»Wie jetzt? Du gehst nach Poręba und weißt nicht, wo es liegt?«

»Die Leute sagten doch, bei Krakau.«

»Ach, wer soll aus dir schlau werden! Komm mit mir, ich bringe dich zu uns nach Hause, dort kannst du übernachten, und morgen suchst du dein Poręba.«

Mit jedem Schritt geriet Wawrzek in neues Staunen. Er überhäufte seinen Begleiter mit Fragen, und dieser antwortete ihm, so gut er konnte.

»Wozu sind solche dicken Mauern da?«

»Na, die sind zur Verteidigung; die ganze Stadt ist ringsum von einer Mauer umgeben, dahinter liegt ein tiefer, breiter Graben voller Wasser und dahinter wieder dicke Mauern mit Basteien. Wenn zum Beispiel Tataren Polen überfallen und bis an die Stadt vordringen würden – was schon öfter vorgekommen ist –, könnten sie nicht auf die Mauern klettern, weil dort Bogenschützen im Verborgenen sitzen und sie mit Pfeilen aufs Korn nehmen. Und sollten sie wie durch ein Wunder die erste Hürde überwinden, stürzen sie ins Wasser, und von den Basteien und Innenmauern prasseln Tausende Pfeile wie Regen auf sie herab. Eine solche Stadt, die mit Mauern und Basteien befestigt ist, nennt man Festung. Siehst du diese riesige, runde Bastei, die wie ein Feldherr an der Spitze steht? Dort hindurch gehen wir in die Stadt.«

»Lassen sie uns denn hinein?«

»Aber natürlich, tagsüber lassen sie jeden hinein. Erst für die Nacht ziehen sie die Zugbrücke hoch und schließen die anderen Tore mit Gittern und Ketten. Gib mir die Hand, wir gehen über die Brücke. Fürchte dich nicht, wir sind keine Tataren, uns tut niemand etwas.«

Sie betraten den Hof der Barbakane, der über einen langen, schmalen Korridor mit dem Florianstor verbunden war; Wawrzek hielt sich an Stankos Hand und Rockzipfel fest, aus Angst, es könnten plötzlich Soldaten hervorspringen und sie ins Gefängnis werfen. Die schweren Flügel des Florianstores standen weit offen, und sie traten auf die Straße.

»Das sind aber hohe Häuser!«, staunte der Kleine beim Anblick der schmalen Gebäude mit zwei oder drei Fensterfronten und steilen Dächern, von denen eines dem anderen glich; die dreieckigen Steingiebel, gefasst in rote Dachziegel, hoben sich vom heiteren Himmel ab wie die Zähne einer riesigen Säge.

»Herrje, und was ist das da? Das ist ja riesengroß.«

»Die größte Kirche in Krakau: die Marienkirche.«

»Und wozu das ganze Gedränge? Hilfe! ich habe Angst!«

»Warte mal … was könnte das bloß sein? Ich verstehe schon … Fahnen, Kreuze – ach, natürlich! In der Fremde verliert man völlig das Gefühl für die Zeit; ich habe ganz vergessen, dass heute die Fronleichnamsoktav ist. Ja, genau, eine Prozession an der Marienkirche. Siehst du, was für ein gewaltiger Platz das ist? Das ist der Krakauer Hauptmarkt. Vor dem Gedränge brauchst du keine Angst zu haben, halte dich einfach an mich. Wie ich sehe, neigt sich der Gottesdienst schon dem Ende zu, die Prozession zieht wieder in die Kirche ein, und einige Bruderschaften kehren mit ihren Bildern in ihre eigenen Pfarreien zurück.«

»Was für wunderschöne Fahnen! Die gelbe gefällt mir am besten.«

»Warum denn?«

»Weil gelb doch die schönste Farbe ist.«

»Aber weißt du was, Wawrzek, ich werde dir eine große Freude machen. Nach Hause brauche ich jetzt noch nicht zu gehen; meine Eltern sind ohne Zweifel in der Kirche; außerdem möchte ich selbst zu gerne das Pferdchen sehen, ich habe es schon seit zwei Jahren nicht mehr gesehen.«

»Was für ein Pferdchen?«

»Warte, ich erzähle es dir gleich. Bleiben wir einfach hier unter den Tuchhallen gegenüber der Bracka-Straße stehen, dann können wir uns nach Herzenslust alles anschauen.«

»Erzählt schon.«

»So höre aufmerksam zu. Es mag nun wohl zweihundert Jahre oder noch länger her sein, da fielen die Tataren in Polen ein – ein sehr wildes und grausames Volk. Sie verbrannten unterwegs Dörfer und Städte, nachdem sie zuvor alles geplündert hatten, was nicht niet- und nagelfest war. Die Alten und die Säuglinge brachten sie um, die Gesunden und Jungen aber schleppten sie in die Sklaverei fort und trieben sie wie das Vieh in ihr Land, wo sie sie wie Arbeitstiere vorantrieben und grausam quälten. Die Menschen wurden schon beim bloßen Gedanken an die Tataren ohnmächtig. Und so trug es sich eines Tages zu, dass am Fronleichnamsoktavtag – genau wie du es heute gesehen hast – eine Prozession über den Krakauer Hauptmarkt zog. Doch plötzlich sprengte von der Seite von Zwierzyniec her ein Mann auf einem Pferd heran, vor Angst kaum noch am Leben. Ohne auf die heiligen Bilder oder die Geistlichen zu achten, schrie er aus voller Kehle: ›Macht die Tore dicht! Auf die Mauern, Leute! Verteidigt die Stadt und euer Leben … Die Tataren!‹

›Die Tataren!‹, schrien alle mit entsetzlicher Stimme; wer nur halbwegs Kräfte und Gesundheit hatte, rannte wie wild auf die Mauern. Die Frauen versteckten sich mit den Kindern in den Häusern. Man verriegelte die Tore, zog die Brücken hoch, und als der Tatarenschwarm anstürmte, empfing man ihn so gebührend, dass er schon am nächsten Tag irgendwohin weiterzog und die Stadt in Ruhe ließ. Zum Gedenken an dieses Ereignis gestatteten der Bürgermeister und der ehrbare Rat, dass der Sohn, Enkel, Urenkel und fernste Nachfahre jenes Mannes, der die Stadt durch seine rasche Nachricht vor dem Untergang gerettet hatte, alljährlich nach der Prozession im Tatarengewand auf den Markt reiten und allerlei Späße treiben darf. Er muss jedoch auf einem Holzpferd reiten, nicht auf einem lebendigen, damit er im Gedränge nicht versehentlich jemandem Schaden zufügt.«

»Aha, auf einem hölzernen? Wie denn das?«

»Nun, er zieht eine Tatarenkluft an, setzt einen Turban auf den Kopf, und man bringt ihm ein schön gearbeitetes Pferd, allerdings ohne Beine und mit einem Loch im Rücken. Da steigt er hinein, wirft sich Lederriemen, die vorne und hinten an dieser Holzpuppe festgenagelt sind, über den Kopf auf die Schultern, damit Pferd und Reiter zusammenhalten, dazu eine üppige Schabracke bis auf den Boden, das Zaumzeug in die linke Hand, eine Stoffkeule in die rechte – und ab geht es auf den Markt. Er hat eine stattliche Begleitung, die ebenfalls als Tataren verkleidet ist, und Pfeifer gehen vor ihm her, die sehr schaurig aufspielen.«

»Soll man sich da nicht fürchten?«, fragte Wawrzek und blickte beunruhigt auf das immer dichtere Treiben aus Richtung der Bracka-Straße.

Die Menschenmenge strömte auf den Markt, als würde sie von jemandem getrieben oder geschoben; die Leute drängten sich, obwohl noch gar nichts zu sehen war. Sie waren nämlich frühzeitig in Richtung Zwierzyniec aufgebrochen, um die größte Freude zu haben und das Pferdchen schon am Stadteingang zu begrüßen. Doch es ließ sich lange nicht blicken, und manche überlegten, dass sie in den engen Gassen weniger sehen und sich im Gedränge leicht die Rippen brechen könnten; also wichen sie wieder zum Markt zurück. Mittlerweile zogen Scharen von Gesellen, Lehrlingen und Scholaren der Krakauer Schulen, die bis zur Unterkunft des Pferdchens vorgedrungen waren, eifrigen Schrittes heran und überholten die Tatarenschar samt Kapelle. Diese trieb eben die Menge des Fußvolks vor sich her auf den Markt. Es hätten alle bequem Platz gefunden und es wäre noch reichlich Raum geblieben, wenn nicht jeder so nah wie möglich hätte dabei sein wollen – und weil der diesem Treiben verliehene Privilegienschein den Platz auf dem Markt genau festlegte: zwischen der Bracka- und der Szewska-Straße, nicht weiter. In dieser Ecke drängten sich also Tausende Neugierige. Rufen, Lachen der Älteren, Geschrei und Weinen der im Gedränge gequetschten Kinder lagen in der Luft wie das Brausen eines Sturms vor dem Gewitter.

Eine neue Woge brandete von der Bracka-Straße auf den Markt; ein wilder Aufschrei eines riesigen Chors … falsche, schrillende Töne der Pfeifen. Der Tatar auf dem Holzpferd galoppierte auf das Rathaus zu.

»Na, siehst du wenigstens ein bisschen was?«, fragte Stanko Wawrzek.

»Nein … ich sehe gar nichts; die Leute versperren mir die Sicht. Nur hier und da blitzen ein paar Fähnchen auf.«

»Das sind seine Hauptleute, die machen Bahn vor ihm, damit er Platz zum Springen und Toben hat. Treten wir näher heran; schlimmstenfalls bekommen wir eins auf den Kopf – eine Keule aus Werg, mehr Schrecken als alles andere. Wer ihm zu nahe kommt, dem haut er sogleich ohne Zögern eins drüber. Aber das ist nur zum Spaß, da braucht man keine Angst zu haben.«

Sie schoben sich langsam immer näher heran, und schließlich nahm Stanko Wawrzek auf den Arm, da sie nun schon ganz nah waren.

»Oho … jetzt sehe ich es … was für ein seltsamer Kauz! Aber das Pferd hat einen scheußlichen Kopf … zu nichts zu gebrauchen, so ein Kopf.«

Der Tatar hörte die Kritik an seinem Reittier, wandte sich plötzlich um, funkelte mit schrecklichen Augen unter den schwarz gefärbten Brauen hervor und brüllte: »Scheußlich? Da hast du was, damit deiner schöner wird!«

Und er versetzte dem Jungen mit der weichen Keule einen Hieb auf den Schopf.

Mit lautem Lachen wurde diese strenge Strafe aufgenommen; die Musik stimmte einen Tusch an, der Tatar sprang weiter und die Menge wogte dicht gedrängt hinter ihm her. Im selben Augenblick setzte Stanko Wawrzek auf den Boden; doch bevor er ihn wieder an der Hand fassen konnte, erfasste eine Welle von Rennenden das Kind. Dutzende Menschen schoben sich wie eine Mauer zwischen die beiden Gefährten, und die Mauer wurde immer dicker.

Wäre Wawrzek hingefallen, hätte man ihn zu Tode getrampelt; zum Glück verlor er nicht die Besinnung, klammerte sich mit einer Hand an die Falten eines Rockes, ergriff mit der anderen den Zipfel eines Mantels und trieb so mit dem Strom dahin, ohne mit den Füßen den Boden zu berühren.

Die beiden hatten von dem Spektakel offenbar genug, denn sie begannen sich zur Mitte des Marktes zurückzuziehen, wo nur noch vereinzelt Leute standen. Wawrzek spürte wieder das Pflaster unter den Füßen, schüttelte sich und rieb sich die Augen.

»Das war vielleicht ein Gedränge! Es müssen wohl an die hundert Leute gewesen sein … ungeheuer dicht! Gott sei Dank, dass ich auf einen freieren Platz gekommen bin. Aber was nun? Der gute Stanko hätte mich übernachten lassen; wo soll ich ihn bloß finden.«

Da blitzte ein grauer Wams und helles Haar unter einer Mütze auf. Er rannte in diese Richtung.

»Vielleicht ist das Stanko? Oho, … schon wieder weg!«

Plötzlich griff er sich an den Kopf und duckte sich zitternd zum Boden. Der Atem stockte ihm in der Brust, das Herz krampfte sich zu Eis zusammen. Nur zwei Schritte von ihm entfernt stand ein ältlicher Mann, angelehnt an das hölzerne Gitter der Tuchhallen. Er war groß, schlank und wie ein Bürger gekleidet, aber sehr schmuck. Er hatte schwarzes Haar, ein dunkles, glatt rasiertes Gesicht, düstere Augen und ein unangenehmes Lächeln. Er sprach leise mit einem Jungen mit lockigem, rotem Schopf. Er erklärte ihm etwas, und jener nickte mit dem Kopf. Eine Handvoll älterer Bürger stand ebenfalls dort mit ihren Frauen und Kindern; Wawrzek, der sich hinter ihnen duckte, wagte nicht, sich zu rühren.

»O Jesus, er steht ganz frei da und fürchtet niemanden! Oder ist er es etwa gar nicht? Vielleicht sein Bruder, weil er ihm so ähnlich sieht? Warum zittere ich so. Er hat mich doch gar nicht gesehen; ich schleiche mich ganz leise näher heran und sehe ihn mir genau an.«

Er stand vom Boden auf und machte einen Schritt vorwärts. Da sie mit ihrem Gespräch beschäftigt waren, blickten sie gar nicht in seine Richtung; er schlich sich näher heran.

»Kein Bart, kein Schnurrbart, völlig anders. Vielleicht habe ich mich getäuscht, aber diese Augen, diese bösen Augen! Könnte es denn auf der Welt einen zweiten Menschen mit solchem Blick geben? Wenn ich nur sehen könnte, ob er ein linkes Ohr hat, dann wüsste ich die Wahrheit.«

Er wurde so kühn, dass er dicht hinter dem vermeintlichen Frevler stehen blieb. Er beugte sich vor, wandte den Kopf nach oben und versuchte, unter das schwarze Haar zu blicken, das dem Fremden auf die Schultern fiel.

»Na, was willst du, Kleiner? Was treibst du dich hier zwischen unseren Beinen herum?«, schalt ihn einer der Bürger und versetzte ihm einen Stoß in den Nacken. Wawrzek inszenierte ein Straucheln und stolperte direkt auf den schwarz gekleideten Mann zu.

Sie blickten sich an. Die Augen des Kindes schrien: »Ich kenne dich!« Die Augen des anderen verengten sich plötzlich wie die einer Katze, die auf einen Vogel springen will. Er murmelte seinem Begleiter durch die Zähne ein paar Worte zu, dieser nickte wieder zustimmend, drehte sich um und ging los – genau in Richtung Wawrzek. Da flüsterte der Ältere ein zweites Mal etwas. Dem Jungen schien es, als sähen ihn nun beide an.

»Sie haben sich abgesprochen … sie beobachten mich … sie werden sehen, wohin ich gehe, mich packen und irgendwo in einer Ecke umbringen. Der Alte hat Angst, dass ich ihn verrate.«

Was tun? Wo sich verstecken? Wegrennen? Aber wohin?

Von einem seltsamen Instinkt getrieben, machte der Kleine einen Satz, für den sich nicht einmal Flinkheit hätte schämen müssen … mitten in die dichteste Menschenmenge hinein, die das Zwierzyniec-Pferdchen umgab.

Sollen sie mich zertrampeln, dann zertrampeln sie mich eben, dachte er verzweifelt, aber du sollst mich mit keinem Finger anrühren, du verfluchter Räuber!

Er klammerte sich an Röcke, Mäntel und Wämser, so wie es ihm schon zuvor gelungen war, und fand sich wie aus dem Nichts – zum Erstaunen des Buben und des tatarischen Fähnrichs – mitten auf dem freien Platz wieder, wo das vom Tanzen ermüdete Pferdchen gerade Bier aus einem Krug zur Stärkung trank.

Wawrzek holte Schwung, stieß sich mit dem linken Fuß vom Boden ab, packte den Kopf des Holzpferdes – genauso wie er es bei Beksa bei Grzegorz getan hatte –, schlug einen Purzelbaum über den Kopf des Tataren und landete auf der anderen Seite in der Menge. Das Glück war dem armen Kind hold: Er stieß niemanden um und tat sich selbst nicht weh. Lautes Lachen, Händeklatschen und tausendfache Rufe begrüßten diesen lebensgefährlichen Sprung des kleinen Akrobaten. Die Zuschauer waren überzeugt, dass dies eine abgesprochene Einlage zwischen ihm und dem Tataren war. Und als der Junge die vorderen Reihen auseinanderdrängte und sich mit dem Kopf voran durch das Gedränge schob, dachten alle, er eile davon, um eine neue Überraschung vorzubereiten; deshalb wichen ihm alle bereitwillig aus und halfen ihm unbewusst bei der Flucht. Er aber drängte und schlüpfte hindurch, nur um so schnell und so weit wie möglich wegzukommen.

Er entkam der Menge und lief, ohne sich umzusehen, in die erstbeste kleine Gasse.

Die Dämmerung brach herein.

»Ach, wenn doch nur schnell die Nacht käme! Dann könnte ich ihm irgendwo entwischen; die Stadt ist groß, vielleicht findet er mich morgen gar nicht. O Jesus … da kommt jemand!«

Er sprang in einen Hausflur und presste sich hinter der Tür an die Wand. Menschen gingen laut redend und lachend vorbei. Bevor er es wagte, sich aus der sicheren Ecke zu rühren, ertönten erneut Schritte. Er wartete auch diese ab. Inzwischen war es völlig dunkel geworden. Er schaute vorsichtig hervor.

»Wo soll ich armer Tropf nun hin?«

Er ging wohl hundert Schritte, bog gedankenverloren in eine Gasse ab, und wieder hörte er Menschenstimmen. Doch hier gab es in der Nähe kein Haus, nur die Mauern von Gärten auf beiden Seiten des Weges.

»Aha!«

In einer Nische der Mauer stand auf einem Sockel die hölzerne Statue des heiligen Adalbert. Mit einem einzigen Sprung stand er auf dem Postament und schlüpfte hinter den Heiligen; niemand würde ahnen, dass hinter der stummen, ungelenk geschnitzten Statue ein lebendiges, armes und zitterndes Herz schlug.

Die Schritte kamen immer näher; zwei Männer unterhielten sich lebhaft; nach allen paar Schritten blieben sie stehen. Dann gingen sie weiter und hielten direkt an der Statue an.

»Sei doch nicht so schlau, rede nicht so viel!«, sprach einer ärgerlich. »Was hätte ich denn tun sollen?«

»Ihn packen, das Maul mit der Hand stopfen und im Galopp nach Radwan, basta!«, antwortete der andere.

»Ja, sicher; und auf dem Markt wimmelt es nur so von Gerichtsdienern! Sobald der Bengel aufgeschrien hätte, wäre es um mich geschehen gewesen. Warum hast du ihn nicht selbst gepackt, wenn das so einfach war?«

»Dummkopf … ich kann nicht rennen. Und selbst wenn ich es könnte, schickt es sich für einen ernsthaften Mann nicht. Nun ist es eben geschehen. Es nützt nichts, dem Schnee vom vergangenen Jahr nachzutrauern! Wenn wir heute nicht noch abreisen müssten, würde ich den Wicht bis morgen Mittag ausfindig machen und ihm den Garaus machen. So, komm jetzt. Wir müssen die Bündel packen. Und wie viel ist im Beutel?«

»Sechzehn.«

»Was? In so einem Gedränge nur sechzehn? Ich habe siebenundzwanzig im Gewand stecken. Und alles vollwertige, schwere Goldmünzen; an die Bettelknaben gehe ich gar nicht erst heran, was soll ich mit Kleinzeug und Denaren?«

Sie gingen fort.

Stille legte sich über die leere Straße, nur in den Bäumen hinter den Mauern tuschelten die Blätter miteinander.

»Das ist ja nicht zu fassen«, murmelte der Birnbaum zum Apfelbaum. »Er war immer so ruhig, seit dreißig Jahren sehe ich ihn nun an.«

»Ich kenne ihn auch wie mich selbst«, antwortete der Apfelbaum. »Ich hätte geschworen, dass er bis zum heutigen Tag nur einen Kopf hatte.«

»Und den hielt er nach rechts geneigt«, fügte die Kirsche hinzu.

»Die Spitze der Mitra ist ein wenig abgebröckelt, und die Hand mit dem Bischofsstab ist vom Regen schwarz geworden, aber das ist eine Kleinigkeit«, brummte der alte Walnussbaum. »Das Wichtigste ist, dass er sich ganze dreißig Jahre lang anständig betragen hat, wie es sich gehört, und heute …«

Der Walnussbaum schüttelte verächtlich die Äste.

»Na, seht doch nur, man könnte meinen, der alte Apfelbaum erzählt Märchen; seht mal, von der linken Schulter wächst ein zweiter Kopf heraus!«

»Ein winziger, goldhaariger Kopf!«

»Nein, das geht wirklich zu weit! Seht ihr das?«, rauschte die Pflaume empört.

»Ich kann es nicht genau erkennen, was ist denn da?«, fragte der Birnbaum.

»Zwei nackte Füßchen schauen unter dem weißen Chorhemd hervor!«

»Zwei Füßchen … ist so etwas möglich!«

Der Wind verstummte, die Bäume schliefen ein. Wawrzek lief weinend geradeaus. Ach, er hatte solche Angst! Wohin sollte er gehen, um dem grausamen Räuber nicht zu begegnen?

»O Muttergottes von Mutters Bildchen, führe mich!«

Er lief weiter. Ein großes, dunkles Gebäude versperrte ihm den Weg. Eine Kirche? Die Nacht war dunkel, man konnte nichts erkennen. Ein paar Stufen, eine Tür …

Vater Szymon, der Benediktiner, kehrte in der Nacht von einem Kranken zurück; Bruder Elfegus ging mit der Laterne voraus. Als sie die Pforte erreichten, bemerkte er eine dunkle Gestalt auf den Stufen. Er leuchtete hin und schaute nach.

»Ehrwürdiger Vater, ein Kind schläft auf unserer Schwelle.«

Vater Szymon beugte sich hinab und nahm das Kind wortlos auf den Arm. Bruder Elfegus läutete, und sie traten in das Kloster ein.

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