Aus dem Reiche der Phantasie – Heft 7 – Das Stahlross – 6. Teil
Robert Kraft
Aus dem Reiche der Phantasie
Heft 7
Das Stahlross
Verlag H. G. Münchmeyer, Dresden, 1901
Kapitel 6
In der Falle
Aus dem Tunnel kam in der Tat ein weißer Soldat in der Uniform eines Sergeanten hervor, der einen grauen Lappen an einem Stock schwang und in vorsichtiger Entfernung stehen blieb.
»Mister Richard?«, rief er.
»Ist mein Name. Treten Sie näher.«
»Erkennen Sie mich als Parlamentär an?«
»Jawohl. Kommen Sie nur herein in die gute Stube.«
Der Parlamentär machte ob dieser humorvollen Antwort ein verdutztes Gesicht.
»Sie haben einen dem Tode verfallenen Verbrecher in Ihren Schutz genommen, indem Sie ihn dem Arm der Gerechtigkeit entzogen haben. Dadurch haben Sie sich selbst einer sträflichen Handlung schuldig gemacht, die Ihnen sehr teuer zu stehen kommen kann. Der Polizeihauptmann fordert Sie auf, den Verbrecher sofort auszuliefern und sich ihm zu stellen – nur in diesem Fall gewährt er Ihnen volle Begnadigung auf seine eigene Verantwortung.«
»Sehr liebenswürdig«, spottete Richard. »Aber wer in aller Welt soll denn dieser Verbrecher sein? Ich bin mir nicht bewusst, einen Sträfling oder Häftling befreit zu haben.«
»Dieser dort ist es – Georg Schneider.«
»Der dort? I wo! Georg Schneider ist doch tot, verbrannt.«
»Es ist Georg Schneider, schuldig des Mordes an einem englischen Beamten.«
»Und ich sage Ihnen: Georg Schneider ist tot. Der Polizeihauptmann hat es ja so laut geschrien, dass es alle Welt gehört hat. Sonst könnte es nur sein Geist sein, und mit Geistern hat bekanntlich die Polizei nichts zu tun.«
»Wollen Sie ihn ausliefern?«, fragte der Sergeant nun kurz. »Wollen Sie sich selbst dem Polizeihauptmann zur Verantwortung stellen?«
»Nein«, entgegnete Richard ebenso kurz, da er einsah, dass hier keine Ausrede half. »Das will ich nicht tun. Wenn der Polizeihauptmann diesen Mann haben möchte, soll er ihn sich gefälligst selbst holen und seine Schwester dazu – denn an der ist ihm doch hauptsächlich gelegen.«
»Sie nehmen den Flüchtling also in Schutz?«
»Na, und wie! Wer dieses Tal betritt, solange ich darin verweile, wird ohne Gnade und Barmherzigkeit niedergeschossen! Ihr sollt mich und mein Stahlross erst noch kennenlernen.«
»Das ist eine offene Drohung gegen das Gesetz. Jetzt machen Sie sich strafbar!«
»Jawohl, und mich dazu zu machen, darauf kommt es euch Spitzbuben ja nur an! Oh, ich weiß alles: Ihr wollt mein Stahlross haben, um sein Geheimnis zu untersuchen. Dazu müsst ihr mich erst festnehmen oder noch besser gleich ganz beseitigen. – Kehrt, marsch, hinaus!«
Der Sergeant zögerte trotz seines ängstlichen Blicks auf den kecken Knaben und das Stahlross noch immer.
»Nehmen Sie Vernunft an«, sagte er mit bittender Stimme. »Sie sind hier gefangen, denn wir haben den Engpass verschüttet. Hinüber können Sie auf dem Zauberpferd auch nicht, wenn es nicht gerade Flügel besitzt – und dass es keine hat, wissen wir. Wir aber können dort hinauf auf die Felswand steigen und Sie von oben erschießen oder mit Steinen zerschmettern. Wir haben das Recht dazu, denn Sie sind durch Auflehnung gegen die Ordnung vogelfrei. Oder wir brauchen nur einige Tage zu warten, bis Ihnen die Nahrungsmittel ausgehen und Sie und Ihre Schützlinge verhungern.«
»Und Sie können Ihrem Herrn Polizeihauptmann sagen«, rief Richard nun in hellem Zorn, »dass ich trotz alledem mit meinem Stahlross herauskommen werde, sobald es mir beliebt – und sei es, um ihn auf mein Stirnhorn zu nageln! Und wenn Sie jetzt nicht auf der Stelle die Beine unter den Arm nehmen, dann …«
Er machte nur einen Griff nach dem Zügel des Pferdes, woraufhin der Sergeant augenblicklich umdrehte und auf dem schnellsten Weg im Tunnel verschwand.
»So, nun wissen wir, was wir zu erwarten haben«, sagte Richard, während er wieder die Hintertür am Gehäuse seiner Maschine öffnete und dem Innenraum einen kleinen Ballen grünen Stoff entnahm.
»Hiermit, Fräulein Anna, fertigen Sie sich zunächst ein kugelsicheres Kleid an. Nach der neuesten Mode braucht es nicht gerade zu sein, solange es nur den ganzen Körper verhüllt. Machen Sie sich auch eine Maske für das Gesicht. Du aber, Georg, inspizierst die Vorräte der Villa, und ich werde selbst nachsehen, wie es im Tunnel aussieht. Wenn ich zurückkomme, hoffe ich etwas Essbares vorzufinden, denn ich habe tüchtigen Hunger.«
Richard führte das Stahlross nun in eine Grotte an der Felsenwand, wo es von keinem Steinwurf getroffen werden konnte, und schritt dem Tunnel zu. Beim Betreten spähte er vorsichtig nach oben.
Im Engpass selbst befand sich kein Mensch. Erst am Ende des etwa hundert Meter langen Ganges gelangte er an das Hindernis, das seine Feinde errichtet hatten.
Über dem äußeren Eingang hatte sich eine natürliche Brücke – eine sehr dicke Felskonstruktion – über den Engpass gewölbt. Diese war gesprengt worden und füllte den Tunnel nun auf einer Höhe von einigen Metern aus. Da die Sprengung fast augenblicklich erfolgt war, als die Flüchtlinge das Tal erreichten, musste man annehmen, dass die Sprengvorrichtung inklusive Bohrloch bereits vorbereitet war. Mister Litton war offenbar stets bereit gewesen, seinen geheimen Schlupfwinkel in eine uneinnehmbare Festung zu verwandeln.
Ganz unüberwindbar für das Stahlross, dessen Leistungsfähigkeit sein junger Erbauer genau kannte, war dieser Wall jedoch nicht. Hinaufspringen konnte es zwar nicht, ihn aber sehr wohl erklettern: Der Steinsturz hatte auch zur Innenseite hin Geröll gebildet, und dort konnte sich das Pferd mit seinen stählernen Gelenken und diamantenen Hufen hinaufarbeiten. Das Schlimmste war, dass man nicht wusste, was sich hinter dem Steinwall befand.
Auch das Stahlross besaß seine Schwächen. Wenn es beim langsamen Klettern in Stricke geriet, in eine Schlinge geriet oder zum Sturz gebracht wurde, war es gefangen. Nur im freien Lauf hätte es wohl jedes Hindernis zerrissen. Dass dahinter gearbeitet wurde, war am Pochen und Hämmern deutlich zu hören. Gewiss wurde dort eine Falle aufgebaut.
Richard wollte dennoch nachsehen. Schon bei seinen ersten Schritten auf der Böschung fielen oben einige Schüsse. Er spürte einen empfindlichen Schmerz an der Schulter, doch durchbohren konnte den grünen Panzer trotz seiner Dünne und Schmiegsamkeit keine Kugel. Dann vernahm er ein Geräusch über sich, blickte empor, sprang zu Tode erschrocken zurück und lief, was er konnte, davon, während ein donnerndes Prasseln erscholl und Steine von oben herabrollten.
Dieser Versuch durfte nicht wiederholt werden.
So kehrte Richard zurück und fand Anna, die bereits in ein sackartiges Gewand mit Kapuze aus grünem Stoff gekleidet war. Auf dem Tisch stand ein warmes Essen aus Konserven, das er sich trefflich schmecken ließ.
Anschließend erklärte er den beiden die Lage.
»An alledem sind nur wir schuld, Anna und ich«, sagte Georg niedergeschlagen. »Du hast dich für uns aufgeopfert, und alles scheint zwecklos gewesen zu sein.«
»Falsch, total falsch«, entgegnete der kauende Richard. »Ich bin nämlich schon vor meiner Abreise gewarnt worden. In England hat sich ein Komitee gebildet, das das Ziel verfolgt, mich abzufangen und sich meiner geheim gehaltenen Erfindung zu bemächtigen. Als ich bis in die Nähe von Transvaal kam – bislang unbehelligt von anderen Gefahren als jenen, die ein solcher Ritt durch die Wildnis mit sich bringt – und mir der Polizeihauptmann dann so hinterlistig freundlich entgegentrat, wusste ich sofort, dass ich es hier mit keinen zivilisierten Gegnern zu tun bekommen würde, sondern mit Leuten, die zu allem fähig sind. Ihnen liegt hauptsächlich daran, meine Erfindung in die Hände zu bekommen. Die Rache und Anna kommen nur nebenbei in Betracht. Daher dürfen wir auf keinen Vorschlag eingehen. Wir müssen uns selbst durchschlagen – und das werden wir auch.«
Der Rest des Tages verging mit der Suche nach einem zweiten, geheimen Ausgang, ohne dass jedoch einer gefunden wurde. Währenddessen wurden sie von oben beständig beschossen, bis auch diese Schüsse wegen völliger Erfolglosigkeit aufhörten. Steine dagegen wurden nicht in das Tal geschleudert – vermutlich wollte der Hauptmann sein hübsches Häuschen schonen. Entgehen konnten ihm die Gefangenen schließlich ohnehin nicht; nach seiner Auffassung mussten sie entweder kapitulieren oder verhungern.
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