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Die Jesse James Storys – Band 1 – Kapitel 6

W. B. Lawson
Die Jesse James Storys – Band 1
Jesse James, der Outlaw
Kapitel 6
Ein kühner Raubzug – Jesse James’ List

Drei oder vier Tage später saßen wir, eine Gruppe von Detektiven, in einem kleinen Saloon der Stadt S. beisammen und warteten gespannt auf Nachrichten von George Sheppard.

Etwa zur gleichen Stunde – gegen zehn Uhr vormittags – näherten sich Jesse und Frank James, Jim Cummings, Dick Little, Wood und Jeff Hite sowie Ed. Miller, allesamt erfahrene Desperados, in Begleitung von George Sheppard der benachbarten Stadt Empire City. Sie kamen aus nordöstlicher Richtung durch das wilde, hügelige Gelände. Alle waren mehr oder weniger verkleidet, trugen jedoch keine Masken. Jesse James’ Prahlerei mir gegenüber, er werde unter keinen Umständen jemals eine Verkleidung tragen, hatte sich damit als leeres und völlig haltloses Gerede erwiesen.

Die Bande hielt an einer besonders einsamen Stelle der Straße, weniger als eine Meile von der Stadt entfernt. Von dort schickte man George Sheppard voraus, um die Lage auszukundschaften. Er sollte sich Zeit lassen und mit einem Bericht zurückkehren: Wie viele bewaffnete Männer hielten sich gegebenenfalls auf den Straßen auf? Wie war das Innere der Bank beschaffen? Wie viele Angestellte gab es, und mit wie vielen Kunden musste ein Überfallkommando rechnen? Kurz gesagt, er sollte alles in Erfahrung bringen, was für den geplanten Raub von Bedeutung sein konnte.

Doch Jesse James vertraute Sheppard noch immer nicht vollständig. Kaum hatte dieser sich auf den Weg gemacht, wurde Ed. Miller ausgeschickt, um ihm heimlich zu folgen und ihn zu beobachten. Miller erhielt den Befehl, sein Pferd am Ortseingang zurückzulassen und Sheppards Bewegungen zu Fuß aus sicherer Entfernung zu verfolgen. Sollte sich auch nur das geringste Anzeichen von Verrat zeigen, musste er unverzüglich zurückeilen und Bericht erstatten. In diesem Fall sollte Sheppard getötet werden, sobald er zur Bande zurückkehrte.

Ed. Miller genoss das uneingeschränkte Vertrauen seiner Kameraden. Er war ein wahrer Fanatiker seiner ruchlosen Laufbahn. Den ihm übertragenen Auftrag erledigte er innerhalb weniger als einer Stunde. Dann kehrte er mit, wie er glaubte, eindeutigen Beweisen für Sheppards Verrat zum Treffpunkt zurück.

Sheppard war in der Stadt heimlich von einem Ort zum anderen verfolgt worden. Schließlich hatte man gesehen, wie er ein Telegramm nach S. aufgab. Danach war er unbekümmert weitergeschlendert und hatte das Bankgebäude betreten.

Wenige Minuten später fand Miller in der Telegrafenstation heraus, dass Sheppards Nachricht an einen gewissen G. H. Timberlake in S. adressiert war.

Das genügte.

Mit dieser bedeutsamen Nachricht eilte Miller zu seinen Kameraden zurück. Doch noch bevor sie ihre erste Aufregung über die Entdeckung überwunden hatten, erschien George Sheppard auf der Straße und ritt geradewegs auf die wartende Bande zu.

»Haltet den Mund, ihr alle!«, zischte Jesse James heiser. »Gebt euch ganz gelassen, bis wir ihn in unserer Gewalt haben. Lasst ihn nicht merken, dass wir ihn verdächtigen.«

Doch Sheppard, obwohl er nur ein Auge hatte, war ebenso wachsam wie Jesse selbst. Er hatte längst bemerkt, dass etwas nicht stimmte, und hielt deshalb einige hundert Yards vor der Bande an.

»Warum kommst du nicht weiter?«, rief Jesse schließlich. Sein Durst nach Rache hatte ihn selbst zuerst die Beherrschung verlieren lassen. »Wovor hast du Angst?«

In diesem Augenblick war Sheppard davon überzeugt, dass sein falsches Spiel durchschaut worden war. Noch ehe er sein Pferd wenden und die Flucht ergreifen konnte, zog er seinen Revolver, zielte ruhig und feuerte.

Einen Augenblick hielt er noch inne. Er sah, wie Jesse James sich mit der Hand an den Hals griff und im Sattel taumelte. Dann trieb er sein Pferd zu einem halsbrecherischen Galopp an und jagte davon.

Ein Teil der Bande nahm die Verfolgung auf und blieb lange hinter ihm her, doch ohne Erfolg. Dem ehemaligen Räuber gelang es, sicher die Stadt zu erreichen und die Bankangestellten noch rechtzeitig vor dem bevorstehenden Überfall zu warnen.

Infolge dieser Ereignisse trafen in S. innerhalb von etwa einer halben Stunde zwei Telegramme von George Sheppard ein.

Das erste lautete:

Empire City, —, 10:40 am.
G. H. Timberlake: Die Bande wartet etwa eine Meile entfernt auf der Straße auf meinen Bericht. Nach dem, was ich ihnen mitteilen werde, werden sie zweifellos noch heute Vormittag den Überfall wagen. Wenn Sie innerhalb einer Stunde nichts mehr von mir hören, kommen Sie sofort hierher und sperren Sie die Straße nach Nordosten ab. S.

Das zweite Telegramm traf ein, gerade, als wir unsere Pferde sattelten:

Empire City, —, 11:20 am.
G. H. Timberlake: Die Bande hat mich beschattet und meinen Verrat entdeckt. Ich habe soeben Jesse James mit einer Kugel in den Hals vom Pferd geschossen. Ich wage es nicht, diesen Ort ohne eure Begleitung zu verlassen. Kommt sofort. Ich vermute, die Bande hat sich zerstreut. S.

Timberlake hatte das Telegramm kaum zu Ende gelesen, als er seinen Hut in die Luft warf und jubelte. Nachdem er uns die Nachricht vorgelesen hatte, taten wir es ihm gleich. Trotz meiner anfänglichen Freude kamen mir jedoch sofort Zweifel, ob Sheppard Jesse James tatsächlich getötet hatte.

»Hurra!«, rief Timberlake. »Ob wir die anderen nun schnappen oder nicht – Jess James, der Hauptteufel der ganzen Bande, ist erledigt. Das sollte uns genügen. Kommt! Wir reiten nach Empire City und holen Sheppard sicher hierher zurück.«

Gemeinsam ritten wir aus S. hinaus. Timberlakes Überschwang schien von allen geteilt zu werden – nur von mir nicht. Ich konnte einfach nicht begreifen, warum alle so plötzlich zu dem Schluss gekommen waren, Jesse James müsse tot sein. Ein Schuss in den Hals bedeutete schließlich nicht zwangsläufig den Tod.

Vielleicht lag es daran, dass sie ihn so sehr tot sehen wollten, dass sie den Wunsch für die Wirklichkeit hielten.

Kurz nachdem wir unseren gemächlichen Ritt in Richtung Empire City begonnen hatten, begegneten wir einer großen Herde magerer, Longhorn-Texas-Rinder, die quer durch den Bundesstaat getrieben wurde.

Nicht lange nachdem die Tiere an uns vorübergezogen waren, hörten wir lautes Geschrei und raues Gelächter die Straße herauf. Fünf oder sechs wild aussehende Reiter in dunklen Hemden und riesigen Schlapphüten – offenbar texanische Cowboys und, ihrem Benehmen nach zu urteilen, obendrein betrunken – hatten sich um einen wild ausschlagenden Ochsen versammelt. Das Tier war vorübergehend mit Seilen festgebunden, während die Männer offenbar etwas auf seinen Rücken schnürten.

Schon bald wurde uns die Bedeutung dieser seltsamen Szene klar.

Wir hatten gerade noch Zeit, an den Straßenrand auszuweichen, als der plötzlich losgelassene Ochse mit gesenktem Kopf die Straße hinunter in Richtung S. stürmte. Die Cowboys jagten ihm dicht auf den Fersen nach, schrien, fluchten und kreischten vor rohem Vergnügen.

Blutunterlaufen waren die Augen des Tieres, Raserei lag in seinen wild ausschlagenden Hörnern. Fest auf seinen Rücken gebunden, trat und wand sich ein armer chinesischer Korbflechter und schrie verzweifelt. Die Männer hatten ihn dort festgeschnallt, um ihn zum Mittelpunkt eines makabren Schauspiels nach Art des legendären Mazeppa zu machen.

»Macht den Weg frei!«, rief einer der Raufbolde, als er mit seinen Gefährten an uns vorbeijagte. »Wie wäre es mit einem chinesischen Mazeppa, he?«

»Ein teuflisch grausames Vergnügen!«, rief Timberlake und starrte dem Ochsen hinterher.

»Für texanische Viehtreiber ist das wahrscheinlich noch eine der harmloseren Beschäftigungen«, sagte Craig lachend. »Kommt, reiten wir hinterher und sehen uns an, wie es ausgeht. Wenn sie durch die lange Hauptstraße der Stadt kommen, wird es dort ein ordentliches Spektakel geben.«

Da Craig seinen Worten sogleich Taten folgen ließ und die Entfernung nicht groß war, folgten wir ihm.

Wir erreichten die Kuppe einer Anhöhe, von der aus man über die Straße hinweg auf die Stadt blicken konnte. Gerade in diesem Augenblick stürmte der Ochse, dicht gefolgt von den Cowboys, in die Hauptstraße hinein.

»Hallo! Grausam oder nicht – einen höllischen Radau veranstalten sie jedenfalls!«, rief Craig, der in seiner Jugend selbst ein Texas-Boy gewesen war. »Seht nur, wie die Leute auseinanderstieben! Da hat der Bulle einen Apfelkarren umgerannt. Und jetzt geht er schon wieder auf seine Peiniger los. Was für ein Leben in dem Chinesen steckt! Wie er strampelt und sich windet! Da hat es einen der Cowboys vom Pferd geworfen! Nein, er ist wieder auf den Beinen und rennt davon! Jetzt gehen die großen Hörner durch ein Schaufenster! Der Bulle stürmt wieder über die Straße. Beim Jupiter! Dort kommt er nicht durch – und diese schreienden Teufel sind ihm dicht auf den Fersen. Aber er schafft es doch! Kommt, Jungs, wir müssen sehen, wie das endet. Einige der Bankangestellten könnten verletzt werden. Das geht entschieden zu weit.«

Wir galoppierten ihm sofort den Hügel hinunter nach.

Seine letzte Bemerkung hatte ihren Grund: Der rasend gewordene Ochse war durch die breite Eingangstür der National Bank of S. gestürmt, dicht gefolgt von seinen schreienden Verfolgern, die einer nach dem anderen im Gebäude verschwanden.

Als wir uns wenige Minuten später der Bank näherten, hörten wir mehrere Schüsse. Wir waren überzeugt, dass man den Ochsen irgendwo zwischen den Schreibtischen und Kassenschaltern niedergeschossen hatte.

Mit einiger Mühe drängten wir uns durch die aufgeregte Menschenmenge vor dem Gebäude und erreichten die Eingangstüren. In diesem Augenblick hörten wir die Cowboys durch eine Seitengasse davonpreschen. Offenbar hatten sie die Bank durch einen Hinterausgang verlassen.

Als wir abstiegen und uns ins Gebäude drängten, bot sich uns ein Bild völliger Verwüstung und Verwirrung.

Der Ochse lag am hinteren Ende des breiten Durchgangs, der um die Schreibtische und Schalter herumführte, vor Erschöpfung zusammengebrochen. Noch immer war der Chinese an seinen Rücken gefesselt; inzwischen war der arme Mann bewusstlos. Der Ochse schäumte vor dem Maul und schwang seine gewaltigen Hörner noch immer trotzig hin und her.

Die Glastüren vorn und hinten waren zerschmettert. Einer der Schalter war umgeworfen, und die schwarzen Walnussholzplatten der Trennwände waren an mehreren Stellen zerbrochen.

Doch das Schlimmste war der Anblick des Bodens innerhalb der Trennwände und rings um die offenen Türen des Tresorraums. Überall lagen zerrissene Dokumente, zerfetzte Geldbündel, aufgebrochene Blechkassetten und verstreute Goldmünzen.

Noch schlimmer war der Anblick zweier Menschen.

Inmitten dieses Durcheinanders lag, von zwei Umstehenden gestützt, die bewusstlose Gestalt eines weißhaarigen, ehrwürdigen Herrn. Blut strömte aus einer entsetzlichen Schusswunde in seiner Brust.

Am Fuß eines nahegelegenen Schreibtisches, zwischen den Trümmern eines zerbrochenen hohen Bürostuhls, lag eine zweite bewusstlose Gestalt: ein Buchhalter, der durch einen furchtbaren Schlag auf den Kopf, zweifellos mit dem Kolben eines Revolvers, zu Boden gestreckt worden war.

Ein weiterer, jüngerer Angestellter kauerte etwas weiter entfernt unter einem Schreibtisch. Er war offenbar unverletzt, aber vor Angst völlig verstört.

»Großer Gott!«, rief Timberlake fassungslos, als wir die Szene der Zerstörung und des Schreckens mit einem einzigen Blick erfassten. »Kann das das Werk dieser Cowboys gewesen sein?«

»Cowboys!«, höhnte einer der Umstehenden und stieß einen Fluch aus. »Eine schöne Bande von Detektiven seid ihr! Konntet ihr den Trick nicht durchschauen, den sie mit euch und uns allen aufgeführt haben – mit dem wilden Ochsen und dem Chinesen? Cowboys! Pah! Das waren die James-Brüder und ihre Bande, verkleidet als Cowboys. Und jetzt sind sie über alle Berge – mit fünfzehn- oder zehntausend Dollar aus diesem Tresor in ihren Satteltaschen. Den alten Kassierer haben sie mit einem Schuss durchs Herz zurückgelassen und den Buchhalter mit einem Schädelbruch.«

»Schnell, Jungs! Auf die Pferde und hinterher!«, schrie Timberlake und stürzte zur Tür.

Nicht weniger beschämt als er folgten wir ihm. Augenblicke später saßen wir im Sattel und galoppierten in wilder Eile in die Richtung davon, die die Bankräuber eingeschlagen hatten – begleitet von den spöttischen Zurufen der Stadtbewohner.

Unsere Verfolgung dauerte jedoch nicht lange. Schon bald mussten wir einsehen, dass sie keinerlei Aussicht auf Erfolg hatte.

Die Räuber hatten das unwegsame Gelände südlich der Stadt erreicht. Die Hügel hätten sie ebenso gut verschlucken können; so wenig Gelegenheit bot sich uns, sie einzuholen oder auch nur einen Blick auf sie zu erhaschen.

Mitte des Nachmittags kehrten wir niedergeschlagen und erschöpft nach S. zurück.

Wir mussten feststellen, dass der Kassierer der Bank tot war und der Buchhalter infolge seiner Verletzungen in kritischem Zustand lag. Eine Überprüfung der Bankbestände durch mehrere Direktoren ergab jedoch, dass die Räuber zwischen fünfzehn- und achtzehntausend Dollar erbeutet hatten.

Wir befragten mehrere Personen, die die Räuber aus nächster Nähe gesehen hatten und mit dem Aussehen der James-Brüder vertraut waren. Alle Zeugen stimmten darin überein, dass Jesse James nicht zu der Bande gehört hatte, die den Raubüberfall verübt hatte. Dagegen identifizierten sie sowohl Frank James als auch Jim Cummings zweifelsfrei als prominente Teilnehmer des Überfalls.

Dies schien Sheppards Behauptung zu bestätigen, er habe es tatsächlich geschafft, dem gefürchteten Jesse James den Garaus zu machen.

Als wir Sheppard am Abend dieses ereignisreichen und katastrophalen Tages in Empire City trafen, bekräftigte er seine Aussage mit Nachdruck. Dann schilderte er uns noch einmal kurz sein eigenes Abenteuer mit den Gesetzlosen – jenes Erlebnis, mit dem dieses Kapitel begonnen hatte.

Ich will mich nicht unnötig mit der neuen Welle der Aufregung befassen, die dieser Bankraub in Missouri und den angrenzenden Staaten auslöste.

Im folgenden Monat, ja sogar noch etwas länger, blieb die gefürchtete Bande so ruhig und unsichtbar, dass viele glaubten und hofften, sie habe den Bundesstaat endgültig verlassen.

Einige Detektive und Beamte – vielleicht sogar die Mehrheit – schlossen sich dieser Ansicht an. Andere jedoch nicht.

Ich gehörte zu den Letzteren.

Eine noch größere Mehrheit schenkte bald einem Gerücht Glauben, das sich rasch im ganzen Land verbreitete: Jesse James, der Anführer der Räuber, sei getötet worden.

Ford, Gorham und ich gehörten so ziemlich zu den einzigen Detektiven, die sich weigerten, dieser Nachricht Glauben zu schenken.

Während dieses Monats – oder besser gesagt während der sechs Wochen scheinbarer Untätigkeit – waren wir damit beschäftigt, die weniger erfahrenen Mitglieder der Bande aufzuspüren und der Justiz zuzuführen, die an dem Eisenbahnraub von Winston beteiligt gewesen waren.

In diesem Zusammenhang erwiesen sich Sheppard und ich als wertvolle Zeugen bei der Identifizierung der Verdächtigen. Mehr als dreißig Verhaftungen wurden vorgenommen.

Die Verhafteten stammten aus den Familien von Farmern und Stadtbewohnern. Viele waren Söhne wohlhabender Leute und hatten eine gute Erziehung genossen, sich jedoch durch ein mehr oder weniger ausschweifendes und ungeordnetes Leben hervorgetan.

Acht von ihnen wurden schließlich vor Gericht gestellt, verurteilt und zu langen Haftstrafen im Staatsgefängnis verurteilt.

Fast alle waren jedoch äußerst abgebrüht.

Geständnisse ihrer eigenen Schuld waren keine Seltenheit. Doch keinen Einzigen von ihnen konnten wir dazu bewegen, den Aufenthaltsort der erfahrenen Mitglieder der Bande preiszugeben oder auch nur irgendeine andere Information zu verraten, die zu deren Verfolgung und Ergreifung hätte führen können.

Auch sie alle schienen an den Tod von Jesse James zu glauben. Einige vergossen sogar Tränen, als trauerten sie um den Tod eines großen Vorbilds.

Und tatsächlich war Jesse James für sie ein Vorbild.

Menschen können aufrichtig um den Verlust eines solchen Menschen trauern – ganz gleich, ob sie in ihm einen Heiligen oder einen Dieb, einen edlen Patrioten oder einen herzlosen, dem Verbrechen verfallenen Räuber sehen.

Kurz nachdem die letzte dieser geringfügigeren Verurteilungen ausgesprochen worden war, kam Charley Ford in Kansas City zu mir.

»Im Hauptquartier gibt es eine große Sache, Colonel«, sagte er. »Zwei junge Burschen haben eine Leiche gebracht. Sie behaupten, es sei Jesse James, und wollen dafür die Belohnung für tot oder lebendig kassieren.«

Ich sah ihn ungläubig an.

»Tatsache!«, fuhr er fort. »Sie behaupten, Sheppards Kugel in den Hals sei erst gestern tödlich geworden. Sie hätten ihn in einer einsamen Hütte in den Blue Hills bis zu seinem Tod gepflegt. Kurz vor seinem Ende, so sagen sie, habe Jesse sie aus Dankbarkeit für ihre Freundlichkeit aufgefordert, genau das zu tun, was sie nun getan haben – seine Leiche herbeizuschaffen, um sich die hohe Belohnung zu sichern.«

Diese Nachricht traf mich, wie man so sagt, an einer empfindlichen Stelle, und ich sprang auf.

»Kommen Sie mit«, fuhr Ford fort. »Alle unsere Leute sind dort, einschließlich des Sheriffs und des Polizeikommissars. Auch sie glauben den Aussagen der beiden jungen Männer. Sie warten nur noch darauf, dass Sie die Überreste als die von Jesse identifizieren. Erst dann wollen sie den Burschen das Zertifikat ausstellen, mit dem sie die Belohnung beanspruchen können.«

Ich hielt die ganze Geschichte für absurd.

Doch so sehr ich auch darauf brannte, dies zu beweisen, ärgerte es mich, gerade jetzt meine Zeit damit verschwenden zu müssen. Ich hatte einen Hinweis erhalten, der meiner Meinung nach zu Richter Rideaus Enkelkind führen konnte, und wollte diesem gerade nachgehen, als Ford mich unterbrach.

Dennoch begleitete ich ihn sofort.

»Entweder Sie oder Sheppard könnten die Leiche genauso gut identifizieren wie ich, falls es tatsächlich Jesse James ist«, schlug ich auf dem Weg vor.

»Sheppard vielleicht«, erwiderte er, »aber der ist gerade landeinwärts unterwegs. Was mich betrifft: Als ich Jesse das letzte Mal gesehen habe, hatte er noch nicht den Bart, den er seither tragen soll. Ich kann mich also nicht sicher festlegen. Aber das Gesicht, das dort drüben aus dem Kiefernsarg schaut, sieht verdammt genau nach Jesse aus – jedenfalls nach einem Jesse, der tot und nicht lebendig ist.«

Diese Antwort erschütterte meinen Unglauben stärker als alles andere, was er bisher gesagt hatte.

Als wir uns dem Hauptquartier näherten, hatte sich dort bereits eine große Menschenmenge versammelt. Vor dem Eingang stand ein mit Schlamm bespritztes Gespann. Damit waren die beiden jungen Männer aus den Bergen gekommen – und hatten ihre makabre Fracht mitgebracht.

Der große, kahle Raum hinter dem Büro war voller Bürger und Polizisten, als Ford und ich uns einen Weg hindurch bahnten.

In der Mitte stand auf Böcken ein grober Sarg aus unbearbeiteten Brettern. Der Deckel war entfernt worden. Nahe dem Kopfende standen die beiden jungen Männer, bartlos, aber mit harten, entschlossenen Gesichtern, die den Sarg hierhergebracht hatten.

Timberlake, Craig, Masters und mehrere andere Männer aus meinem Beruf standen in unmittelbarer Nähe.

»Platz da für Colonel Jake!«, rief Craig, als ich näher kam. »Hier ist der Mann, der dieses tote Gesicht als das von Jess James identifizieren kann – und identifizieren wird, wenn es überhaupt jemand kann.«

Die Menge wich zurück.

Als ich mich dem offenen Kopfende des Sarges näherte, studierte ich unablässig die Gesichter der beiden jungen Männer. Keiner von ihnen schien mich zu erkennen.

Ich hatte mir nicht einmal die Mühe gemacht, nach ihren Namen zu fragen. Ich war überzeugt, dass sie ohnehin falsche Namen benutzten.

Dann, inmitten des allgemeinen Schweigens gespannter Erwartung, fiel mein Blick auf das leblose Gesicht im Sarg.

Nur einen Augenblick lang sah ich es an.

Dann hob ich den Kopf und lachte verächtlich.

»Hallo! Was ist los?«, rief Timberlake. »Ist es nicht die Leiche von Jess James?«

»Ganz und gar nicht«, erwiderte ich. »Obwohl eine gewisse Ähnlichkeit besteht. Der Gesetzlose hat offenbar eine neue Rolle übernommen – jetzt versucht er, den Behörden seine eigene Leiche zu verkaufen.«

Ich wandte mich den beiden jungen Männern zu.

»Wie geht es Ihnen, Master Cutts? Und wie geht es Ihnen, Master Larry, das Lamm?«

Die beiden waren tatsächlich niemand anderes als die jungen Desperados, die ich soeben beim Namen genannt hatte.

Der Erstgenannte sah noch immer dünn und abgemagert aus, als hätte er sich erst vor kurzer Zeit von meiner Kugel erholt, die seinen Körper durchschlagen hatte.

Beide erbleichten, als sie merkten, dass ich sie erkannt hatte.

Sie schienen einen Ausbruch durch die Menge zu erwägen. Doch ich hatte bereits meinen Revolver gezogen und hielt sie damit im Zaum.

Augenblicke später waren beide überwältigt, ergriffen und in Handschellen gelegt.

»Passt auf!«, rief ich.

Für einen Moment erfasste höchste Aufregung jeden im Raum.

»Jess James könnte genau in diesem Augenblick unter uns sein!«

»Ha, ha, ha!«

Das heisere Lachen kam von einem großen, grobschlächtigen Kerl, dessen Gesicht fast vollständig unter der breiten Krempe eines riesigen weichen Hutes verborgen lag.

Lässig schlenderte er auf die Tür zu.

»Trick hin oder her«, sagte er, »das hätte nur ein wirklich kühner Hund gewagt.«

Ich erkannte die Stimme trotz des Versuchs, sie zu verstellen.

»Das ist Jess James!«, rief ich.

Mit gezückter Pistole sprang ich vorwärts, meine Kameraden dicht hinter mir.

»Ergreift ihn! Schießt ihn nieder!«

»Kommt schon!«, erwiderte der Gesetzlose.

Er schleuderte den Hut beiseite, zog einen Revolver und wich rückwärts durch die Tür.

»Kommt schon – wenn ihr euch traut!«

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