Aus den Geheimakten des Welt-Detektivs – Band 13 – 5. Kapitel
Aus den Geheimakten des Weltdetektivs
Band 13
Das Spitzenkleid der Königin
5. Kapitel
Lebendig begraben
»Elf Uhr und zehn Minuten«, rief Sherlock Holmes, während er im Licht der Blendlaterne auf das Zifferblatt seiner Uhr sah. »Da wir gestern Abend gegen 10:30 Uhr in die Gruft hinabgestiegen sind, befinden wir uns jetzt schon volle 24 Stunden in der Tiefe, mein lieber Junge.«
»Und wir haben keine Aussicht, aus dieser entsetzlichen Todeshöhle wieder herauszukommen«, antwortete Harry Taron, der auf einem geschlossenen Sarg saß und sehr trübselig dreinblickte.
»Es scheint allerdings so, als sollten wir hier unten langsam, aber sicher verhungern«, gab Sherlock Holmes zur Antwort. »Denn alle unsere Bemühungen, die Falltür wieder aufzubrechen, haben sich als vergeblich erwiesen. Diese verwünschte Tür besitzt eine Festigkeit, um die sie mancher Geldschrank beneiden könnte.«
»Ach, und dieser verdammte Hunger, Mr. Holmes!«, klagte Harry Taron weiter. »Mir dreht sich der Magen um – ich glaube, ich werde es nicht mehr lange machen. Ich bin so sehr an die gute Küche von Mrs. Bonnet, unserer Wirtschafterin, gewöhnt, dass der Hunger für mich eine Qual ist.«
»Nach dem Hunger frage ich gar nicht einmal«, antwortete Sherlock Holmes, »aber der Durst! Nun, zum Glück habe ich meine Pfeife noch bei mir und kann ab und zu ein paar Züge nehmen. Hier, nimm, Harry Taron!« Der Detektiv zog bei diesen Worten einen Tabaksbeutel hervor und entnahm ihm eine kleine Menge Schnitttabak. »Kaue das – es ist immerhin etwas und regt den Speichelfluss an. Dadurch wird die Zunge wenigstens nicht trocken.«
»Danke, Meister«, erwiderte Harry Taron, während er sich von seinem Platz erhob und den Tabak holte. »In meinem ganzen Leben hätte ich nicht geglaubt, dass ich noch einmal Gefallen am Priemen finden würde. Aber jetzt kaue ich diesen abscheulichen Tabak schon mit der Geschicklichkeit eines alten Seemanns.«
Sherlock Holmes hatte inzwischen seine kurze Pfeife angezündet. Solange es ging, hatte er es aus Pietät gegenüber den hier ruhenden Toten vermieden, in dem Grab zu rauchen. Doch der Detektiv war ein so leidenschaftlicher Raucher, dass er es unmöglich länger als 24 Stunden ohne seine geliebte Pfeife hätte aushalten können. Außerdem kamen ihm beim Rauchen immer die besten Gedanken – und er brauchte dringend eine gute Idee, um aus diesem Grabgewölbe zu entkommen. Holmes rauchte so eifrig auf dem Sarg sitzend, dass er schließlich ganz in Tabakswolken verschwand.
Plötzlich jedoch richtete er sich auf, klopfte seine Pfeife aus und sagte: »Alles klar, mein Junge!«
»Was meint Ihr denn, Mr. Holmes?«, fragte Harry Taron mit schwacher Stimme.
»Ich meine, dass wir in einer halben Stunde diesem verwünschten Loch entronnen sein werden! Dass ich nicht früher daran gedacht habe! Aber gerade das Nächstliegende übersieht man in solchen Situationen am ehesten.« Während Sherlock Holmes diese Worte sprach, zog er langsam seinen Revolver aus der Tasche.
»Um Gottes willen, was wollt Ihr denn tun?«, schrie Harry und sprang von seinem Sarg auf. »Mr. Holmes, Ihr denkt doch nicht etwa daran … Ihr wollt Euch doch nicht das Leben nehmen? Nennt Ihr das etwa der Situation entrinnen?«
»Bin ich denn ein Narr, mein Sohn?«, antwortete ihm der berühmte Detektiv mit größter Ruhe. »Haha, das ist ein Gedanke, der selbst hier unten zwischen den Särgen ein lautes Lachen wert ist! Sherlock Holmes schießt sich doch nicht über den Haufen! Nein, mein lieber Harry, das wäre das Allerletzte. Ich glaube auch nicht, dass ich überhaupt fähig wäre, die Waffe gegen mich selbst zu richten. Ein mit Vernunft begabter Mensch würde sich einer solchen Ausflucht schämen.« Dann öffnete Holmes den Revolver und nahm sechs Patronen heraus.
»Harry!«, rief er. »Nimm diesen Drillbohrer, den wir glücklicherweise mitgenommen haben, und bohre mir zehn Löcher in die Falltür. Du kannst sie bequem erreichen, wenn du auf eine der Treppenstufen trittst. Aber arbeite schnell, ich habe inzwischen andere Vorbereitungen zu treffen.«
Auf einem Sarg stehend, der auf einem Sockel ruhte, öffnete der Detektiv unterdessen die Patronen. Sorgfältig sammelte er das gewonnene Schwarzpulver auf einem Stück Papier, bis sich ein ansehnliches Häuflein ergab.
»Harry«, rief Holmes, »vergiss nicht, drei Löcher in unmittelbarer Nähe des Scharniers zu bohren – dort, wo die Falltür im Boden eingelassen ist!«
Harry ließ unverdrossen den Drillbohrer arbeiten. Es gab ein leises, summendes Geräusch – das einzige, das vorläufig in der Totengruft zu hören war. Sherlock Holmes wandte sich nun einer anderen Beschäftigung zu. Er rollte einen langen Bindfaden ab, den er bei sich trug. Dann trat er an eine kleine Lampe heran, die früher einmal in der Gruft gebrannt haben musste – damals, als die Dumbartons unter Maria Stuart noch katholisch gewesen waren. Es handelte sich um ein Ewiges Licht, und Holmes entdeckte darin genau das, was er suchte: einen kleinen Rest Öl. Damit fettete er die Schnur ein, so gut es ging.
»Die Löcher sind fertig!«, meldete Harry.
»Gut, dann gehen wir ans Werk«, antwortete der Detektiv. »Wir müssen allerdings außerordentlich vorsichtig sein, damit wir unseren kostbaren Pulverschatz nicht verschütten.«
Holmes stieg selbst auf die Treppenstufe, füllte eine Portion Pulver in jedes der gebohrten Löcher und verstopfte sie schnell und geschickt mit Tabak aus seinem Lederbeutel. Eines der Löcher in der Mitte der Falltür erweiterte er zusätzlich. Hier gab er eine besonders große Portion Pulver hinein und schob zugleich das Ende der eingefetteten Schnur hinein.
»So, mein Junge«, sagte Sherlock Holmes, »jetzt ist alles fertig. Tritt ganz in die äußerste Ecke zurück, ich komme sogleich zu dir.«
Eine Minute später stand Holmes neben Harry. Er hatte den Bindfaden als Zündschnur von der Falltür bis in die Ecke der Gruft verlegt. »Nun sprich ein kleines Stoßgebet, mein Junge«, bat der Detektiv, »damit unser Vorhaben gelingt. Aber vorher zünde ein Streichholz an.«
Das Zündholz brannte. »Halte es an die Schnur, bis du siehst, dass Funken entstehen!«
Harry hielt das brennende Streichholz noch an die Schnur, als es plötzlich einen gewaltigen Krach gab, der die ganze Totengruft zu erschüttern schien. Im nächsten Augenblick fielen Holztrümmer über die Treppe hinab ins Gewölbe.
»Geglückt!«, rief Sherlock Holmes jubelnd. »Die Falle ist beseitigt, wir sind frei! Was das Portal oben anbelangt, werden wir es mit dem Schlüssel Nr. 17 genauso sicher öffnen, wie wir es abgeschlossen haben. Mir nach, Harry – wir haben nichts mehr zu befürchten!«
»Frei, frei!«, jubelte Harry, und es fehlte nicht viel, so wäre er seinem Meister um den Hals gefallen. »Frei! Ach, jetzt werde ich endlich etwas essen können!«
»Bald, mein Junge, bald«, antwortete ihm der Detektiv. »Bald sollst du nach Herzenslust essen und trinken.«
Damit stürmte Holmes die Treppe hinauf. Die Falltür hinderte sie nicht mehr, und so gelangten sie in den oberen Raum der Gruft. Wenige Minuten später standen sie bereits im Freien. Beide atmeten mit Entzücken die herrliche Luft der Augustnacht ein, die vom Mond und Millionen Sternen erleuchtet wurde.
»Ah, das tut gut!«, sagte Sherlock Holmes. »Ich muss dir offen gestehen, Harry, reine Luft hat mir am meisten gefehlt. Jetzt bin ich wieder in meinem Element.«
»Wir gehen doch nach Hause?«, fragte Harry.
»Natürlich«, antwortete der Detektiv. »Wir kehren so schnell wie möglich ins Wirtshaus zurück. Also rasch vorwärts durch den Park!«
Doch kaum hatten sie im Park etwa hundert Schritte zurückgelegt, als der Detektiv seinen Begleiter plötzlich fest am Arm packte und an sich heranzog. »Still, keinen Laut!«, flüsterte er ihm zu. »Dort – siehst du dort drüben an der alten, vom Blitz zerschmetterten Eiche …? Auf den Boden, Harry!«
Harry Taron fühlte sich zur Erde gezogen. Da er wusste, was das bedeutete, streckte er sich lautlos aus und hob, Holmes’ Beispiel folgend, nur leicht den Kopf, um zu lauschen. Vorläufig war jedoch nichts zu hören. Am Baum lehnte lediglich eine menschliche Gestalt, die der Detektiv sofort wiedererkannte: Es war die grauhaarige, korpulente Dame, der er mit ihrem jüngeren Begleiter schon im Wald begegnet war.
Das muss etwas zu bedeuten haben, dachte Mr. Holmes, dass die Alte hier am Baum steht und wartet. Wäre es ein junges Frauenzimmer, könnte ich an ein Liebesabenteuer glauben – an ein Treffen zur mündlichen Verabredung im verwegensten Sinne des Wortes. Aber diese hässliche, aufgedunsene Alte? Die wartet auf eine wichtigere Mitteilung.
In den Büschen bewegte es sich. Zweige wurden zur Seite geschoben, und eine zweite Gestalt tauchte bei der Alten auf.
»Cora Dessalines«, flüsterte Sherlock Holmes fast lautlos vor sich hin. »Teufel auch! Das muss man der Französin lassen – sie ist hübsch wie der leibhaftige Gottseibeiuns.«
Cora sah in der Tat reizend aus. Sie hatte sich einen Mantel malerisch um die Schultern geworfen, ihr Haar wallte in freien Locken bis auf die Schultern herab, und der Mond beschien das schöne, jugendliche Gesicht der Zwanzigjährigen.
»Sapristi, hast du mich lange warten lassen, Cora!«, stieß die Grauhaarige hervor, als sie der jungen Frau ansichtig wurde. »Weißt du nicht, dass das unhöflich gegenüber deiner Mutter ist? Oder fühlst du dich etwa schon in der Rolle der Lady Dumbarton?«
Cora zuckte gleichgültig die vollen, ebenmäßigen Schultern. »Pardon, Mama«, antwortete sie auf Französisch – in derselben Sprache, derer sich auch die Alte bedient hatte. »Du scheinst zu glauben, dass ich ganz nach eigenem Wunsch und Willen handeln kann. Wenn du wüsstest, wie vorsichtig ich mich aus dem Schloss stehlen muss!«
»Wie weit bist du denn mit dem Lord?«
Cora kräuselte verächtlich die Lippen. »Ich sage dir, Mama, einen solchen Mann habe ich noch nie kennengelernt«, antwortete sie mit der ganzen Leichtfertigkeit einer Pariserin. »Entweder er trägt einen Stein in der Brust oder er ist aus Holz geschnitzt – Fleisch und Blut hat er jedenfalls nicht.«
»Du bist gewiss zu spröde zu ihm. Du musst ihn gehörig unter das Kreuzfeuer deiner Augen nehmen! Du hast doch sonst die Kunst verstanden, die Sinne der Männer zu erregen.«
»Das verstehe ich auch, Mama, verlass dich darauf! Und ich übe es auf Schloss Dumbarton aus, so gut es eben geht. Aber der Lord will nicht recht anbeißen. Er behandelt mich zwar mit größter Hochachtung und versichert mir immer wieder, dass er die Vorbereitungen für unsere Vermählung mit Nachdruck betreibt, aber … sein Händedruck ist kalt wie Eis, sein Blick ist traurig, und der ganze Mann ist zum Sterben langweilig.«
»Weil eine andere Person zwischen euch steht«, gab ihr die Alte zur Antwort. »Glaube mir, Cora, wir haben unsere Laufgräben noch nicht ordentlich gezogen.«
»Wer sollte denn zwischen mir und dem Lord stehen? Er ist doch davon überzeugt, dass seine verstorbene Frau ihm ausdrücklich befohlen hat, mich zur Lady Dumbarton zu machen!«
»Kurzsichtige! Siehst du denn nicht ein, dass wir diesen Mann noch mehr isolieren müssen, als es bisher geschehen ist? Es gibt Menschen, die ihre Liebe überhaupt nur an ein einziges Wesen hängen können und für kein zweites etwas übrig haben, solange dieses Wesen in ihrer Nähe ist. Von solch einer Natur ist der Lord. Er liebt die kleine Violet – er liebt seine Tochter mit der ganzen Kraft seines Herzens. Erst wenn Violet beseitigt ist, wird er in deine Arme eilen. Dann erst gehört er dir!«
Als Harry Taron die Worte der Alten vernahm, machte er eine Bewegung, als wollte er sich vom Boden erheben und auf die Elende stürzen. Doch Sherlock Holmes hatte diese nur zu gerechte Entrüstung seines Begleiters vorausgesehen und bereits seine Hand auf Harrys Nacken gelegt. Er drückte ihn mit der Nase ins Gras, sodass Harry Gelegenheit hatte, den frischen Erdgeruch einzuatmen.
»Du glaubst also, Mutter, dass wir Violet … beseitigen müssen?«, flüsterte Cora. »Was sagt denn Eugen dazu?«
»Dein Bruder ist ganz meiner Meinung«, gab die Alte zur Antwort. »Übrigens haben wir unseren Plan schon entworfen. Du musst Violet zu einem Spaziergang auffordern, und dann …«
»Still, Mutter! Mir war, als hätte sich dort hinter den Zweigen etwas bewegt.«
Mr. Holmes zog für alle Fälle sein Messer heraus und legte es griffbereit neben sich. Doch seine Befürchtung, entdeckt zu werden, war unbegründet.
Die Alte antwortete gleichgültig: »Das wird ein Tier gewesen sein, das dort im Gebüsch steckt – vielleicht ein verirrter Hase. Aber wir können diesen Platz ja verlassen. Ich begleite dich zum Schloss zurück und teile dir unterwegs den ganzen Plan mit. Ha, ich kann den Augenblick kaum erwarten, da es auch mir und deinem Bruder vergönnt sein wird, auf Schloss Dumbarton einzuziehen!«
»Das ist zu viel gewagt, Mutter – wenn der Lord dich wiedererkennen würde!«
»Unsinn! Ich habe mich seit der Zeit, in der mich der Lord täglich zu Gesicht bekam, gewaltig verändert. Und wenn ich meinem Haar noch eine schneeweiße Farbe gebe, wird er keine Ahnung haben, wer ich bin. Haha, es ist eigentlich zum Lachen, welch ein Kapital ein gescheiter Mensch aus dem zufälligen Erlauschen eines Geheimnisses schlagen kann! Und nun komm, Cora, lass uns gehen – die Sache mit Violet muss schnell geregelt werden.«
Die beiden Frauen verschwanden bei der Eiche, und ihre Stimmen verloren sich langsam in der Ferne. Sherlock Holmes richtete sich auf. Seine Züge hatten eine furchtbare Starrheit angenommen.
»Lumpengesindel!«, murmelte er. »Selbst vor dem Mord an einem unschuldigen Kind schrecken sie nicht zurück, um ihr infames Ziel zu erreichen. Und der arme Lord Harald – dieser Melancholiker, dieser Mann mit den beständigen Tränen in den Augen – ahnt nicht, welch eine Natter er an seiner Brust nährt! Er ahnt nicht, welch grausames Spiel man mit ihm treibt.«
»Aber er kann es ja sogleich erfahren!«, rief Harry mit leiser Stimme. »Jetzt, Meister, werdet Ihr doch nicht länger zögern und die ganze Gesellschaft verhaften!«
»Das wäre der dümmste Streich, mein Junge, den ich begehen könnte«, meinte Holmes kopfschüttelnd. »Wir beide wissen zwar, dass Cora Dessalines, ihre Mutter und ihr sauberer Bruder Verbrecher sind, die es auf Schloss Dumbarton und das ungeheure Vermögen der Familie abgesehen haben – denn für das Leben Lord Haralds würde ich nicht viel geben, wenn er erst mit Cora vermählt wäre. Aber obwohl wir es wissen, können wir vorläufig noch wenig beweisen.«
»Und überhaupt: Die Hauptsache ist, dass Lord Harald selbst einsieht, wie schnöde man ihn betrogen hat. Der arme Mann befindet sich in einem Seelenzustand, in dem man ihm keinen Zweifel lassen darf. Er muss von selbst darauf kommen, dass die Erscheinung seiner verstorbenen Frau eine Komödie war, zu deren Inszenierung man sich des berühmten Spitzenkleides der Königin bedient hat. Und nun komm, Harry – in dieser Nacht wird nichts mehr geschehen, was den Lord oder Violet bedroht. Wir dagegen haben allen Grund, etwas zu essen und zu schlafen. Jetzt erst merke ich nämlich, wie hungrig ich selbst bin.«
Mit großen Schritten eilten der Detektiv und sein Zögling dem Dorfwirtshaus zu.
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