Das Geisterreich – Erscheinungen guter Geister – Teil 3
Das Geisterreich
im Zusammenhang mit dem diesseitigen Erdenleben
Enthält eine Sammlung der interessantesten Geistererscheinungen, Ahnungen und Mahnungen von Sterbenden und Verstorbenen und dergleichen
Nach wahren Begebenheiten
Verlag J. Lutzenberger, Burghausen
Erster Teil
Erscheinungen guter Geister
Der Todesruf
Für die Wahrheit der nachfolgenden Erzählung bürgt uns Gustav Sellen, welcher als Offizier in Griechenland mitgefochten hat und Zeuge der Begebenheit war, die wir mit seinen eigenen Worten wiedergeben wollen.
Wunderlich hatte der Zufall oder das Schicksal uns in Griechenland zusammengeführt. Doch so verschiedenartig auch unsere Meinungen, unsere Ansichten in unseren früheren Lebensverhältnissen sein mochten, hier hatte der gleiche Zweck, die gleiche Not und das gleiche Streben alle Verschiedenheiten ausgeglichen, und wir lebten in der größten Eintracht. Mehrere Gefahren hatten wir gemeinschaftlich bestanden, hatten gemeinschaftlich gehungert und gedurstet, und unser Bündnis war dadurch so sehr befestigt worden, wie ein ähnliches unter ähnlichen Verhältnissen nur befestigt werden kann.
Ursprünglich bestand unsere kleine Gesellschaft aus fünf Mitgliedern: zwei Preußen, einem Dänen (einem Holsteiner), einem Mecklenburger und einem Polen, der jedoch vollkommen Deutsch sprach. Später hatte sich noch ein neuer Ankömmling, ein Bayer von Geburt, Herr von W., zu uns gesellt. Schon in der kurzen Zeit war uns der Landsmann durch heitere Laune, offenen Freimut und ausgezeichnete Tapferkeit lieb geworden. Wir befanden uns nun auf dem Weg zu einem nahen Kloster, wo wir unsere Freundschaft durch einige Becher kräftigen Zea-Weines noch mehr festigen wollten.
In der frohesten Stimmung kamen wir beim Kloster an und erhielten gegen Vorausbezahlung den geforderten Wein. Der Pole wurde zum Mundschenk erwählt. Eilig reichte jeder sein Glas dar. Der Bayer war der Letzte, der dies tat. Kaum sprudelte der köstliche Rebensaft in das dargehaltene Glas, als dies, ohne irgendeine Berührung, unter widerlich schrillendem Ton zersprang. Eine finstere Wolke überzog auf einen Augenblick die Stirn des Herrn von W. Wir waren alle unangenehm ergriffen, aber schon waren wir auf dem besten Weg, die Sache für einen bloßen Zufall zu achten.
Da sagte einer der Preußen: »Wenn das nur nicht eine üble Vorbedeutung ist.«
Wochen vergangen, und als wir einige Tage darauf ein Gefecht mit den Türken hatten, aus welchem von W. unversehrt zurückkam, da wurde der Glaube an eine üble Vorbedeutung verbannt.
Doch einige Zeit darauf fanden wir uns in einem halb zerstörten Haus zusammen. Aus sicherer Hand wussten wir, dass sämtliche Bewohner desselben auf die grausamste Art ermordet worden waren. Wände und Fußboden waren noch mit Blut bedeckt. Ein übler Geruch erfüllte den Raum. Wir wollten eben anstoßen, als die Tür unserer Stube plötzlich weit aufsprang, nachdem zuvor ein heftiger Schlag auf den hölzernen Drücker geschehen war. Wir untersuchten das ganze Haus, konnten aber nichts entdecken, obgleich es keinen Ort gab, wo ein Mensch sich hätte verbergen können.
Wir lagerten uns wieder um den Herd. Etwa eine Viertelstunde mochte vergangen sein, als wir die Heiterkeit wiederfanden. Aber wieder sprang mit einem heftigen Schlag gegen den Drücker die Tür auf, noch ehe wir angestoßen hatten. Wieder fanden wir nichts. Dieser sonderbare Zufall war uns umso unerklärlicher, da die Türen in Griechenland sich in der Regel nur von innen öffnen lassen, stets aber nach außen aufgehen und daher nicht durch einen Stoß von außen geöffnet werden können.
»Ei, so soll doch die Tür nicht mehr aufspringen«, sagte Herr von W. und band den Drücker so fest, dass selbst ein Schwert den Knoten kaum durchschnitten hätte. Doch als der Morgen zu grauen begann und der Mecklenburger den Becher auf das Wiedersehen im Vaterland erhob, geschah es: Mit einer Gewalt, als wolle es die Tür zerschmettern, schlug es gegen dieselbe, und deutlich hörten wir alle mit dumpfer Grabesstimme den Namen des Bayern rufen.
Heftig erbleichte dieser. Drei Tage darauf war der Sturm auf Napoli. Herr von W. wurde durch drei Kugeln gleichzeitig getroffen und gab in meinen Armen den Geist auf. Schnell verbreitete sich das Gerücht von dem Todesruf, und kein Grieche wagte sich seit der Zeit mehr in jenes Haus.
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