Felsenherz der Trapper – Teil 03.1
Felsenherz, der Trapper
Selbst Erlebtes aus den Indianergebieten erzählt von Kapitän William Käbler
Erstveröffentlichung im Verlag moderner Lektüre GmbH, Berlin, 1922
Überarbeiteter Text
Band 3
Der Kundschafter von Fort Kavett
1. Kapitel
Der Klapperschlangenjäger
In den Buschinseln einer mit fahlem, ausgedörrtem Gras bedeckten Prärie im Nordwesten des texanischen Städtchens San Antonio lagerten an einem windstillen, heißen Septemberabend drei Weiße und ein junger, stattlicher Indianer. Dieser trug in seinem schwarzen Haarschopf mehrere Adlerfedern, deren Kiele mit bunten Glasperlen verziert waren.
Die kleine Lichtung in den Buschinseln, die von den vier Männern nach einem ermüdenden Tagesritt zum Lagerplatz auserwählt worden war, wurde durch das kleine Feuer, über dem ein Stück Büffelfleisch am Spieß briet, nur notdürftig beleuchtet.
Der lange Billy, ein im Westen überall bekannter Trapper, stach jetzt mit seinem Messer in das Fleisch und meinte:
»Holla, die Mahlzeit ist fertig. Verdammt – ich habe einen Bärenhunger!« Dann wandte er sich an den Indianer, der soeben seine Büchse ergriffen hatte und den Lichtschein des Feuers auf das Schloss der Waffe fallen ließ, um sich zu überzeugen, ob die Zündhütchen noch auf den Pistons saßen.
»Will Chokariga, der Schwarze Panther, etwa jetzt schon die erste Wache antreten?«, fragte Billy den berühmten Comanchenhäuptling.
Der erwiderte darauf kurz: »In San Antonio schwärmten die Soldaten der Texaner wie Bienen, die vom Qualm eines Feuers aufgescheucht wurden. Die Bleichgesichter diesseits und jenseits des großen Flusses« – er meinte den Rio Grande del Norte – »haben das Kriegsbeil gegeneinander ausgegraben. Die Bewohner von Texas hassen die Mexikaner, ihre Herren; aber die stinkenden Kröten der Apachen werden den Mexikanern helfen. Der lange Billy kennt die Zeichen der Wildnis. Als wir vor einer Stunde diese Buschinseln aufsuchten, stiegen drüben im Westen aus dem dunklen Strich des Waldes Schwärme von Wildtauben auf. Der Schwarze Panther hat scharfe Augen. Die Wildtauben sind nicht scheu. In jenem Wald müssen zahlreiche Reiter lagern. Chokariga wird hinüberreiten.«
Sofort erhob sich ein schlanker, blondbärtiger Mann mit wettergebräuntem, frischem, offenem Gesicht und erklärte: »Felsenherz wird seinen roten Bruder begleiten. Wenn Apachen in der Nähe sind – und damit rechnet der Schwarze Panther doch offenbar –, ist es besser, wir beschleichen sie zu zweit.«
Der Häuptling schwieg eine Weile. Seine Augen waren halb geschlossen. Unter den zugekniffenen Lidern glitt sein Blick unauffällig über die nächsten Büsche. Dann setzte er sich wieder, legte die Doppelbüchse neben sich ins Gras und sagte: »Mein Bruder Felsenherz mag erst essen. Wir haben noch Zeit. Der lange Billy kann das Fleisch zerteilen.«
»Das nenne ich vernünftig!«, scherzte der dürre Westmann mit seinem gewohnten Kichern. »Erst der Magen, dann die Apachen!«
Der vierte Weiße, dem beide Ohren fehlten und der als Indianerhändler unter dem Namen der Skalpierte sowohl bei den Rothäuten als auch bei den Farmern im Ruf eines ehrlichen, friedfertigen Mannes stand, nahm das Stück Büffelfleisch aus des langen Billys Hand entgegen. Er ließ es jedoch wie durch Ungeschicklichkeit fallen und flüsterte, als er sich bückte und es mit dem Messer wieder aufspießte, dem neben ihm sitzenden jungen Trapper Felsenherz zu: »Ich hab’s auch gemerkt! Es steckt jemand in den Büschen – drüben, rechts von dem gelb blühenden Strauch!«
Felsenherz hüstelte nur und sagte darauf zu dem Comanchen: »Ich werde einmal nach unseren Pferden sehen. Mein Brauner schnaubte vorhin so aufgeregt. Vielleicht hat Billys Himmelsziege sich wieder an ihn herangedrängt. Die beiden Viecher vertragen sich nicht.«
»Mein Bruder tut recht daran«, erwiderte der Comanche und tauschte mit Felsenherz einen schnellen Blick des Einverständnisses.
Der junge Trapper schlenderte davon. Die drei Pferde und Billys Maultier Himmelsziege standen etwa zehn Meter weiter in einer zweiten Lichtung der Buschinseln.
Felsenherz umging das kleine Wäldchen und kroch auf allen vieren lautlos in die Sträucher hinein. Nur ein Westmann wie er, der eine so gute Schule in all den schwierigen Dingen hinter sich hatte, die das Leben in der Wildnis erfordert, brachte es fertig, sich ohne das allergeringste Geräusch bis in den Rücken des verborgenen Menschen vorwärtszuschieben.
Nun lag er ganz dicht hinter ihm. Nur undeutlich konnte er die Umrisse einer auf dem Boden ausgestreckten Gestalt erkennen. Er vermochte aber doch festzustellen, dass der Mann ein Weißer war und keine Rothaut.
Langsam richtete er sich halb auf, packte den Menschen am Kragen, riss ihn blitzschnell hoch und schleuderte ihn wie einen Ball durch die Zweige dem Lagerplatz zu. Dort ergriff der Schwarze Panther den Überfallenen mit einem Satz bei den Handgelenken und hielt ihn fest.
Billy, der bisher nichts davon geahnt hatte, dass ein Lauscher im Buschwerk verborgen gewesen war, kicherte jetzt spöttisch und meinte: »’n Abend auch, Master! Felsenherz hat Euch die Mühe erspart, die paar Schritte bis hierher in unseren Salon zu Fuß zurückzulegen! Hihihi! Ja, der Felsenherz könnte getrost Preisringkämpfer werden! Na, wer seid Ihr denn nun eigentlich, Master?«
Der Comanche hatte den kleinen, glattrasierten Menschen, der einen gelben, derben Leinenanzug trug und um den Hals ein buntseidenes Tuch fast kokett geknotet hatte, schon wieder losgelassen.
Der Gelbe stotterte nun, indem er seine Jacke zurecht zog: »Mein Name ist Pickparell, meine Herren. Entschuldigen Sie, dass ich mir erlaubt habe, Sie erst eine Weile zu belauschen. Aber diese Gegend hier ist jetzt so unsicher, und ich habe außerdem so wenig Angenehmes erlebt, dass mir niemand verargen kann, wenn ich …«
»Verdammt, Mann, Ihr redet wie ein Professor!«, unterbrach Billy ihn ärgerlich. »Setzt Euch! So, und nun will ich Euch mit meinen Freunden bekannt machen. Das da ist Master Edward Barnley, englischer Lord, Trapper und Indianerhändler aus Neigung. Er wird stets der Skalpierte genannt, weil die roten Hunde der Waco ihm vor Jahren ein rundes Stück aus seiner Perücke raubten – dazu die Ohren, wie Ihr seht. Das da ist der berühmte Häuptling der Comanchen, Chokariga, der Schwarze Panther; und dort kommt Felsenherz, der alle Ursache hat, den Apachen das Fell zu durchlöchern, weil diese nämlich vor drei Monaten seine sämtlichen Verwandten oben am Rio Mazapil abgeschlachtet haben. Ich selbst bin der lange Billy und auf die Apachenhunde auch nicht gut zu sprechen, da sie meinen Freund Jimmy letztens in die ewigen Jagdgründe geschickt haben. Na, und was treibt Ihr hier in den Prärien, Master? Ihr habt da ja über Eure Stiefel ein paar so dicke Ledergamaschen geschnallt, als ob …«
»Ich bin Naturforscher, meine Herren«, fiel der Gelbe dem langen Billy ins Wort. »Ich durchstreife seit vier Monaten das Randgebiet der texanischen Wüste, Llano Estacado genannt, und fange Klapperschlangen, deren Giftdrüsen ich aufschneide und …«
»Verdammt!«, kicherte Billy. »Ein feines Geschäft! Also deshalb die Ledergamaschen – zum Schutz gegen Bisse!«
Auch Felsenherz hatte nun am Feuer Platz genommen und fragte: »Master, Ihr haltet diese Gegend nicht für ganz sicher? Entschuldigt, dass ich mit Euch so wenig zart umging.«
»Oh, das macht nichts, Master Felsenherz. Ich bin daran seit vorgestern gewöhnt. Was die Unsicherheit hier betrifft, so wollte ich damit andeuten, dass drüben im Westen in dem großen Wald vierhundert Rothäute lagern, alle scheußlich bemalt. Es scheinen Apachen zu sein.«
»Und was ist Euch vorgestern zugestoßen, Master?«, forschte Felsenherz weiter.
»Hm, eine sonderbare Sache. Ich hatte mich in den Schluchten der kahlen Berge drüben im Nordwesten am Rio Pecos verirrt, wo dieser Fluss sehr viele Krümmungen macht. Mit einem Mal gelangte ich in ein von steilen Bergen eingeschlossenes, blühendes Tal, an dessen Nordwand ein großes Blockhaus lehnte. Aus dem Schornstein stieg Rauch auf. Ich pochte an die Tür, die von innen verriegelt war, und hörte leise Stimmen. Ich wurde aber nicht eingelassen, obwohl ich rief, dass ich seit anderthalb Tagen nichts gegessen hätte. Während ich noch vor der Tür stand, flog mir von hinten eine Lassoschlinge um den Hals. Ich wurde zu Boden gerissen, verlor das Bewusstsein und fand mich, als ich wieder zu mir kam, samt meinem Pferd, meinen Waffen, meinem Ledersack voller Klapperschlangen und einer gebratenen Hirschkeule am Ufer des Pecos mutterseelenallein wieder. Ich kann mir nur denken, dass die Bewohner jenes Blockhauses mich dorthin geschafft und mir die Hirschkeule gespendet haben. Ich bin danach weiter nach Osten geritten und beobachtete heute Nachmittag, wie der große Indianertrupp dort im Wald sein Lager bezog. Ich hielt diese Nachbarschaft für gefährlich, setzte mich wieder in Marsch und gelangte vor einer halben Stunde hierher, sah Ihr Feuer und schlich näher. Mein Pferd steht draußen in der Prärie an einen verdorrten Baum angebunden. Das wäre alles.«
Jetzt meldete sich der schwarzbärtige Skalpierte und erklärte: »Master, dort am Rio Pecos gibt es kein Blockhaus. Ihr müsst das geträumt haben! Ich kenne jede Schlucht, jedes Tal dort seit Jahren. Außerdem wird niemand sich einbilden, dort im Jagdgebiet der Apachen siedeln zu können. Der Rio Pecos ist ein gefährliches Gewässer! Dankt dem Schöpfer, dass er Euch in Eurer Harmlosigkeit vor den Apachen beschützt hat.«
»Oh«, erwiderte der kleine Herr freundlich, »ich tue niemandem etwas. Ich wäre auch jetzt vor den vierhundert Roten nicht ausgerissen, wenn sie nicht wie die Teufel gekreischt hätten, als sie die beiden Weißen erwischten, die gerade ahnungslos auf ihr Lager zugeritten waren. Die beiden schienen Offiziere des texanischen Freikorps zu sein, das jetzt den Kampf gegen Mexiko begonnen hat. Ich selbst bin im Staat Louisiana zu Hause. Mich gehen die Streitigkeiten zwischen Texas und Mexiko nichts an.«
»Hihihi! Ein feiner Standpunkt!«, frotzelte der lange Billy. »Gehen Euch nichts an – das ist so recht als Greenhorn gesprochen! Mann, wisst Ihr auch, was mit den beiden Texanern geschehen wird?! Die Apachen werden sie an den Marterpfahl stellen, und das ist ein verdammt kitzliges Vergnügen, sag ich Euch, verdammt kitzlig!«
Der Comanchenhäuptling war plötzlich aufgestanden.
»Meine weißen Brüder mögen mir folgen«, erklärte er. »Die stinkenden Kröten der Apachen sind bereits aus ihren Felsenhöhlen am Rio Pecos hervorgekrochen. Der Schwarze Panther wird sie beschleichen, und sein Bruder Felsenherz wird ihn begleiten. Die anderen drei Bleichgesichter mögen scharf nach Norden reiten, bis sie an einen einzelnen Berg gelangen, den die Comanchen den Berg der Hasen nennen, weil diese Tiere dort sehr häufig sind. Felsenherz und Chokariga werden um Mitternacht wieder bei ihnen sein. Der lange Billy mag jedoch die Augen offen halten. Die Späher der Apachen werden durch die Prärie schwärmen wie die feigen Füchse, die nur nachts ihre Löcher verlassen.«
Er winkte Felsenherz, und die beiden schritten schnell davon, bestiegen ihre Pferde und trabten in die dunkle Prärie hinaus.
Es war nun gegen zehn Uhr abends. Der Mond war noch nicht aufgegangen. Selbst die Sterne spendeten nur wenig Licht, da der Himmel mit einer leichten Dunstschicht bedeckt war.
Der Schwarze Panther hatte die Richtung nach Norden eingeschlagen. Nach vielleicht fünf Minuten zügelte er plötzlich seinen Rappen und flüsterte dem jungen Trapper zu:
»Mein Bruder Harry sieht dort vor uns einen dunklen Strich. Es sind Büsche. Hat mein Bruder das flackernde Pünktchen bemerkt, das dort soeben aufglomm?«
»Ich hielt es für ein Glühwürmchen …«
»Mein Bruder ziehe einmal die Luft durch die Nase ein. Riecht er etwas?«
»Ah – du hast recht, Chokariga! Das ist der Duft von Tabak!«
»Ja, dort in den Büschen lagern mehrere Weiße, die um ihre Skalpe nicht sehr besorgt sind. Ihre Pfeifen verraten sie. Und einer hat soeben sein Feuerzeug angezündet. Mein Bruder Felsenherz mag mein Pferd halten.«
Er huschte davon. Nach kaum einer Viertelstunde tauchte er wieder auf.
»Dreißig Soldaten der Texaner mit Pferden«, erklärte er. »Und zwei Späher der Apachen lagern dort an der Westseite des Buschstreifens. Sie werden schweigen. Der Tomahawk des Schwarzen Panthers hat sie betäubt.«
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