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Der Detektiv – Band 32 – Der sprechende Kopf – Kapitel 4

Walter Kabel
Der Detektiv
Band 32
Kriminalerzählungen, Verlag moderner Lektüre GmbH, Berlin, 1920
Der sprechende Kopf
Kapitel 4
Der Hinterhalt

In diesem Haus verschwand der Chinese, und zwar in einer breiten, offenen Einfahrt. Er ging nach rechts und öffnete eine Pendeltür, die ebenfalls mit denselben Plakaten beklebt war.

Harst flüsterte mir zu: »Machen wir kehrt!«

Wir setzten uns auf eine Bank in den Anlagen, die die Pagode umgeben. Von dort aus hatten wir das grellbunt bekleisterte Haus direkt vor uns.

Nach einer Weile hieß Harst mich warten. Er schritt auf das Haus zu, las die Plakate aus nächster Nähe, ging dann den breiten Bürgersteig nach rechts weiter und kam durch die Anlagen zu mir zurück.

Er nahm neben mir Platz, lehnte sich zurück und holte eine Zigarette hervor. Langsam entzündete er ein Streichholz; ebenso bedächtig tat er die ersten Züge und blies tadellose Rauchringe in die stickig heiße Luft. Seine Augen blieben dabei unverwandt auf das bunte Haus gerichtet.

Harst schwieg. Eine europäische Bonne setzte sich mit ihren zwei Zöglingen, zwei Chinesenkindern, auf die Bank neben uns. Es war ein noch recht junges Mädchen, offenbar eine Französin. Sie sah krank und abgespannt aus – Rangun ist schließlich ein böses Fiebernest.

Harst begann mit den beiden europäisch herausgeputzten Kindern zu spielen und kam so auch mit der Bonne ins Gespräch. Er radebrechte dabei das Englische wie ein waschechter, ungebildeter Inder. Nach kurzer Zeit war die Unterhaltung beim sprechenden Kopf angelangt.

So erfuhren wir, dass der Besitzer des Weltwunders ein Chinese sei, der in einem lächerlichen Kostüm herumlaufe. Die Vorstellungen hatten erst gestern Nachmittag begonnen. Der Andrang war ungeheuer, da besonders die Birmanen derartige Schaustellungen überaus liebten. Die ganze Stadt sprach von nichts anderem als vom Geheimnis des redenden Frauenkopfes. Niemand vermochte den Trick zu ergründen, der hier angewendet wurde.

Dann lenkte Harst das Gespräch auf andere Dinge. Das junge Mädchen mochte sich wohl wundern, dass ein einfacher Inder sich für so vielerlei interessierte. Harst flocht schlau ein, dass wir hier Arbeit suchten.

Die Bonne war tatsächlich Französin. Es stellte sich heraus, dass sie seit zwei Jahren bei Limpo Ma, einem Geschäftsfreund ihres Herrn, in Stellung war. Harst tat so, als hätte er viel von Limpo Mas Reichtum gehört. Das junge Mädchen lächelte dazu und meinte, in letzter Zeit sei Limpo Ma oft in Geldverlegenheit gewesen. Er habe sich von ihrem Herrn große Summen geliehen.

Harst schwatzte unentwegt weiter. Die Bonne erwähnte, dass in der nächsten Woche drei hohe buddhistische Feiertage anstünden. Da blieben alle Geschäfte geschlossen – nur die Vergnügungslokale hätten geöffnet.

Ich begriff nicht recht, was Harst mit dieser sprunghaften Unterhaltung bezweckte. Ich war müde und nickte zuweilen ein.

Als die Bonne mit den Kindern gegangen war, rückte Harald ganz nahe an mich heran.

»Werde munter, mein Alter«, meinte er. »Wir können jetzt zufrieden einen kühleren Ort aufsuchen. Eugenie Malcapier ist gefunden, und der Zweck des sprechenden Kopfes liegt klar auf der Hand.«

Ich fuhr förmlich herum. Mir war ein Gedanke gekommen.

»Eugenie ist der sprechende Kopf!«, sagte ich und blickte Harst forschend an.

Er bejahte es mit der Einschränkung: »Wenigstens ist das sehr wahrscheinlich.«

»Und der Zweck? Dieser Zweck liegt dort klar auf der Hand? Dort – wo?«

»Wo man allein suchen muss. Vorwärts, gehen wir in die Kneipe in der Nähe des Bahnhofs! Jemand von unseren Leuten wird fraglos dort sein. Ich möchte Kapitän Weber einige neue Anweisungen geben.«

Weber hatte das Restaurant Buffalo Bill empfohlen. Es war eine amerikanische Gründung: Das Erdgeschoss war für die weniger Bemittelten gedacht, während die Prunkräume oben der reichen Lebewelt Ranguns vorbehalten waren.

Wir Armen gehörten ins Parterre, das gleichzeitig als Kaffeehaus diente. In einer Ecke des länglichen Riesenraumes saß allein an einem Tischchen unser Maschinist Jürgensen.

Jürgensen, ein blonder Holsteiner, beachtete uns zunächst nicht. Dann kam er herüber und bat Harst um ein Streichholz für seine Zigarre. Harst flüsterte ihm zu: »Nachher draußen am Bahnhof.«

Wir tranken Eislimonade und aßen einen warmen Reispudding. Nach einer Weile kamen ein blondbärtiger Engländer und eine ältere Dame die Treppe hinunter. Es mochten Touristen sein; sie trugen Kameras bei sich und hatten Ferngläser umgehängt.

Die grauhaarige Dame stützte sich auf einen Stock und lahmte etwas. Die würfelnden Birmanen erregten ihre Aufmerksamkeit. Sie blieb stehen, sprach mit ihrem Begleiter und schließlich gingen die beiden hinaus.

Harst warf plötzlich Geld für die Zeche auf den Tisch. Im Nu waren wir auf der Straße.

»Ah – dort!«, meinte Harald. Ich sah gerade noch, wie ein offenes Auto den Engländer und die lahme Dame entführte.

Harst stand da und starrte zu Boden.

»Was hast du denn?«, fragte ich leicht beunruhigt.

»Ich weiß nicht recht, ob sie mich erkannt hat«, flüsterte er. »Es war unsere Eugenie. Ihr Interesse für den Tisch der Spieler kam mir nicht ganz echt vor. Ihr Blick flog vorhin über uns hinweg und haftete dann für den Bruchteil einer Sekunde auf meinem Gesicht. Ich kann mich täuschen, aber mir schien es, als sei sie zusammengezuckt. Sie hat bessere Augen als Jakob Weber. Ihr traue ich es durchaus zu, dass sie unsere Masken durchschaut.«

»Die Malcapier?«, meinte ich zweifelnd. »Ich bitte dich: Die alte Dame hatte doch eine dicke, rotgebrannte Nase …«

»… in der wahrscheinlich Watte die neue Form hervorgerufen hat«, ergänzte Harald. »Jedenfalls wäre es verwünschtes Pech, wenn das Weib durch diese Begegnung gewarnt worden wäre. Am besten kostümieren wir uns auf der Yacht um. Gehen wir hinüber zum Bahnhof; Jürgensen wird gleich erscheinen. Wir schicken ihn als Wache in die Kneipe zurück. Er muss dort aufpassen, ob sich verdächtige Leute auffällig nach uns erkundigen oder umsehen. Dann wissen wir Bescheid. Geschieht nichts, hat die Malcapier mich nicht erkannt.«

Gleich darauf trafen wir mit Jürgensen zusammen, der sich anschließend wieder ins Kaffeehaus setzte. Wir beide nahmen eines der einspännigen Wägelchen und ließen uns bis vor die Stadt fahren. Unweit einer großen Sägemühle – von denen Rangun über fünfzig besitzt – stiegen wir aus und gingen zu Fuß weiter.

Um 16 Uhr nachmittags waren wir an Bord der STANDARD. Kapitän Weber sagte uns, dass der Matrose Kersten bereits auf dem Weg in die Stadt sei, um Jürgensen im amerikanischen Restaurant abzulösen. Wir waren ihm unterwegs nicht begegnet, aber er konnte natürlich eine andere Route genommen haben.

Nachdem wir eine kräftige Mahlzeit eingenommen hatten, machten wir uns mit größter Sorgfalt an die erneute Verwandlung unseres Äußeren. Harst hatte entschieden, dass wir uns als wohlhabende, ältere indische Kaufleute maskieren sollten. Diese Arbeit nahm zwei Stunden in Anspruch.

Gerade als wir aufbrechen wollten, fand sich der blonde Hüne Jürgensen ein, dessen rotblonder Spitzbart ihm sehr gut stand. Er berichtete, dass er noch eineinhalb Stunden im Café gesessen habe. Nichts sei passiert – absolut nichts. Und er habe doch wie ein Luchs aufgepasst.

Schließlich sagten wir den Landsleuten Lebewohl und kämpften uns wieder durch den urwaldähnlichen Bewuchs hindurch. Diesmal ging es schon leichter: Jürgensen und Kersten waren auf unserer Spur geblieben und hatten sich durch das Abhauen von Zweigen etwas Bahn gebrochen.

Wir gingen am Rande eines Reisfeldes entlang und bogen um eine Ecke. Und da – wie aus der Erde gewachsen – sprangen plötzlich fünf oder sechs chinesische Kulis auf uns zu.

Ich erhielt einen Schlag vor die Stirn und ging wie ein Klotz zu Boden.

Als ich in der Kajüte unserer Yacht wieder zu mir kam, war ich ein Gefangener von Männern, die allesamt Tücher vor den Gesichtern trugen.

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