Kopmann to Bergen – 3. Kapitel
Heinrich Smith
Kopmann to Bergen
Eine Erzählung aus dem Seemannsleben
Verlag Otto Spamer, Leipzig, 1902
3. Kapitel
Ein Hänseltag des Kontors Kopmann to Bergen
»Was soll nur mit mir werden?«, sagte Anton Bünger zu sich selbst, als man ihn in das Gefängnis zurückführte. Er fragte keinen anderen danach, würde auch keine Antwort erhalten haben. Aber gegen Abend wurde es ihm von selber klar, denn der Wärter kam und sagte, er komme nun zur ersten Buße in das Kämmerlein.
Dies war die erste, wenn auch leichte Pein, welche die Neuen zu bestehen hatten. Man führte sie in eine einsame Kammer, in welche nicht der geringste Lichtstrahl drang, ließ sie auf einen Schemel niedersitzen und gab ihnen ein Stück Brot und einen Krug mit Wasser. Dort mussten sie die Nacht über zubringen. Es sollte ihnen dies als ein Bild der Abgeschiedenheit gelten, worin die Mitglieder des Kontors von der übrigen Welt lebten.
Am anderen Morgen wurde der junge Novize, welcher von den Schrecken der überstandenen Einsamkeit noch an allen Gliedern zitterte, aus seiner Haft entlassen und von dem Büttel in den Kaufmannssaal geführt, wo sämtliche Hausväter versammelt waren. Man stellte ihnen den Neuen vor und übergab ihn demjenigen, der auf seinem Hof die wenigsten Leute hatte, um dort die drei Probetage bei magerer Kost, in strenger Zucht und harter Arbeit zu verleben. Als Anton Bünger mit leichtem Zittern den Hof seines einstweiligen Herren betrat, sagte dieser höhnend zu ihm: »Gräme dich nicht zu sehr, mein Söhnchen, wenn es dir zu viel werden sollte. Sobald die drei Tage um sind, kommst du dafür ins Paradies.«
Ein junger Kaufgeselle, dem noch alle Zeremonien der Ausnahme frisch im Gedächtnis waren, sagte vor sich hin: »Lieber in die Hölle als in dieses Paradies.«
Anton Bünger hörte dies alles und bebte. Die drei Tage begannen in Tränen und Not. Aber drei Tage, wenn sie dem Unglücklichen auch noch so langsam vorüberschleichen, nehmen ein Ende, und bange aufatmend sah der Ärmste neuen Leiden entgegen.
Lauter Trommelwirbel erschallte. Dazwischen vernahm man die schrillen Töne der Querpfeife. Alles lief zusammen, denn dies war das Zeichen, dass das Kontor eine Neuigkeit zu verkünden habe. Weit auf tat sich mit dem frühesten Morgen die Pforte und heraus schritten der Tambour und der Pfeifer unter schallender Musik. Ihnen folgte ein öffentlicher Ausrufer. An jedem Platz, wo man eine Anzahl von Menschen versammelt fand, hielten sie an und, während die Musik schwieg, verkündete der Ausrufer, dass in der Faktorei Kopmann to Bergen dürfe morgen vor zwölf Uhr kein Handel getrieben werden, da das junge Volk ausgeräuchert werden müsse, damit es in den Stürmen des Lebens wohl erhalten bleibe. Dies werde hiermit kundgetan und alles Volk ernstlich verwarnt, sich bei dieser Feierlichkeit still und ordentlich zu verhalten; Zuwiderhandlungen würden bestraft.
Der Ausrufer sprach diese Worte langsam und deutlich und schritt dann unter Trommelschlag weiter. Das Volk, das bereits wusste, was diese Räucherungen zu bedeuten hatten, ging lachend oder bedauernd auseinander – je nachdem, ob es zu Mitleid fähig war oder nicht.
Am linken Ufer der Berger Waag, dort, wo die letzten Häuser der Stadt stehen, lag ein grünes Birkenwäldchen im Sonnenschein – ein stilles, anmutiges Plätzchen. Von der äußersten Laufbrücke der Kontor-Faktorei stieß ein Boot ab und steuerte auf das Wäldchen zu, das von der sinkenden Abendsonne vergoldet wurde. Das Boot wurde von zwei Knechten gerudert. Vor ihnen saß Anton Bünger auf einer Bank. Die Steuerpinne hielt der erste Büttel der Faktorei, der zugleich als Kerkermeister amtierte. Er leitete bei allen Neuaufnahmen die Zeremonien und trug dabei den Namen der Engel des Paradieses. Er war ein grober, breitschulteriger Geselle, der seine Freude daran hatte, nicht nur die Strafen zu vollstrecken, sondern die Verurteilten auch zu höhnen und ihnen das Leben durch unheimliche Drohungen schwer zu machen.
Als das Boot am Fuße des Birkenwäldchens anlegte, befahl der Büttel dem jungen Seemann auszusteigen. Sie gelangten an einen freien Platz, in dessen Mitte der Rumpf eines abgesägten Baumes stand. Darauf stellte der Büttel einen Becher Wein, legte Fisch sowie Brot daneben und sagte: »Knie nieder und iss, was ich dir aufgetischt habe! Und damit du weißt, was du zu dir nimmst: Es ist deine Henkersmahlzeit.«
Nachdem Anton Bünger dieses Mahl unter Tränen beendet hatte, erhob er sich. Der Büttel reichte ihm ein Messer und befahl ihm, von den umliegenden Bäumen eine Anzahl Reiser zu schneiden. Als er dies mit bange klopfendem Herzen getan hatte, musste er sie ins Boot tragen, woraufhin sie zur Faktorei zurückfuhren.
So beredt der Büttel auf dem Hinweg gewesen war, so schweigsam zeigte er sich nun. Die Stille glich der drückenden Schwüle vor einem Gewitter. Anton Bünger verbrachte einige Augenblicke scheinbar unbeaufsichtigt auf der Landungsbrücke. Dann jedoch führte ihn der Büttel in ein langes, dunkles Gemach, das nur spärlich von einer Kienfackel erhellt wurde. In der Mitte stand ein Block, auf dem mehrere Birkenruten lagen.
Als Anton beim Überschreiten der Schwelle zu zittern begann, sagte der Büttel lachend: »Dies ist der Vorhof des Paradieses, dessen Engel ich bin. Nun treten wir in das Paradies selbst ein. Die Ruten aber, die du vorhin selbst geschnitten hast, sind dieselben, mit denen du morgen gepeitscht wirst.«
Er ergriff die Hand des armen Anton Bünger und führte ihn an das entgegengesetzte Ende des Vorhofs. Dort befand sich eine Tür, die in den großen Schütting der Mariengemeinde führte. Der Eingang war so niedrig, dass man ihn nur stark gebückt betreten konnte. Dies sollte ein Symbol der Demut sein – der junge Nacken sollte lernen, sich vor der Macht zu beugen. Die Faktorei verlangte von all den ihren strikte Demut und blinden Gehorsam.
Am äußersten Ende des Schüttings hing ein roter Teppich, der mit den Wappen der einzelnen Höfe bemalt war. Dahinter brannte ein Licht. Der rötliche Schimmer, den der Teppich warf, fiel auf eine davor aufgestellte Holzbank, die mit kreuzweise übereinandergelegten Ruten bedeckt war.
Der Engel des Paradieses nötigte sein Opfer, sich auf diese Bank zu setzen, und sagte: »Hier ist dein Platz bis zum Tagesanbruch. Du hältst die Wache vor dem Wappenteppich des Schüttings. Halte die Augen offen und hüte dich vor dem Einschlafen! Sonst bin ich sogleich zur Stelle, um dich munter zu peitschen. Danach hast du dich zu richten!«
Der Büttel entfernte sich, und Anton Bünger trat mit tränenüberströmten Augen die grauenvolle Wache an. Er hatte reichlich Zeit, über die Qualen nachzudenken, die ihm am nächsten Tag bevorstanden. Sie erschienen ihm umso schrecklicher, je weniger er ahnen konnte, welcher Art sie sein würden; es galt als bewusste Verschärfung, diese Rituale im Dunkeln zu halten.
Als der neue Tag anbrach und der erste Schimmer erschien, traten die Tamboure auf die Wälle der Faktorei und schlugen einen mächtigen Wirbel. Dies war das Signal für Schaulustige und Müßiggänger, die nun aus der Stadt und aus der Schustergasse zusammenströmten. Deutsche und Norweger drängten sich durcheinander, was nicht selten zu schweren Zänkereien führte und die Söldner sowie Prügelmeister der Faktorei gehörig auf Trab hielt. Unter den Klängen dieses ersten Trommelwirbels betrat der Engel des Paradieses den Schütting, zog den bewachten Neuling an den Haaren von der Bank hoch und löschte die Lichter hinter dem Teppich. Die Nachtwache war damit beendet.
Das Gedränge vor den Toren nahm weiter zu. Auf den Wällen erschallte der zweite Wirbel, und als dieser verhallte, stimmte eine Glocke mit feierlichem Klang ein. Das Geläute rief sämtliche Hausmänner nebst ihren Angehörigen im großen Schütting zum Gebet zusammen. Sie traten nacheinander ein und nahmen jeweils ihren angestammten Platz ein. Der Hausmann des Lübischen Wappens las ein Kapitel aus der Heiligen Schrift und sprach das Gebet, das er mit den Worten schloss: »Dazu verhelfe uns Gott der Herr in seiner Gnade! Amen!«
»Amen!«, erwiderten die Anwesenden, bedeckten ihr Haupt, reichten sich die Hände und gingen auseinander.
Nach einer kurzen Pause erschallte der dritte Trommelwirbel, woraufhin die stetig wachsende Menschenmenge im Freien in Bewegung geriet. Nun musste es losgehen! Alle reckten die Hälse. Die Hintersten stellten sich auf die Zehenspitzen oder kletterten gar auf die Rücken ihrer Vordermänner, die sich daraufhin lautstark der unwillkommenen Last entledigten.
Die Tore öffneten sich und einige bewaffnete Söldner schritten voran, um eine Bahn durch das dichte Gewühl zu brechen.
»Achtung!«, hieß es. Zuerst erschienen die Trommler und Pfeifer, gefolgt von den Trompetern und Hornbläsern, die zusammen eine lärmende Musik anstimmten.
Hinter den Musikern folgte der Narr des Kontors. Er trug eine riesige Kappe auf dem Kopf sowie ein Pritschholz in der Hand und wurde von der lachenden Menge mit Jubel empfangen. Er schritt bald gravitätisch einher – was ihm in seiner Narrentracht ein unwiderstehlich komisches Aussehen verlieh –, bald rief er den Leuten derbe Scherze zu, während er mit dem Pritschholz nicht selten empfindliche Hiebe verteilte.
Direkt hinter dem Narren folgten die beiden jüngsten Hausmänner. Sie trugen schwarze Mäntel und Schwerter an ihren Gürteln. Man nannte sie Rechenmeister, da sie Buch und Rechnung über die entstandenen Kosten des Tages führten. Die Summe war nicht gering und wurde dem jungen Opfer zur Last gelegt: Er musste die Kosten von seinem ersten verdienten Geld auf Heller und Pfennig zurückzahlen.
Dicht hinter den beiden Rechenmeistern ging Anton Bünger mit barhäuptigem Kopf und nackten Füßen. Sein Körper war lediglich mit einem leinenen Hemd bedeckt. Zitternd vor Kälte und voller Angst vor dem Bevorstehenden schritt er voran.
Es folgten in einer langen Reihe die Kaufgesellen und Lehrlinge der Faktorei. Die Gesellen trugen Scharlachröcke und Degen, während die Lehrlinge lediglich mit einfachen Tuchjacken bekleidet waren.
Den Abschluss bildeten zwei Knechte der Faktorei, die als Bauer und Bäuerin verkleidet waren. Der Bauer trug einen langen Kuhschwanz als Zopf, an dem jeder Vorbeigehende nach Belieben zupfen durfte. Dies sollte eine Verhöhnung der Norweger sein; diese waren jedoch gedankenlos genug, ihr eigenes Ebenbild ebenfalls zu verspotten, indem sie den Bauer mit dem Zopf noch mehr drängten als die deutschen Handwerksgesellen und Lehrlinge.
Fernab im Hafen lag ein abgetakeltes Schiff – halb Wrack und zu nichts mehr zu gebrauchen. Für diesen Tag hatte man es jedoch gründlich gereinigt und reich mit Flaggen und Wimpeln geschmückt. Die Fockrahe hing vierkant in den Toppwanten und Brassen. Am Steuerbordende war ein Block angebracht, durch den ein Tau geschoren war, dessen beide Enden auf dem Deck lagen. Das eine Ende mündete in einer Schlinge, die man dem Prüfling um den Leib legen konnte, um ihn anschließend auf und nieder zu ziehen.
Auf dem Deck des Schiffes befanden sich mehrere Seeleute der Faktorei – ehemalige Matrosen, die keinen regulären Seedienst mehr leisten konnten und nun als Bootsführer, Ligger oder für ähnliche Aufgaben eingesetzt wurden. Da heute Hänseltag war, waren alle bester Laune: Sie konnten ihrer Lust frönen, einen Neuling zu necken – was manch einem besondere Freude bereitete –, und zudem gab es Festverpflegung mit Braten, Bier und Wein.
»Das Boot hat gerade abgelegt!«, meldete einer.
»Jawohl«, fügte ein zweiter hinzu. »Die Hausmänner sitzen darin und haben den Neuen in ihrer Mitte.«
»Aha!«, rief ein dritter. »Das ist also der Stockfisch!«
»Stockfisch?«, fragte der Erste. »Was bedeutet es, dass ein Mensch ein Stockfisch ist? Wer kann mir das erklären?«
Da lachten die anderen laut auf und einer rief: »Du bist selbst ein Stockfisch, wenn du das nicht weißt! Wird der Stockfisch nicht erst gesalzen, dann geklopft und schließlich geräuchert? Genau das wird dem dummen Jungen dort im Boot heute nacheinander widerfahren. Und mit dem Salzen machen wir hier an Bord einen gesegneten Anfang!«
»Das ist gut!«, meinte der Aufgeklärte. »Ich werde meinen Teil dazu beitragen.«
Unterdessen legte das Boot längsseits an und die Hausmänner stiegen mit dem armen Anton Bünger in ihrer Mitte an Deck. Der Älteste der Bootsmannschaft trat ihnen mit dem Hut in der Hand entgegen und fragte, womit er den hochedlen Herren zu Diensten sein könne. Der erste Hausmann übergab ihm Anton Bünger und sagte:
»Hier ist ein Neuer, dem sein Recht geschehen muss. Er ist noch nüchtern, daher gebührt ihm das Salz. Teilt es ihm gehörig zu und legt sogleich Hand an!«
»Komm, mein Junge!«, antwortete der Älteste der Mannschaft und nahm den zitternden Anton mit. Auf einen Wink legte man ihm die Schlinge um den Leib, die Übrigen ergriffen das Seilende und der Mann sagte: »Nun wirst du mit dem guten Wasser aus der Berger Waag gesalzen. Das geschieht zum ersten Mal, damit wir den Jungenstaub von dir abspülen!«
Auf seinen Wink zogen sie Anton bis zur Fockrahe hinauf und ließen das Tau schlagartig schießen. Er stürzte ins Meer hinab.
»Holt binnen!«, erscholl der Befehl, und Anton Bünger wurde sogleich wieder an Bord gezogen. Man stellte ihn aufrecht hin. Als er wieder zu sich kam, rief man ihm zu:
»Wohlan, zum zweiten Mal! Jetzt wirst du gewaschen, damit du als reiner und anständiger Mensch vor dem hohen Rat erscheinst!«
Ein erneuter Wink – und er wurde wieder hinaufgezogen, hinabgestürzt und an Deck geholt, genau wie beim ersten Mal. Es dauerte diesmal länger, bis er das Bewusstsein wiederlangte.
Als er wieder zu sich kam, hörte er rufen: »Und nun zuletzt auf das Wohl der Stadt Lübeck! Hurra! Hinauf mit ihm!«
Damit war die Zeremonie beendet und die dreimalige Salztaufe in der Berger Waag vollzogen.
Das Boot kehrte an Land zurück und der Festzug setzte sich erneut in Bewegung. Als er den Hof Zum Mantel erreichte, wo sich der Weinkeller der Faktorei befand, hielt er an. Sogleich erschien der Kellermeister mit seinen Gehilfen, die große Kannen voller edler Weine trugen. Die Becher wurden gefüllt und jeder erhielt seinen Teil. Nachdem sich alle gestärkt hatten, trat einer der Kellerburschen an Anton Bünger heran, der bisher tatenlos hatte zusehen müssen, und reichte ihm einen Becher. Gierig griff der Junge danach. Doch kaum berührten seine Fingerspitzen den Rand, ließ der Bursche den Becher fallen – und im selben Augenblick ergoss sich von hinten eine Welle Wasser über den bereits mehrfach Gehänselten. Dies geschah zur großen Belustigung der Hausmänner und Kaufgesellen, die sich vor Lachen die Seiten hielten. Die Herren der Faktorei in Bergen hatten wahrlich sonderbare Vorstellungen von Unterhaltung.
Vom Hof Zum Mantel zog die Gesellschaft weiter zum großen Schütting. Vom Dach des Gebäudes hingen lange Stricke herab. Man band den Gehänselten daran fest und zog ihn bis zum Gesims empor. Dort trat ein Hausmann an ihn heran und fragte mit lauter Stimme, ob er gesonnen sei, dem Kontor in Ehren und Treue zu dienen. Als der Junge, dem keine Wahl blieb, frei vom Dach baumelnd mit einem lauten »Ja!« zustimmte, entgegnete ihm der Hausmann, dass das Kontor ihn in Gnaden aufnehme. Man werde ihm an Kleidung und Nahrung das zum Nötigsten Reichende gewähren; im Gegenzug gehöre er der Faktorei mit Leib und Leben an und diese könne Tag und Nacht willkürlich über ihn verfügen. Damit er diese Grundsätze niemals vergesse, sollten sie ihm nun fest eingeprägt werden – wozu er abschließend geräuchert werden müsse.
Der Gehänselte blieb in der Höhe hängen, während man am Boden ein Feuer entfachte. Man warf altes Tauwerk, zerrissenes Segeltuch, trockenes Leder und andere übelriechende Dinge hinein, die einen unerträglichen Qualm entwickelten. Der arme Junge hing so lange in diesem dichten Rauch, bis er fast das Bewusstsein verlor. Erst dann wurde er befreit und blieb vorerst erschöpft unter dem Vordach des Schüttings liegen.
Es war nur zu verständlich, dass die Hausmänner nach solch einer Anstrengung das Bedürfnis verspürten, sich gründlich zu erholen. Das köstliche Festmahl, das sorgfältig vorbereitet worden war, begann nun im großen Schütting. Angesichts der gewaltigen Vorräte an Speisen und Weinen auf den Tischen sowie des stetigen Nachschubs aus den Küchen ließ sich auf eine ausgedehnte Feier schließen.
Im östlichen Teil des Schüttings befand sich eine besondere Tafel für den Rat der Achtzehner, an der der Hausmann des Lübischen Wappens den Vorsitz führte. Zu beiden Seiten dieser Ratstafel standen lange Tische für die übrigen Hausmänner, ihre Gesellen, die Wappner der Gewerke und die Älterleute. Als alle Platz genommen hatten, erhob sich der Hausmann des Lübischen Wappens als Vornehmster der Gesellschaft. Er sprach das Gebet, trank einen Becher auf das Wohl der Stadt Lübeck und lud die Versammlung mit dem Ruf »Gute Verrichtung, ihr Herren!« zum Essen ein.
Als sich das Mahl dem Ende neigte, wurde Anton Bünger hineingeführt. Man gestattete ihm, sich an einen eigens für ihn aufgestellten Tisch zu setzen und seinen Hunger notdürftig zu stillen. Während er dort einsam saß – voller Schmerzen über das bereits Erlittene und voller Angst vor dem, was noch kommen mochte –, traten der nordische Bauer, seine Frau und der Possenreißer der Faktorei in den Schütting. Während diese drei ihre Späße und Tollheiten zur Erheiterung der Anwesenden vorführten, brachte man den armen Anton Bünger wieder hinaus. Draußen erwartete ihn bereits der Engel des Paradieses mit einem grinsenden Lachen und deutete auf die Birkenruten. Der zu Tode erschrockene Junge kniete nieder und bedeckte sein Gesicht mit den Händen.
Der Büttel begann sein grausames Amt, während drinnen im Schütting die Trommeln wirbelten und die Trompeten schmetterten.
Dies war ein Hänseltag aus früheren Jahrhunderten im Kontor der Kaufleute zu Bergen.
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