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Die Abenteuer des Harry Dickson – Band 2 – Kapitel 6

Die Abenteuer des Harry Dickson
Band 2
Das verrufene Hotel in Kairo
Kapitel 6
Eine unerwartete Entdeckung

Tom Wills fühlte sich völlig belebt, als er die kühle Abendluft seine Schläfen streicheln spürte.

»Bei Gott«, murmelte er, »was Marah mir da erzählt hat, ist Gold wert. Ich muss es meinem Meister so schnell wie möglich mitteilen. Aber wo steckt er im Moment nur? Sollte er noch im Haus des Drogisten sein? Ich glaube, am besten wäre es, vor der Tür auf ihn zu warten.«

Gesagt, getan.

Er schlich vorsichtig an den Mauern entlang und vergewisserte sich, dass man ihn vom Hotel Zum Krokodil aus nicht sehen konnte. Unweit der Drogerie fand er einen Beobachtungsposten, von dem aus er den Eingang des Ladens im Blick hatte.

Er stand noch nicht lange Schmiere, als er sah, wie sich die Tür öffnete und Mr. Baker herausgeführt wurde – die Hände gebunden und flankiert von Polizeibeamten, die ihn auf die Wache brachten. Hinter ihm folgten Ali Pascha, zwei weitere Polizisten und schließlich Harry Dickson.

»Was zum Teufel ist denn da passiert?«, fragte sich Tom Wills verblüfft. »Ist Baker etwa der Schuldige? Oh, verdammt! Dann hätte ich doch glatt nach denjenigen gesucht, die Mr. Dudleigh in eine ganz andere Richtung haben verschwinden lassen.«

Er wartete auf den Moment, in dem er sich Harry Dickson nähern konnte, ohne gesehen zu werden. Es wäre wirklich schade gewesen, wenn er den Polizisten hätte folgen und ihre Beute auf die Wache begleiten müssen.

Zu seiner großen Freude war seine Sorge unbegründet. Als die Gruppe nahe genug an ihm vorbei war, sah er, wie sich Harry Dickson kühle Verabschiedungsworte von Ali Pascha erbat. Er sann einen Augenblick nach; während die anderen in der Dunkelheit verschwanden, wandte sich der große Detektiv wieder dem Haus von Baker zu.

Als Tom dies sah, verließ er sein Versteck und lief seinem Meister nach, während er ihn leise beim Namen rief.

Harry Dickson blieb sofort stehen.

»Ah, Tom!«, sagte er erfreut und reichte seinem jungen Mitarbeiter die Hand. »Ich bin verdammt froh, dich hier zu sehen …«

»Und ich erst!«, erwiderte Tom Wills. »Ich habe dir wichtige Enthüllungen zu machen.«

»Sag schon, was gibt’s? Ich für meinen Teil habe dir sehr interessante Dinge zu erzählen.«

»Das ist genau das, was ich vorhergesagt habe«, antwortete Tom. »Die Festnahme von Baker muss eine ganz besondere Bedeutung haben.«

»Ja. Aber das kommt später. Was hast du mir mitzuteilen?«

»Genug, um dich gehörig zu überraschen«, erwiderte Tom Wills vergnügt. »Ich werde wohl ein paar Minuten brauchen, um mit meinem Bericht fertigzuwerden.«

»Nun, dann spazieren wir ein wenig in diese Richtung«, sagte Harry Dickson. »Dort gibt es eine Palmenallee, wo wir ungestört reden können.«

Die beiden Männer hatten bald einen langen, durch weit auseinanderstehende Lampen spärlich beleuchteten Boulevard erreicht.

»Und jetzt, Tom, schieß los. Wir haben nicht viel Zeit zu verlieren, denn für diese Nacht steht uns noch ein gutes Stück Arbeit bevor.«

Sogleich kam Tom zum Thema. Er gab einen detaillierten Überblick über das, was ihm im Krokodil widerfahren war, und alles, was Marah ihm erzählt hatte.

Sein Meister hörte ihm mit gespannter Aufmerksamkeit zu.

»Die wichtigste deiner Neuigkeiten«, sagte er, als Tom seinen Bericht beendet hatte, »ist wohl die, dass Mr. Dudleigh wieder im Hotel aufgetaucht ist, nachdem er den Weg vom Basar Craigie & Sons genommen hat. Dass Mr. Hatton zu diesem Thema systematisch geschwiegen hat und dass er sich mit Marah gestritten hat, sind zwei Tatsachen, die reichlich zu denken geben. Mein Verdacht, dass Mr. Dudleigh im Hotel niedergeschlagen wurde und nicht woanders, verstärkt sich dadurch. Und dann erscheint mir dieser Abdul, der Araber, der neben dem Hotel Zum Krokodil wohnt, als eine ziemlich dubiose Gestalt. Es ist nicht unmöglich, ja sogar mehr als wahrscheinlich, dass Mr. Hatton und er unter einer Decke stecken. Aber im Moment ist die Sache so weit gediehen, dass alles darauf hindeutet, dass Mr. Baker – der der unbekannte Verwandte von Mr. Dudleigh ist, von dessen Existenz man überhaupt nichts wusste – von Mr. Felt völlig getäuscht wurde. Er hat seinen Vater getötet, um ihn zu berauben.«

»Wie bitte?«, erkundigte sich Tom mit ungläubigem Unterton.

»Leider ist es so. Wir können nichts daran ändern. Die Leiche wurde in die Leichenhalle gebracht, bevor wir den Laden verlassen hatten. Hinzukommt, dass die Leiche des Kaufmanns aus Plymouth, dessen mysteriöses Verschwinden aus dem Hotel ›Zum Krokodil‹ noch nicht geklärt war, ebenfalls im Keller von Baker gefunden wurde.«

»Das sind ja Geschichten!«, schlussfolgerte ein völlig perplexer Tom. »Dann nimmt die Sache für Mr. Baker eine böse Wendung. Jeder wird zugeben müssen, dass er ein stolzer Ganove ist.«

»Natürlich. Und trotzdem glaube ich gar nicht, dass er böse ist«, antwortete Harry Dickson. »Ich bin fest davon überzeugt, dass die beiden Männer nicht im Keller von Mr. Baker niedergeschlagen wurden.«

»Und bei dieser Vorstellung befindest du dich zweifellos im direkten Widerspruch zur Meinung von Mr. Ali Pascha, dem Polizeikommissar?«

»Das ist wahr! Ali Pascha würde seine Hand ins Feuer legen, dass er in der Person des doppelten Mörders einen ausgezeichneten Fang gemacht hat. Und die Umstände, unter denen die beiden Leichen gefunden wurden, scheinen ihm vorübergehend recht zu geben.«

»Und wie, Meister, denkst du nun zu beweisen, dass sich die Polizei auf bemerkenswerte Weise von Scheinbarkeiten täuschen ließ?«

»Indem wir zuerst wieder in Bakers Haus gehen, um den Tatort noch einmal zu untersuchen. Hast du Lust, mich zu begleiten?«

»Und ob, Meister!«, rief Tom schwungvoll aus. »Ich brenne selbst vor Begierde, die Schandkerle zu entlarven, die diese niederträchtigen Morde auf dem Gewissen haben. Seit Langem hatten wir keinen Fall mehr wie diesen zu bearbeiten. Er bietet uns die Gelegenheit zu zeigen, wozu die amerikanischen Detektive fähig sind. Ich kann es kaum erwarten, dass wir uns an die Arbeit machen.«

»Also los, Tom«, befahl Harry Dickson, erfreut über den Enthusiasmus seines Schüler. »Meiner Meinung nach wird das eine interessante, aber schwere Aufgabe, und wir werden Zeit brauchen, um sie zu Ende zu bringen.«

Während dieses Gesprächs waren die beiden Männer umgekehrt und gingen mit zügigem Schritt auf Bakers Haus zu.

Mithilfe seines Dietrichs gelang es Harry Dickson rasch, die Tür zu öffnen, und sie traten in den Laden ein.

Harry Dickson schloss die Tür sorgfältig und schaltete seine elektrische Taschenlampe ein.

Im diffusen Licht dieser Speziallampe gingen sie vom Laden ins Kontor weiter.

Dort zündete Dickson die große Lampe an, die sich auf dem Pult von Mr. Baker befand, und von dieser erhellt, begaben sie sich in das angrenzende Lager.

»Wir müssen eine Laterne finden«, sagte Harry Dickson. »Sieh dich gut um, Tom, und hilf mir suchen, denn dieses Utensil werden wir im Keller brauchen.«

Sehr schnell wurden sie fündig; mit diesem Scheinwerfer ausgestattet, durcheilten sie den engen Korridor, der vom Laden zum Keller führte.

Die Kellertür war von der Polizei ebenfalls verschlossen worden, aber mithilfe seines ausgeklügelten Instruments, dem kein Schloss standhalten konnte, gelang es Harry Dickson innerhalb weniger Augenblicke, sie aus den Angeln zu heben.

Behutsam stiegen die Männer die glitschigen Stufen hinab, die zu den unterirdischen Gewölben führten.

Tom Wills fröstelte. Das Rauschen des unsichtbaren Wassers hatte ihn erschreckt.

»Es ist ein Arm des Kanals aus dem Garten von Esbekieh, der sich unter dem Keller erstreckt«, erklärte Harry Dickson; und während er die Laterne weit über seinen Kopf hielt, ging er direkt auf die Falltür zu, die sich wie eine schwarze Masse auf den Fliesen abzeichnete.

Er hängte die Laterne an einen Eisenhaken im Gewölbe, der über der Falltür schwebte, und kniete sich ganz nah an der Abdeckung nieder.

»Die Leichen wurden durch diese Falltür ins Wasser geworfen«, sagte er zu Tom. »Mit äußerster Vorsicht ist es uns gelungen, sie durch diese Öffnung aus dem Abgrund zu bergen. Die Leichen waren auf schreckliche Weise entstellt. Die Schädel waren eingeschlagen. Der Anblick war so düster, dass ich in meiner Karriere selten etwas Vergleichbares gesehen habe.«

Tom Wills kniete seinerseits neben seinem Chef nieder.

»Ich sehe eine Leiter, die ins Wasser hinabreicht«, sagte er.

»Sie ist unbedeutend«, antwortete Harry Dickson. »Außer dass sie uns bei der Entdeckung der Leiche von Mr. Dudleigh geholfen hat, der sich darin verfangen hatte. Schenke ihr keine weitere Aufmerksamkeit, sondern hilf mir, die Fußspuren auf dem Boden zu identifizieren. Um die Falltür herum haben wir es mit denen der Polizisten zu tun, aber vielleicht gelingt es uns, andere zu finden. Nehmen wir das Loch als Ausgangspunkt und untersuchen wir jeden Quadratzentimeter des Bodens.«

Die beiden Männer machten sich an die Arbeit. Auf einer Seite des Kellers war der Boden mit Fliesen gepflastert, auf denen keine Spur zu sehen war. Eine gleichmäßige Staubschicht bedeckte sie.

Langsam kamen sie voran und untersuchten nicht nur den Keller, sondern auch die Stapel von Kisten und Fässern, um zu sehen, ob die dicke Staubschicht, die sich überall ausbreitete, irgendwo irgendeinen Hinweis aufwies.

Es gelang ihnen nicht, irgendetwas Verdächtiges zu finden.

Nachdem sie so gesucht hatten, kamen sie schließlich vor eine zweite Tür, die den Eingang zu einem zweiten Keller versperrte.

Diese Tür stand einen Spalt breit offen.

Auf ein Zeichen von Dickson ging Tom Wills die Laterne holen und leuchtete in den Hohlraum.

Plötzlich stieß der geniale Detektiv einen leisen Überraschungsschrei aus.

»Sieh mal hier, Tom. Siehst du da nicht auf dem Boden den Abdruck von Schuhen?«

»Sehr deutlich«, antwortete Tom.

»Und von was für Schuhen handelt es sich? Sind das Abdrücke von europäischen Schuhen?«

»Nein, Meister, keineswegs. Es muss sich um Sandalen oder Babuschen handeln, wie sie die Einheimischen tragen«, antwortete Tom aufgeregt.

»Erraten«, lobte Harry Dickson, erfreut über die Antwort seines Schülers.

»Weißt du was? Wir werden die Konturen dieser Fußabdrücke aufnehmen, indem wir sie aus Papier ausschneiden. Das Modell wird uns später noch nützlich sein.«

Tom Wills holte eine Zeitung aus seiner Rocktasche, sodass sie ihren Plan sofort in die Tat umsetzen konnten.

Nachdem die Vorlagen genommen waren, falteten sie sie sorgfältig zusammen, steckten sie in Harry Dicksons Brieftasche und setzten die Untersuchung des Bodens fort.

Wenig später entdeckten sie einen zweiten Fußabdruck, der parallel zum ersten verlief.

»Die beiden Individuen, deren Spuren wir hier im Staub sehen, sind zusammen in die vorderen Keller gegangen«, sagte Dickson. »Folgen wir der Spur bis zum Ende.«

Sie näherten sich dem Licht auf dem Boden und ließen sich so von den Abdrücken leiten, die sie immer weiter in den Keller führten. Schließlich gelangten sie vor eine Seitenwand, wo alle Spuren in einer Ecke aufhörten.

Keine Tür war zu sehen.

Es war ein Rätsel zu wissen, wie die Männer, denen diese Spuren gehörten, in den Keller von Baker hatten eindringen können.

»Hier muss sich ein Durchgang befinden«, urteilte Harry Dickson. »Die Übeltäter, die hier vorbeigekommen sind, sind keine Gespenster, die, wie manche behaupten, durch die dicksten Mauern gehen können. Ah, ich glaube, ich habe den Schlüssel zu ihrem mysteriösen Eingang! Hinter diesem Haufen von Körben, Kiepen und Fässern, die so fein aufgeschichtet sind, werden wir zweifellos eine Öffnung finden, die Zugang zu diesen Kellern, zu dem des Nachbarhauses bietet. Vergewissern wir uns, ob ich richtig liege.«

Der Detektiv und sein Mitarbeiter machten sich sofort daran, in möglichst kurzer Zeit die Barrikade in der Kellerecke abzutragen. Ihre Bemühungen wurden rasch vom Erfolg gekrönt, als die Wand freigelegt wurde. Ein großes Loch, das mit massiven Steinen verstopft war, zeigte sich ihren misstrauischen Blicken.

»Die Ganoven hatten keine leichte Aufgabe«, sagte Harry Dickson. »Nachdem sie die Leiche von Mr. Dudleigh aus dem Nachbarkeller in den Keller von Mr. Baker geschafft und durch die Falltür ins Wasser geworfen hatten, sind sie auf demselben Weg zurückgekehrt. Der Letztere hat diesen Krimskrams schnell wieder vor die Öffnung gestapelt, bevor er das Loch zustopfte. Er glaubte wohl, klug gehandelt zu haben, aber die Nägel, die sich in dieser Kiste befinden, haben ihn verraten.«

Während er so sprach, zeigte der Detektiv auf ein kleines Stück weiße Wolle, das an einem der Nägel hing. Tom Wills nahm es in die Hand.

»Das sieht seltsamerweise wie der Stoff eines Burnus aus«, sagte er nachdenklich.

»Ganz sicher«, fügte Harry Dickson hinzu, während er seinerseits das Stoffstück untersuchte, das er anschließend in seine Tasche steckte. »Hast du nicht gesagt, dass der Spion, der mehr über dein Gespräch mit Marah erfahren wollte, ebenfalls einen weißen Burnus trug?«

»Tatsächlich, Meister, und ich bin der Meinung, dass das Geheimnis beginnt, sich aufzuklären. Ich habe jetzt die intime Überzeugung, dass Baker nicht schuldig ist.«

Harry Dickson reagierte nicht auf diesen Satz seines Gehilfen. Gefolgt von Tom Wills kletterte er durch das Loch, nachdem er den Schutt entfernt hatte, der ihm als Hindernis diente.

In dem neuen Keller angekommen, hielten sie die Laterne wieder dicht an den Boden und folgten so den Spuren, die sich sehr schnell verloren.

Der Boden war asphaltiert und nur mit einer so dünnen Staubschicht bedeckt, dass sie kaum noch einen Abdruck unterscheiden konnten.

Behände durcheilten sie den eng begrenzten Raum dieses Kellers. Eine weitere Mauer erhob sich vor ihnen und bildete eine Barriere zwischen ihnen und dem Haus von Mr. Hatton.

Harry Dickson hob die Laterne über seinen Kopf und ließ das Licht auf die glänzenden, feuchten Backsteine fallen.

»Ich bin sicher, Tom, dass die Ganoven die Mauer zweimal durchbrochen haben, um mit ihrer schrecklichen Fracht in den Keller von Mr. Baker zu gelangen. Wenn es hier keine Öffnung gibt, muss es ein anderes Verbindungsmittel zwischen diesen Kellern und dem Hotel geben; sonst wären die Morde hier begangen worden.«

Sie untersuchten die Mauer auf ihrer gesamten Länge erneut. Vergebens. Sie konnten nichts Verdächtiges entdecken, nichts, was auf die Existenz einer Geheimtür hindeutete.

»Auf jeden Fall sind wir auf dem richtigen Weg«, schloss Harry Dickson, als er aufhörte, die Wand zu untersuchen. »Da wir unser Ziel hier nicht erreichen können, gehen wir in ein anderes Stockwerk. Steigen wir in das darüber liegende Haus auf. Hast du deinen Revolver bei dir, Tom?«

Der Gehilfe vergewisserte sich, dass seine Waffe gut saß.

»Ja, Meister, ich habe meinen Revolver und meinen Dolch dabei. Was mich betrifft, schlagen wir zu. Ich werde ihnen das Handwerk legen.«

»Gehen wir also«, sagte Harry Dickson und bewegte sich leise ins Innere des Hauses. Dann setzte er seine Nachforschungen fort.

»Das ist es, was ich vorhergesehen hatte«, sagte er, als er die Laterne auf die schmutzige Treppe stellte; »hier sind wieder die Spuren der beiden Mörder.«

»Tatsächlich«, stellte Tom fest. »Es gibt keinen Zweifel daran, dass sie hier vorbeigekommen sind.«

Harry Dickson schwieg und lauschte. Mit einer raschen Bewegung löschte er das Licht und legte die Hand auf Toms Mund, um ihm zu bedeuten, nichts zu sagen. Ein Geräusch von oben hatte sein Gehör getroffen. Es war, als ob eine Tür geöffnet und wieder geschlossen worden wäre.

Beide erhielten einen Schock mitten ins Herz.

Es schien ihnen, als erkannten sie die Stimme desjenigen, der sprach. Unmittelbar darauf hörten sie Schritte, als ob zwei Männer eine wurmstichige Treppe hinaufstiegen. Dann wurde wieder alles ganz still.

Einige Augenblicke lang blieben Harry Dickson und Tom Wills völlig regungslos stehen und hielten das strengste Stillschweigen ein. Schließlich murmelte der Detektiv fast unhörbar: »Hatton ist hier!«

 

»Das ist es, was mir auch zu sein scheint«, antwortete Tom Wills mit vor Emotion zitternder Stimme.

»Und der Mann, an den er das Wort richtete, ist wahrscheinlich Abdul, sein Vertrauter, der im Haus neben dem Hotel Zum Krokodil wohnt. Die beiden Schurken, deren Spuren wir im Keller aufgenommen haben, befinden sich also zusammen. Steigen wir vorsichtig hinauf und versuchen wir zu hören, was sie sich in ihrem nächtlichen Gespräch Wichtiges zu sagen haben.«

Mithilfe seines geschickt konstruierten Dietrichs öffnete Harry Dickson die Tür, die ihnen den Weg versperrte. Sie stiegen ins Erdgeschoss hinauf, wo die vollkommene Dunkelheit herrschte.

Harry Dickson, der seine Taschenlampe vorübergehend nicht wieder anzünden wollte, reichte sie Tom und betätigte seine Taschenlampe. Der dünne Strahl genügte vollkommen, um sich in dem unbekannten Haus zu orientieren.

Sehr bald fanden sie die Treppe, die in den ersten Stock führte.

Sehr langsam stiegen sie die Stufen der alten, abgenutzten Treppe hinauf, wobei sie einen Fuß nach dem anderen mit unendlicher Vorsicht aufsetzten.

Den Revolver in der Hand erreichten sie so den ersten Stock. Sie versteckten sich rasch hinter einem schweren Schrank nahe der Treppe und kauerten sich gegen die Wand, ohne sich zu rühren, aber unter Einsatz all ihrer auditiven Fähigkeiten.

Kein Seufzer drang an ihre Ohren. Es war, als ob das ganze Haus absolut unbewohnt wäre.

Dann verließen sie ihr Versteck. Harry Dickson ließ seine elektrische Lampe wieder brennen und unterschied drei Türen im Schatten. Mit den Vorsichtsmaßnahmen eines vollendeten Technikers drückte Tom Wills die Klinke der am nächsten gelegenen Tür herunter.

Sie war verschlossen.

Sie wiederholten das Manöver bei den anderen Türen, aber das Ergebnis war dasselbe.

Der erste Stock schien unbewohnt zu sein.

Die beiden Männer, die sie gehört hatten, waren ohne Zweifel in den zweiten Stock gegangen.

Harry Dickson und Tom Wills besprachen sich kurz und beschlossen, ihnen nach oben zu folgen.

Die zweite Treppe war noch baufälliger als die erste, aber es gelang ihnen aufzusteigen, ohne gehört zu werden. Ängstlich durch das Warten, erhellte Harry Dickson die Umgebung und sie konnten feststellen, dass eine Tür zur Rechten nicht ganz geschlossen war.

Wahrscheinlich hatten die beiden Kumpane sie nicht fest genug zugemacht.

Die Detektive konnten dem Drang nicht widerstehen, einen Blick durch den Spalt zu werfen.

Harry Dickson, gefolgt von Tom Wills, schlich sich behutsam an den Spalt heran.

Er war noch nicht angekommen, als etwas geschah, an das keiner von ihnen gedacht hatte. Zu seinem großen Schrecken spürte Tom Wills, wie seine Kehle wie in einem Schraubstock zugeschnürt wurde.

Sein Röcheln ließ Harry Dickson sich umdrehen, der kaum einen Schreckensschrei unterdrücken konnte.

Im Licht der elektrischen Lampe, die er auf Schulterhöhe hielt, unterschied er eine scheußliche Gestalt, die sich hinter Tom hielt und ihm verzweifelt den Hals zuschnürte.

Es war ein schlanker, magerer Mann; er war halb nackt und trug als einziges Kostüm ein Stück roten Stoff, das um seine Lenden geknotet war. Ein Fetzen weißen Stoffs, stark befleckt, bedeckte seinen Kopf mit schwarzer, langer und klebriger Mähne.

Ein dämonisches Lächeln entstellte sein braunes, bestialisches Gesicht.

Der Irre – denn er wies alle Merkmale auf – trug um den Hals eine Kette, die unter einer langen Büschelbarbe hervortrat und ihm bis zur Mitte des Oberkörpers hing. An dieser Kette waren mehrere Gegenstände aus weißem Eisen befestigt, die bei jeder Bewegung der widerwärtigen Gestalt ein leises Geräusch erzeugten.

Es war ein Wesen, das selbst den Mutigsten Angst einjagen und sie alle Fassung verlieren lassen konnte.

Harry Dickson fasste sich jedoch schnell wieder. Nachdem er die Lampe rasch in seiner Tasche verschwinden lassen hatte, sprang er gewandt auf den Irren zu, gepackt ihn an der Kehle und drückte so fest zu, dass der Mann seinen Griff lockern musste und im nächsten Augenblick röchelnd in die Arme des Detektivs sank.

»Schnell, fesseln wir ihn sofort«, murmelte dieser Tom Wills ins Ohr. »Fass dich wieder, mein Junge«, fügte er hinzu, »unsere Zeit ist kostbar.«

Halb erstickt, wie er war, und nach Luft schnappend, konnte Tom Wills seine Sinne kaum wiedererlangen, und Harry Dickson wurde klar, dass er nicht allzu sehr auf seine unmittelbare Hilfe zählen konnte.

Aus diesem Grund hielt er den Geistesgestörten mit einer Hand an der Kehle und steckte mit der anderen ein Taschentuch in den Mund des Unglücklichen, der bereits halb gelähmt war.

Als Tom Wills wieder völlig zu sich gekommen war, lieh er ihm die nötige Hilfe, um Hassan unschädlich zu machen; denn es gab keinen Zweifel, dass sie es mit diesem Bruder von Abdul zu tun hatten, auf den Marah angespielt hatte.

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