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Secret Service Band 4 – Kapitel 9

Francis Worcester Doughty
Secret Service No. 4
Old and Young King Brady Detectives
Der geniale Bluff der Bradys
Oder: Ihre Verfolgungsjagd zur Rettung einer Erbin
Eine interessante Detektivgeschichte aus dem Jahr 1899, niedergeschrieben von einem New Yorker Detective

Kapitel 9
In der Black Alley

»Es ist fast ein Jahr her«, sagte er, während er das Notizbuch zeigte, »dass ich auf einen Seemann stieß, der bei einer Schlägerei am Chatham Square niedergestochen worden war. Der Name dieses Seemanns war Holden, und er war Engländer. Er erzählte mir von seinen Erfahrungen mit diesen drei Burschen. Er war in eine Opiumhöhle in einer kleinen Gasse gelockt worden, die als Black Lane bekannt ist und nicht weit von der Chatham Street entfernt liegt. Der Durchgang war nicht länger als zweihundert Fuß. Verschiebbare Gehwegplatten ermöglichen es den Gästen des Etablissements, in eine Reihe unterirdischer Zellen zu gelangen. Wenn sie erst einmal dort sind und Geld oder Wertsachen bei sich tragen, kommen sie nie wieder heraus – zumindest nicht lebendig. Holden erzählte mir von diesem Ort. Er beschrieb die drei Burschen, und auf seinem Sterbebett im Krankenhaus gab er mir diese Skizze, mit der ich den Durchgang finden und die Höhle ausfindig machen könnte. Ich habe mehrere erfolglose Versuche unternommen, sie zu finden. Andere Fälle haben meine Aufmerksamkeit seither so sehr in Anspruch genommen, dass ich die Angelegenheit nicht weiter verfolgen konnte. Aber jetzt bietet sich mir die Gelegenheitschance.«

Old King Brady und Harry Brady studierten die Skizze aufmerksam.

Der junge Detektiv sagte zuversichtlich: »Ich glaube, ich kann diesen Ort ausfindig machen.«

»Wie bitte?«, rief Old King Brady aus.

»Ich habe einmal einen Ganoven bis genau an einen solchen Ort verfolgt. Man wird von den ersten beiden Stockwerken eines unbewohnten Hauses getäuscht. Ich glaube, ich bin damals über einen Keller oder Unterkeller hineingelangt. Ganz in der Nähe befindet sich ein Pfandleihhaus.«

»Das liefert zumindest eine Spur!«, stellte der alte Detektiv fest. »Wir werden dein Gedächtnis auf die Probe stellen, Harry.«

»Alles klar.«

Die beiden Bradys stiegen in eine stadteinwärts fahrende Straßenbahn der Third Avenue.

Schon bald ratterten sie durch die Bowery. Zur rechten Zeit erreichten sie den Chatham Square. Hier stiegen sie aus und machten sich an die Arbeit. Eine wogende Menschenmenge drängte sich auf dieser Hauptverkehrsstraße. Young King Brady ging voran durch eine düstere Straße nach der anderen. Dieser Teil von New York gehört zu den ältesten, und es gibt dort Seitenstraßen und Gassen, von denen jene feinere Gesellschaftsklasse, die sich zum Elendstourismus hinablässt, nicht einmal zu träumen wagt. Detektive, Armenpfleger und Ordensschwestern finden manchmal ihren Weg in diese Labyrinthe aus Elend, Verkommenheit und Sünde.

Die beiden Bradys irrten stundenlos durch dieses Viertel.

Es war fast Mitternacht, als Young King Brady plötzlich den Arm des alten Detektivs ergriff.

»Ich glaube, ich erkenne diese Ecke wieder«, sagte er. »Das ist der Ort!«

Der junge Detektiv zeigte auf eine hohe Backsteinmauer, die wie die bloße Seitenwand eines Gebäudes aussah, das zu einer anderen Straße zeigte.

Old King Brady blickte ratlos.

»Ich sehe keinen Durchgang«, sagte er.

»Er liegt hinter dieser Mauer.«

»Hinter der Mauer?«

»Ja.«

»Ich sehe nur die Seitenwand eines Gebäudes.«

Young King Brady lachte.

»Ich sollte es wohl erklären«, sagte er. »Was wie die Seite dieses zweistöckigen Gebäudes aussieht, ist in Wirklichkeit eine Mauer. Oder besser gesagt: Dieses Gebäude hat zwei Mauern, eine als eigentliche des Gebäudes und eine davon unabhängige Außenmauer.«

»Rede nicht in Rätseln, Harry. Ich verstehe dich nicht.«

»Siehst du – ja, dort drüben ist das Pfandleihhaus. Das ist die Stelle, die ich einst auf der Jagd nach einem Ganoven besucht habe.«

»Was befindet sich hinter dieser Mauer?«

»Ein Durchgang.«

»Hm!«

»Ich habe die Sache damals untersucht, um meine Neugier zu befriedigen. Ein gewisser Bauherr kaufte dieses Eckgrundstück für ein Gebäude. Nachdem er die Mauern des Gebäudes errichtet hatte, stellte sich heraus, dass seine Urkunde nur fünfzig Fuß Frontlänge nach Westen vorsah. Nun hatte er aber vierundfünfzig Fuß Front erbaut. Der zusätzliche, vier Fuß breite Streifen, den er entdeckt hatte, war in Rechtsstreitigkeiten verwickelt, die hundert Jahre zurückreichten, und ein Vorkauf hätte seinen eigenen Titel gefährdet. Nun, er schlug vor, seine Mauer zurückzuversetzen, aber ich glaube, ein uraltes Gesetz wurde ausgegraben, das die Verwirkung als Strafe für eine Bauüberschreitung auf fremdem Grund und Boden vorsieht. Die Treuhänder dieses kleinen, vier Fuß breiten Landstreifens zwangen ihn, seine Mauer an Front und Seite aufzugeben, und er war gezwungen, vier Fuß innerhalb der äußeren eine neue Mauer zu errichten. Es ist eine seltsam komplizierte Angelegenheit, die vor Gericht erneut aufgerollt werden könnte. Aber Tatsache bleibt: Dieser merkwürdige Durchgang, der nur wenigen bekannt und vollkommen eingemauert ist, existiert bis heute. Er gibt ein gutes Versteck für Ganoven und Diebe ab und dient seit Jahren als geheime Höhle. Ich wette, es ist genau der Ort, in den dein Seemann Holden gelockt wurde.«

»Ganz genau!«, rief Old King Brady. »Aber wie kommt man hinein?«

»Ich bin durch einen Unterkeller hineingelangt. Es gibt dort tatsächlich unterirdische Räume, die miteinander verbunden sind und von denen niemand weiß, wo sie enden.«

»Genau der richtige Ort für die Drei Flöhe.«

»Exakt.«

»Nun«, sagte Old King Brady scharfsinnig, »wir haben Glück, davon zu wissen. Hier werden wir unsere Vögel genauso wahrscheinlich aufspüren wie an jedem anderen Ort in New York.«

»Sicher!«

Gemächlich überquerten die beiden Detektive die Straße. An der falschen Mauer des zweistöckigen Gebäudes entlang gingen sie weiter. Wenn man das Gebäude von vorn betrachtete, war leicht zu erkennen, wie die geheime Nische tatsächlich existieren konnte.

Doch Young King Brady konnte keine Spur mehr von dem Unterkeller oder Keller finden, durch den er damals eingedrungen war.

Es schien, als sei er mit Steinplatten verschlossen worden. Wie man einen Zugang zu der geheimen Höhle namens Black Alley erhalten sollte – so genannt wegen ihrer ewigen Düsterkeit –, war ein Rätsel.

Doch da erinnerte sich Old King Brady plötzlich an die Aussage des Seemanns Holden auf dem Sterbebett. Er hatte von einer losen Gehwegplatte auf dem Bürgersteig gesprochen. Sogleich begannen die Detektive, vorsichtig nach dieser zu suchen. Sie setzten die Suche jedoch nur in jenen Momenten fort, in denen die Straße frei von Passanten war. Da es sich um eine Seitenstraße handelte, waren die Passanten um diese späte Stunde nahe Mitternacht rar gesät.

Nach langer Suche waren die Detektive nahe daran, das Unterfangen aufzugeben, als Old King Brady sich plötzlich mit einem Ausruf bückte.

Er legte seinen Finger unter die Kante einer Gehwegplatte, die teilweise unter der Mauer lag. Das Licht war schwach, aber ihm fiel auf, dass sich in der Mauer über der Steinplatte ein Spalt befand.

Er versuchte, den Stein anzuheben. Aber das gelang ihm nicht. Er gab nicht nach.

»Zwecklos!«, sagte Young King Brady. »Das habe ich schon versucht. Das kann nicht die Richtige sein.«

Der alte Detektiv zog seine Blendlaterne aus der Tasche. Er richtete ihren Strahl an den Sockel der Mauer entlang. Er sah, dass Zement und Füllmaterial alle Öffnungen zwischen den anderen Platten und der Mauer verschlossen. Aber über dieser einen Gehwegplatte war ein deutlich sichtbarer Freiraum von einem halben Zoll Breite.

Der alte Detektiv betrachtete diese Besonderheit einen Moment lang. Dann sagte er: »Ich hab’s!«

»Was?«, rief Young King Brady interessiert.

»Sieh her!«

Der alte Detektiv schob seine Finger unter die Platte und drückte sie zurück, als gleite sie auf einer geschmierten Schiene unter die Mauer. Sie glitt bereitwillig zurück.

Und unter der Platte befand sich eine Öffnung, die groß genug war, um einen Menschen durchzulassen.

Es war eine brunnenartige Öffnung, die in der Dunkelheit gefährlich genug aussah. Doch Old King Brady richtete die Strahlen seiner Laterne hinein. Er sah Stufen, die nach unten in etwas führten, das wie ein Unterkeller unter dem Bürgersteig aussah. Die Grenzen dieses Unterkellers waren nicht zu erkennen. Aber es war genug in Erfahrung gebracht worden.

Die beiden Detektive blickten sich vorsichtig um, um sicherzugehen, dass sie nicht gesehen wurden. Niemand war zu erblicken.

Hinab in den Unterkeller stieg der alte Detektiv. Young King Brady folgte ihm.

Die Blendlaterne des Detektivs wies den Weg. Sie traten in eine quadratische Ausgrabung unter dem Bürgersteig ein und folgten dann einem schmalen Durchgang einige Fuß weit in einen Teil dessen, was wohl der Hauptkeller des Gebäudes bei seiner Errichtung gewesen sein musste.

Dies für sich genommen war ein langer, schmaler unterirdischer Raum. Er enthielt nichts, was auf eine kürzliche Benutzung hingewiesen hätte.

Die Detektive durchsuchten ihn sorgfältig. Es schien nur einen einzigen weiteren Ausgang zu geben, und der befand sich am anderen Ende.

Steinstufen führten nach oben. Die Detektive stiegen sie hinauf. Ein flacher Stein wurde beiseitegeschoben, und schließlich gelangten sie in die Black Alley.

Doch als sie das taten, geschah etwas Erschreckendes.

Ein rascher Schlag aus der Dunkelheit schleuderte Old King Bradys Laterne fort. Sie rollte ans andere Ende der Gasse, leuchtete aber weiter und warf ihre starken Strahlen durch die gesamte Länge des Raumes. Schattenhafte Gestalten waren zu sehen, und gedämpfte Flüche erfüllten die Luft.

In diesem Augenblick wurde den beiden Bradys klar, dass sie ein wenig leichtsinnig gewesen waren, als sie sich in eine solche Todesfalle gewagt hatten. Aber nun, da sie einmal darin steckten, gab es keinen anderen Weg, als zu kämpfen – und zwar um ihr Leben. Denn sie standen Mördern gegenüber, und es hing allein von ihrer Tapferkeit ab, ob sie lebend entkamen oder nicht.

»Ruhig, Harry!«, sagte Old King Brady. »Halt sie dir vom Leib, wenn du kannst!«

»Alles klar!«, stimmte der junge Detektiv zu. »Die kriegen uns nicht so leicht!«

Young King Brady hatte seinen Revolver gezogen und eröffnete nun das Feuer. Natürlich war er gezwungen, aufs Geratewohl zu schießen. Doch Geheul und Flüche folgten. Knüppel und schwere Gegenstände flogen um die Köpfe der Detektive.

Es war jedoch der Revolver, der dem Treiben ein Ende setzte und das Leben der beiden Bradys rettete.

Plötzlich ertönten entfernte Schritte, und dann wurde alles ruhig.

Die Detektive warteten auf einen erneuten Angriff. Er blieb aus.

Alles war still, wo noch wenige Augenblicke zuvor Aufruhr, Lärm und ein wilder Kampf geherrscht hatten.

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