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Der Welt-Detektiv – Band 14 – 2. Kapitel

Der Welt-Detektiv Nr. 14
Opir, das Gespenst der Nacht
Verlagshaus für Volksliteratur und Kunst GmbH Berlin
2. Kapitel
Das Gespenst der Nacht

»Du bist also überzeugt, dass dieser Opir der alleinige Führer der Banden ist?«, fragte Sherlock Holmes.

Harry nickte. »Er allein hält die Desperados zusammen. Er muss ein Mann sein, der über eine ungewöhnlich starke Willenskraft verfügt. Man erzählt sich, dass er Mitglieder seiner Banden, ohne mit der Wimper zu zucken, niederknallt, wenn sie sich gegen ihn aufzulehnen wagen.«

»Ein liebenswerter Herr«, betonte der Weltdetektiv.

»Eine Kanaille!«, rief Harry und schlug mit der Faust auf den Tisch. »Man hat ihm in Arizona hundert Beinamen gegeben, die ihn teils als blutgierigen Halunken, teils als tollkühnen Banditen kennzeichnen, denn leider gibt es noch zahllose verblendete Menschen, die in den Verbrechen des Halunken Heldentaten sehen. Am häufigsten aber wird er das Gespenst der Nacht genannt, weil er meistens die Nacht zu seinen Bubenstücken benutzt und plötzlich und unerwartet wie ein Gespenst auf der Bildfläche erscheint.«

»Er hält sich tagsüber verborgen?«

»Nicht immer. Wenn ihm die Verhältnisse gerade passend erscheinen, scheut er auch den Tag nicht, wie sich der Kerl überhaupt vor nichts zu fürchten scheint. Am 7. Februar fuhren elf Personen, acht Herren und drei Damen, mit der Post von San Antonio nach Austin. Es war herrlich schönes Wetter, und die Reisenden, unter denen sich auch ein hoher Würdenträger der Kirche, der Bischof Gregg, und Mr. Breckenridge, Präsident einer Bank, befanden, unterhielten sich lebhaft und waren in der heitersten Stimmung.

Plötzlich bemerkte der Kutscher einige Reiter auf der Straße, die ihm nicht ganz geheuer vorkamen. Ehe er jedoch irgendetwas unternehmen konnte, waren die Reiter schon herangekommen. Sie trugen sämtlich Halbmasken.

Nun gab es keinen Zweifel mehr darüber, wen man vor sich hatte! Opir war es mit einigen seiner Leute! In demselben Augenblick, als er mit vorgehaltenem Revolver die Post anhielt, sprang ein beherzter Passagier aus dem Wagen, zog auch seinerseits eine Schusswaffe und schlug sie auf den Bandenführer ein. Aber er kam nicht zum Schuss, weil Opir seinem Pferd die Sporen gab und den Mann in derselben Sekunde niederritt. Ehe sich der Unglückliche wieder erheben konnte, stand der Bandit schon neben ihm und versetzte ihm einen furchtbaren Faustschlag, dass er besinnungslos wieder niedersank.

Natürlich wagte keiner der anderen an Widerstand zu denken. Daraufhin ging es an die Plünderung der Postsäcke. Dann wandte sich Opir an die Damen und forderte ihre Handtaschen. Als eine der Damen ihm mit zitternder Hand ihre Tasche auslieferte, entspann sich folgendes Zwiegespräch:

Der Bandit: ›Wie viel ist darin?‹

Die Dame: ›Ungefähr dreißig Dollar.‹

Der Bandit: ›Wo gehen Sie hin?‹

Die Dame: ›Nach Dallas.‹

Der Bandit: ›Dann behalten Sie Ihr Geld, Sie haben noch eine weite Reise vor und werden es gebrauchen können!‹ Und zu den anderen Damen gewendet: ›Behalten Sie Ihre Plätze, meine Damen. Sie sollen nicht beunruhigt werden!‹

Natürlich verfehlte dieser Trick seine Wirkung nicht. Mr. Breckenridge hat mir selbst erzählt, mit welcher Bewunderung ob solcher Galanterie die Damen den Räuber angeblickt hätten. Keine dieser Damen wird natürlich versäumen, die Großmut und Ritterlichkeit dieses Landstreichers zu preisen. Und so kommt es denn, dass es tatsächlich Leute gibt, die Opir die Stange halten, die ihn für einen großen, edlen Briganten halten und im Geheimen hoffen, dass es der Polizei nie gelingen möge, diesen fabelhaften Menschen zu erwischen.«

Sherlock Holmes nickte.

»Du selbst hast noch keinen Zusammenstoß mit ihm gehabt?«, fragte er nach einer Weile.

»Nein. Nur einen Drohbrief habe ich einmal von ihm bekommen, leider ist er mir verloren gegangen! Opir teilte mir darin mit, dass er mich wie ein Sieb durchlöchern würde, wenn ich ihm unter die Finger käme. Diese Drohung bewies mir, dass er also schon wieder einmal über meine Mission unterrichtet war. Er muss fabelhafte Spione besitzen, der Bursche, denn der Drohbrief erreichte mich, obwohl ich mein Aussehen gehörig verändert und mir außerdem einen anderen Namen zugelegt hatte!«

»Es wird nach alledem, was ich erfahren habe, keine Kleinigkeit sein, des Mannes habhaft zu werden«, sagte Sherlock Holmes, »aber immerhin wollen wir unser Glück versuchen. Die harten Nüsse sind nun einmal dazu da, geknackt zu werden. So, und nun hört einmal gut zu, Jungs, ich habe mir einen Plan ausgedacht, der vielleicht nicht übel ist.«

»Sie wollen mir also wirklich helfen, Mr. Holmes?«, rief Harry erfreut.

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