Lanterns – Wenn Kleinstadt-Krimi auf kosmische Superhelden trifft
Lanterns – Wenn Kleinstadt-Krimi auf kosmische Superhelden trifft
Mit der ersten Episode von Lanterns, ausgestrahlt am 17.08.2026 auf HBO Max, schlägt das runderneuerte DC-Universe unter James Gunn einen Ton an, den man von Helden in Spandex-Anzügen bisher kaum kannte. Die Showrunner Chris Mundy (Ozark), Damon Lindelof (Watchmen) und Tom King verfrachten das galaktische Erbe der Green Lanterns geradewegs in die eisige Provinz von Nebraska. Das Ergebnis ist kein buntes CGI-Spektakel, sondern ein geerdeter Mystery-Thriller, der atmosphärisch stark an Formate wie True Detective erinnert.
Ein Puzzle aus drei Jahrzehnten
Erzählerisch macht es sich die Pilotepisode nicht leicht. Statt linear abzulaufen, springt die Handlung elegant zwischen drei Zeitebenen hin und her, um das zentrale Mysterium und die komplexe Beziehung der Hauptfiguren aufzubauen.
Den emotionalen Anker bildet das Jahr 1996. Ein junger John Stewart sitzt gebannt vor dem Fernseher und verfolgt, wie Hal Jordan sich in einem Interview als Green Lantern offenbart. Es ist der Moment, der Johns Faszination für das Heldentum weckt. Doch seine wahre Prägung erhält er durch seinen Vater, einen knallharten Marine. In einer Szene, die sich ins Gedächtnis brennt, schießt dieser seinem Sohn zur Abhärtung einen Apfel vom Kopf. Eine extreme Lektion in Furchtlosigkeit, die den stoischen und disziplinierten Charakter des späteren Helden perfekt erklärt.
Zwei Jahrzehnte später, im Jahr 2016, treffen die beiden Welten aufeinander. Ein spürbar desillusionierter Hal Jordan trainiert den erwachsenen John Stewart. Dass Jordans Lehrmethoden eher unkonventionell sind, zeigt sich, als er aus einem auf eine Klippe zusteuernden Auto springt und seinen Rekruten so zwingt, den rettenden Kraftring erstmals aus reinem Überlebensinstinkt zu nutzen. Diese Aktion löst eine alte Notfallbotschaft aus, die das ungleiche Duo nach Rushville, Nebraska führt.
Dort erwartet sie kein galaktischer Krieg, sondern ein grausamer Massenmord auf einem Highschool-Footballfeld. Die lokale Sheriff Kerry Kane blockiert die Ermittlungen nach Kräften, was Hal Jordan zu einer drastischen Maßnahme zwingt: Er zettelt gezielt eine Kneipenschlägerei an, um sich einsperren zu lassen und so an den Hauptverdächtigen heranzukommen. Der vermeintliche Täter entpuppt sich als außerirdischer Gestaltwandler, der Hal mit dem Schwur der Green Lanterns verhöhnt, bevor er sich mit einem biologischen Sprengsatz selbst vernichtet. Spätestens als die Lanterns auf die Familie Macon treffen – eine bewaffnete Rancher-Miliz, die sich bereits auf eine Alien-Invasion vorbereitet – wird klar, dass die beschauliche Kleinstadt ein dunkles Geheimnis birgt.
Der eigentliche Schock folgt jedoch in der dritten Zeitebene im Jahr 2026. John Stewart kehrt allein in das tief verschneite Rushville zurück. Genau dort, wo zehn Jahre zuvor die Ermittlungen begannen, findet er die gefrorene Leiche von Hal Jordan – getötet durch einen Kopfschuss, seines mächtigen Kraftrings beraubt. Ein Cliffhanger, der den lokalen Mordfall schlagartig in eine intergalaktische Verschwörung um Verrat und Macht verwandelt.
Wo die Serie glänzt – und wo sie stolpert
Die absolute Trumpfkarte der Serie ist die Chemie zwischen den beiden Hauptdarstellern. Kyle Chandler ist die Idealbesetzung für den gealterten, leicht zynischen Hal Jordan, der mit texanischem Charme und enormem Selbstbewusstsein auftritt. Ihm gegenüber brilliert Aaron Pierre als ruhiger, physisch extrem präsenter Ex-Soldat John Stewart. Diese Buddy-Cop-Dynamik trägt die Handlung mühelos und sorgt für glaubhafte, beständige Spannung zwischen den Charakteren. Die subtilen Blicke und nonverbalen Verständigungen zwischen den beiden wirken authentisch und lassen vermuten, dass sich zwischen ihnen noch vieles mehr an Geschichte verbirgt, das in zukünftigen Episoden enthüllt werden könnte.
Auch das Worldbuilding überzeugt durch Finesse. Statt den Zuschauer mit Erklärungsmonologen über leuchtende Ringe und Wächter des Universums zu erschlagen, fließen die kosmischen Elemente organisch in die polizeilichen Ermittlungen ein. Wenn Superkräfte eingesetzt werden – etwa eine Schutzblase bei der Explosion im Gefängnis –, geschieht dies zweckmäßig und angenehm unaufgeregt. Verstärkt wird diese geerdete Stimmung durch eine herausragende Kameraarbeit, die die klaustrophobische Enge der Kleinstadt grandios mit der weiten, isolierten Landschaft Nebraskas kontrastiert. Die Farbpalette – dominiert von kalten Blautönen und mattem Grau – unterstreicht die düstere Grundstimmung des Thrillers perfekt.
Die Musik verdient gleichfalls Anerkennung: Das Score verzichtet auf heroische Fanfaren und setzt stattdessen auf spannungsgeladene, minimalistische Soundscapes, die den psychologischen Thriller-Charakter der Serie unterstreichen. Diese bewusste Abkehr von klassischen Superhelden-Soundtracks signalisiert deutlich, dass Lanterns seinen eigenen Weg gehen möchte und nicht in die gewohnten Muster des Genres verfallen will.
Ganz ohne Kritik kommt der Auftakt jedoch nicht davon. In dem offensichtlichen Bestreben, sich als prestigeträchtiges Erwachsenenfernsehen zu etablieren, bedient sich Lanterns fast schon zu sehr bei Vorbildern wie Mare of Easttown oder Ozark. Manchmal wirkt die Serie derart bemüht, das klassische Superhelden-Genre abzustreifen, dass ihre eigene, comicbasierte Identität auf der Strecke bleibt. Längerfristig wird es für die Produktion entscheidend sein, diesen schmalen Grat zwischen authentischem Drama und spektakulärer Superkräfte-Action erfolgreich zu bewältigen.
Zudem nimmt sich die 56-minütige Pilotfolge sehr viel Zeit für ihren stimmungsvollen Aufbau, was im Mittelteil zu spürbaren Längen führt. Auch handwerklich gibt es kleine Kratzer: Vereinzelte Flashback-Szenen leiden unter schwachen De-Aging-Effekten, die im ansonsten extrem hochwertigen Look störend auffallen. Und während die beiden Protagonisten vielschichtig gezeichnet sind, wirken die Nebenfiguren in Rushville bislang noch wie zweckmäßige Stichwortgeber, denen es an echter Tiefe fehlt. Glücklicherweise bietet das serialisierte Format ausreichend Gelegenheit, diese Charaktere in kommenden Episoden stärker auszuleuchten und ihnen mehr Raum für eigene Entwicklungsbögen zu geben.
Trotz dieser anfänglichen Holpersteine liefert Lanterns einen mutigen, erfrischend anderen Start für das neue DC Universe. Wenn es der Serie in den kommenden Episoden gelingt, ihre eigene erzählerische Stimme zu finden und die perfekte Balance zwischen düsterem Krimi-Drama und kosmischem Abenteuer zu halten, steht uns hier ein echtes Serien-Highlight bevor. Die Basis für ein packendes Rätselraten ist definitiv gelegt. Mit der vielversprechenden Konstellation aus bewährten Serienmachern, einer durchdachten Erzählstruktur und charismatischen Darstellern deutet vieles darauf hin, dass Lanterns sich zu einer Flagship-Serie des neuen DC-Universums entwickeln könnte – eine, die auch anspruchsvolle Zuschauer, die bislang am Superhelden-Genre vorbeigingen, fesseln könnte.
(wb)
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