Archiv

Das Hitster-Phänomen

Hitster-Phänomen
Weshalb Deutschland derzeit Musikgeschichte neu schreibt

Erinnerst du dich an den Augenblick, in dem du ein bestimmtes Lied hörtest und sofort wusstest, wo du damals warst? Musik dient uns Menschen als unsere emotionalste Form der Zeitreise. Genau dieses einfache, aber brillante Prinzip liegt einem Trend zugrunde, der gegenwärtig in deutschen Wohnzimmern, bei Familienfeiern und geselligen Grillfesten für große Begeisterung sorgt. Ein bekannter Spieleverlag aus Amsterdam hat hier den Nerv der Zeit getroffen, indem er komplizierte Anleitungen und lange Aufbauphasen weglässt und stattdessen gemeinsame Erinnerungen sowie gute Musik in den Mittelpunkt stellt.

Das Grundkonzept wirkt überraschend minimalistisch und ist zugleich klug durchdacht. Es verbindet ein klassisches Kartenspiel mit modernen technischen Geräten, ohne dass dabei eine künstliche Verkomplizierung entsteht. Wer eine Karte zieht, zückt das eigene Handy, scannt den kleinen QCR-Code mit einer kostenfreien Programmdatei ein, und schon ertönt das Original des Liedes über die Lautsprecher im Raum. Die zentrale Aufgabe klingt unkompliziert, hat es aber in sich: Es gilt herauszufinden, in welchem Jahr das Lied veröffentlicht wurde. Danach ordnest du den Titel in deine ganz persönliche musikalische Reihenfolge ein. Wer als Erster zehn Karten in der korrekten zeitlichen Abfolge vor sich auslegt, gewinnt die Partie.

Dahinter verbirgt sich ein spannender psychologischer Effekt. Das menschliche Gehirn besitzt die wunderbare Fähigkeit, Melodien und Rhythmen direkt mit persönlichen Erlebnissen zu verknüpfen. Diese verborgenen Erinnerungen werden durch die Musik sofort wieder lebendig, weshalb das Einordnen der Lieder viel intuitiver gelingt, als man zunächst vermuten würde. Selbst Menschen, die sich sonst kaum für Musik interessieren, raten hier plötzlich überraschend gut mit.

Wo liegen die Stärken des neuen Spiele-Trends

Der Hauptgrund für diesen enormen Erfolg liegt in der extrem niedrigen Einstiegshürde. Es ist keineswegs notwendig, ein umfassendes Lexikonwissen über Musik zu besitzen, da das Gefühl für eine bestimmte Epoche völlig ausreicht. Das Spiel bricht augenblicklich das Eis, weckt verschüttete Erinnerungen und sorgt regelmäßig dafür, dass selbst eher zurückhaltende Menschen plötzlich laut mitsingen. Besonders schön ist zudem, dass das Spiel ganz von allein spannende Gespräche über vergangene Zeiten zwischen den Generationen anregt, ohne dass sich das Ganze wie eine erzwungene Familienaktivität anfühlt.

Und was ist die Kehrseite der Medaille

Wie bei jedem großen Trend lohnt sich jedoch auch ein nüchterner Blick auf die Nachteile, bevor du eine eigene Anschaffung tätigst. Wer kein eigenes Handy besitzt, keine zuverlässige Internetverbindung hat oder sich ungern mit digitalen Anwendungen beschäftigt, bleibt bei diesem Spiel leider außen vor. Ein weiterer wunder Punkt betrifft die starke Abhängigkeit von Musikdiensten. Ohne ein kostenpflichtiges Abonnement werden die Lieder häufig nur in einer gekürzten Fassung abgespielt. Das trübt das Hörvergnügen spürbar, da die entscheidenden Erkennungsmerkmale eines Songs oft genau in den ersten Sekunden liegen.

Zudem eignet sich das Spiel absolut nicht für ruhige oder konzentrierte Runden, da es von Natur aus laut, lebendig und gesellig sein muss. Wer zudem immer dieselbe Spielgruppe um sich versammelt, wird die Veröffentlichungsdaten der beliebtesten Lieder irgendwann auswendig kennen, wodurch der anfängliche Überraschungseffekt nachlässt.

Der beachtliche Markterfolg lässt sich nicht allein auf die Spielidee reduzieren, sondern hängt auch mit dem perfekten Zeitpunkt der Einführung zusammen. In einer Gesellschaft, die sich verstärkt nach echten und analogen Gemeinschaftserlebnissen sehnt, bot das Spiel genau die richtige Mischung aus Nostalgie und vertrauter Technik. Dass sich gerade die deutschsprachigen Länder zu einem wahren Mittelpunkt dieses Trends entwickelt haben, liegt gewiss auch daran, dass unsere musikalische Vergangenheit von den alten Schlagerjahrzehnten bis zur modernen Popmusik unglaublich vielseitig ist.

Inzwischen gibt es neben der bunten Hauptversion zahlreiche Sonderausgaben für ganz bestimmte Musikrichtungen oder Jahrzehnte. Das erlaubt es eingefleischten Fans, ihre Sammlung nach Herzenslust zu vergrößern und passgenau auf den Geschmack der jeweiligen Runde abzustimmen.

An dieser Stelle noch ein paar praktische Ratschläge für einen gelungenen Spieleabend

Wenn du diesem Trend eine Chance geben möchtest, helfen dir ein paar einfache Vorkehrungen dabei, den Abend optimal zu gestalten. Sorge am besten vorab für eine stabile Verbindung zum Internet, damit es während des Ratens keine technischen Aussetzer gibt. Beginne im Zweifelsfall immer mit der klassischen Grundversion, um erst einmal ein sicheres Gefühl für den Ablauf zu bekommen, bevor du dir eventuell spezialisierte Sondereditionen anschaffst.

Achte zudem auf eine angenehme Lautstärke und schaffe ausreichend Platz auf dem Tisch, damit alle Mitspieler ihre Karten gut sichtbar auslegen können. Manchmal lohnt sich auch ein genauer Blick auf die Zusatzinformationen, die manche Programme zu den Künstlern bereithalten, da diese so manche überraschende Anekdote ans Licht bringen.

Lohnt sich ein Kauf?

Besteht dein Freundeskreis aus Musikliebhabern und bist du auf der Suche nach einem verlässlichen Stimmungsgaranten für den nächsten Abend, erweist sich diese Anschaffung als echter Gewinn. Das Spiel verwandelt jede gewöhnliche Zusammenkunft in ein emotionales Ratespiel voller persönlicher Erinnerungen und gemeinsames Lachen.

Gehörst du hingegen zu den Menschen, die am Tisch konsequent auf Bildschirme verzichten möchten oder die ruhige, tiefgründige Denkspiele bevorzugen, wirst du vermutlich weniger Freude daran finden. Für alle anderen gilt jedoch: Lade dir die App herunter, drehe die Musik auf und singe einfach mit.

PS: Bisher hatte ich nur den first contact zum Spiel in der Grundversion auf einer Familienfeier und gewann dabei mit nur zwei Fehlern. Ob es an meinem Fable für Musik liegt? Ich weiß es nicht.

(wb)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert