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Aus dem Reiche der Phantasie – Heft 7 – Das Stahlross – 5. Teil

Robert Kraft
Aus dem Reiche der Phantasie
Heft 7
Das Stahlross
Verlag H. G. Münchmeyer, Dresden, 1901

Kapitel 5
Im roten Tal

»Achtung, wir werden verfolgt!«, sagte Richard kaltblütig zu Georg. »Zieh deinen Nackenschleier fest, dass er keine bloßen Stellen am Hals lässt, und wende nicht das unbedeckte Gesicht. Tr–r–r–ab, Galopp, Karriere!«

Ein Dutzend Schüsse fielen, eine ganze Salve krachte hinter ihnen.

»Ich bin verwundet!«, stöhnte Georg plötzlich.

»Unsinn, gar nicht möglich, das bildest du dir nur ein. Durch den grünen Stoff geht keine Kugel – höchstens gibt es einen blauen Fleck.«

»Sie holen uns ein!«

»So? Dann wollen wir mal etwas mehr zulegen. Kennst du auch den richtigen Weg zum roten Tal?«

Georg deutete die Richtung mit der Hand an; dann verging ihm fast der Atem, so schnell begann das Stahlross zu rasen. Auch die Verfolger merkten bald, dass es nicht einzuholen war; das hörte man an ihrem Wutgeheul.

»Erst bringen wir deine Schwester in Sicherheit. Zur Bestrafung dieses Schurken ist immer noch Zeit«, meinte Richard.

Sie passierten ein Steinplateau. Die Hufe des Stahlrosses schlugen hier am helllichten Tag einen wahren Feuerregen. Dann erhob sich eine jähe Bergwand, die von Schluchten unterbrochen war, und eine solche Öffnung gab Georg als den Eingang zum roten Tal an.

Die Schlucht war sehr schmal, kaum zwei Meter breit, begrenzt von himmelhohen, glatten Wänden aus rotem Porphyr.

Nachdem sie bereits eine Weile getrabt waren, ohne das Geschrei der Verfolger hinter sich zu hören, erweiterte sich der Engpass plötzlich zu einem kleinen Tal, das ebenfalls von roten Porphyrwänden eingeschlossen war. Nahe am Boden zeigten sich hier jedoch Grottenbildungen, und in der Mitte des mit schöner Vegetation geschmückten Tals – das eigentlich nur eine Erweiterung der Schlucht war – stand unter Palmen ein Landhäuschen, ein sogenannter Bungalow.

Es war ein reizender Anblick, ein Paradies in der felsigen, von der Sonne ausgedörrten Steinwildnis.

Einige schwarze Bedienstete, die im Garten beschäftigt gewesen waren, standen erst starr vor Schreck, als sie das Stahlross sahen, und liefen dann laut heulend davon, um sich im Haus zu verstecken.

»Georg, mein Bruder!«, rief da mit einem Mal eine am Fenster stehende Mädchengestalt. Von keinem Wächter mehr daran gehindert, eilte sie die Treppe herab und warf sich in die Arme ihres Bruders, der aus dem Sattel gesprungen war und den Anna trotz seiner Entstellung sofort erkannt hatte.

Zunächst ließ Richard das Pferd stehen, betrat das Haus und scheuchte einige Eingeborene auf, um sie und auch einen Weißen, der die gleiche Furcht zeigte, vor sich her zu treiben. Sie verschwanden wieder, und nur zufällig bemerkte er, wie einer nach dem anderen der Schlucht zueilte, die ihnen vorhin als Eingang gedient hatte.

Dann besichtigte Richard noch etwas die Umgebung, da man das ganze Tal mit einem Blick übersehen konnte, und begab sich zum Stahlross zurück, an dem die beiden Geschwister noch standen und ihrem Herzen Luft machten.

»Das ist mein Retter und auch deiner!«, rief Georg bei Richards Anblick.

»Schon gut, schon gut«, wehrte dieser die Dankeserweisungen des Mädchens ab. »Sag einmal, Georg, besitzt dieses Tal eigentlich noch einen anderen Ausgang als die Schlucht, durch die wir gekommen sind?«

»Soviel ich weiß, nein. Ich selbst bin nämlich noch nie hier gewesen, denn der Polizeihauptmann hält dieses Versteck sehr geheim und hat nur vertraute Diener hier angestellt, die auch nie wieder herauskommen.«

»Ei, der Deibel!«, meinte Richard auf diese Erklärung hin und kraute sich hinter dem Ohr. »Da können wir ja in eine ganz eklige Klemme geraten sein. Auf freiem Terrain hätten wir auf dem Stahlross, das ganz bequem drei Leute trägt, nichts zu fürchten. Da schlage ich mich gleich durch ein ganzes Regiment durch, zumal ich auch noch deine Schwester in kugelfesten Stoff hüllen könnte. Hätte ich gewusst, dass dies eine Mausefalle mit nur einem Ausgang ist, hätte ich mich nicht so leicht hier hineingewagt.«

»Wir nehmen schnell den Rückweg!«

»Hm, das ist leicht gesagt. Einem zu großen Risiko möchte ich meine Maschine aber auch nicht aussetzen. Ich habe das Gesicht des Herrn Polizeihauptmanns studiert – das zeigt hinter den Schwielen eine richtige Fuchsphysiognomie! Bevor ich in den Tunnel lenkte, sah ich oben auf dem Felsen viele Palmen stehen. Wie kommen die da hinauf?«

»Dort oben hat sich Mister Litton einen sogenannten hängenden Garten angelegt.«

Richard musterte die Felswände des Talkessels.

»Von hier aus kann niemand hinauf, auch mein Stahlross nicht, denn aufs Fliegen und an der Wand Emporklettern ist es noch nicht dressiert. Aber von draußen gibt es einen Weg da oben hin. Das ist fatal – nun sitzen wir gründlich in der Klemme. Man kann uns hier beliebig mit Steinen bombardieren. Aha, da geht es schon los!«

Ein Donnern erscholl in diesem Moment, dem ein anhaltendes Prasseln und Stürzen folgte.

»Wenn sie eine Explosion herbeigeführt und den Engpass verschüttet hätten!«, sagte Georg erbleichend.

»Das ist nicht nur möglich, sondern das wird wirklich so sein«, entgegnete Richard kaltblütig und sah sich immer noch um. »Na, mit dem Totwerfen wird es vorläufig noch nichts. Davor sind wir in diesen Grotten gesichert, selbst wenn sie den ganzen Himalaya auf uns herabwälzten. Nahrungsmittel werden wir in dem Häuschen dort wohl auch genügend finden, um uns ein paar Tage über Wasser zu halten – und kommt Zeit, kommt Rat. Vielleicht ist auch noch ein Diener zurückgeblieben, der uns Auskunft über einen zweiten Ausweg geben kann. Sonst suchen wir allein nach ihm, und finden wir keinen, wird einfach eine andere List ersonnen. Ins Freie will und muss ich mein Stahlross auf alle Fälle bringen. Zurücklassen werde ich es nicht, wenn es nicht über die Steine kann; und bin ich erst einmal draußen, dann gnade ihnen Gott!«

Diese Worte verfehlten nicht ihre Wirkung: Sie nahmen den beiden Geschwistern jede Sorge und flößten ihnen Mut ein. Vertrauensvoll blickten sie auf den Knaben, der vor ihren Augen eine solche Probe seiner Geisteskraft abgelegt hatte.

»Aha, da kommt ja schon ein Parlamentär mit einem schmutzigen Taschentuch«, sagte Richard plötzlich.

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