Mörder und Gespenster – Band 1 – 25. Teil
August Lewald
Mörder und Gespenster
Band 1
Das geschossene Täubchen
Kapitel 1
Das Speisezimmer war angenehm durchwärmt und von appetitlichen Düften erfüllt. Die Mahlzeit, die nach Art der vornehmeren Gesellschaft auf die Abendstunden verlegt worden war, war soeben beendet. Herr von S. saß seiner jungen Gattin in trauter Zweisamkeit gegenüber.
An seinem Rock prangte ein kleines, leuchtend farbiges Band. Seine hohe Stirn wurde von feinem Haar umrahmt, das bereits zu ergrauen begann. Diese Merkmale sowie seine edlen, ausdrucksvollen Züge verliehen ihm die Ausstrahlung eines Mannes im mittleren Alter. Er besaß zwar nicht mehr die Gewohnheiten und Ansprüche der Jugend, verstand es aber dennoch zu gefallen und bewegte sich mit außerordentlichem Taktgefühl in der Gesellschaft.
Die junge Frau von S. war von schlankem Wuchs. Ihre weiße Stirn besaß eine makellose Form, deren Konturen sie durch harmonisch angeordnete Haarflechten geschickt hervorhob. Ihre Haltung wirkte entspannt und war dennoch voller Reiz, ganz in der Art südlicher Frauen. Ihre Augenbrauen waren sanft geschwungen, als wären sie mit einem Pinsel gezogen; ihre Hände und Füße waren auffallend zierlich geformt. Diese Vorzüge allein hätten bereits die Huldigungen gerechtfertigt, deren Gegenstand sie in der Gesellschaft geworden war. Doch Frau von S. genoss zudem den Ruf einer derart strengen und gewissenhaften Tugendhaftigkeit, dass sie selbst bei den weltlicheren Menschen als unerhörtes Wunder galt.
»Du hast die Einladung zur Jagd angenommen?«, fragte Frau von S. ihren Mann am Ende einer überaus heiteren Unterhaltung.
»Nun ja«, erwiderte er und stand auf.
»Ich weiß nicht warum, aber ich sehe dich so ungern bei solchen Ausflügen, die so leicht gefährlich werden können. Ein Unglück geschieht schnell.«
»Oh, fürchte nichts«, sagte Herr von S. mit zärtlichem Ausdruck und küsste seine Frau auf die Stirn.
»Ich verspreche dir, äußerst vorsichtig zu sein.«
Damit ging er hinaus und ließ die besorgte Träumerin allein zurück.
Einige Minuten später sehen wir ihn die breiten Stufen hinabsteigen, die in den Garten führen. Er spaziert behaglich durch die hohen Alleen und spielt mit einer schönen Jagdflinte, deren damaszierter Lauf in den letzten Strahlen der untergehenden Sonne aufleuchtet.
Inzwischen war die Sonne untergegangen. Blaue Wolken mit einem matten, purpurnen Saum zogen ihr nach, und dahinter hüllte sich der Horizont in abendliche Schatten. Man weiß, wie schnell im Spätherbst der Übergang vom Tag zur Nacht vonstattengeht. S. war inzwischen am äußersten Ende des Parks angelangt. Er wollte auf gut Glück abdrücken, um sein Gewehr auszuprobieren, als gerade ein Vogel über ihn hinwegflog. Er zielte; der Vogel machte noch eine leichte Bewegung, ließ dann die Flügel hängen und fiel in kreisender Bahn zu Boden. S. eilte zu der Stelle, an der der Vogel lag. Das Opfer seiner Treffsicherheit war ein armes kleines Täubchen. Während der geschickte Schütze den Vogel nach der Wunde absuchte, ertastete er einen Faden, der am Flügel befestigt war. Er löste ihn, und ein feines, eng zusammengefaltetes Stück Papier fiel auf die Erde. Er hob es auf und bemerkte, dass es beschrieben war.
Überrascht von diesem Fund, zögerte S. zunächst, den Zettel zu lesen, den ihm der Zufall in die Hand gespielt hatte. Da er jedoch sah, dass keine Aufschrift den Namen des Adressaten verriet, die Zeilen aber für den Empfänger von Bedeutung sein könnten, beschloss er in guter Absicht, den Inhalt zu lesen. Vielleicht enthielt der Text ja den Namen oder zumindest einen Hinweis, um diesen herauszufinden.
Der Inhalt des Briefchens lautete wie folgt:
Mein Heinrich! Unser treuer Bote hat mir deine Antwort überbracht. Du darfst nicht daran zweifeln, dass ich zum Rendezvous kommen werde. Seitdem ich dich besitze, vermehrt jeder Moment meines Glücks auch meine Liebe zu dir. Auf diesen Abend also, mein geliebter Heinrich. Ich komme durch die kleine Pforte des Parks und werde mich hinter den Akazien verborgen halten, um auf das verabredete Zeichen zu warten. Bis dahin: Adieu.
S. besaß die Kraft, dieses Briefchen bis zum Ende zu lesen. Nicht die leiseste Regung verriet die furchtbare Qual, die es in ihm auslöste. Er verweilte noch einige Minuten nachdenklich an Ort und Stelle, faltete dann das Billett mit der furchtbaren Anklage ruhig zusammen und steckte es in seine Brieftasche. Die Flügel der getöteten Taube ergriff er mit Daumen und Zeigefinger an den äußersten Enden und ging ins Schloss zurück.
Niemand, der ihm begegnete, hätte in seinem Gesicht zu lesen vermocht, was in seinem Inneren vorging.
Schreibe einen Kommentar