Deutsche Märchen und Sagen 201
Johannes Wilhelm Wolf
Deutsche Märchen und Sagen
Leipzig, F. A. Brockhaus, 1845
279. Hildemarka
Im Soinewalde bei Brüssel, an der Stelle, wo man noch heute die Trümmer der Jackosburg sieht, wohnte vor Zeiten ein böser Waldgeist. Dieser entführte eines Tages eine Jungfrau edlen Geschlechts, die Hildemarka hieß und von ungemeiner Schönheit war. Er wollte sie zu seinem Weibe machen und sie zwingen, vor dem obersten Waldgeiste die Knie zu beugen. Doch das wollte Hildemarka nicht.
Sie sprach: »Töte mich und tu mit mir, was du willst. Ich will gerne den Tod erleiden um Christi willen.«
Bei diesem Entschluss beharrte sie auch trotz aller Zauberkünste, welche der Waldgeist anwandte, um sie zu verführen. Als er endlich sah, dass alles nichts half, versenkte er sie in einen siebenjährigen Schlaf. Nachdem diese Zeit nun um war, fragte er sie abermals: »Willst du Christus entsagen und meine Frau werden?«
»Nein«, sprach Hildemarka.
Da erzürnte der Waldgeist und sandte einen dreimal siebenjährigen Schlaf über sie. Als sie nun daraus auch wieder erwachte, trat der Waldgeist erneut vor sie und sprach: »Nun bete unseren Meister an und werde meine Frau.«
Doch Hildemarka erwiderte, sie wolle lieber gleich sterben.
Nun wurde der Waldgeist über die Maßen zornig und wollte sie in einen siebenmal siebenjährigen Schlaf werfen. Da aber kam ein Engel, führte sie aus seiner Höhle heraus und in ein Kloster, in welchem sie in hohem Alter und im Rufe der Heiligkeit starb.
280. Der Lousberg bei Aachen
Als Kaiser Karl die Stadt Aachen gerade gegründet hatte, ritt er einmal spazieren, und zwar auf einen nahen Berg. Als er von diesem umherschaute, wurde er auf einmal ärgerlich und sprach: »Hätte ich es eher bedacht, dann hätte ich dich, Lausberg, in die Mitte von Aachen gebracht.«
Davon bekam der Berg den Namen Lausberg (Lousberg). Andere erzählen, Kaiser Karl habe einmal Rat gehalten, um Aachen zu einer starken Festung zu machen, und dabei ausgerufen: »Das ginge ganz gut, wenn nur der Lausberg nicht wäre.«
281. Bern
Berthold der Vierte von Zähringen baute seinerzeit die beiden Städte Freiburg im Breisgau und Freiburg im Rüchtland. Er war ein strenger und gerechter Mann. Man sagt von ihm, er habe das Leisten – so nennt man die Geißelschaft – in das Land gebracht. Damit aber die rechtschaffenen Leute, die überall in diesem Land saßen, besseren Schutz und Frieden hätten, fasste er den Entschluss, noch eine weitere Stadt in dem Land zu bauen. Dies sollte nahe seinem Schloss Nideck geschehen, in einer Gegend, die man im Sack nennt und wo sich ein großer Eichenwald befand. Einst, als Berthold jagte, sprach er: »Die neue Stadt soll nach dem ersten Tier benannt werden, das hier gefangen wird.«
Sie fingen aber einen Bären. An der Stelle, wo die Stadt gebaut wurde, stand viel schönes Bauholz, aus dem nicht wenige Häuser gezimmert wurden. Beim Fällen der Bäume entstand ein Sprichwort unter den Werkleuten, welches so lautete: »Holz, lass dich hauen gern, die Stadt muss heißen Bern.«
282. Minden
Die sächsische Chronik erzählt, Widukind, der erste christliche Fürst in Sachsen, habe Kaiser Karl zugestanden, bei ihm in seinem Schloss an der Weser einen bischöflichen Sitz zu errichten, da sie beide darin wohl genug Platz haben mochten. Und so sprach Widukind zum neuen Bischof: »Es soll mein gutes Schloss Bisingen, das an der Weser liegt, auch mein und dein sein zu gleichem Recht.«
Daher wurde es später in der sächsischen Sprache »Myndyn« (mein und dein) genannt. Mit der Zeit ist jedoch aus Myndyn Minden geworden, wobei das y in ein i verwandelt wurde.
283. Altena
Zu den Zeiten Kaiser Heinrichs V. im Jahre 1112 lebten zwei Brüder aus dem edlen Stamme der Ursinen; der eine hieß Adolf und der andere Eberhard. Diese hatte Kaiser Heinrich überaus liebgewonnen. Um sie noch mehr an sich zu binden, schenkte er ihnen Wohnplätze in Westfalen, die sie sich selbst ausgewählt hatten, um dort ihre Schlösser zu bauen. Adolf, der Ältere, begann alsbald, seine Burg zu zimmern. Dies geschah an einer Stelle, die man die Wolfshecke nannte, ganz nahe den Grenzen der Grafschaft Arnsberg. Als der Graf von Arnsberg davon hörte, sandte er Boten an Adolf und ließ ihm sagen, dass er nicht weiter bauen dürfe, denn das Schloss stünde den Grenzen seiner Grafschaft allzu nah. Davon bekam das Schloss den Namen Altena (allzu nah). Die Brüder scherten sich jedoch nicht darum und befestigten die Burg so sehr, dass der Graf sie vergeblich belagerte und mit Schimpf und Schande abziehen musste.
284. Wimpfen
Als König Etzel mit seinen Hunnen in Deutschland wütete, flüchteten die Anwohner der heutigen Stadt Wimpfen in deren Mauern und suchten dort Schutz und Zuflucht vor der Gottesgeißel. Dieser belagerte das Städtlein und eroberte es nach langem Widerstand. Als er nämlich einmal gegen die Tore stürmte, brach ein Torflügel, und die ganze Macht der Hunnen stürzte in die Straßen. Mit unmenschlicher Grausamkeit wüteten die Barbaren unter der Einwohnerschaft, besonders unter den armen Frauen. Sie schnitten ihnen die Brüste ab, damit sie ihre Kinder nicht weiter säugen könnten. Zum Andenken an diese schaudervolle Marter der Frauen nannte man den Ort von da an Weibpein, woraus später Wimpfen geworden ist.
Schreibe einen Kommentar