Sagen der mittleren Werra 110
Die Brabanter Gräfin am Hautsee
Einst reiste ein wohlhabender Graf aus Brabant mit seiner bildschönen Tochter in das Dorf Dönges. Er hatte vom sagenumwobenen Hautsee gehört, und da ihm die malerische Landschaft so sehr gefiel, nahm er für einige Zeit Quartier im örtlichen Gasthaus.
Der See mit seiner schwimmenden Insel übte jedoch eine magische Anziehungskraft auf die junge Gräfin aus. Sie konnte sich kaum von dem Anblick losreißen und verweilte oft bis spät in die Nacht am Ufer. Als sie eines Tages nicht mehr in die Herberge zurückkehrte, ließ ihr zutiefst besorgter Vater sogleich die gesamte Umgebung durchsuchen. Er versprach immense Belohnungen, doch seine Tochter blieb unauffindbar. Schließlich musste der Graf gebrochenen Herzens allein die Heimreise antreten.
Doch die Sehnsucht ließ ihm keine Ruhe. Immer wieder kehrte er zum Hautsee zurück und beklagte verzweifelt den Verlust seines Kindes, das er in den Tiefen des Gewässers vermutete.
Das Leid des Vaters rührte die dorfeigenen Bauern. Sie rieten ihm, ein Fest in der Nähe des Ufers auszurichten und keinesfalls die Musikanten zu vergessen. Die drei geheimnisvollen Wasserschwestern des Sees liebten den Tanz außerordentlich und würden sich das Spektakel sicher nicht entgehen lassen. Wenn er dann mit ihnen tanze, solle er nach dem Schicksal seiner Tochter fragen.
Der Graf befolgte den Rat sogleich und richtete ein glanzvolles Fest aus. Als die Dämmerung einbrach, hüllte sich der See in dichten Nebel. Lautlos schwebten die Nixen herbei und mischten sich unter die Feiernden. Doch diesmal drehten sich nicht wie sonst drei, sondern vier Gestalten im Reigen.
Auf ein ermutigendes Nicken der Bauern hin bat der Graf eine nach der anderen zum Tanz und wandte sich bis tief in die Nacht vergeblich mit seinen Fragen an sie. Erst als der Morgen graute und die Nixen Abschied nehmen mussten, führten die drei Wassermädchen die vierte zu ihm. Als sie sie dem Grafen in die Arme legten, erkannte er voller Glück sein verloren geglaubtes Kind wieder. Die drei Nixen aber lösten sich sogleich wieder im dichten Nebel auf, der sanft über dem See lag.
Der Schneidergeselle auf der schwimmenden Insel des Hautsees
Eines Tages gelangte ein wandernder Schneidergeselle von feiner und zarter Natur an das Ufer des Hautsees. Spontan beschloss er, die schwimmende Insel zu betreten, um auf dem weichen Moosbett ein kurzes Mittagsschläfchen zu halten. Gesagt, getan. Er versank jedoch in einen so tiefen Schlaf, dass er erst am Abend wieder erwachte. In diesem Moment stiegen mysteriöse Nebelschleier aus dem Wasser empor. Aus dem Dunst trat eine wunderschöne Nixe auf die Insel heraus, beäugte den schlafenden Gesellen begehrlich, zog ihn leise an den Rand des Eilands und glitt mit ihm in die Tiefe.
Als der Schneider auf dem Grund des Sees das Bewusstsein wiederlangte, empfing ihn die Nixe und gestand ihm ihre Zuneigung. Sie erklärte, dass sie ihn in ihren prächtigen Kristallpalast entführt habe, damit er ihr drei Jahre lang dienen solle. Er brauche sich jedoch nicht zu sorgen, denn es werde ihm an absolut nichts fehlen.
Die schöne Wassernymphe hielt ihr Versprechen, und der Schneider verlebte eine ausgesprochen angenehme Zeit in dem unterirdischen Palast. Als schließlich die drei Jahre verstrichen waren, erklang plötzlich eine mitreißende, festliche Musik. Von der Melodie erfasst, packte der Geselle seine schöne Gastgeberin und tanzte so ausgelassen mit ihr im Reigen, bis ihm schwindelig wurde und die Sinne schwanden.
Als er schließlich aus seinem merkwürdigen Rausch erwachte, fand er sich genau auf jenem Moosbett auf der Insel wieder, auf dem er sich vor drei Jahren zur Ruhe gelegt hatte.
Die Herz-Sechs über dem Portal der Tiefenorter Apotheke
Wer in Tiefenort nach der Apotheke fragt, wird zum ehemaligen Herrensitz der Grafen von Beichlingen gewiesen, der sich etwas nordöstlich der Kirche befindet. Durchschreitet man den ummauerten Hof und steht vor dem Eingang dieses imposanten, schlossartigen Steinbaus, fällt der Blick sogleich auf ein Wappen über dem Portal. Statt der zwei roten Querbalken auf weißem Grund – dem angestammten Wappenschild der Beichlingen – entdeckt man plötzlich die Herz-Sechs. Die Sage erklärt diesen ungewöhnlichen Anblick wie folgt:
Der letzte Vertreter des Geschlechts von Beichlingen, der zu Beginn des 16. Jahrhunderts hier residierte, war ein ausgesprochen leichtsinniger Geselle, der sich nur allzu gerne dem Trank und dem Glücksspiel hingab. Besonders das damals neu aufgekommene Kartenspiel hatte es ihm angetan. Mit leidenschaftlicher Blindheit verspielte er nach und nach seinen gesamten mobilen und unbeweglichen Besitz. Unbelehrbar setzte er schließlich selbst sein letztes verbliebenes Gut aufs Spiel – den Tiefenorter Burghof. Er setzte auf die Herz-Sechs und verlor auch diesen letzten Besitz.
Als der verarmte Graf wenig später gemeinsam mit dem Gewinner an den Hof von Herzog Friedrich Wilhelm von Sachsen reiste, um den Besitzerwechsel offiziell bestätigen zu lassen, griffen seine Verwandten vermittelnd ein. Sie erklärten sich bereit, sämtliche Schulden zu begleichen und den Burghof auszulösen. Dafür stellten sie jedoch eine Bedingung: Der Graf musste die verhängnisvolle Herz-Sechs in sein Familienwappen aufnehmen und durfte sich fortan nicht mehr von Beichlingen nennen, sondern stattdessen von Spielberg – nach einigen Überlieferungen auch von Spielhus.
Dem völlig mittellosen Grafen blieb keine Wahl, als in das Abkommen einzuwilligen. Auf diese Weise fand die Herz-Sechs ihren Platz im Wappen über der Eingangstür des Burghofs, in dem sich heute eine Apotheke befindet.
Wie einem der Sparpfennig die Totenruhe raubt
In Tiefenort lebte einst ein Knabe, der äußerst sparsam wirtschaftete und sich im Laufe der Zeit die beträchtliche Summe von fünf Gulden zusammengespart hatte. Um das Ersparte vor seinen Angehörigen zu verbergen, steckte er die Münzen in einen Beutel und versteckte diesen sorgfältig auf dem Dachboden. Doch der Junge verstarb ganz plötzlich, ohne dass auch nur jemand von dem kleinen Vermögen geahnt hätte.
Eines Tages kam jedoch seine Schwester bleich vor Schrecken vom Dachboden herabgeeilt und brachte vor Angst kaum ein Wort hervor: »Vater, unser Verstorbener steht leibhaftig droben auf dem Speicher und klopft bei den Dachsparren an einem kleinen Brett herum!«
Der Vater wollte davon zunächst nichts wissen und tat die Worte seiner Tochter als albernes Gerede ab. Da sie jedoch beharrlich darauf bestand, ließ er sich schließlich dazu bewegen, selbst nach dem Rechten zu sehen. Fassungslos stand er auf dem Speicher – seine Tochter hatte recht gehabt.
Bald fasste er sich ein Herz, trat auf sein Kind zu und fragte liebevoll, was ihm denn die Totenruhe raube. Der Knabe deutete stumm auf eine Stelle am Dachsparren. Rasch griff der Vater dorthin, löste ein kleines Holzbrett und zog den verborgenen Geldbeutel samt seinem Inhalt hervor.
Als er sich erstaunt umblickte, war die Gestalt seines Kindes verschwunden – und von da an fand der Junge endlich seine ewige Ruhe im Grab.
Vom verwünschten tollen Fuhrmann
In Tiefenort und Kaiseroda hält sich bis heute die Sage vom tollen Fuhrmann. Schon die Vorfahren und alten Dorfbewohner wussten zu berichten, dass der Fuhrmann vor Zeiten zur Strafe in einen Gak – also einen Raben – verwandelt worden sei. Viele Menschen sahen und hörten ihn früher, wie er im Schutz der Dunkelheit an der Spitze eines lauten Rabenschwarms quer über den Werragrund zog, vom Lengsfelder Wald her kommend. Auch mit den übrigen Vögeln schien nicht alles mit rechten Dingen zuzugehen. Dennoch galt die Erscheinung als ein gutes Omen: Wann immer der Schwarm auftauchte, folgte darauf ein ertragreiches Jahr.
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