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Im Original Felix Schloemp

Das unheimliche Buch – Sebaldus-Nacht

Das unheimliche Buch
Herausgegeben von Felix Schloemp

Sebaldus-Nacht
Eine Schauergeschichte von Paul Busson

Der Eisenschild der Herberge drehte sich unaufhörlich auf seinen rostigen Angeln und erzeugte dabei ein ächzendes Geräusch. Die schweren Fensterläden der Gaststube wurden vom Wind gerüttelt und die Flamme der Zinnlampe, die rot schwelte, zuckte hin und her. Missmutig lümmelte Klaus Nunnenfeind am breiten Gesellentisch und sah auf den schlafenden Wirt. Auch der saure Krätzer im gebuckelten Glas war nicht nach dem Sinn des Wegmüden. Er fraß sich schier ein Loch in den Magen und juckte beißend in der Kehle.

Der Dritte im Raum hatte bisher kein Glied gerührt. Erst als der Nachtwächter vor dem Haus die Hellebarde klingend aufs Pflaster stieß und die elfte Stunde verkündete, erhob er sich schattengleich vom Stuhl.

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Das unheimliche Buch – Der wahre Sieg

Das unheimliche Buch
Herausgegeben von Felix Schloemp

Frédéric Boutet:

Der wahre Sieg

Und ich kämpfte verzweifelt mit dem schrecklichen Azrael …
(Edgar Allan Poe: Ligeia)

Es war in der Nacht; auf dem einsamen Kai schritt ein von einem schwarzen Mantel tief umhüllter Wanderer den Fluss entlang.

Rechts am Fuße der das Ufer umgebenden Mauer floss das Wasser tief und ruhig wie in einem Kanal dahin. Hier und dort stieg eine schräg herabführende Treppe zu dem Fluss hinab. Von den verankerten Schiffen leuchteten Stocklaternen wie rote Sterne. Das gegenüberliegende Ufer war nur durch die entfernten Flecken gelblich brennender Laternen und einiger erleuchteter Fenster Weiterlesen

Das Gespensterbuch – Elfte Geschichte

Das Gespensterbuch
Herausgegeben von Felix Schloemp
Mit einem Vorwort von Gustav Meyrink
München 1913

Karl Hans Strobl

Die arge Nonn’

Eines Nachts erwachte ich plötzlich aus tiefem Schlaf. Ich war verwundert, überhaupt erwacht zu sein, denn ich hatte tagsüber auf dem Trümmerfeld der Jesuitenkaserne gearbeitet und war sehr müde. Ich legte mich auf die andere Seite und versuchte, wieder einzuschlafen. Doch da hörte ich einen Schrei, der mir den Schlaf raubte. Es war ein Schrei der Angst und im nächsten Moment saß ich aufgerichtet im Bett. Zunächst versuchte ich, mich zurechtzufinden. Wie es oft nachts der Fall ist, wusste ich nicht, wo sich Tür und Fenster befanden. Dann besann ich mich, dass ich merkwürdigerweise nur in einer von Nord nach Süd ausgerichteten Lage schlafen Weiterlesen

Das unheimliche Buch – Das unbewohnte Haus

Das unheimliche Buch
Herausgegeben von Felix Schloemp

A. M. Frey
Das unbewohnte Haus

Mitten im Gewühl der Großstadt, in einer alten, engen Straße, steht ein altes, unbewohntes Haus. Doch die enge Straße führt von den Eingeweiden der Stadt zu ihren riesigen Speiseschüsseln hinunter, zum Marktplatz. Die Eingeweide sind immer hungrig. Deshalb greifen tagaus, tagein, vieltausend leere, unersättliche Hände durch die alte Straße nach den Speisen auf dem Marktplatz und kehren gefüllt wieder zurück.

Daher ist die alte, enge Straße durchlärmt von einem wogenden Strom – sie, die Hochbetagte, die doch ein Anrecht auf Ruhe hätte. Daher kommt es, dass sie sich Schminke und modische Kleidung gefallen lassen muss. Wo ist ihr liebes, holpriges, grasdurchwachsenes Pflaster geblieben? Ein grauer, harter Teppich, langweilig in seiner faltenlosen Vornehmheit, bedeckt ihren Weiterlesen

Das Gespensterbuch – Zehnte Geschichte

Das Gespensterbuch
Herausgegeben von Felix Schloemp
Mit einem Vorwort von Gustav Meyrink
München 1913

Gustav Meyrink

Das Präparat

Die beiden Freunde saßen in einem Eckfenster des Café Radetzky und steckten die Köpfe zusammen.

»Er ist fort. Heute Nachmittag ist er mit seinem Diener nach Berlin gefahren. Das Haus ist vollkommen leer. Ich komme gerade von dort und habe mich genau überzeugt. Die beiden Perser waren die einzigen Bewohner.«
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