American Indian Weekly Nr. 2 – Aufgespürt in seinem Versteck – Kapitel 8
American Indian Weekly
Nummer 2, 1910
Aufgespürt in seinem Versteck
oder Die Verfolgung des Mitternachtsräubers
von Colonel Spencer Dair
Kapitel 8
Red Rogers schickt eine Nachricht an das Fort
In angespanntem Schweigen sah Rose zu, wie der Bandit näher kam, um die Befehle seines Herrn auszuführen.
Einen Augenblick lang dachte das Mädchen daran, sich sowohl dem berüchtigten Gesetzlosen, der sie zurückgewiesen hatte, als auch seinem Handlanger zu widersetzen. Ein einziger Schnitt mit ihrem Bowie-Messer würde die Fesseln des Pfadfinders hinter ihrem Rücken durchtrennen – und dann könnte sie sowohl Red als auch Pedro mit ihren Revolvern in Schach halten.
Der Gedanke, den Desperado in ihrer Gewalt zu haben, und die Genugtuung, ihn zu demütigen, indem sie ihm eine Entschuldigung abzwang, erwiesen sich als unwiderstehlich. Heimlich ließ sie ihre Hände zu den Pistolengriffen sinken.
Pedro beobachtete sie jedoch scharf. Als er die Bewegung bemerkte, sprang er auf sie zu und packte ihre Handgelenke mit seinen kräftigen Händen.
»Nicht mit mir, meine Dame!«, zischte er. »He, Red, dieser Teufelsbraten wollte dich erschießen.«
»Das überrascht mich nicht. Dankbarkeit gehörte noch nie zu den Stärken der Landons«, erwiderte der Bandit. »Mach schnell und nimm ihr die Schießeisen weg, damit sie keine zweite Chance bekommt. Danach schaffst du die Gefangenen fort, wie ich es dir gesagt habe.«
Rogers sprach diese Worte, ohne sich auch nur die Mühe zu machen, den Kopf zu drehen. Seine völlige Gleichgültigkeit gegenüber ihrem geplanten Verrat traf Rose härter, als es irgendetwas anderes hätte tun können.
»Oh, Red, verzeih mir! Verzeih mir!«, schluchzte sie. »Ich wollte mich nicht mit dir streiten. Aufregung wegen deines Gefängnisausbruchs und unserer Flucht vor den Soldaten – das war einfach zu viel für meine Nerven. Ich weiß, dass du ein Freund meines Vaters warst … und du warst auch einer für mich. Bitte ver…«
»Bah! Hör auf damit!«, unterbrach sie der Gesetzlose schroff. »Du hast dein wahres Gesicht gezeigt. Nun, da ich dich kenne, kann ich meine Pläne entsprechend anpassen.«
Selbst die Pfadfinder waren erstaunt über die Bitterkeit dieser Antwort, und voller übler Vorahnungen erwarteten sie den nächsten Schritt ihres merkwürdigen Entführers.
Dass er etwas im Schilde führte, konnten alle an der Bewegung seines rechten Arms sehen, doch erst als es ihm passte, erfuhren sie, was es war.
»Sind die Männer bereit, Pedro?«, erkundigte er sich schließlich.
»Ja!«
»Gut. Behalte das Mädchen sowie den jungen und den alten Gefangenen gut im Auge. Ich bin in Kürze zurück. Denk daran: Ich mache dich für das Mädchen und die anderen verantwortlich. Wenn du irgendeinen Dummheit versuchst oder diesen Ort verlässt, jage ich dich – und wenn ich dir dafür bis ins Gefängnis von Keno folgen muss!«
Diese Worte zeigten überdeutlich, wie verzweifelt Rogers’ Stimmung war, und die anderen verfolgten jede seiner Bewegungen mit Bange.
Plötzlich zügelte er sein Pony direkt neben Shaw, wickelte die Schärpe von seiner eigenen Taille ab und band sie dem Pfadfinder um den Kopf, um ihm die Augen zu verbinden.
Als das erledigt war, packte er das Pferd am Zaumzeug und begann, es den Canyon hinabzuführen.
»Denkt daran: Ihr bezahlt mit eurem Leben, wenn ich euch bei meiner Rückkehr nicht alle hier vorfinde!«, herrschte er sie warnend an.
In dem Glauben, sein letztes Stündlein habe geschlagen, lauschte Shaw auf das kleinste Geräusch, das ihm einen Hinweis auf das ihm bevorstehende Schicksal geben könnte. Doch er hörte nur das Traben seines eigenen Pferdes.
Über Minuten, die ihm endlos erschienen, hielt die Ungewissheit an. Einmal glaubte er, das Rauschen von strömendem Wasser zu hören, und befürchtete, gleich in einen reißenden Fluss zu stürzen. Doch als das Geräusch verhallte, sagte er sich, dass sein Entführer ihn wohl zu irgendeinem Abgrund führte, von dem er in einen schrecklichen Tod stürzen würde. Die Ungewissheit war zermürbend. Er hatte das Gefühl, sein Kopf würde platzen, und vor seelischer Qual krümmte und wand er sich.
Doch schließlich fand seine Qual ein Ende.
»Ich werde dich mit einer Nachricht zum Fort schicken«, rief Rogers plötzlich aus, als er das Pferd anhielt. »Das heißt, ich schicke dich mit einer Nachricht los. Ob du überlebst, um sie zu überbringen, ist eine andere Frage«, fügte er düster hinzu. »Wenn dir jedoch etwas zustößt, wird die Nachricht wahrscheinlich gefunden werden, denn in spätestens drei Stunden solltest du auf einem viel befahrenen Weg sein.«
Voller Erstaunen lauschte der Pfadfinder seinen Worten und spürte dann, wie etwas unter die Stricke geschoben wurde, die seine Arme banden.
Als diese Bewegung aufhörte, folgte eine absolute Stille. Dann erklang ein klatschender Hieb, und Shaw spürte, wie sein Reittier nach vorne sprang – wohin, wusste er nicht.
Und während sein Pferd davongaloppierte, drang Rogers’ hohnvolles Lachen an seine Ohren.
Teuflisch war in der Tat der Plan, den der schreckliche Gesetzlose gefasst hatte.
Völlig hilflos – selbst des Sprechens und Sehens durch einen Knebel und eine Augenbinde beraubt – und fest auf ein Pferd gebunden, wurde der Pfadfinder im Galopp in die Nacht geschickt. Sollte das Tier stolpern, könnte er zu Tode gestürzt werden. Da das Pferd mit dem Pfad nicht vertraut war, könnte es in der Dunkelheit über eine Klippe stürzen – oder, falls es ihm in den Sinn käme, in den Hügeln umherstreifen und das süße Gras fressen, während der Mann auf seinem Rücken, von Fliegen und Mücken gequält, langsam vor Durst und Hunger den Verstand verlöre.
Rogers scherte sich jedoch wenig darum, welches Schicksal den Pfadfinder erteilte, obwohl er hoffte, dass das Pferd aus Instinkt den Weg zurück zum Fort finden würde. Er wusste wohl, dass der Anblick des gefesselten und verwundeten Soldaten den Oberst in Wut versetzen würde, während seine behelfsmäßige Nachricht dazu gedacht war, durch ihre Drohungen Schrecken zu verbreiten.
Doch der Gesetzlose konnte sich nicht lange an seiner Teufelei erfreuen.
Als er dagesessen und gelauscht hatte, wie die Hufschläge des Armeepferdes immer leiser wurden, schweifte sein Blick über die dunklen Umrisse der ihn umgebenden Berge.
Plötzlich sah er, wie direkt vor ihm ein Feuerball vom Hügel in die Luft schoss, fast unmittelbar gefolgt von weiteren Bällen von rechts und links.
»Raketensignale!«, rief Rogers aus. »Beim Blut des alten Barney! Ich darf keine Zeit verlieren, um zum Palisadenfort zu kommen. Nach ihren Raketen zu urteilen, müssen die Menschenjäger es bereits einkreisen. Wenn ich es überhaupt schaffen will, muss es heute Nacht sein. Bei Tageslicht komme ich niemals durch.«
Rose und die anderen erblickten die Signale ebenfalls, und angesichts der Gefahr verflog all der Zorn des Mädchens auf den Gesetzlosen.
»Oh, Red! Hast du diese Raketen gesehen?«, erkundigte sie sich mit ihrer alten Besorgnis um sein Wohlergehen, als er zu seinen besorgten Gefährten zurückkehrte.
»Sicher habe ich sie gesehen«, erwiderte er. »Ich hätte es kaum übersehen können – außer ich wäre blind wie der Pfadfinder.«
Bei der Erwähnung des unglücklichen Mannes, den er weggeführt hatte, stockte dem Mädchen schlagartig der Atem.
»Was hast du mit ihm gemacht?«, verlangte sie zu wissen.
»Geht dich zwar nichts an, aber ich kann es dir ruhig sagen«, erwiderte Rogers, der seinen Zorn auf Rose offenbar vergessen hatte. »Ich habe ihn mit einer Nachricht zum Fort geschickt.«
»Aber er wird niemals dort ankommen!«, protestierte das Mädchen.
»Warum denn nicht?«
»Das Pferd kennt den Weg doch gar nicht.«
»Mach dir mal keine Sorgen. Ein Armeepferd findet immer den Weg zurück zu seinem Posten – vorausgesetzt, ihm stößt nichts zu.«
»Aber wenn es nicht schnell genug geht, stirbt der Mann womöglich!«, brachte Rose entsetzt hervor.
»Umso besser. Das verleiht meinen Bedingungen nur mehr Nachdruck.«
Über die Ankündigung, dass der Desperado nicht nur eine Nachricht an das Fort geschickt, sondern sogar Bedingungen diktiert hatte, waren die anderen erstaunt.
»Was in aller Welt hast du denn geschrieben?«, fragte das Mädchen und sprach damit die Neugier der Übrigen aus.
»Nicht viel.«
»Aber was denn?«
»Du stellst ganz schön viele Fragen, weißt du das?«, entgegnete Rogers.
Sein Tonfall verriet jedoch, dass er keineswegs verärgert war, und so blieb Rose hartnäckig.
»Wie soll ich es auch anders erfahren, wenn du es mir nicht sagst?«, konterte sie.
»Du bist wirklich ganz wie der alte Barney«, sann der Bandit nach und lächelte das Mädchen gutmütig an. »Ich habe erlebt, wie Barney kurz davor war, jemanden niederzuschießen, doch dann weckte irgendetwas seine Neugier und er vergaß völlig, wozu er seine Pistolen in der Hand hielt. Das ist ihm oft passiert …«
»Lass jetzt meinen Vater aus dem Spiel! Was hast du in deiner Nachricht geschrieben?«, unterbrach ihn Rose ungeduldig.
»Aber es ging doch gerade um deinen Vater.«
»Um Vater? Oh Red, erzähl schon!«, forderte sie. Dann fuhr ihr ein schlaues Bedenken durch den Kopf und sie fügte hinzu: »Du verschwendest nur wertvolle Zeit, indem du mich aufziehst.«
Die Worte verfehlten ihre Wirkung auf den Banditen nicht, da sie ihn an die Gefährlichkeit seiner Lage erinnerten.
»Ich glaube, es wäre besser für mich, wenn wir zerstritten blieben«, erwiderte er. »Ich vergesse einfach alles, wenn ich mit dir rede, Rose.«
»Dann werde ich nie wieder ein Wort mit dir sprechen, es sei denn, du sagst mir, welche Nachricht du an das Fort geschickt hast«, schmollte das Mädchen, wohl wissend, dass die Kluft zwischen ihnen damit überbrückt war.
»Ach, das war eigentlich nichts Besonderes. Ich habe dem Oberst nur ausgerichtet, dass ich zurückkommen würde, um das Versprechen einzulösen, das ich Barney in der Nacht seines Todes gegeben habe. Und ich habe hinzugefügt, dass ich noch zwei seiner Männer neben dem Boten bei mir habe – die hielte ich fest, damit er sich benehme. Oh ja, und ich habe ihm gesagt, wenn er mir nicht in einer Woche ab heute einen Geleitbrief für dich ausstellt und ihn beim alten Quint hinterlegt, würde ich herunterreiten und sein altes Fort niederbrennen.«
Bei dem Gedanken daran, welche Wirkung eine solche Nachricht von dem Mann, wegen dem seine Truppen die Badlands durchkämmten, auf ihren cholerischen Oberst haben würde, vergaßen die Pfadfinder die brenzlige Lage ihrer eigenen Position.
»Aber der alte Truthahn wird darauf nicht eingehen!«, rief Rose aus, sichtlich in der Hoffnung, widerlegt zu werden.
»N-nein, vermutlich nicht«, gab der Gesetzlose widerstrebend zu. »Aber es wird ihnen ein Ansporn sein, die Ohren spitzen zu lassen. Es zeigt ihnen, dass es keine Kleinigkeit wird, mich zu fassen, wenn ich einfach durch ihre Linien reiten, beim alten Quint vorbeischauen und wieder verschwinden kann.«
»Kein vernünftiger Mensch würde so etwas versuchen«, grummelte Pedro. »Was würde aus Rose und mir werden, wenn sie dich schnappen? Du solltest auch an andere denken als nur an dich selbst, wenn du solche halsbrecherischen Überfälle planst.«
»Genau das tue ich doch!«, entgegnete Rogers scharf. »Habe ich dir nicht gesagt, dass ich den Oberst um einen Geleitbrief für Rose gebeten habe? Wenn ich den erst einmal habe, kann sie nach Old Mexiko reisen, und du kannst hingehen, wo immer du willst.«
»Und wo wirst du hingehen?«, fragte Pedro misstrauisch.
»Ich? Oh, ich werde einfach mein Versprechen einlösen und dann aus gesundheitlichen Gründen verreisen.«
Die selbstverständliche Art, mit der der Gesetzlose – der selbst, während er sprach, von hunderten Männern gejagt wurde – davon redete, seinen Verfolgern zu entwischen und sein Versprechen zu halten, nötigte den Pfadfindern unwillkürlich Bewunderung ab, während seine Verachtung für die Armee sie gleichzeitig wurmte.
Das Mädchen nahm Reds Worte jedoch in Schweigen auf.
»Welches Versprechen hast du Vater gegeben?«, fragte sie plötzlich.
»Das geht dich nichts an, Rose.«
»Aber es geht mich sehr wohl etwas an! Ich sehe nicht ein, warum du nur wegen eines Versprechens das Risiko eingehen solltest, gefasst zu werden, wo du doch jetzt in Sicherheit bist. Bitte sag mir, was es ist. Ich bin Barneys Tochter – und wenn es unsinnig erscheint, kann ich dich von deinem Versprechen entbinden.«
Obwohl sie wussten, dass der Gesetzlose seinem Kumpel auf dem Sterbebett in seinen Armen irgendein Versprechen gegeben hatte, kannten weder Rose noch Pedro dessen genauen Inhalt. Zudem hatte die ständige Erwähnung seit ihrer Gefangennahme auch die Neugier der Pfadfinder geweckt.
Dementsprechend gespannt lauschten die vier der Antwort des Banditen.
»Das ist wirklich sehr großzügig von dir, Rose«, erklärte er schließlich. »Aber Red Rogers hat noch nie ein Versprechen gebrochen!«
Mit diesen Worten stieg der Gesetzlose auf sein Pferd und machte sich, gefolgt von Pedro und den Gefangenen, auf den Weg zum alten Palisadenfort.
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