Aus den Geheimakten des Welt-Detektivs – Band 13 – 3. Kapitel
Aus den Geheimakten des Weltdetektivs
Band 13
Das Spitzenkleid der Königin
3. Kapitel
Ein Spitzensammler
Die Insel Wight, auf welcher sich das alte Schloss, der Stammsitz des Geschlechts Lord Harald Dumbarton, erhob, ist durch die Meerenge Solent und Spithead vom englischen Festlande getrennt und liegt etwa sechs Kilometer weit vom Lande entfernt. Eine Kette von Kreidehügeln durchzieht die Mitte der Insel vom Culver Cliff im Osten bis zu den zackigen, von den Meereswogen zernagten Needles im Westen. Eine zweite hohe Hügelreihe liegt im Süden der Insel und bildet hier eine hohe malerische Steilküste. Dieser südliche, durch Felsenmauern begrenzte Teil der Insel ist es, welcher durch sein gesundes Klima weit und breit bekannt geworden ist. Myrten, Fuchsien, Verbenen und andere exotische Pflanzen gedeihen hier im Freien. Daher haben denn auch die reichen Engländer hier ihre Landhäuser aufgebaut, denn nirgends konnten sie den heißen Sommer angenehmer und gesünder verbringen als hier am Strand des Meeres, gegen die rauen Winde durch die gewaltigen Kreidefelsen geschützt, die gewissermaßen in ihrem Rücken eine sichere Mauer bildeten. Hier hat auch die Königin Viktoria von England, unter deren Regierung unsere Geschichte spielt, ihren herrlichen, weltberühmten Sommerpalast errichtet. Hier verlebte sie ihre schönsten und glücklichsten Tage an der Seite ihres geliebten Prinzgemahls. Schloss Dumbarton lag jedoch nicht in diesem Teil der Insel, aber auch nicht ganz in dem unwirtlichen Norden derselben, sondern ungefähr dort, wo der Übergang der herrlichen Vegetation zu dem raueren Klima war. Am Fuße einer gewaltigen Felsenmauer baute sich das Schloss auf, und es war ohne Zweifel eines der ältesten, aber auch stolzesten Gebäude der Insel.
Von den Fenstern des Schlosses Dumbarton konnte man das weite Meer überblicken, aber auf der anderen Seite des Schlosses erhob sich ein stolzer Eichenwald, der übrigens einen der spärlichen Überreste der Wälder bildete, welche die Insel Wight einst besaß, die aber jetzt größtenteils schon gelichtet sind.
Jenseits dieses Parkes, bis hart an die Küste herangehend, erhob sich damals eine Anzahl kleiner Hütten. Sie wurden von Fischern bewohnt oder von Leuten, welche ihren Unterhalt aus den Arbeiten zogen, die sie für die Vornehmen und Reichen auf der Insel verrichteten. Diese Häuser bildeten das Dorf Dumbarton.
Vor dem Wirtshaus des Dorfes, einem armselig aussehenden kleinen Haus, waren soeben zwei Reisende angekommen, die mit einem kleinen Dampfer auf Wight gelandet waren. Es war ein vornehm aussehender Kavalier mit seinem Diener.
»Ich bin der belgische Graf Löwen«, wandte sich der Kavalier an den dienstfertig herbeieilenden Wirt, »und ich gedenke mich nur einige Tage auf der Insel Wight aufzuhalten. Kann ich denn in Ihrem Wirtshaus für mich und meinen Diener Zimmer bekommen?«
»Ganz gewiss«, antwortete der Wirt, »vorausgesetzt, dass Eure Gnaden mit den einfachen Räumen meines Hauses vorlieb nehmen wollen.«
»Baptist!«, rief der Graf zu seinem Diener gewendet, der noch ein ziemlich junger, aber hübscher, aufgeweckter Bursche war, dem die dunkelblaue Livree mit den silbernen Knöpfen sowie Aufschlägen ausgezeichnet stand, »bringe meine Koffer in das Haus, und dann mache dich sogleich auf den Weg.«
Graf Löwen folgte dem voranschreitenden Wirt, der dem vornehmen Gast sein bestes Zimmer eingeräumt hatte und auf dessen Wunsch sein junger Diener dicht neben ihm einquartiert wurde.
Dann wiederholte der Graf vor dem Wirt nochmals: »Baptist! Überbringe jetzt meine Karte – der Herr Wirt wird dir den Weg nach Schloss Dumbarton beschreiben.«
»Sie wollen nach Schloss Dumbarton hinübergehen?«, fragte der Wirt den jungen Diener, als er sich mit ihm wieder auf der Treppe befand, »nun, das ist nicht sehr weit von hier, höchstens fünf Minuten.«
Und dann, mit dem Diener unter die Haustür tretend, fuhr er fort: »Sehen Sie den Eichenpark dort drüben – durch den gehen Sie, und Sie treffen dann gerade auf das Schloss. Der Herr Graf ist wohl mit unserem Schlossherrn Lord Harald Dumbarton bekannt?«
»Das glaube ich nicht«, versetzte Baptist, »aber er will jedenfalls mit ihm bekannt werden, und ich soll nun den Herrn Grafen gewissermaßen anmelden.«
»Nun, wenn Sie nur das Glück haben«, meinte der Wirt kopfschüttelnd, »für gewöhnlich empfängt Seine Herrlichkeit, der Lord, keine Besuche, aber bei dem Herrn Grafen macht er vielleicht eine Ausnahme. Also Glück auf den Weg.«
Zwei Minuten später war der junge Diener im Eichenwald verschwunden, und nach einer Viertelstunde kehrte er wieder in das Dorfwirtshaus zurück.
»Du brauchst nicht allzu leise zu sprechen«, flüsterte Graf Löwen seinem jungen Diener zu, nachdem dieser die Tür des Zimmers hinter sich geschlossen hatte. »Ich habe die Wände genau untersucht – sie sind massiv. Also hast du ihm meinen Brief überreicht?«
»Ja, Sir. Er hat ihn mit großem Erstaunen gelesen und ist offenbar in nicht geringe Verlegenheit geraten. Er schien nicht zu wissen, was er mir für eine Antwort auf den Weg geben solle. Endlich sagte er zu mir: ›Der Besuch des Herrn Grafen wird mir angenehm sein.‹«
»Dann machen wir uns auf den Weg«, entgegnete Graf Löwen. »Du begleitest mich, Harry, und während ich nun oben mit dem Lord spreche, versuchst du, dich ein wenig mit der Dienerschaft des Schlosses anzufreunden, denn das trägt immer gute Früchte.«
Wenige Minuten später verließen Herr und Diener das Haus. Durch den herrlichen Eichenwald gelangten sie schon nach kurzer Zeit zum Schloss.
Der alte Kammerdiener des Lords wusste offenbar von seinem Herrn schon, dass er einen Besuch erhalten würde, denn er führte den Grafen sofort über die breite Eichentreppe hinauf in das obere Stockwerk und ließ ihn in ein altertümlich eingerichtetes Gemach eintreten, während Baptist unten in der großen Halle verblieb.
Graf Löwen brauchte nicht lange zu warten. Denn schon öffnete sich die Tür, und Lord Harald Dumbarton trat in das Zimmer.
»Ich heiße Sie auf Schloss Dumbarton willkommen, Herr Graf«, sagte Lord Harald, indem er sich verneigte, »aber Sie sehen mich einigermaßen erstaunt über den Besuch, dessen Grund ich mir leider nicht erklären kann.«
»Gestatten Sie vor allen Dingen, dass ich mich bei Ihnen mit meinem ganzen Namen vorstelle«, versetzte der blondbärtige Fremde. »Ich heiße Graf Maximilian Löwen. Meine Besitzungen liegen in Belgien, ich selbst wohne aber gewöhnlich in Brüssel. Und der Grund meines Besuches wird Ihnen sofort klar werden, wenn ich Ihnen sagen werde, dass ich ein leidenschaftlicher Sammler von alten Spitzen bin.«
Lord Harald trat einen Schritt zurück, dann deutete er auf einen Sessel und sagte: »Bitte, nehmen Sie Platz, Herr Graf, und sagen Sie mir, inwiefern Sie mich mit Ihrer Neigung für alte Spitzen in Verbindung bringen?«
»Ja, sind Sie denn nicht der Besitzer des kostbarsten Schatzes, den die Geschichte der Spitzenindustrie kennt?«, hinterfragte Graf Löwen. »Ist es denn nicht jedem, der sich mit diesem Gegenstand schon einmal beschäftigt hat, klar, dass es nichts Wertvolleres auf der ganzen Welt gibt als das Spitzenkleid der unglücklichsten Königin Maria Stuart, und ist denn dasselbe nicht Ihr Eigentum?«
Lord Harald geriet in eine nervöse Erregung, unruhig rückte er auf seinem Sessel hin und her, und man sah ihm deutlich an, dass er am liebsten das ganze Gespräch abgebrochen hätte.
Aber Graf Löwen fuhr ruhig fort: »Es ist mein heißester Wunsch, dieses kostbare Kleinod wenigstens einmal zu sehen. Ich wage nicht daran zu denken, es Ihnen abzukaufen, denn Sie werden sich doch schwerlich davon trennen wollen. Aber andererseits werden Sie mir gewiss den Wunsch nicht versagen, das Spitzenkleid der Königin mir anzusehen.«
»Ich hoffe, Sie werden mir nicht zürnen, Herr Graf«, gab nun Lord Harald mit unsicherer Stimme zur Antwort, »wenn ich Ihnen Ihre Bitte rundweg abschlage. Ich bin leider gezwungen dazu, denn … denn das Spitzenkleid der Königin befindet sich an einem Ort, den Sie nicht betreten können.«
Und als Graf Löwen seine Blicke forschend und verwundert auf Lord Harald richtete, fuhr dieser in gesteigerter Verlegenheit fort: »Es ist eine traurige Angelegenheit, die ich jetzt berühren muss, um Ihnen die volle Wahrheit zu sagen. Wohl besaß ich das Spitzenkleid der unglücklichen Königin Maria Stuart, aber … aber diese unvergleichliche, kostbare Reliquie war auch meiner verstorbenen Gattin lieb und teuer. Und als mir der unerbittliche Tod meine geliebte Frau entriss, da entschloss ich mich, sie in diesem Spitzenkleid begraben zu lassen. Und Sie werden begreifen, Herr Graf, dass wir die Pietät gegen die Tote verletzen würden, wollten wir versuchen, in die Gruft meiner verstorbenen Gemahlin einzudringen, wollten wir den an Wahnsinn grenzenden Gedanken hegen, den Sarg meiner geliebten Frau zu öffnen, nur um die allerdings berechtigte Neugierde eines passionierten Sammlers von alten Spitzen zu befriedigen.«
Nun schien Graf Löwen in einige Verlegenheit zu geraten. Er drehte die Spitze seines blonden Schnurrbartes auf, und nachdem er eine Minute lang geschwiegen hatte, sagte er: »Sie waren mir gegenüber aufrichtig, Mylord, gestatten Sie nun, dass ich es Ihnen vis-à-vis auch bin. Was Sie mir da soeben gesagt haben, wusste ich bereits. Denen, welche Spitzenkultur treiben, wenn ich mich fachmännisch ausdrücken soll, ist es längst bekannt, dass Sie Ihrer verstorbenen Gemahlin dieses kostbare Gewand ins Grab mitgegeben haben. Wer würde Sie denn darum tadeln, Mylord – was Sie getan haben, ist zu begreifen und Ihnen nachzufühlen, aber – ich muss Ihnen eine seltsame Entdeckung machen.«
Lord Harald hielt den forschenden Blick, den der Graf auf ihn richtete, nicht aus. Er schlug jetzt die Augen nieder.
»Dieses kostbare Spitzenkleid der Maria Stuart«, fuhr Graf Löwen mit erhobener Stimme fort, »befindet sich offenbar nicht mehr in dem Sarg, in welchem die Lady Maria Dumbarton ruht, denn – das Spitzenkleid wurde in der letzten Zeit gesehen.«
Die Blässe auf dem Antlitz Lord Haralds vertiefte sich. »Gesehen?«, stieß er mit erregter Stimme hervor. »Das kann nur auf einem Irrtum beruhen – oder es handelt sich hier um eine Fälschung, um eine geschickte Nachahmung des Spitzenkleides.«
»Von einer Fälschung, Mylord«, sagte Graf Löwen mit fester Bestimmtheit, »kann keine Rede sein. Ich selbst habe das Kleid gesehen – es war das Original. Und der Gedanke, Mylord, dass ein heiliges Kleinod in unwürdige Hände gefallen sein könnte, hat mich veranlasst, die weite Reise von Brüssel bis auf die Insel Wight zu unternehmen. Denn ich musste mir darüber Gewissheit verschaffen, ob die Veräußerung dieser Reliquie mit Ihrem Wissen und Willen geschehen sei. Oder ob hier vielleicht ein Verbrechen, ein Bubenstück vorliegt?«
»O, ich bin fest davon überzeugt, dass Sie, Mylord, niemals die Einwilligung gegeben haben würden, da das Spitzenkleid der Königin, das schon seit Jahrhunderten sich im Besitz Ihrer Familie befindet.«
»Halten Sie ein, Herr Graf«, unterbrach Harald mit fester, hochmütiger Stimme den Sprechenden. »Sie befinden sich in einem Irrtum. Das Spitzenkleid der Königin ist mit meinem Willen in andere Hände übergegangen. Und ob diese Hände unwürdig genannt werden dürfen, das müssen Sie meiner Beurteilung überlassen, Herr Graf, und ich weise Ihre Bemerkung zurück!«
Graf Löwen erhob sich. »Wenn die Sache so liegt«, sagte er, sich stolz verneigend, »habe ich hier nichts mehr zu tun – Mylord, verzeihen Sie mir, dass ich Ihre kostbare Zeit in Anspruch genommen habe. Ich gebe Ihnen die Versicherung, dass die Angelegenheit für mich vollkommen abgetan ist, und ich danke Ihnen für Ihre Auskunft.«
»Herr Graf, ich empfehle mich Ihnen.«
»Mylord – leben Sie wohl.«
Mit eisiger Kälte wurden diese letzten Worte zwischen den beiden Männern gewechselt. Dann zog Graf Löwen sich zurück und öffnete eine Tür, die ins Vorgemach führte.
Im selben Moment blieb er aber betroffen stehen; dann aber verneigte er sich grüßend und ließ eine Frau von wunderbarer Schönheit, die für ihn nur ein stolzes Neigen des Hauptes hatte, an sich vorüberrauschen. Aber als Graf Löwen nun langsam über die teppichbelegte Treppe schritt, da murmelte er vor sich hin: »Er hat meinen Angriff abgeschlagen – ohne es zu wissen und zu ahnen, arbeitet er gegen sich selbst. Ich wollte ihn bewegen, mit mir gemeinsam die Totengruft seiner Ahnen zu betreten und den Sarg seiner verstorbenen Gattin zu öffnen, dann hätte sich der Unglückliche davon überzeugt, dass das Spitzenkleid gestohlen ist.
Diese schöne Dame, die da so hoheitsvoll an mir vorübergeschwebt ist, war natürlich keine andere als – Cora Dessalines, die schöne Chansonettensängerin aus Piccadillys Music-Hall. Sie hat sich bereits hier im Schloss eingenistet und spielt, wie es scheint, schon die Herrin. Nun, ich werde sie im Auge behalten, und was die Gewissheit anbelangt, ob das Spitzenkleid geraubt ist oder nicht, ob frevelhafte Hände die letzte Ruhestätte der armen Lady Maria erbrochen haben – die werde ich mir schon allein verschaffen – komm, Baptist.«
Die letzten Worte des angeblichen Grafen Löwen galten seinem jungen Diener. Nun schritt er mit ihm aus dem Schloss wieder ins Freie hinaus. Solange sie noch von den Fenstern des Schlosses aus beobachtet werden konnten, wechselten Graf und Diener kein Wort. Aber sobald sie hinter den Bäumen der Eichenwaldung verschwunden waren, rief Graf Löwen mit leiser Stimme: »Komm jetzt an meine Seite, Harry, ich hoffe, du hast deine Zeit nicht unbenutzt gelassen? Hast du etwas von den Dienern erfahren?«
»Eine ziemlich spärliche Ausbeute, Mr. Holmes«, antwortete Harry Taron, denn er war Baptist, ebenso wie unter der Maske des Grafen Löwen sich der berühmte Detektiv verbarg. »Vor allen Dingen, was den Kammerdiener anbelangt, so ist er ein alter Murrkopf, der die Zähne kaum auseinanderbringen kann. Trotzdem hat er mir wider seinen Willen etwas verraten, nämlich, dass die Zimmer der Cora Dessalines sich im linken Flügel des Schlosses befinden und dass sie durch ihren Hochmut und ihre Aufgeblasenheit schon alle Diener gegen sich aufgebracht hat. Ferner weiß ich, dass Miss Violet eine heftige Abneigung gegen diese Person empfindet, worüber Lord Harald höchst unglücklich ist. Und doch bemüht sich die Chansonettensängerin, das kleine Fräulein durch Schmeicheleien zu umgarnen.«
»Violet hat den Instinkt der Unschuld«, antwortete Sherlock Holmes. »Doch weiter – hast du vielleicht sonst eine Bekanntschaft gemacht?«
»Ja, Meister! Zum Glück entfernte sich nämlich der alte Murrkopf bald, weil im oberen Stock heftig geläutet wurde. Da murmelte er die ganze Geschichte, die ich Euch erzählt habe, vor sich hin und schloss mit einem derben Fluch auf die Fremde. Dann war ich zwei Minuten allein in der Halle, bis plötzlich ein reizendes rothaariges Mädchen erschien – eine Irländerin, eine für Mademoiselle Cora engagierte Zofe.«
»Zofen sind immer gute Auskunftsbüros«, meinte Holmes, »was hast du denn von ihr erfahren?«
»Ich habe mich ein wenig an sie herangemacht«, versetzte Harry Taron, »und habe sie durchblicken lassen, dass ich nicht abgeneigt sei, mit ihr für die nächste Zeit ein kleines Liebesverhältnis anzubandeln, da mein Herr Graf Löwen sich wahrscheinlich längere Zeit auf der Insel Wight aufhalten würde. Sie nahm meine Erklärung ziemlich freudig entgegen, denn sie scheint sich auf Schloss Dumbarton verdammt zu langweilen. Ich fragte sie, wie es ihr gefiele, und sie antwortete mir: ›Wie kann es denn einem achtzehnjährigen Mädchen in einem alten Mauerkasten gefallen, in dem es nur zwei Männer gibt, den Lord, der immer verweinte Augen hat, und einen alten Brummbär, von dem kein gerades Wort zu hören ist.‹
›Aber der Kutscher, der Reitknecht?‹, fragte ich.
›Ach, die übrige Dienerschaft wohnt ja in einem kleinen Gebäude, das vom Schloss etwa fünfzig Schritt entfernt ist.‹
›Und wie sind Sie denn mit Ihrer neuen Herrin zufrieden? Entschädigt Sie diese wenigstens durch Güte und Freigebigkeit für diesen so wenig lustigen Posten?‹
›Oh, mit Cora Dessalines werde ich mich schon verständigen!‹, versetzte das Kammermädchen. ›Und wenn wir erst Lady Cora sind, dann wird sich wohl manches hier machen lassen.‹
›Der Lord ist wohl in die schöne Dame sehr verliebt?‹, fragte ich nun.
›Ja, daraus bin ich noch nicht klug geworden‹, versetzte Emmy. ›Ich habe noch nicht ein einziges Mal gesehen, dass er sie geküsst hätte. Können Sie sich wohl so etwas vorstellen?‹
›Ich?‹, antwortete ich ihr, ›unmöglich – ich muss küssen, wenn ich ein schönes Frauenzimmer sehe!‹
Damit nahm ich sie um die Taille, und, Meister Holmes, ich habe mich im Interesse unseres Geschäftes überwunden und ihr einen Kuss auf die Lippen gedrückt.«
»Na, na, wird dir nicht so schwer geworden sein!«, frotzelte Sherlock Holmes. »Aber hoffentlich hat dir der Kuss das Sesam ihrer Geheimnisse erst recht erschlossen.«
»Das will ich meinen. Jetzt sprudelte es von ihren Lippen wie ein frischer Quell. Sie teilte mir im Vertrauen mit, dass es um die Garderobe der Französin sehr schlecht auszusehen hätte, aber der Lord habe ihr aus London die schönsten Kleider bringen lassen, die man sich nur vorstellen kann. Auch mit kostbarem Schmuck hat er die Französin beschenkt. Trotzdem sei sie, Emmy, fest davon überzeugt, dass die Französin den Lord nicht im Mindesten liebe. Ja – nun kommt die Hauptsache, Mr. Holmes – aufgepasst – jetzt haben wir sie – die Zofe behauptet nämlich …« Harry Taron ließ seine Stimme zu einem leisen Flüstern sinken, sodass er absolut nur von Holmes verstanden werden konnte. »Sie behauptet nämlich, die Französin müsse sich aus London einen Liebhaber mitgebracht haben, denn sie sei schon in zwei Nächten heimlich im Wald gewesen – in diesem Park, in dem wir uns gegenwärtig befinden.«
War es ein Wunder, dass nach dieser Mitteilung die Finger Sherlock Holmes’ plötzlich sehr vergnügt zu knacken begannen und dass das magere Gesicht des Detektivs sich in freudige Falten legte?
»Die Zofe hat ihre Herrin also dabei beobachtet?«
»Das wohl nicht, aber sie behauptet mit Bestimmtheit, dass Cora Dessalines sich in der Nacht heimlich aus dem Schloss weggestohlen hätte und in den Park gewandert sei. Dort sei sie eine Stunde lang geblieben und ebenso heimlich wieder in die Gemächer zurückgekehrt.«
»Du hast deine Sache jedenfalls ausgezeichnet gemacht, Harry, ich danke dir!«, lobte Holmes. »Und ich sage dir, mein Junge, wenn ich – still – Menschen – zwei Personen.«
Auf dem einsamen Pfad, der den Park von Dumbarton durchlief, tauchten in diesem Moment zwei Menschen auf. Es war eine bürgerlich gekleidete Frau mit graumeliertem Haar, an ihrer Seite schritt ein hochgewachsener Mann von etwa 25 Jahren. Sherlock Holmes genügte ein einziger Blick, um zu konstatieren, dass das Gesicht dieses Menschen im höchsten Grade unangenehm sei und lasterhafte Neigungen verriet. Und dass der rote Schnurrbart mit den aufgedrehten Spitzen diesem Antlitz einen noch stärkeren Ausdruck von Frechheit gab.
Trotzdem grüßte Sherlock Holmes sehr höflich, als er an der Dame und dem Herrn vorbeiging. Der Gruß wurde erwidert. Dann bogen die beiden Personen ab und verschwanden auf einem Seitenpfad.
»Die sind mit im Spiel«, sagte Mr. Holmes mit leiser Stimme zu Harry Taron. »Ich habe richtig vermutet – es handelt sich um eine ganze Verbrecherbande. Harry, heute Nacht wird es zu tun geben.«
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