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Das Geheimnis zweier Ozeane – Erster Teil – Kapitel 5.1.

Grigori B. Adamow
Das Geheimnis zweier Ozeane
Ein wissenschaftlich-phantastischer Roman
Originaltitel: Тайна двух океанов
Erster Teil
Ein außergewöhnliches Schiff
Kapitel 5.1
Kursänderung

Das Unterseeboot war ein Kriegsschiff. Die Feinde der Sowjetunion hatten wiederholt versucht, an die Baupläne des geheimnisvollen U-Bootes zu gelangen, sowie Materialien und Konstruktionsberechnungen an sich zu reißen. Rund um das Werk, in dem der Bau stattfand, strichen Tag und Nacht Spione umher. Zwei verantwortliche Mitarbeiter des Werkes, bei denen man offensichtlich vermutet hatte, Dokumente über das U-Boot in deren Wohnungen erbeuten zu können, waren ermordet aufgefunden worden. Man spürte die Spione auf, warf sie ins Gefängnis, und einige wurden wegen Mordes erschossen. Doch ihre Zahl nahm nicht ab, und ihre Unverschämtheit wuchs, je näher der Termin der Fertigstellung rückte.

Dennoch blieb alles vergeblich. Der Bau des Unterseebootes unter der Leitung seines Konstrukteurs Michail Krepin wurde erfolgreich abgeschlossen. Unter strengster Geheimhaltung lief das Boot vom Stapel, wurde mit neuartigen, völlig ungewöhnlichen Verteidigungs- und Angriffswaffen ausgerüstet, in der seichten Ostsee erprobt und auf seine erste weite Fahrt geschickt – nach Wladiwostok.

Genau dort, so deuteten es alle der sowjetischen Regierung bekannt gewordenen Tatsachen und Materialien unmissverständlich an, drohte in wenigen Monaten ein lang vorbereitetes Gewitter loszubrechen. Ein alter Feind, der beharrlich und unermüdlich nach der Vorherrschaft auf dem asiatischen Kontinent strebte, ließ von seinen Eroberungsplänen bezüglich des sowjetischen Primorje-Gebietes nicht ab. Diese blühende Region reizte seinen Appetit. Die kaiserliche Clique und das Militär bereiteten einen Schlag gegen die Sowjetunion vor und hofften dabei auf Hilfe aus dem Westen. Sie kannten die ganze Gefahr, das ganze Risiko dieses ihres neuen Abenteuers. Sie kannten die Macht des Sowjetlandes, das in die Rüstung der neuesten Errungenschaften aus Wissenschaft und Technik geschmiedet war; sie kannten die furchterregende Kraft seiner Armee und seiner Flotte. Doch der Durst nach neuen Eroberungen, die Angst vor der herannahenden Revolution im eigenen Land und der blinde Hass auf das Land des Sozialismus trieben sie in den Abgrund eines Krieges mit der mächtigen sozialistischen Großmacht.

Ruhig und wachsam beobachteten die Partei und die Regierung der Sowjetunion ihren Nachbarn. Sie wussten, dass am vierundzwanzigsten August, dem Geburtstag des Kaisers, Entscheidungen erwartet wurden, von denen das friedliche Leben von Millionen Werktätigen abhing.

Genau am Vorabend dieses entscheidenden Tages, dem dreiundzwanzigsten August, sollte das U-Boot PIONIER an den fernöstlichen Küsten der Union auftauchen und dem Aggressor zeigen, dass die sowjetischen Grenzen unüberwindlich waren. Das unerwartete Erscheinen eines neuen, mächtigen Unterseebootes sollte im letzten Moment die Karten des kaiserlichen Generalstabs mischen und all seine Pläne durchkreuzen.

Diese geschichtlich erste freie Fahrt in den bis dahin unzugänglichen Tiefen der Ozeane sollte auch der sowjetischen Wissenschaft dienen – der ersten weltweit –, um all das Geheimnisvolle aufzuklären, das sich in diesen Tiefen verbarg und das bis dahin endlose Streitigkeiten unter den Wissenschaftlern aller Länder hervorgerufen hatte. Zu diesem Zweck wurde dem U-Boot eine Gruppe wissenschaftlicher Mitarbeiter unter der Leitung des bekannten sowjetischen Zoologen Arsen Lordkipanidse zugeteilt. Sie sollten auf dem Kurs des U-Bootes, beginnend bei der Ostsee, über den Atlantischen Ozean, durch die Straße von Gibraltar, das Mittelmeer, den Suezkanal – dessen Tiefe zu dieser Zeit bereits auf dreißig Meter gebracht worden war –, durch den Indischen Ozean, das Chinesische Meer und bis hin zum Japanischen Meer, gründlich Probleme erforschen wie die Entstehung und den Verlauf von Tiefenströmungen, die Fauna großer Tiefen, das Relief des Meeres- und Ozeanbodens sowie die physischen und chemischen Prozesse in diesen Regionen. Und auch hier strebte das Sowjetland wie immer danach, dass die Mittel der Verteidigung und der Wirtschaft gleichzeitig der Wissenschaft dienten – zur Erweiterung der Macht des Menschen über die Natur.

Das U-Boot lief auf sein Ziel zu, wobei es sich in einer Tiefe von nicht weniger als zweihundert Metern hielt und versuchte, nicht an der Oberfläche zu erscheinen. Seine Fahrt musste für die ganze Welt ein Geheimnis bleiben, ein Geheimnis, verborgen und behütet von den Tiefen der Ozeane, durch die es sich seinen Weg bahnte. Dies waren die Instruktionen des Obersten Marinekommandos, nach denen sich Kapitän Woronzow richtete. Von diesen Instruktionen abzuweichen, war ihm nach eigenem Ermessen nur in den äußersten Notfällen gestattet.

Nachdem das U-Boot das Seenotsignal der sinkenden DIOGENES aufgefangen hatte, erschien es gleichzeitig mit den übrigen dorthin eilenden Schiffen am Katastrophenort, obwohl es von der DIOGENES durch eine mehrfach größere Entfernung getrennt gewesen war. Es hielt sich in einer Tiefe von etwa zweihundert Metern, verfolgte den gesamten Funkverkehr der DIOGENES und ihrer Retter, begleitete das sinkende Schiff dann bis in eine Tiefe von einem Kilometer und sah, wie die in vielen seiner Schotts angesammelte Luft unter dem Wasserdruck von einhundert Atmosphären das Schiff in mehrere Teile zerriss, die daraufhin rasch auf den Grund sanken.

Noch vor dem Namensaufruf der Geretteten wusste das U-Boot vom Tod zweier Menschen – eines Matrosen und einer Frau, die beim Zusammenstoß des Schiffes mit dem Eisberg ins Meer gestürzt waren. Ihre Körper, die langsam zum Grund sanken, hatte das U-Boot gesehen, als es in der Tiefe um die DIOGENES kreiste. Doch die Leiche des dritten Vermissten, des sowjetischen Jungen Pawel Bunjak, konnte das U-Boot trotz gründlicher und unermüdlicher Suche nicht finden. Nachdem die DIOGENES von den Wellen verschlungen worden war, kreuzte der Infrarot-Aufklärer des U-Bootes, der per Funk gesteuert wurde, noch lange über der Wasseroberfläche in allen Richtungen und stieß in große Tiefen vor, entdeckte den Körper des Jungen jedoch nicht. Da erklärte der Oberbootsmann der Taucher, Andrei Skworeschnja, gegenüber Kapitän Woronzow, dem Kommandanten des U-Bootes, seiner festen Überzeugung nach befinde sich der Junge oder dessen Leiche höchstwahrscheinlich auf einem der großen Wrackteile, die am Ort des Untergangs trieben. Skworeschnja wurde vom Leiter des wissenschaftlichen Teils des U-Bootes, Professor Lordkipanidse, dem Oberleutnant Bogrow und dem Funker Pletnjow unterstützt.

War das Schicksal, das Leben oder der Tod eines sowjetischen Jungen jener äußerste Notfall, den die Instruktion des Oberbefehlshabers vorsah?

Nach kurzem Zögern traf der Gefechtskommandant die Entscheidung, die ihm seine sowjetischen Gefühle eingaben: heiße Liebe zu den Menschen und ständige Sorge um sie. Bevor er jedoch den Knopf zum Auftauchen auf dem Pult des zentralen Gefechtsstands drückte, sicherte Kapitän Woronzow das Schiff mit allen ihm zur Verfügung stehenden Maßnahmen ab. Der Infrarot-Aufklärer stieß erneut aus der Bordwand des U-Bootes hervor und begann, es in Spiralen zur Oberfläche aufsteigend zu umkreisen, schnellte in die Luft und übertrug ununterbrochen Bilder aller ihm auf dem Weg begegnenden Gegenstände auf den Bildschirm des zentralen Gefechtsstands – Wrackteile, Fische, Algen und selbst transparente Quallen. Alles sprach von der völligen Verlassenheit des Ozeans und des Himmels, von Ruhe und Sicherheit. Und erst dann zeigte sich die PIONIER an der Oberfläche des Ozeans …

Noch arbeiteten die pneumatischen Hebel, die den unteren Lukendeckel in seine Verankerung pressten, da tauchte das U-Boot, nachdem es die Rettung des Jungen abgeschlossen hatte, bereits wieder rasant in die ruhigen, sicheren Tiefen ab und ging auf Kurs. In der Lazarettabteilung beugte sich der Zoologe und Arzt des U-Bootes, Arsen Dawidowitsch Lordkipanidse, über den Körper des totenblassen, lebenslosen Pawlik.

Pawliks Glück bestand darin, dass der Oberfunker Pletnjow das verschlüsselte Radiogramm aus Leningrad erst eine Stunde, nachdem das U-Boot den Jungen vom Eisberg geholt hatte, empfangen und an Kapitän Woronzow übergeben hatte. Genau diese Stunde rettete ihm das Leben.

Das Radiogramm stammte vom Hauptstab der Seestreitkräfte und enthielt außerordentlich wichtige Nachrichten.

Die Organe der Staatssicherheit hatten festgestellt, dass eine ausländische Macht, die an einer Schwächung der Verteidigung unserer fernöstlichen Küsten interessiert war, auf unbekannte Weise die Route der PIONIER erfahren hatte, und ihre Geheimagenten beabsichtigten, das U-Boot während seines Halts in der Straße von Gibraltar oder an einem anderen günstigen Punkt seiner Route zu vernichten. Daher befahl der Hauptstab Kapitän Woronzow, nach Wladiwostok zu laufen, ohne in der Straße von Gibraltar Station zu machen, und zwar nicht durch den Indischen Ozean, sondern um das Kap Hoorn und durch den Pazifischen Ozean. Er sollte sich während der gesamten Fahrt in großen Tiefen halten, absolute Geheimhaltung wahren und sich durch nichts verraten. Diese Änderung der Route musste auch eine Umgestaltung des wissenschaftlichen Arbeitsplans der Expedition nach sich ziehen. Der Hauptstab bestätigte jedoch, dass unter allen Umständen der Termin für das Eintreffen des U-Bootes in Wladiwostok unverändert blieb – der dreiundzwanzigste August.

Es konnte kein Zweifel darüber bestehen: Hätte Kapitän Woronzow dieses Radiogramm etwas früher erhalten, wäre er langsam vom Ort des Untergangs der »Diogenes« abgerückt, an dem sich so viele Schiffe versammelt hatten und wo der geringste Zufall die Anwesenheit der PIONIER hätte verraten können. Es ist unschwer sich vorzustellen, welches Schicksal Pawlik in diesem Fall erwartet hätte …

Der Kommandant des U-Bootes stand im Korridor und las aufmerksam das Blatt Papier mit dem entschlüsselten Radiogramm durch. Der Funker Pletnjow – klein, drahtig, mit einem dunklen, wie eine Dörrbirne zerfurchten Gesicht – stand vor dem Kommandanten. An seiner linken Hand fehlten zwei Finger – eine Erinnerung an eine lange Überwinterung auf einer der fernen Inseln der sowjetischen Arktis und an eine tragische Begegnung dort mit einer Eisbärin und zwei Jungen; übrigens tragischer für diese Bärenfamilie als für Pletnjow.

Der Funker wartete geduldig auf die Befehle des Kommandanten. Die Wände des Korridors und die von beiden Seiten in ihn mündenden Türen schimmerten unter dem sanften Licht der elektrischen Lampen matt im Lack ihrer dunkelroten Politur. Ein gemusterter Kautschukläufer zog sich über den Boden. Aus mehreren runden Luken, die in den Boden geschnitten und von einem leichten Halbkreis aus Geländern umgeben waren, brachen helle Lichtkegel hervor, und das leise, raschelnde Geräusch der arbeitenden Maschinen drang herauf.

Der Kommandant wandte Pletnjow schließlich sein besorgtes Gesicht zu: »Geben Sie bitte Anweisung, unverzüglich das Kommando-Personal des U-Bootes bei mir zu versammeln, und laden Sie den Leiter des wissenschaftlichen Teils ein. Und kommen Sie natürlich selbst auch.«

»Zu Befehl, Genosse Kommandant, das Kommando-Personal und den Leiter des wissenschaftlichen Teils zu versammeln und selbst zu kommen!«

Nach wenigen Minuten traten – durch verabredete Signale aus ihren Kabinen, Gefechtsständen und den verschiedenen Sektionen des U-Bootes gerufen – einer nach dem anderen eilends durch die Tür der Kapitänskajüte: der erste Offizier Oberleutnant Bogrow, der Chef-Elektriker Militäringenieur zweiten Ranges Kornejew, der Leiter der Akustikabteilung Leutnant Tschishow, der Leiter des wissenschaftlichen Teils Professor Lordkipanidse, der Kommissar Semin, der Oberbootsmann der Taucher Skworeschnja und schließlich Pletnjow.

Die Kajüte des Kommandanten bestand aus zwei Teilen. Der linke, durch einen Vorhang abgetrennte Teil diente als Schlafraum. Im rechten, geräumigeren Teil befand sich in der Mitte ein großer Arbeitstisch. In der Ecke auf einem kleinen Tischchen waren einige der wichtigsten Navigationsinstrumente untergebracht, die automatisch dasselbe anzeigten wie die Instrumente im zentralen Gefechtsstand. In einer anderen Ecke befand sich der Schrank des autonomen Beleuchtungsnetzes. Gleich daneben standen Schränke voller Bücher. Die Wände waren behängt mit großen Reliefkarten des Bodens des Atlantischen, Pazifischen und Indischen Ozeans. Auf kleineren Karten waren horizontale und vertikale Schnitte der Ozeane mit Linien gleicher Temperaturen, des Salzgehalts und der Dichte dargestellt, ebenso Karten der vertikalen und horizontalen Strömungen sowie der vorherrschenden Winde.

Alle hatten sich bereits auf leichten, bequemen Stühlen um den Tisch gesetzt, doch der Kapitän blickte, ohne zur Sache zu kommen, weiterhin ungeduldig zur Tür.

»Wo bleibt denn der Chefmechaniker?«, wandte er sich schließlich an Pletnjow.

»Er sagte, er kommt sofort.«

Die Tür schob sich beiseite, und in die Kajüte trat, sich unter dem Eingangs飕bogen leicht duckend, der große, breitknochige, gebückte Chefmechaniker Gorelow.

Sein großer Kopf und sein langes, mageres Gesicht mit eingefallenen Wangen waren glatt rasiert. Dies ließ die hervorstehenden, scharfen Jochbeine und die eckigen Kiefer besonders auffallen. Unter dichten Augenbrauen lagen tief verborgen schwarze, funkelnde Augen. Große Ohren standen wie Fledermausflügel von den Seiten des langen, glatten Schädels ab.

»Ich bitte um Entschuldigung, Nikolai Borissowitsch«, sprach er mit dumpfer Stimme, während er sich zu einem freien Stuhl an der Wand durchschlug. »Ich wurde auf dem Weg zu Ihnen aufgehalten.«

Der Kapitän nickte.

»Nun, Genossen, es verhält sich so«, begann er. »Ich habe soeben den Befehl des Hauptstabs erhalten. Diesem Befehl zufolge ändert sich die Route des U-Bootes erheblich. Durch Gibraltar wird es nicht laufen.«

Fortsetzung folgt …

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