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Deadwood Dick – Der schwarze Reiter der Black Hills – Kapitel 14

Deadwood Dick – Der Prinz der Straße
Oder: Der schwarze Reiter der Black Hills
Von Edward L. Wheeler
Kapitel 14
Triumph von kurzer Dauer

Redburn sprang von seinem Sitz auf, eilte an ihre Seite und hob sie behutsam in seine Arme.

»Die Ärmste!«, murmelte er, während sein Blick auf ihr bleiches, regungsloses Gesicht fiel. »Der Schock war zu viel für sie. Kein Wunder, dass sie in Ohnmacht gefallen ist.« Er bettete sie auf das Sofa und hielt die anderen zurück, die sich neugierig herandrängten.

»Bringt kaltes Wasser!«, befahl er. »Ich werde sie gleich wieder zu sich bringen.«

Alice beeilte sich, der Aufforderung nachzukommen. Anitas Gesicht und Hände wurden mit der kühlenden Flüssigkeit benetzt, bis sich erste Zeichen schwindenden Unbewusstseins regten.

»Nun können Sie mir die Einzelheiten des Vorfalls schildern«, sagte Redburn, erhob sich und schloss die Tür, da eine kühle Brise in die Hütte drang.

Alice entsprach seiner Bitte und erzählte, was vorgefallen war und, so genau sie sich entsinnen konnte, was gesprochen worden war. Als sie geendet hatte, blickte er eine ganze Weile nachdenklich auf Anita herab. Vieles entzog sich noch immer seinem Verständnis – ein vertracktes Rätsel, für das er keine rasche Lösung sah.

»Was denken Sie darüber, General?«, fragte er und wandte sich an den Schürfer. »Haben wir genug Beweise, um diesen scharlachroten Teufel aufzuknüpfen?«

»Kaum, Junge, kaum. Mir scheint, nach dem, was das Mädel sagt, war das ein ehrlicher Schlagabtausch für alle Beteiligten. Und da Duelle in dieser Gegend mehr oder weniger Mode sind – eher erheblich mehr als weniger –, ist es nicht rechtens, einen Kerl einfach am Hals aufzuhängen!«

»Ich weiß, dass es nach den Bräuchen hier in den Black Hills nicht üblich ist. Aber sehen Sie es doch einmal so: Dieser Kerl, von dessen tiefschwarzer Seele ich überzeugt bin, hat nicht nur dem armen Harris das Leben genommen, sondern seiner Schwester vermutlich den Todesstoß versetzt. Die Frage ist: Soll er angesichts all dieser Beweise ungestraft davonkommen?«

»Ja. Lasst ihn gehen; ich selbst werde ihn bestrafen!«

Es war Anita, die gesprochen hatte. Sie hatte sich halb auf dem Sofa aufgerichtet; ihr Gesicht war wasserüberströmt und wirkte leicht eingefallen. Ihr Haar wehte lose um Nacken und Schultern, und ihre Augen brannten mit einem wilden, fast schon animalischen Feuer.

*

»Lasst ihn gehen!«, wiederholte sie mit einer Schärfe in der Stimme, die Redburn noch nie an ihr wahrgenommen hatte. »Er wird meiner Rache nicht entkommen. Oh, mein armer, armer, toter Bruder!«

Sie warf sich zurück auf das Sofa und überließ sich einem wilden, leidenschaftlichen, unbändigen Ausbruch von Tränen und Schluchzen – dem Wehklagen eines zutiefst verwundeten Herzens. Lange Zeit weinte und schluchzte sie heftig; dann folgte eine Stille, in der sie vor Erschöpfung in einen tiefen Schlaf fiel. Redburn und Alice trugen sie daraufhin in ein Nebenzimmer, wo sie der geschickten Pflege der Letzteren überlassen wurde. Wenig später war die Hütte in tiefes Schweigen gehüllt.

Als das morgendliche Sonnenlicht am nächsten Tag in das Flower Pocket hinabblickte, fand es das Tal in reger Betriebsamkeit vor. Anita war auf den Beinen und ging ihren häuslichen Pflichten nach; sie war nun gefasst, wenn auch noch trauriger als zuvor – ein seltsamer Kontrast zur munteren, fröhlichen Alice, die wie ein buntflügeliger Schmetterling umherhuschte, umgeben von einer Aura beständigen Sonnenscheins.

Von niemandem außer ihnen selbst bemerkt, befanden sich zwei Männer im Tal der Goldminen von Flower Pocket – sie waren in geschäftlicher Mission hier, und dieses Geschäft bedeutete Blutvergießen. Sie hielten sich in den Ausläufern der Hügel an der Westseite des blühenden Paradieses verborgen, an einem Punkt, von dem aus sie unbemerkt blieben, während sie gleichzeitig alles überschauen konnten, was sich vor ihnen abspielte.

*

Wie waren sie hierhergelangt, wo doch die Hand von Deadwood Dick den einzigen gangbaren Zugang zum Tal bewachte? Die Antwort war einfach: Sie waren in der Nacht vor der Ankunft der Straßenräuber heimlich durch den Pass geschlüpft und hielten sich seither im Verborgenen.

Der eine war ein älterer Mann von korpulenter Statur, der andere ein junger, stutzerhafter Kerl – offensichtlich der Sohn des Älteren, denn sie glichen einander bis in die Gesichtszüge. Es fällt nicht schwer, in ihnen jenes erlesene Paar wiederzuerkennen, das der Gesetzlose Dick aus der Postkutsche entführt hatte, nur um sie durch den Verrat zweier eigener Bandenmitglieder wieder zu verlieren.

Beide sahen sichtlich mitgenommen aus, und der hagere, hungrige Ausdruck in ihren Mienen, als das morgendliche Sonnenlicht auf sie fiel, sprach eine deutlichere Sprache als Worte: Sie begannen die ersten Qualen des Hungertodes zu spüren.

»In diesem Tempo halten wir nicht mehr lange durch!«, rief der ältere Filmore aus, während er das Treiben im Tal beobachtete. »Ich bin so leer wie ein schlaffer Ballon, und was noch schlimmer ist: Es gibt keine Aussicht auf sofortige Rettung.«

Der jüngere Filmore stöhnte gequält auf.

»Fluch über die Black Hills und alle, die dumm genug waren, sich hier niederzulassen!«, knurrte er wütend. »Lasst mich nur erst wieder in die Zivilisation zurückkehren – du kannst deinen letzten Dollar darauf verwetten, dass ich klug genug sein werde, dort zu bleiben.«

»Bah! Diese kleine, raue Lektion wird dir guttun. Wenn wir nur ein oder zwei ordentliche Mahlzeiten und einen Korb Sherry hätten, würde ich mich ganz wie zu Hause fühlen. Nichts als die Aussicht auf eine Aufbesserung unserer Finanzen hätte mich je an diesen gottesjämmerlichen Ort gelockt. Aber Geld ist bekanntlich die Wurzel aller …«

»… Übel!«, fiel ihm der andere ins Wort. »Und nach einer dreimonatigen Luftnummer bist du genauso mittellos an besagter Wurzel wie zu Beginn.«

»Wahr, aber wir haben zumindest einen der Sträucher entdeckt, an dessen Grund diese Wurzel wächst.«

»Du meinst Deadwood Dick?«

»Allerdings. Er ist hier im Tal, und er darf es niemals lebend verlassen. Solange wir die Gelegenheit haben, müssen wir den Schlag führen, der seine Zunge für immer verstummen lässt.«

»Schon gut, aber was ist mit dem Mädchen? Sie wird uns genauso im Weg stehen, wenn nicht sogar noch viel mehr.«

»Mit ihr werden wir schon fertig, wenn die Zeit reif ist. Jetzt ist Dick unser Freiwild.«

»Er könnte sich als eine Nummer zu groß erweisen. Aber wo wir gerade die ungelegten Eier zählen: Wie viel vom Ertrag soll mir gehören, wenn dieser Junge und das Mädchen erledigt sind?«, erkundigte er sich.

»Wie viel? Nun, das hängt von den Umständen ab. Das Mädchen könnte an dich fallen.«

»Das Mädchen? Bah! Da verzichte ich lieber.«

*

Der Tag verging ohne Zwischenfälle in den Minen. Die Arbeit schritt stetig voran, und der Klang des Erzbrechers lieferte eine seltsame Musik, die von den Bergechos spöttisch widerhallte.

Gelegentlich verkündete das Knallen eines Gewehrs, dass entweder ein Straßenräuber oder ein Ute-Mineur einen Schuss auf ein Bergschaf, einen Vogel oder einen Hirsch gewagt hatte. Meist war ihr Ziel von Erfolg gekrönt, wenngleich es ihnen manchmal misslang, die erlegte Beute auch zu bergen.

Redburn hatte aufgrund seines klaren Verstandes und seines geschäftlichen Geschicks die gesamte Leitung beider Minen inne; der Genera« arbeitete unter ihm im Schacht und Fearless Frank in der Quarzmine.

Wenn Redburn ihn nach seinem Duell mit Harris fragte, hatte McKenzie nur wenig zu sagen. Es schien ihm Schmerz zu bereiten, wenn man ihn auf das Thema ansprach; er beantwortete keine Fragen über die Vergangenheit, blieb reserviert und zeigte sich bisweilen seltsam hochmütig.

Im Laufe des Tages unternahmen Anita und Alice einen Spaziergang durch das Tal, doch Letztere war gewarnt worden und hielt sich von der Quarzmine fern; so kam es zu keiner Begegnung zwischen Anita und Fearless Frank.

Deadwood Dick gesellte sich zu ihnen, als sie gerade zur Hütte zurückkehrten, beladen mit Blumen – Blumen von fast jeder Farbe und jedem Duft.

»Das ist ein wunderschöner Tag«, bemerkte er und pflückte im eleganten Gehen ein Gänseblümchen. »Man sieht selten so viele Schönheiten an einem einzigen kleinen Ort wie diesem vereint – eine herrliche Landschaft, ein grandioses Bergpanorama, wunderschöne Blumen unter einem lächelnden Himmel und liebenswerte Frauen als Mittelpunkt aller Bewunderung.«

»Tatsächlich?«, und Alice schenkte ihm ein kokettes Lächeln. »Ihr schmeichelt uns, Herr Straßenräuber. Ihr zumindest seid in diesem schrecklichen schwarzen Anzug und der schurkischen Maske keine Schönheit. Ihr erinnert mich an ein Bild, das ich irgendwo gesehen habe – der Teufel in Verkleidung. Es fehlen nur noch die Hörner, der Schwanz und der Pferdefuß.«

Dick brach in ein lautes Lachen aus – es war eines jener wilden, schrecklichen Lachen von ihm, die so eigentümlich zu vernehmen waren bei jemandem, der offensichtlich noch jung an Jahren war.

Beide Mädchen erschraken und wären geflohen, hätte er sie nicht zurückgehalten.

»Ha, ha!«, sagte er und trat vor sie. »Erschreckt nicht; geht nicht fort, meine Damen. Das ist nur meine Art, Belustigung auszudrücken.«

»Dann seid um Himmels willen nicht wieder belustigt«, sagte Alice abwehrend. »Herrje, ich dachte schon, der Leibhaftige und all seine Schergen wären über uns hergefallen.«

»Nun, woher wollt ihr wissen, dass es nicht so ist? Ich könnte seine satanische Majestät selbst oder einer seiner Gesandten sein.«

»Das glaube ich kaum; dafür seid Ihr ein zu irdisches Wesen. Kommt schon, nehmt diese abscheuliche Maske ab und lasst mich sehen, wie Ihr ausseht.«

»Niemals! Ich würde diese Maske nicht abnehmen – es sei denn unter bestimmten Bedingungen –, und sei es für all das Gold, das die schuftenden Bergleute dort drüben finden, was, wie ich annehme, keine geringe Menge ist.«

»Ihr spracht von Bedingungen. Welche sind das?«

»Vielleicht werde ich es Euch eines Tages sagen, Lady, aber nicht jetzt. Seht! Meine Männer geben mir Zeichen, ich muss gehen. Adieu, meine Damen.« Und im nächsten Moment hatte er sich umgewandt und schritt mit großen Schritten zurück zum Lager.

In ihrem Versteck wurden die beiden Filmores Zeugen dieser Begegnung zwischen Dick und den beiden Mädchen.

»Es sind also Frauenzimmer hier, hm?«, brummte der Ältere nachdenklich. »Nach dem, was ich beobachte, scheint dieser Prinz Dick hier ein Fremder zu sein.«

»Das sehe ich auch so«, stöhnte Clarence, dessen Gedanken wieder zu seinem leeren Magen wanderten. »Hast du vorhin dieses Lachen gehört? Das klang eher wie das Kreischen eines Irrsinnigen.«

»Ja, er ist ein junger Tiger. Daran besteht für mich kein Zweifel.«

»Und wir müssen auf der Hut sein, um ihn zu fassen. Gestern Abend kam er zur Hütte. Wenn er es heute Nacht wieder tut, können wir ihn uns packen!«

Vor Einbruch der Dunkelheit gelang es dem älteren Filmore, eine Wildgans zu fangen, die sich mit der Strömung von weiter oben herabverirrt hatte. Sie wurde getötet, ausgenommen und über einem Reisigfeuer halb gar gekocht, das sie in einer Felsspalte am Hang entfacht hatten, in der sie sich verbargen. Diesen Vogel verschlangen sie fast gierig und stillten so ihren Hunger. Nun fühlten sie sich bedeutend besser und bereit für ihr Vorhaben: den Teufelskerl Deadwood Dick gefangen zu nehmen und zu töten.

Sobald es dunkel war, krochen sie wie die schleichenden Wölfe, die sie waren, hinab ins Tal. Sie postierten sich auf halbem Weg zwischen der Hütte und dem Lager der Straßenräuber, jedoch einige Meter voneinander entfernt, und hielten ein Lasso dicht über dem Gras gespannt, das als Stolperfalle dienen sollte.

Der Himmel hatte sich mit dichten, schwarzen Wolken überzogen, und die Dunkelheit im Tal war vollkommen undurchdringlich. Aus ihrem Versteck konnten die beiden Filmores hören, wie Redburn, Alice und der »General« oben in der Hütte sangen. Das war für sie das Zeichen, auf der Hut zu sein, da Dick nun jeden Moment vorbeikommen konnte.

Langsam schleppten sich die Minuten dahin, und beide wurden bereits ungeduldig, als der feste Schritt des Prinzen zu hören war, der sich rasch näherte. Schnell wurde das Lasso straff gezogen. Dick, der nichts von der Falle ahnte, schritt forsch voran, stolperte und stürzte der Länge nach zu Boden. Im nächsten Augenblick waren seine Feinde über ihm – jeder mit einem langen, mörderischen Messer in der Hand.

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