Frank Reade Library – Nummer 1 – Kapitel 9
Frank Reade jr. und sein neuer Dampfmann
Oder: Die Reise des jungen Erfinders in den Wilden Westen
Kapitel 9
Pomps Fehler
Frank Reade, jr. fühlte sich wie in eine Decke eingerollt und schlief ein. Er glaubte nicht, dass der Bandit Cliff in der Lage sein würde, sie in dieser Nacht zu behelligen. Es war Barneys erste Wache. Der Hibernier hielt bis Mitternacht im Käfig gewissenhaft Ausschau. Dann rief er Pomp, um ihn abzulösen. Der Schwarze hielt bis in die frühen Morgenstunden gut Wache. Die Dunkelheit war überaus dicht. Um diese Zeit verspürte Pomp eine flaues Gefühl in der Magengegend und ein großes Verlangen nach Wasser. Sein Durst wurde immer verzehrender, und es schien ihm, als müsse er ihn um jeden Preis stillen. Doch als er in den Tank sah, stellte er fest, dass dieser leer war. Es gab keinen Schluck kaltes Wasser mehr im Wagen. Angesichts dieser ernüchternden Feststellung wurde Pomp nachdenklich.
»Ich denke mir bloß, wenn ich ein bisschen Wasser hätte, wäre alles wieder gut«, murmelte er; »aber wie zum Teufel soll dieser Mensch bloß daran kommen, das würde ich gern mal wissen.«
Pomp trat an das Stahlgitter und versuchte, die Dunkelheit zu durchdringen. Er wusste, dass keine zehn Meter entfernt das Wasser eines kleinen Baches floss. Er konnte es nun plätschern hören. Es widersprach seinen Befehlen direkt, die Käfigtür zu öffnen. Dennoch schien es Pomp, als müsse er es tun. Das Risiko schien nicht groß zu sein. Es schien wenig wahrscheinlich, dass ein Feind in der Nähe war. Pomp fühlte sich sicher, dass er den Bach erreichen, seinen Durst löschen und sicher zum Wagen zurückkehren konnte. Er war arg in Versuchung. Das Verlangen war übermächtig.
»Meine Güte!«, murmelte er mit verzogenem Gesicht. »Was soll ich bloß machen? Ich glaube nicht, dass da draußen Gefahr lauert, aber wenn Master Frank das wüsste, würde er mich ruckzuck drankriegen. Aber was soll man denn machen? Ich sterbe fast vor Durst nach einem Schluck Wasser.«
Pomp dachte daran, Barney zu wecken und ihn um Hilfe zu bitten. Doch er überlegte, dass der Kelte seinem Plan sicher nicht zustimmen würde. Es gab keinen anderen Weg, als die Verantwortung selbst zu übernehmen. Pomp holte tief Luft. Dann lauschte er angestrengt. Alles war totenstill.
»Ach was!«, murmelte er. »Da ist überhaupt keine Gefahr. Ich hole mir das Wasser, so sicher wie ich geboren bin.«
Schnell schob er den Riegel an der Tür zurück und öffnete sie. Dann stieg er aus dem Wagen. Einen Augenblick später glitt er zum Ufer des Wassers hinunter. Pomp warf sich flach auf den Boden und begann vom Bachwasser zu trinken. Doch er hatte kaum einen Schluck genommen, als er ein entsetzliches Gefühl bekam. Er drehte den Kopf und blickte zurück zum Dampfmann. Die Laterne, die im Käfig hing, beleuchtete die offene Tür und alles war taghell zu sehen. Doch, gütiger Himmel! Was sah er da? Dunkle Gestalten schwärmten um die Maschine herum. Eine war bereits im Wagen.
Pomp sah gerade noch so viel, dann wurde seine Aufmerksamkeit von einer anderen Angelegenheit beansprucht. Plötzlich spürte er, wie ein schwerer Körper auf ihn herabstürzte und krallenartige Finger seine Kehle umklammerten. In diesem Sekundenbruchteil hatte Pomp sich halb herumgedreht. Er kam gerade noch rechtzeitig, um das Aufblitzen einer Messerklinge zu sehen. Er führte einen krampfhaften Schlag nach oben aus und packte das Handgelenk seines unbekannten Angreifers. Nur durch reinsten Zufall war der tödliche Stoß abgewehrt worden. Aber es war eine knappe Angelegenheit. Dann, mit einer herkulischen Anstrengung, rollte Pomp sich über den Rand der Böschung, und im nächsten Moment hatte er sich und seinen Angreifer mit einem gewaltigen Schwung in das Wasser des Baches befördert.
Das plötzliche Bad bewirkte, dass Pomps Widersacher seinen Griff lockerte. Der Schwarze hatte keinen weiteren Grund, den Kampf fortzusetzen, und schwamm mit kräftigen Stößen zum gegenüberliegenden Ufer. Er kletterte aus dem Wasser und kroch in ein Dickicht. Dort lag er zitternd und wurde Zeuge einer packenden Szene am anderen Ufer des Baches. Die Insassen des Wagens waren alle geweckt worden und befanden sich nun ausnahmslos als Gefangene in der Gewalt von Cliff und seinen Cowboys. Dem Gesetzlosen war es gelungen, die zwanzig Meilen zurückzulegen, indem er der Spur geschickt mithilfe einer Blendlaterne gefolgt war. Er war mit seinen Schergen um den Dampfmann herumgeschlichen, genau in dem Moment, als Pomp die Unbesonnenheit beging, die Tür offen zu lassen.
Natürlich war es für die Cowboys ein Leichtes, den Wagen zu entern und alle an Bord gefangen zu nehmen. Die hämische Freude von Cliff war unbeschreiblich. Er tanzte und klatschte mit teuflischem Vergnügen in die Hände. Er kniff Bessie so fest in die Arme, bis sie vor Schmerz aufschrie, und brüllte mit brutalem Lachen: »Oh, ich werde euch alle tanzen lassen. Ihr dachtet wohl, ihr könntet mir entkommen, was, Mädchen? Ich werde euch zeigen, dass man Artemas Cliff nicht entkommt. Ha, ha, ha! Was für ein guter Witz.«
Er lachte ohrenbetäubend. »Alles mein«, fuhr er fort. »Und dieser Dampfmann, diese wunderbare Erfindung, ist genau das, was ich brauche. Damit kann ich mit großem Stil herumreisen. Oh, Mr. Frank Reade, jr., ich werde noch auf Ihrem Grab tanzen.« »Monster!«, rief Frank und wand sich in seinen Fesseln. »Das wird Ihnen niemals gelingen. Ein gerechter Gott wird das niemals zulassen.«
Der Outlaw gab seinen Männern freie Hand, das Lager aufzuschlagen und sich einem Gelage hinzugeben. Das taten sie bis zum Morgengrauen, und dann erklärte Cliff, dass es seine Absicht sei, zur Ranch V. zurückzukehren.
Es dauerte nicht lange, bis er den Mechanismus des Steam Man verstanden hatte. Er fand schnell heraus, wie man die Drosselklappenzügel bedient. Ihm kam dabei zugute, dass er früher einmal Lokomotivführer gewesen war. Mit dem ersten Morgenlicht wurde der Aufbruch zur Ranch V. vollzogen.
Und Pomp, nass, zitternd und entsetzt, kauerte im Dickicht am Ufer des Baches und sah zu, wie der Dampfmann und seine Freunde, alle in der Gewalt des Feindes, davonfuhren.
Als sie fort waren, kam Pomp aus seinem Versteck hervor. »Meine Güte!«, murmelte er mit weit aufgerissenen Augen, »ich denke mir bloß, dieser Kerl hat das allerschlimmste Ding getan, das man kennt. Es gibt nur einen Weg für Pomp, seine Ehre zu retten, und der ist, irgendeinen Weg zu finden, um Master Frank und all die anderen zu retten, und ich werde es tun, wenn ich kann.«
Pomp meinte es sehr ernst. Er war ein tapferer und großzügiger Kerl und jederzeit bereit, sein Leben für seinen Herrn zu opfern. Auf irgendeine Weise musste er sich gewiss rehabilitieren. Er überquerte den Bach erneut und stand an der Stelle, wo der Dampfmann gewesen war. Natürlich war die Maschine zu diesem Zeitpunkt bereits außer Sichtweite, aber dennoch nahm Pomp die Fährte auf und begann ihr zu folgen. Einige Stunden lang stapfte er über die Prärie. Währenddessen wälzte der Schwarze in seinem Kopf Pläne zur Rettung seiner Freunde. Er musste sich eingestehen, dass es ein Rätsel war. Dennoch verlor er die Hoffnung nicht.
Die Hügel wurden von Augenblick zu Augenblick deutlicher. Pomp hatte bereits fünf der zwanzig Meilen zurückgelegt. Der Schwarze war ein guter Läufer, und keine Entfernung war zu groß für seine trainierten Muskeln. Die Sonne begann hoch am Himmel zu stehen, und eine frische Brise wehte über die Prärie. Pomp marschierte unentwegt weiter.
Die Spur führte weiter in Richtung der Hügel, und der scharfsinnige Pomp überlegte, dass Cliff sich wahrscheinlich dem Hauptteil seiner Männer anschließen wollte.
»Ich glaube’, ich sehe genau, was dieser Halunke vorhat«, murmelte Pomp. »Er ist einfach zu schlau, um sich die Beute entgehen zu lassen, wenn er sie erst mal in den Krallen hat. Er wird den Dampfmann zu seiner Ranch V. bringen, und genau dort muss ich hin und versuchen, einen kleinen Plan auszuhecken, um Frank Reade, jr. und die anderen zu retten. Das ist mal Fakt.«
Mit diesem logischen Entschluss stapfte Pomp weiter. Er befand sich nun auf den letzten fünf Meilen seiner Reise zu den Hügeln. Die Sonne stand schon lange tief im Westen, als Pomp durch seinen schnellen Marsch die Hügel erreichte. Es gab kein sichtbares Anzeichen vom Dampfmann oder den Cowboys. Aber Pomp sah, dass die Spur am Fuße der Hügel weiterführte. Das machte ihn für einen Moment stutzig. Er hielt inne und kratzte sich in tiefem Nachdenken am Kopf. »Das ist eine verdammt komische Sache«, murmelte er. »Das ist nicht der Weg zur Ranch V., wenn meine Vermutung stimmt.«
Dann hielt er inne, und ein Licht der Erkenntnis erhellte sein Gesicht. Ein fernes Geräusch war an sein Ohr gedrungen. Es war das schwache Knattern von Schusswaffen hoch oben in den Hügeln.
»Mein Gott!«, rief er aus. »Ich verstehe den Trick von diesem verdammt schlauen Fuchs Artemas Cliff. Er will den Vigilanten erst mal eine ordentliche Abreibung verpassen, bevor er zur Ranch V. geht. Das ist meine beste Chance, mich Master Harmon und seinen Männern anzuschließen und ihnen zu helfen, die Cowboys zu vermöbeln.« Pomps Entschluss stand fest. Er wollte sich den Vigilanten anschließen und sein Bestes geben, um den Cowboys eine ordentliche Tracht Prügel zu verpassen. Sofort brach er in die Hügel auf.
Doch ach, armer Pomp! Das Glück schien vorerst gegen ihn zu sein. Er war kaum in einen schmalen Pass eingetreten, als sich ein entsetzlicher Zwischenfall ereignete. Die Luft wurde plötzlich von wildem Gebrüll zerrissen, und im nächsten Augenblick war er von fünfzig bemalten Wilden umzingelt, die aus Nischen und Felsspalten hervorbrachen. Sie stürzten sich auf ihn, und noch bevor Pomp auch nur an Widerstand denken konnte, war er ein Gefangener.
Die Wilden schwärmten um ihn herum wie Bienen. Worte können Pomps Bestürzung über diese Wendung nicht ausdrücken. Seine Augen traten hervor und seine Knie zitterten wie im Fieber.
»Um des guten Herrn willen, das ist schrecklich!«, stöhnte er. »Diesmal ist es wohl aus mit mir, und es ist niemand da, um Master Frank zu retten!«
Es war wahrlich ein düsterer Ausblick. Die Wilden gehörten zur Bande von Black Buffalos Sioux, und sie schienen sehr erfreut darüber zu sein, den Gefangenen wieder einmal in ihren Fängen zu haben. Sie schnatterten und gestikulierten wie eine Schar Elstern, und einige von ihnen näherten sich Pomp mit ihren Tomahawks, als wollten sie ihm auf der Stelle ein Ende bereiten. Doch die anderen hielten sie zurück, und ein aufgeregter Streit folgte. Währenddessen wand sich Pomp in seinen Fesseln. Vergeblich versuchte er, sie zu sprengen.
Eine ganze Weile stritten die Wilden. Dann wurde ein Kompromiss geschlossen; Pomp wurde hochgehoben und durch den Pass in eine kleine Lichtung zwischen einigen Bäumen getragen. Hier wurde er an einen Baum gebunden, und ein großer Haufen Reisig wurde zu seinen Füßen aufgeschichtet. Mit einem Schauer des Entsetzens sah der Schwarze, dass die Wilden beabsichtigten, ihm auf grauenvolle Weise das Leben zu nehmen. Er sollte den Tod in den Flammen erleiden. Pomp fühlte sich krank und schwach. Doch selbst in diesem Moment dachte der tapfere Kerl nicht an sich selbst, sondern an Frank Reade, jr. und die anderen.
»Meine Güte, wer soll denn jetzt Master Frank retten?«, stöhnte er.
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