Marc Jordan – Band 1 – Kapitel 2
Marc Jordan
Heldentaten des größten französischen Detektivs
Band 1
Die Entführung einer Jungfrau
Kapitel 2
Lebendig oder tot!
Einige Tage vor dieser Szene war ein großer brasilianischer Edelmann, der Herzog von la Riviera, mit schmerzverzerrtem Gesicht zum Chef der Sicherheitspolizei in Paris gekommen, um eine ungeheuerliche und höchst geheimnisvolle Geschichte zu erzählen.
Er hatte eine Tochter namens Carmencita, die kaum sechzehn Jahre alt und von so umwerfender Schönheit war, dass niemand sie erblicken konnte, ohne sich in sie zu verlieben; Augen wie schwarzer Samt, ein Teint wie ein reifer Granatapfel und so elegante, vollkommene Formen, dass sie den berühmtesten Meisterwerken an Perfektion in nichts nachstand.
Und dazu war sie sanft und gut. Sie hatte den charmantesten Charakter!
»Ich habe sie abgöttisch geliebt«, sagte der arme Vater. »Ich liebte sie so sehr, dass ich eifersüchtig auf sie war – ja, Monsieur, eifersüchtig!
Ich hatte immer Angst, man würde sie mir wegnehmen, und es genügte schon, wenn jemand ihr ein Lob aussprach, damit er augenblicklich zu meinem Feind wurde.
Sie war das Ebenbild ihrer Mutter, die ich wahnsinnig geliebt hatte und die mir nach nur zwei Jahren Ehe, mitten in den Flitterwochen, entrissen worden war.
Ich war durchaus bereit, mich mit dem Gedanken abzufinden, dass sie eines Tages heiraten und jemand sie mir nehmen würde; aber ich wollte, dass diese Hochzeit so spät wie möglich stattfand und dass sie bis dahin mir gehörte – mir allein, ganz und gar mir.
Sie liebte mich sehr, und wir waren glücklich. Um sie abzulenken und zu verhindern, dass sich ihre Gedanken an jemanden hefteten, reisten wir unaufhörlich. Ich hatte sie nacheinander in alle Hauptstädte Europas und in alle eleganten Kurorte mitgenommen – überallhin, wo ich mir erhoffte, ihr Zerstreuung zu bieten, die sie davon abhalten würde, an das zu denken, was ich für sie auf der Welt am meisten fürchtete: eine leidenschaftliche Liebe.
Zuletzt war ich mit ihr in London. Sie langweilte sich dort. In einem Club hatte ich die Bekanntschaft eines Edelmanns gemacht, der sich als mein Landsmann ausgab, des Grafen von Cazalès. Ich hatte die Unklugheit, ihn in mein Haus einzuladen, um die trübe Stimmung meines armen Kindes ein wenig zu vertreiben.
Der Graf wirkte distinguiert, von guter Gesellschaft und bereits reif genug – obwohl er die Fünfzig, die er wohl alt sein mochte, sehr gut trug –, sodass ich nicht befürchten musste, meine Carmencita könnte sich in ihn verlieben.
Leider trat das Gegenteil ein. Mein armes Kind fand ihn elegant, geistreich, sehr gentlemanlike. Und tatsächlich sah er nicht schlecht aus mit seinem Haar, das an den Schläfen ergraute, seinem feinen Schnurrbart, seiner schlanken, geschmeidigen Statur und seinem schmalen, verschmitzten Mund.
Er trug seine Kleidung tadellos und bot, mit einem Wort, das Erscheinungsbild eines perfekten Parisers, der sich in den Nebel von London verirrt hatte.
Nach einigen Besuchen stellte ich fest, dass Carmencita mit allzu großer Gefälligkeit von ihm sprach, als dass ich angesichts der Ansichten, die ich habe und Ihnen anvertraut habe, nicht beunruhigt gewesen wäre.
Ich dachte an die Abreise, aber es war bereits zu spät. Meine Tochter gefiel es nun in London, und sie wollte die Stadt nicht mehr verlassen.
Was den Grafen betrifft, so sagte er mir sogleich, als ich diese Abreise ihm gegenüber erwähnte: ›Ich werde Ihnen folgen. Mich hält hier nichts.‹
Und ich sah an der Art, wie er diese einfachen Worte aussprach und wie er mich dabei ansah, dass er meine Carmencita bereits so sehr liebte, dass er sich nicht mehr von ihr trennen wollte.
Da tat ich das, was ich hätte tun sollen, bevor ich diesen Mann die Schwelle meines Hauses übertreten ließ: Ich erkundigte mich über ihn.
Ach, Monsieur! Es war erbärmlich! Ich hatte den schlimmsten aller Abenteurer in mein Haus geholt, einen Stammgast von Clubs und Spielhöllen, der vom Glücksspiel lebte, zu jeder Schandtat fähig war und mit allen Mitteln versuchte, eine Mitgift zu ergattern, die ihm Wohlstand oder Reichtum einbringen würde.
Es war nicht meine Tochter, die er liebte – davon war ich überzeugt –, sondern das Geld, das ich besaß und das ich ihm geben sollte.
Ich beeilte mich, meine Koffer zu packen und zu fliehen, ohne mich darum zu kümmern, was Carmencita denken oder welchen Kummer sie empfinden könnte.
Ich wollte sie um jeden Preis von diesem Mann trennen. Ich war fest entschlossen, nach einem kurzen Zwischenstopp in Paris – damit sie ihre Garderobe erneuern konnte – in ein Land aufzubrechen, in dem der Graf uns nicht wiederfinden würde.
Doch ich sollte London nicht verlassen, ohne meinen Abenteurer noch einmal zu sehen. Als ich zu meinem Hotel zurückkehrte, um Befehle für unsere Abreise zu geben, packte er mich auf der Straße und sagte, er müsse mit mir sprechen – und das in einem solchen Ton und mit einem solchen Blick, dass ich fassungslos war und sich eine tiefe Furcht in meine Seele stahl.
Ich versuchte mich loszumachen und antwortete kühl: ›Ich habe Ihnen nichts zu sagen, Monsieur.‹
›Sie reisen ab‹, erwiderte der Graf, ›um mich von Ihrer Tochter zu trennen. Aber ich liebe Ihre Tochter, und sie liebt mich, und wohin Sie auch gehen, Sie werden sie meiner Anbetung nicht entziehen!‹
›Monsieur!‹, rief ich aus.
›Ah!‹, machte die Gestalt mit einem kühnen Lächeln. ›Es ist nicht nötig, solche hochtrabenden Mienen aufzusetzen. Wenn ich mir etwas vorgenommen habe, kann mich niemand daran hindern, es auszuführen; ich bin noch nie vor etwas zurückgewichen. Und merken Sie sich dies gut: Ich will Ihre Tochter, und ich werde sie haben. Ich werde sie haben, lebendig oder tot!‹
Ein Schauder fuhr mir durch die Knochen. Tot! Ich sah meine Tochter bereits im Sarg liegen. Und dieser Gedanke, der mir noch nie gekommen war – dass sie sterben könnte, dass ich sie verlieren könnte –, traf mich in diesem Moment mit einer solchen Intensität, dass ich vor Schmerz fast aufgeschrien hätte.
Ich wandte mich an den Elenden und rief ihm, außer mir vor Wut und Verzweiflung, zu: ›Niemals werden Sie meine Tochter wiedersehen, niemals, hören Sie! Und wenn ich sie im tiefsten Inneren eines Klosters vergraben, sie in irgendeiner unzugänglichen Wüste verstecken müsste. Niemals, Monsieur, niemals!‹
Er antwortete gelassen, ohne durch meinen Ausbruch auch nur im Geringsten bewegt zu scheinen: ›Ich werde sie haben, lebendig oder tot!‹
Und er verließ mich.
Wir reisten einige Stunden später ab, meine Tochter und ich. Doch kaum waren wir in Paris angekommen, wurde mein armes Kind, das sonst nie krank war, plötzlich von einem seltsamen Leiden befallen. Kein Arzt – und ich hatte die Koryphäen der Wissenschaft an ihr Bett gerufen – konnte dessen Natur bestimmen, und es raffte sie innerhalb weniger Tage dahin.
Ihnen meinen Verzweiflung zu schildern, Monsieur, wäre unmöglich. Ich hatte den Grafen von Cazalès und seine Drohungen vergessen, und doch konnte ich nicht umhin, mir zu sagen, dass dieser Mann mir Unglück gebracht hatte. Er musste den bösen Blick haben, die Jettatura, wie wir bei uns sagen.
Dennoch dachte ich kaum daran, bis ich heute Morgen diesen Brief erhielt, der mich in einen entsetzlichen Zustand versetzt hat.«
Und der Herzog zeigte dem Chef der Sicherheitspolizei ein Papier, auf dem dieser folgende Worte las:
Ich habe Ihnen gesagt, Monsieur, dass ich sie haben würde, lebendig oder tot. Sie ist tot, aber ich habe sie!
Der Polizist sah Monsieur de la Riviera an.
»Nun?«, fragte er.
»Nun, Monsieur! Ich bin davon überzeugt, dass dieser Mann sein Wort gehalten hat; dass er mir mein Kind genommen hat, dass er sie mir tot genommen hat, da er sie mir lebendig nicht nehmen konnte, und dass er ihren Leichnam gestohlen hat.«
»Und Sie wünschen?«
»Dass Sie mir die Erlaubnis erteilen, Monsieur, mich davon zu überzeugen.«
Der Chef der Sicherheitspolizei sah seinen Besucher an.
»Was, Monsieur, Sie wollen …?«
»Mich vergewissern, dass der Leichnam meines Kindes noch in ihrer Gruft liegt – ja, Monsieur.«
Und auf eine abwehrende Geste des Polizeichefs fügte er hinzu: »Oh, Monsieur, ich flehe Sie an! Solange ich in diesem Zweifel lebe, werde ich keine Ruhe finden! Und wenn Sie mir die Erlaubnis verweigerten, würde ich – ich verhehle es Ihnen nicht – alles tun, um mich darüber hinwegzusetzen. Ich würde nachts in den Friedhof eindringen und um jeden Preis das Grab öffnen lassen, in dem ich mein unglückliches Kind habe beisetzen lassen. Sie sehen, Monsieur, sie ein letztes Mal sehen und wissen, dass sie immer noch da ist und ihre sterblichen Überreste sich nicht in den Händen dieses Elenden befinden!«
Der arme Vater sprach nicht zu Ende. Er weinte so bitterlich und schluchzte derart, dass der Chef der Sicherheitspolizei nicht umhin konnte, tief bewegt zu sein.
»Wo ist Ihr Kind begraben?«, fragte er.
»Auf dem Friedhof Père-Lachaise.«
Der Polizist machte sich rasch einige Notizen und sagte dann zu dem tief betrübten Vater: »Finden Sie sich morgen früh um fünf Uhr vor dem Grab Ihrer Tochter ein. Ich werde alle Befehle erteilt haben, damit Sie die Gewissheit erlangen, nach der Sie verlangen …«
»Dass meine Tochter noch da ist?«
»Ja, Monsieur. Was mich betrifft, so zweifle ich keine Sekunde daran!«
Der Herzog antwortete nichts und ging, gebeugt unter der Last eines namenlosen Schmerzes.
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