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Detektiv Nobodys Erlebnisse und Reiseabenteuer Band 1 – Teil 21

Detektiv Nobodys Erlebnisse und Reiseabenteuer
Nach seinen Tagebüchern bearbeitet von Robert Kraft
Band 1
Kapitel 3, Teil 6

So weit von der letzten Vorstadt Brooklyns entfernt, dass man nichts mehr von dem geräuschvollen Leben spürte, lag in idyllischer Gegend auf einem Hügel Hartungs Windmühle. Aber ringsherum ist sumpfiges Land, des Anbaues nicht wert. Erst wenn es dem Besitzer gelang, den Boden zu entwässern, dann konnte er aus seinem vielen Grund und Boden Geld schlagen, und zu diesem Zweck hatte er bereits überall Gräben angelegt, welche immer mit einem schwarzen Morast angefüllt waren.

Neben der klappernden Mühle stand eine einsame Sykomore, und im Schatten derselben lag ein Mann. Wir erkennen ihn sofort wieder: Es ist Kapitän Flederwisch. Er wartet auf die Rückkehr des Müllers, seines Bankiers, welcher mit Frau und Kind in die Stadt gegangen war.

Hat er einen moralischen Katzenjammer? Denn dass seine Taschen keinen Cent mehr enthalten, das ist bei Kapitän Flederwisch ganz selbstverständlich, wenn er sich hier befindet. Mürrisch oder niedergeschlagen sieht sein schönes, rotbraunes Gesicht gerade nicht aus, wohl aber träumerisch, sogar wehmütig, was diesem Mann gar nicht recht stehen will.

Jetzt fängt er mit tiefer und doch so weicher Stimme zu deklamieren an:

Ach, hätte ein Eiland ich, schimmernd und hehr,
Verlassen und einsam im bläulichen Meer,
Wo nie auf dem Baum welkt das blühende Laub,
Wo die Blumen nicht fallen dem Winter zum Raub;
Wo die Sonne nur fällt
Zur heiligen Feier,
Um die Nacht auf die Welt
Zu decken als Schleier,
Wo das Fühlen, das Atmen aus innigster Brust,
Ist die herrlichste Freud’ und die seligste Lust!

Ganz gewiss, Kapitän Flederwisch hatte einen Katzenjammer, und zwar einen tüchtigen!

Er war noch nicht fertig mit deklamieren, und nun mischte sich dem wehmütigen Ausdruck seiner Züge ein stark sehnsüchtiger, förmlich liebesschmachtender bei, und das hatte seinen guten Grund; denn nun kam in dem Gedicht auch das Ewig-Weibliche vor, er wollte nicht mehr allein sein auf seiner paradiesischen Insel.

Mit vor Sehnsucht zitternder Stimme fuhr er also fort:

Da würden wir lieben auf sonniger Flur
Mit Seelen, so rein, wie die holde Natur;
Nie Strahlen der Sonne, die Ruhe der Luft,
Sie würden die Herzen uns füllen mit Duft.
Von den Lippen so weich
Würde Liebe ich trinken,
Den Bienen gleich,
Die in Blumen versinken.
Dann glich’ unser Sein einem Tage voll Pracht,
Und der Tod käme still wie die heilige …

Bumberumbumbumm!

Der Deklamierende schnellte auf, als ob ihn der Blitz getroffen hätte, obgleich es nur ein Donnerschlag gewesen war.

Der sonnige, stille Sommertag hatte sich verändert. Ein kühler Wind sauste durch die Zweige der Sykomore, am Horizont stieg eine schwarze Gewitterwolke mit schwefelgelbem Saum auf.

Weit reichte der Blick von hier aus, der Mann sah noch das Meer, wie es brandend durch die Straße von Sandy Hook schoss, und das aufsteigende Gewitter und die weite See brachten den sentimental Gestimmten plötzlich auf andere Gedanken, was sich auch sofort in seinen Zügen und Augen ausdrückte, eine wilde Lust blitzte darin auf.

»Ach, ich Narr,« rief er mit weitschallender Stimme, »der ich von einer paradiesischen Insel und von weichen Lippen träume! Nein, das ist nichts für Kapitän Flederwisch, wenigstens nichts für die Dauer, da weiß er etwas anderes, was ihn fesseln kann:

Weite See, wilde See,
Sturm und Schlacht auf wilder See,
Wo ich geh’, und wo ich steh’,
Seh’ ich mich auf wilder See!

Wieder ein Donnerschlag mit langanhaltendem Murren, ohne dass ein Blitz zu sehen gewesen war. Nun ging durch die Sykomore ein heulender Sturm, der die Mühlenflügel peitschte, und wieder beeinflusste dies die Stimmung des Kapitäns, er streckte verlangend beide Arme nach der Gewitterwolke aus, dorthin, wo er das unruhige Meer schaute, und nun begann er sogar zu singen, und es war eine prachtvolle, gewaltige Stimme, den Sturm und das Mühlengeklapper übertönend:

Und das war Olaf Trikvason,
Fuhr übers Nordmeer hin,
Zu suchen sich ein Königreich …

»Das will ich dir wohl geben.«

Diesmal ein greller Blitz, der zur Erde niederschmetterte, ein furchtbarer Donnerschlag, und wie Kapitän Flederwisch herumfuhr, stand vor ihm der fremde Mann, der diese letzten Worte gesagt hatte, wie unter Blitz und Donner plötzlich aus dem Boden gewachsen.

»Wer seid Ihr?«

Jetzt war es der Fremde, welcher zu deklamieren begann, und zwar war es gleichfalls ein Gedicht des klassischen Burns, mit dem er die Antwort gab, oder doch der Anfang eines Gedichtes:

Der auf dem Höllenthron ich sitze,
Der ich in Höllenflammen schwitze,
Der ich in Höllentiefen blitze,
Wo Laven glüh’n,
Mit Pech und Schwefel um mich spritze,
Dich zu verbrüh’n!

»Hallo!«, rief Kapitän Flederwisch lachend aus. »Also der Höllenfürst in eigener Person!«

»Du sagst es. Nenne mich einfach Mephistopheles.«

Wahrhaftig, einen passenderen Namen als Mephistopheles hätte dieser Mann gar nicht wählen können. Dieses bleiche, abgelebte Gesicht mit den großen durchdringenden Augen, der schwarze Zwickelbart, und nun vor allen Dingen dieses überlegene, spöttische, schadenfrohe, hinterlistige, boshafte, einfach satanische Lächeln, mit dem er den jungen Riesen anblickte – es war Mephistopheles in eigener Person. Nur der Pferdefuß fehlte. Heutzutage aber tritt der Teufel überhaupt nicht mehr als haariger Affe mit Hörnern und Schwanz auf, sondern immer als weltgewandter Kavalier, und das war auch dieser Mann. Der schwarze Gehrockanzug aus feinstem Tuch saß ihm wie der Zylinder tadellos, und an der weißen Weste brauchten nicht die schwergoldene Kette und an den Fingern mehrere kostbare Ringe zu blitzen, um sofort den reichen Herrn aus der großen Lebewelt erkennen zu lassen. Wer so auftritt, der kann unmöglich ein armer Schlucker sein.

»Das ist ja famos!«, rief Flederwisch, immer noch lachend.

»Den Teufel kennenzulernen, habe ich mir schon immer gewünscht. Was willst du von mir, Freund Mephisto?«

»Dich selbst und deine Seele«, war die prompte Antwort.

»Hm. Höre, Freund, ich habe allerdings schon oft daran gedacht, mich dir mit Leib und Seele zu verschreiben. Aber die Sache hat einen bösen Haken. Ich bin nämlich ein viel zu ehrlicher Kerl, so ehrlich, dass ich dir ganz offen sage: Mich kriegst du dereinst sowieso, dafür brauchst du mir gar nicht erst was zu geben.«

Das diabolische Lächeln trat noch stärker hervor, als jener erwiderte: »Höre auch du, Freund Flederwisch, der du so oft sehnsüchtig an mich gedacht hast. Ich bin seit einigen Jahrhunderten verdammt vorsichtig geworden. Du kennst doch die Geschichte mit Gretchen – weißt du, die manchmal am Spinnrad sitzt und das bekannte Lied dazu singt – und dann den Doktor Faust, den Heimich, vor dem sich Gretchen manchmal graute, manchmal sich auch nicht vor ihm graute – ich hatte die beiden schon so sicher in meiner Tasche, hatte für die beiden schon eine Wohnungseinrichtung auf Abzahlung gekauft – und dann kommen die beiden doch noch in den Himmel … Pech und Schwefel! Wenn einem so etwas mehrmals passiert, da möchte sich der Teufel ja gleich selber holen!«

»Nee, ach nee«, lachte nun der junge Kapitän aus vollem Hals, »ich entgehe dir nicht. Überhaupt, ich will gar nicht in den Himmel kommen. Unter den Lebensbäumen ewig träumen – weiter fehlte nichts, das wäre mir viel zu langweilig, das hielte ich keine acht Tage aus.«

»Und ich sage dir, ich traue keinem einzigen von euch Menschen mehr. Wenn ihr alt werdet, denkt ihr manchmal anders, und ihr habt den Teufel schon gar zu oft übers Ohr gehauen. Und nun gar du, der Kapitän Flederwisch, du maskierst dereinst dein Schiff, auf dem du in die Ewigkeit hinübersegelst, fährst mit falscher Takelage keck am Höllentor vorbei, und ich habe das Nachsehen.«

»So?«, stutzte nun Flederwisch. »Kennst du mich denn?«

»Natürlich kenne ich dich, und ich komme doch eben, um deine Wünsche zu befriedigen, die du vorhin hattest. Gut, ich bin bereit, sie dir zu erfüllen. Aber schriftlich muss der Pakt abgemacht werden. Mit deinem eigenen Blut braucht der Kontrakt nicht geschrieben zu werden, aber notariell muss er beglaubigt sein, ein Siegel darauf! Dann lasse ich es mir auch etwas kosten, und das Geld spielt bei dem Herrn der Fliegen und des Goldes ja gar keine Rolle.«

Flederwisch war zu der Überzeugung gekommen, einen Mann vor sich zu haben, der ihm einen großen Schmuggeltransport übertragen wollte, vielleicht ein Millionengeschäft, nach welchem er sich schon immer gesehnt hatte, das mit einem Schlag alle seine Verhältnisse änderte. Bisher hatte er vergeblich gehofft.

Aber noch behielt er den humoristischen Ton bei.

»Gut, wenn es so ist, dann können wir ja einmal verhandeln. Aber billig verkaufe ich meine dir so wertvolle Seele nicht.«

»Nenne deine Wünsche!«

»Ein schnelles Schiff.«

»Sollst du haben.«

»Aber es muss mir gehören.«

»Sollst du haben.«

»Ein Dutzend Matrosen darauf.«

»Sollst du haben.«

»Aber keine Waschlappen, fixe Jungens, jeder muss ein ganzer Mann vom Scheitel bis zur Sohle sein. Die ganze Mannschaft muss ich mir selbst zusammensuchen können.«

»Sollst du haben. Was sonst noch zu einem Schiff gehört, welches doch auch unterhalten sein will, weiß ich allein. Wünschest du noch mehr?«

»Meine eigene Insel.«

»Sollst du haben.«

»Die ich mit Kanonen bespicken kann.«

»Meinetwegen kannst du doch darauf machen, was du willst. Wenn du nur immer das zu alledem nötige Geld hast.«

»Richtig. Also wenn ich in die Tasche greife, muss ich immer die ganze Hand voll Goldstücke haben.«

»Sollst du haben.«

»Donnerwetter, du bist generös!«

»Dafür bin ich der Teufel und der Herr aller Schätze der Erde, und etwas hexen kann ich auch.«

»Halt, wenn es so ist, dann will ich die Geldangelegenheit gleich etwas genauer definieren. Meine linke Hosentasche muss immer voll Silber sein, die rechte voll Gold, greife ich in die Westentasche, so finde ich das zum täglichen Leben nötige Kleingeld, und in der Brusttasche ist das große Papiergeld, mindestens Tausend-Dollar-Noten. Denn wenn ich zum Beispiel einmal eine Million zu bezahlen habe, und ich soll die in Goldstücken aufzählen, das würde doch etwas gar zu lange dauern.«

»Sollst du haben. Nur in etwas bitte ich um Nachsicht. Könnte nicht vielleicht das Silber in deiner rechten und das Gold in deiner linken Hosentasche sein? Dieses Arrangement wäre mir nämlich viel bequemer, das hängt mit der Zauberformel zusammen.«

»Well, das ist mir gleichgültig«, frotzelte Flederwisch. »Na, da wollen wir den Pakt abschließen. Komm, Freund Mephisto, wir trinken eine Flasche Bier dabei, ich bin durstig.«

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