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Aus dem Reiche der Phantasie – Heft 7 – Das Stahlross – 2. Teil

Robert Kraft
Aus dem Reiche der Phantasie
Heft 7
Das Stahlross
Verlag H. G. Münchmeyer, Dresden, 1901

Kapitel 2
Ein Racheakt

Auf dem gelben Sand der Wüste Kalahari jagte in wilden, unregelmäßigen Sprüngen ein mächtiger Rappe hin und her, bald in jäher Flucht vorwärts stürmend, bald mit allen Zeichen des Entsetzens zur Seite springend, um sich dann manchmal auch in dem lockeren Sand zu wälzen.

Das Ross war, obgleich es wohl noch nie einen Menschen getragen hatte, nicht reiterlos. Sogar zwei Menschen saßen auf dem Rücken des aufgeregten Tieres, das weder Zügel noch Sattel oder Steigbügel hatte, und machten die Wälzungen desselben im Sand mit, ohne herabzufallen, obwohl sie sich nicht festhielten.

Sie waren nämlich mit Stricken und Riemen auf dem Rücken des Pferdes festgebunden.

Ein furchtbarer Racheakt lag hier vor, ein Racheakt, wie ihn nur die teuflischste Fantasie ersinnen konnte. Schon dass man einen oder zwei Menschen auf ein wildes, ungebändigtes Ross gebunden und dieses dann in die Wüste gejagt hatte, in der Hoffnung, dass ein Wälzen des Tieres in dem äußerst tiefen und weichen Sand der Kalahari die Reiter nicht töten, sondern nur leicht verletzen würde, war an und für sich eine Grausamkeit, die nur in der Hölle erfunden sein konnte.

Aber hier lebte nur einer der Reiter. Der andere, eng mit dem ersteren befestigt, war bereits tot. Außerdem aber hätte der noch lebende Reiter es in der feurigen Sonnenglut auch nicht lange ohne Trinkwasser aushalten können.

Letzterer war niemand anderes als Georg Schneider, der junge deutsche Farmer, und der Schwarze vor ihm war derjenige Neger, den er im Kampf um Eigentum, Ehre und Leben, also aus Notwehr, getötet hatte.

Georg Schneider hatte keinen Selbstmord begangen. Der Polizeihauptmann, den er gerechtermaßen mit der Reitpeitsche gezüchtigt, hatte also seine Rache noch ausüben können, und er wusste in der Tat eine bessere Rache als die Verurteilung zum Tode!

Es wurde nämlich einfach gesagt, der Häftling hätte sich in seiner Zelle erhängt, und während man dann einen vielleicht gerade gestorbenen Mann an seiner Stelle verscharrte, band man Georg heute Morgen noch vor Aufgang der Sonne nackt auf ein wildes Ross, das jedem Zähmungsversuch spottete und daher untauglich und nur gerade zu diesem Zweck recht gut brauchbar war und vor ihn schnallte man den getöteten Soldaten. Dann wurde das unbändige Pferd in die Wüste hinausgejagt.

Die Sonne ging auf, die Hitze nahm zu. Der Glut nackt preisgegeben, von unzähligen Mosquitos gepeinigt, auf einem vom Entsetzen gepackten, sich überschlagenden Pferd – wer mag die Gefühle solch eines Gefolterten zu beschreiben!

Immer höher stieg die Sonne. Ohnmachten wechselten mit klaren Minuten ab, der Unglückliche weinte und betete zu Gott und selbst zum Teufel, denn auch die Hölle wäre ihm willkommen gewesen, wenn nur sein Zustand ein Ende nahm. Endlich machte ihn ein abermaliges Wälzen des Pferdes bewusstlos, doch der Schmerz der davongetragenen Quetschwunden brachte ihn wieder zur Besinnung.

»Herr, habe Erbarmen mit mir, mache meinen Qualen ein Ende«, wimmerte er, ohne noch einer Träne in den leergebrannten Augen fähig zu sein.

Da war es ihm, als ob er etwas in der Sonne blitzen sähe. Er achtete nicht darauf, es funkelte ihm ja beständig vor den Augen. Nun aber machte das Pferd, das sich nicht mehr warf, sondern nur noch scharf jagte, eine Wendung, sodass er deutlicher sehen konnte. So erkannte er denn, dass es sich dabei um ein silbergraues, und zwar kein natürliches, sondern anscheinend ein aus Stahl gebautes Pferd handelte, was ihm vorhin aufgefallen war. Die mechanische Konstruktion desselben war unverkennbar, doch bemerkte er auf demselben einen Jüngling. Das Stahlross jagte hinter dem wilden Pferd her, dem der Reiter vergeblich von der Seite beizukommen versuchte, da der Wildling dessen Absicht durch Ausschlagen völlig unmöglich machte.

Nun brachen aus den Nüstern des Geisterpferdes zwei mächtige Feuerstrahlen hervor.

Ja, gewiss, es war ein Geisterpferd mit einem Engel, ihm zur Rettung vom Himmel gesandt! Der Unglückliche befand sich ja in einer Verfassung, dass er nichts mehr für unmöglich hielt.

»Zu Hilfe, zu Hilfe!«, wimmerte er, sich der deutschen Sprache bedienend.

»Nur Mut, nur noch einen Augenblick«, erklang es da, und diese Worte deuchten dem Unglücklichen Engelsmusik zu sein.

»Ich mag nicht schießen, ich könnte dich treffen. Aber dein Pferd entgeht mir nicht!«

Etwas Blendendes und Heißes jagte darauf an Georg vorbei. Dann fühlte er, wie sein Tier stehen blieb und er selbst von einem Arm umschlungen wurde, und endlich fiel er abermals in Ohnmacht.

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