Frank Reade Library – Nummer 1 – Kapitel 10
Frank Reade jr. und sein neuer Dampfmann
Oder: Die Reise des jungen Erfinders in den Wilden Westen
Kapitel 10
Bei den Viliganten
Jeden Moment hätte der Dampf-Mann in die Reihen der Vigilanten stürmen können. Es wäre ein großer Erfolg gewesen, denn Cliff wäre nun in ihrer Gewalt, und der Weg, Jim Travers vor dem Galgen zu retten, wäre geebnet. Aber es sollte nicht sein. Der Bösewicht war zwar eingestiegen, doch wie der schlaue Kerl, der er war, hatte er sich unbemerkt auf den Boden des Wagens gelegt. Er hatte alles beobachtet, und als er sah, dass der Dampf-Mann sicher entkommen würde, wusste er, dass nur eine verzweifelte Aktion ihn jetzt noch retten konnte.
Während Frank und Barney an ihren Posten beschäftigt waren, machte er einen blitzschnellen Sprung zur Käfigtür. Unglücklicherweise hatte Barney sie nicht verriegelt. Ein kurzer Warnschrei kam von Bessie, doch es war zu spät. Der Bösewicht riss die Tür auf und sprang hinaus. Er überschlug sich den Abhang hinunter – teilweise absichtlich, um den Kugeln auszuweichen, die ihm nachgefeuert wurden. Doch keine traf ihn, und im nächsten Moment hatte er die Reihen seiner Männer erreicht.
Frank drehte sich gerade rechtzeitig um, um die gewagte Flucht zu sehen. Die Enttäuschung des jungen Erfinders war so groß, dass er fast den Wagen verlassen hätte, um den Verfolgten zu stellen.
»Beim Himmel, der Teufel ist doch nicht etwa ganz entkommen!«, rief Barney bestürzt.
»Es tut mir leid«, erwiderte Frank. »Aber triff jetzt die Vorsichtsmaßnahme, Barney, und verriegele diese Tür.«
Barney kam dem eifrig nach, musste dann aber an seinen Posten zurückkehren, da der Feind dicht im Rücken saß. Kurz darauf erreichte der Dampf-Mann den Anstieg. Eine Salve der Vigilanten trieb die Cowboys vorerst zurück. Dann brachte Frank Reade, Jr. die Maschine auf dem Plateau zum Stehen. Die Vigilanten waren außer sich vor Freude und drängten sich um den Dampf-Mann. Frank öffnete die Tür und stieg zu ihnen hinab. Im Nu war Harmon an seiner Seite und ergriff seine Hand.
»Gott segne Euch, Mr. Reade!«, rief der herzliche Steppenbewohner. »Es ist, als würde man die Hand von jemandem schütteln, der von den Toten zurückgekehrt ist. Verdammt noch mal, ich hatte Euch schon ganz aufgegeben, als ich sah, dass Euer Dampf-Mann in den Händen dieses Kojoten war. Es ist alles wie ein Wunder.«
»Ich glaube, wir können uns gratulieren«, sagte Frank, »aber wisst Ihr, dass wir in einer schwierigen Lage stecken?«
»Niemand weiß das besser«, erklärte Harmon. »Ich bezweifle, dass wir da herauskommen.«
»Was können wir tun? Gibt es keinen Ausweg für einen Rückzug?«, fragte Frank. »Nicht einen.«
»Dann können wir nur hierbleiben und bis zum Letzten kämpfen. Natürlich könnte ich versuchen, ihnen mit dem Dampf-Mann zu entkommen, aber das würde ich niemals tun, solange noch einer von eurer Bande übrig ist.«
»Vielleicht wäre das der beste Weg«, sagte Harmon großmütig. »Wenigstens könntet Ihr das Mädchen retten. Um uns ist es nicht so wichtig. Wir sind nur raue Männer, und keiner von uns hat Angst zu sterben.«
»Ihr seid Helden!«, rief Frank mit Inbrunst, »und wenn ich Euch im Stich lassen würde, würde ich meine Ehre als Mann verwirken. Nein, der Dampf-Mann wird hierbleiben und bis zum Letzten für Euch kämpfen, verlasst Euch darauf.«
»Natürlich brauchen wir Eure Hilfe«, antwortete Harmon. »Vielleicht werden wir die Stinker noch besiegen.«
»Wir werden es versuchen.«
»Bei Gott, das werden wir«, rief Barney. »Wenn ich jetzt nur einen ordentlichen Schlag bei diesem Mistkerl von Cliff landen könnte, würde ich seine Schönheit für immer ruinieren.«
Walter Barrows und Bessie hatten eine freudige Unterhaltung geführt. Doch nun erging der Befehl: »Jeder Mann an seinen Posten. Der Feind kommt!«
Es gab keine Zauderer. Nicht einer in dieser heldenhaften kleinen Truppe hielt sich zurück. Der Feind ging erneut zum Angriff über. Mit Cliff an der Spitze stürmten sie wütend den Hügel hinauf. Aber die Vigilanten hielten stand und gaben ihnen eine vernichtende Salve. Für einen Moment schwankten sie, dann kamen sie erneut voran. Cliffs Stimme war zu hören, als er sie sammelte: »Verflucht noch mal, geht da rauf und tötet die ganze Crew! Lasst keinen von ihnen lebend entkommen! Tötet sie, jeden Einzelnen, und gewährt kein Pardon!«
»Das werden wir ja sehen«, murmelte Frank Reade, jr. »Es ist vielleicht nicht so einfach, das alles zu tun, Mr. Cliff.«
Frank und Barney konnten von ihrer Position an Bord des Dampf-Manns ein verheerendes Feuer in die Reihen des Feindes schütten. Die Cowboys wurden wie Getreide vor der Sichel niedergemäht, dennoch wankten sie nicht, sondern kamen schneller voran. Mit jedem Augenblick rückten sie näher. Wenn sie sie umzingelten, wäre das Ende kurz. Es war zweifellos Cliffs Absicht, kein Pardon zu gewähren. Ein Massaker drohte. Die Vigilanten kämpften nun um ihr Leben. Die gewaltige Übermacht fegte über den Anstieg und erreichte das Plateau. Im Nu waren die Vigilanten umzingelt, und es schien keine Macht zu geben, die sie vor dem sicheren Untergang bewahren konnte.
Frank Reade, jr. erfasste die Situation auf einen Blick und rief verzweifelt: »Barney, wir sind verloren! Unser Ende ist gekommen!«
Der arme Pomp sah keinen Ausweg aus der schrecklichen Situation. Der Tod in seiner grausamsten Form stand ihm bevor. Die Wilden häuften Reisig um ihn herum auf und tanzten mit dämonischem Gebrüll um den Haufen. Hätte Pomp blass werden können, wäre er in diesem Moment weißer als Kreide gewesen. Doch trotz alledem galten seine Ängste selbst jetzt mehr seinen Freunden als sich selbst.
»Meine Güte, Massa!«, plapperte er und zitterte am ganzen Körper. »Was auch immer das Ende von all dem sein wird… Ich werde bei lebendigem Leibe verbrannt werden, und Master Frank ist in den Klauen dieses Schurken Cliff, und niemand ist da, um ihn zu retten. Oh, guter Herr, es ist schrecklich.«
Es war in der Tat eine schreckliche Lage. Höher wurde das Reisig aufgeschichtet, und dann trat einer der Indianer mit einer Fackel vor. Im Nu hatte er sie an den Haufen gehalten. Das trockene Holz brannte wie Zunder. In einem Augenblick schlugen große Flammen empor. Sie waren noch am Rand des Haufens, doch Pomp spürte bereits die Hitze. Der arme Mann war fast wahnsinnig vor Verzweiflung. Die Angreifer begannen nun einen teuflischen Tanz, sprangen und rannten, schwangen ihre Tomahawks und schnitten ihrem Opfer grässliche Gesichter.
Doch das Schicksal hatte nicht bestimmt, dass dies Pomps Ende sein sollte. Selbst als der Tod gewiss schien, war Rettung nah. Plötzlich drang das Klappern von Pferdehufen durch die Luft, gefolgt von einem schnellen, scharfen Befehl und dem Krachen von Karabinern. Indianer fielen vor dieser Salve in Haufen um. Panik brach aus, und im nächsten Moment sah Pomp durch den Rauch das Schimmern von Uniformen: Eine Einheit der Kavallerie der Vereinigten Staaten war gerade noch rechtzeitig eingetroffen.
Der Mann war außer sich vor Erleichterung. Er versuchte, seine Fesseln zu sprengen, und rief: »Rettet mich, Soldaten – rettet Pomp! Er wird sicher bei lebendigem Leibe verbrannt, wenn ihr ihn nicht rettet!«
Doch der Ruf war nicht nötig. Durch den Rauch sprangen zwei abgesessene Soldaten. Im Nu wurde das brennende Reisig beiseitegetreten und Pomps Fesseln durchschnitten. Dann stand er einem jungen Offizier gegenüber. Die Angreifer waren zerstreut und der Kampf vorbei.
»Ich bin Oberst Clark von der 7. Kavallerie der Vereinigten Staaten«, sagte der Offizier. »Wer seid Ihr?«
»Ich bin Pomp!«, lautete die prompte Antwort.
Der Offizier lächelte. »Nun, zu wem gehört Ihr?«
»Ich gehöre Master Frank Reade, jr.«, antwortete Pomp nachdrücklich. »Ich bin ein freier Mann, aber ich gehe überallhin, wo Master Frank hingeht.«
»Oh, ich verstehe«, antwortete der Offizier; »nun, wo ist Euer Herr gerade?«
»Meine Güte, um Himmels willen!«, rief Pomp aufgeregt. »Er steckt in großen Schwierigkeiten, und Ihr könnt ihm heraushelfen.«
Damit erzählte Pomp Clark alles über den Dampf-Mann und ihre Mission im Westen.
Der junge Oberst hörte mit großem Interesse zu. Als er erfuhr, dass der Dampf-Mann und seine Passagiere in den Händen von Cliff waren, rief er: »Beim Jupiter! Dieser Mann Cliff ist genau der Kerl, hinter dem ich her bin. Vor einiger Zeit erreichte das Fort die Nachricht von einem Diebesnest hier oben mit einem Treffpunkt namens Ranch V. Wisst Ihr etwas darüber?«
»Um Gottes willen, Master Colonel«, rief Pomp, »da können Sie verdammt noch mal sicher sein! Finden Sie nur die Cowboys und retten Sie Master Frank, und er wird Ihnen zeigen, wo die Ranch V ist.«
»Es soll getan werden«, sagte Oberst Clark.
Er wandte sich an seine Männer, die damit beschäftigt waren, die Angreifer aus dem Tal zu vertreiben. Ein Ersatzpferd wurde für Pomp gebracht, und dann ritten die Kavalleristen geschlossen aus dem Tal. Als sie die Prärie erreichten, drangen die entfernten Geräusche von Schüssen an ihre Ohren. Es war der Lärm des Konflikts zwischen den Vigilanten und den Cowboys. Oberst Clark konnte nun direkt zum Ort des Geschehens galoppieren. Durch einen Pass in den Hügeln erreichten sie das Plateau. Sie brachen genau im kritischen Moment über den Cowboys im Rücken herein, als es so aussah, als sei Harmons Truppe dem Untergang geweiht. Es erforderte nur einen Blick für Clark, um die Situation zu erfassen. Er schwang seinen Säbel in die Luft und spornte sein Pferd mit dem Befehl vorwärts: »Vorwärts! Angriff!«
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