Aus dem Reiche der Phantasie – Heft 6 – Der König der Zauberer – 7. Teil
Robert Kraft
Aus dem Reiche der Phantasie
Heft 6
Der König der Zauberer
Verlag H. G. Münchmeyer, Dresden, 1901
Kapitel 7
Der Nachfolger des Zauberkönigs
Gustav fand Arbeit als gewöhnlicher Tagelöhner am Hafen. Richard hingegen wurde, eingekleidet in feine altholländische Stoffe, als Haussklave im Palast des Herrschers angestellt. Willig unterzog er sich den ihm zugewiesenen Aufgaben. In den ersten Tagen bestanden diese lediglich aus dem Ausfegen und anderen einfachen Diensten – eine ideale Gelegenheit für ihn, die nähere Umgebung seines Gebieters unbemerkt zu beobachten.
Schon bald konnte er dies noch gründlicher tun: Dank einer ihm unbekannten Protektion stieg er rasch von Stufe zu Stufe auf, bis er schließlich das Amt des Kammerdieners bekleidete. Er befand sich nun ständig in der unmittelbaren Nähe des Greises und musste nachts sogar allein im Nebenzimmer schlafen. Kein zweiter im ganzen Reich teilte dieses Privileg. Selbst Minister konnten sich mit dem mächtigen Herrscher, der sich ähnlich wie der Kaiser von China von der übrigen Menschheit abschirmte, nicht so vertraulich unterhalten wie Richard.
Was hatte diese außerordentliche Gunst zu bedeuten? Offensichtlich ging diese steile Karriere direkt vom Herrscher selbst aus. Vieles daran machte Richard stutzig, bis er schließlich begriff, was man mit ihm vorhatte: Der Alte versuchte ihn an sich zu binden, vermutlich, um ihn in Geheimnisse einzuweihen, die für alle anderen Untertanen heilige Rätsel bleiben mussten. Die bloße Suche nach deren Lösung galt bereits als Staatsverbrechen.
Als vertrautester Diener erkannte Richard nun endgültig, dass dieser vermeintliche »Gottmensch« ein gewöhnlicher Sterblicher war – behaftet mit menschlichen Schwächen und geplagt von der Gicht des Alters. Gleichzeitig festigte sich jedoch seine Überzeugung, dass der Greis tatsächlich mehrere hundert Jahre alt sein musste. Die Wirkung des Lebenselixiers, das der holländische Gelehrte zu brauen verstand, war eine unumstößliche Tatsache. Doch der Trank verjüngte nicht; er konservierte lediglich den aktuellen Zustand. So blieb ein Jüngling zwar jung, doch der Zauberer, der das Rezept erst im hohen Alter entdeckt hatte, blieb ein hinfälliger Greis.
Alles an diesem Mann war von maßloser Herrschsucht, Stolz und Eitelkeit geprägt. Auf Richard, der ihn aus nächster Nähe beobachtete, wirkte dieses Übermaß oft nur noch lächerlich. Mit der Zeit bemerkte er zudem die wahre Stimmung im Volk: Man liebte den Herrscher nicht, man fürchtete und hasste ihn als grausamen Sklaventreiber. Da der Alte um die unterdrückte Rebellion wusste, wurde er von ständiger Sorge gemartert. Er traute seiner eigenen Macht nicht und schlich nachts heimlich umher, um sein Reich zu belauschen. Später prahlte er dann mit seiner »Allwissenheit«, um jeden Zweifel mit furchtbarer Grausamkeit zu bestrafen.
Nur Richard gegenüber machte er eine seltsame Ausnahme. Er behandelte ihn wie einen normalen Menschen und verlangte keine göttliche Verehrung. Stattdessen erhielt Richard täglich Unterricht in Staatskunde – erst von einem Minister, und schließlich, als es um die geheimen Staatsartikel ging, vom Gebieter selbst.
»Als Scipio dich hier einführte«, sagte er eines Tages, »sprachst du von einem gewissen Röntgen, der die X-Strahlen erfunden habe. Erkläre mir, was du darüber weißt. Ich will prüfen, ob du fähig bist, den Posten zu bekleiden, für den ich dich vorgesehen habe.« Selbst seinem Vertrauten gegenüber konnte er es nicht lassen, mit seinem Wissen zu prahlen, während er ihn doch nur auf die Probe stellen wollte.
Richard aber war sich seiner Sache sicher; nun prüfte er seinen Lehrer. Nach seiner Erklärung hatte Professor Röntgen Strahlen entdeckt, die die Eigenschaft besaßen, den menschlichen Augen das Unsichtbare in der Atmosphäre sichtbar zu machen, sodass sie sahen, dass unsere Umgebung in der Luft mit Wesen erfüllt ist, die ungefähr denen der Mikroben im Wassertropfen des Sumpfes gleichen, nur dass sie einen riesenhaften Umfang haben und durch ihre Ätherbeschaffenheit jede feste Materie durchdringen können. Der Apparat, welcher die X-Strahlen erzeugt, spielte also ungefähr die Rolle eines Mikroskops – oder hier richtiger: eines Makroskops –, war also eine Brille zur Sichtbarmachung von sonst unsichtbaren Wesen.
Richtig, der alte Zauberer ging in die ihm gestellte Schlinge! Er wollte tun, als sei ihm dies alles schon bekannt, vermochte aber seine Aufregung nicht zu beherrschen, als er in dem Gemache auf- und abging, und stellte, da der Gelehrte bei ihm durchbrach, immer neue Fragen.
Plötzlich konnte sich Richard nicht mehr halten; seine Erklärungen kamen ihm selbst zu komisch vor, und er brach in ein lautes Gelächter aus.
Das Antlitz des Alten färbte sich dunkelrot, er schleuderte dem Kecken einen vernichtenden Zornesblick zu, seine Hand wies zur Tür – und Richards Lachen erstarb, er schlich hinaus. Zu spät erkannte er, was er angerichtet hatte; er befand sich doch völlig in der Macht dieses stolzen, gewalttätigen Mannes, der so etwas wohl nie verzeihen konnte.
Er wartete im Vorzimmer, dachte nicht anders, als dass nun die Strafe auf dem Fuße folgen würde, und sah keine Möglichkeit, dieser zu entgehen.
Nach einer Viertelstunde wurde er durch ein Glockenzeichen wieder hereingerufen.
»Setz dich und höre mich an«, sagte der Greis, nicht stolz und befehlend, sondern eher gedrückt, indem er dabei immer auf- und abging und die Worte traurig klangen und stoßweise hervorkamen.
»Du verstehst mich besser zu beurteilen, mein Sohn, als je einer zuvor«, begann er, »und bei dir weiß ich auch, dass ich mich vergebens bemühen werde, dich von meiner gottähnlichen Allmacht zu überzeugen, denn du bist ein Kind deiner Zeit, und die Zeiten haben sich, seitdem ich die Welt verlassen habe, sehr geändert. Mit jedem neuen Ankömmling merke ich es mehr; immer schwerer wird es mir, sie zu meinen willenlosen Sklaven zu machen. Ich bin alt. Ich habe lange, lange gelebt, ich sehne mich nach der ewigen Ruhe des natürlichen Todes. Aber zweifelst du daran, Knabe, dass ich die Macht habe, mein Leben und das meiner Untertanen nach Belieben zu verlängern?«
»Nein, daran habe ich nie gezweifelt, dass es solch ein Mittel geben kann«, entgegnete Richard, »und ich glaube, dass du es besitzt. Deshalb aber bist du noch nicht allmächtig wie Gott; du kannst doch noch nicht die Unsterblichkeit erlangen.«
»Du sprichst die Wahrheit, mein Sohn. Wenn ich sterben werde, brauche ich einen Nachfolger, der mich vertritt. Ich weiß keinen. Sie alle, die ich deswegen schon geprüft, habe ich zu schwach befunden; selbst meine Kinder und Kindeskinder haben sich als untauglich erwiesen, und außerdem hassen mich auch diese. Ach, es ist ein friedloses Dasein. Die Befriedigung meines Stolzes genügt mir nicht mehr, ich möchte es verlassen, um schlafen zu gehen, und dennoch möchte ich wie ein allmächtiger Gott in alle Ewigkeit verehrt werden! Du hast das Geheimnis meiner Macht erkannt, vielleicht nur zufällig, aber du weißt es dennoch. Deshalb habe ich dich am allermeisten zu fürchten, und deshalb vertraue ich mich dir lieber gleich ganz an und frage dich: Willst du mein Erbe und Nachfolger sein, Richard? Willst du der König im Reich des lebenden Todes werden und eine Macht über Menschen ausüben, wie sie kein Kaiser in der Welt kennt? Willst du aber auch zum Dank dafür sorgen, dass man meinen Namen auch nach meinem Tod verehrt?«
Für Richard kam dieser Vorschlag nicht mehr überraschend. Er hatte Ähnliches schon erwartet. Nur einen Moment währte sein Zögern.
»Nein«, sagte er dann im entschiedensten Ton, »du verlangst von mir, dass ich einen ungeheuren Frevel begehe, der schon allein darin liegt, dass fernerhin mein ganzes Leben eine lebendige Lüge sein soll. Du bist ein Mensch, und magst du auch alle irdischen Wissenschaften hinter dir haben, du bist doch nur ein Mensch, kein Gott, und nimmermehr werde ich dich anbeten, noch andere veranlassen, dich wie einen Gott zu verehren. Die Wahrheit geht über alles, die Lüge ist die Sünde wider den heiligen Geist, die nie verziehen werden kann.«
Wieder verwandelte sich der Greis; mit zornigen Blicken maß er den kühnen Sprecher.
»Ich biete dir alle Macht der Erde an, und du, Narr, schlägst es aus törichter Wahrheitsliebe aus?«, rief er heftig. »Du unterschätzest meine Macht denn doch, und ich werde dir einmal beweisen, dass ich der Herr über Tod und Leben bin!«
»Töten kannst du mich wohl, daran zweifle ich nicht«, sagte Richard unerschrocken, auf alles gefasst.
Der Greis hatte aus einem Schrank einen runden, mit einem Tuch verdeckten Gegenstand geholt; er entfernte die Verhüllung. Eine Kugel kam zum Vorschein, etwa im Durchmesser einer großen Kegelkugel und scheinbar aus Glas.
»Du hast das Richtige erraten«, fuhr er fort, »meine Macht besteht in den von mir entdeckten Strahlen; lerne ihre Wirkung kennen und den Unterschied, den dieser Zustand vom Tod hat. Ich verurteile dich für einen Tag zur Verdammnis im Höllenpfuhl.«
Die Kugel in seinen Händen blitzte plötzlich in einem intensiv weißen Licht auf. Gleichzeitig fühlte Richard, wie eine Eiseskälte durch seine Glieder rann und ihm das Blut erstarren machte; er glaubte noch ein teuflisches Hohngelächter in seinen Ohren gellen zu hören, dann verließ ihn die Besinnung.
»Das ist der Todesschlaf, welcher dem Erwachen in der Hölle vorausgeht«, war sein letzter Gedanke.
Wirklich, da wurde er schon wieder geweckt.
»Wache auf, Richard, es ist schon spät«, sagte eine ihm wohlbekannte Stimme, und als er die Augen aufschlug, blickte er in die milden, freundlichen Züge seiner Tante. Sie hatte den Langschläfer geweckt.
Gott sei Dank, dass es nur ein Traum war, dachte er erleichtert beim Ankleiden. »Seltsam, was mir die Fantasie da wieder vorgegaukelt hat! Ein wachender Mensch kann gar nicht auf solche Gedanken kommen. Aber einen richtigen Abschluss hat dieser Traum auch noch nicht gefunden, und ich werde ihn später vielleicht einmal fortsetzen, um zu erfahren, was ich weiter im Land des lebenden Todes erleben werde.«
Heft 7 enthält die Erzählung
Das Stahlross
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