Archiv

American Indian Weekly Nr. 2 – Aufgespürt in seinem Versteck – Kapitel 7

American Indian Weekly
Nummer 2, 1910
Aufgespürt in seinem Versteck
oder Die Verfolgung des Mitternachtsräubers
von Colonel Spencer Dair
Kapitel 7

Das mysteriöse Gespenst taucht wieder auf

Selbst das köstliche Abendessen, das Mrs. Hawks ihrem Nachbarn vorsetzte, konnte ihn nicht mit der unerwarteten Verzögerung versöhnen, die das Fehlen des Besitzers der Star and Moon in seinen Plänen verursacht hatte. Überdies sah er ein, dass der scharfe Verweis, den er wegen seiner Gedankenlosigkeit bezüglich der Sicherheit seiner Frau erhalten hatte, nicht unbegründet war – und diese Einsicht trug keineswegs dazu bei, seine schlechte Laune zu besänftigen.

Da Mrs. Hawks dies bemerkte und befürchtete, sie hätte vielleicht zu viel gesagt, suchte sie die Wogen zu glätten.

»Du darfst dir das, was ich über das Zurücklassen von Sarah gesagt habe, nicht zu Herzen nehmen, Sam«, rief sie zerknirscht aus. »Aber allein auf der Ranch zurückgelassen zu werden, ist nun mal ein wunder Punkt bei mir, und ich bin es so gewohnt, Hen deswegen ins Gebet zu nehmen, dass ich nicht immer erst nachdenke, bevor ich rede. Natürlich weiß ich, dass du wegen deines Viehs völlig von der Rolle warst – was ja auch nur zu verständlich ist –, und ich schätze, Sarah war schon so oft allein, dass es ihr nicht viel ausmachen wird, zumal es tagsüber ist. Wenn es jetzt Nacht wäre, sähe die Sache anders aus.«

»Das würde sie ganz gewiss«, erwiderte Bowser mit Nachdruck. »Ich hatte keineswegs vor, Sarah allein zu lassen. Das habe ich dir ja gesagt. Nur Hens Abwesenheit hat meine ganze Rechnung durchkreuzt. Um wie viel Uhr, sagtest du, erwartest du ihn zurück?«

»Im Laufe des Nachmittags. Das heißt, heute ist der dritte Tag, seit er weg ist, und er sagte, es würde höchstens drei Tage dauern, das Vieh zusammenzutreiben – sie sind ja auf der nahen Weide, weißt du – und es hereinzutreiben.« Und dann wie es eben die Art einer Frau ist, begann sie sich unnötige Sorgen zu machen und fügte hinzu: »Du glaubst doch nicht etwa, dass dieses Gespenst ihm irgendwelchen Ärger eingebrockt haben könnte, oder?«

»Das hätte es ganz gewiss, wenn es bei Hens Herde dieselben Tricks versucht hat wie bei meiner«, erwiderte der Besitzer der Double Cross. »Aber fang erst gar nicht an, dir Dinge auszumalen, Amy. Ein Mann hat auf einer Ranch schon genug Scherereien, ohne dass er sich noch wegen Dingen den Kopf zerbricht, die vielleicht oder vielleicht auch nicht passieren.«

»Genau das sagt Hen auch immer«, entgegnete Mrs. Hawks. »Für euch Männer ist es leicht genug, danach zu leben. Ihr habt so viele Dinge, die euch auf Trab halten, dass ihr gar keine Zeit zum Nachgrübeln habt. Aber bei uns Frauen ist das anders. Da wir niemanden außer euch haben, an den wir denken können, überkommt uns einfach die Angst, dass euch etwas zustoßen könnte. Ich weiß, dass es mir mit Hen so geht, und ich schätze, Sarah ergeht es mit dir nicht anders.«

»Ja, das wird wohl so sein«, pflichtete ihr Nachbar bei. »Aber denk dran: Sorgen haben noch niemandem genützt – und machen einen meistens nur nervös und unausstehlich.« Und mit diesem Abschiedsgruß erhob sich der Besitzer der Double Cross, nachdem er sein Mahl beendet hatte, und ging hinaus, gefolgt von seinen Cowboys.

»Mensch, Mann! Was für ein alter Besen!«, kicherte Deadshot, als sie den Hof erreichten, wobei er jedoch sorgsam darauf achtete, dass die Frau außer Hörweite war, als er sprach. »Ich konnte mit Hen Hawks noch nie viel anfangen; aber nachdem ich seine bessere Hälfte gesehen – und ihr zugehört – habe, tut er mir aufrichtig leid.«

»Nun, er würde dir wahrscheinlich nicht dafür danken, wenn du es ihm sagst«, schmunzelte Bowser, dessen schlechte Laune unter der kombinierten Wirkung des guten Essens, seiner Pfeife und dem Kommentar des Cowboys über die Geschwätzigkeit von Mrs. Hawks verflogen war.

Die weitere Vertiefung des Themas wurde jedoch von Sandy unterbunden.

»Ist es nicht zum Verrücktwerden, wie sich beim Verfolgen dieser Viehdiebe scheinbar alles gegen uns verschworen hat?«, fragte er. »Zuerst konnten wir ihre Fährte nicht aufnehmen. Dann konnten wir sie nicht einholen, und jetzt müssen wir noch mehr Zeit damit vergeuden, auf Verstärkung zu warten, bevor wir wieder aufbrechen. Es sieht verdammt danach aus, als stünde uns auf ganzer Linie Ärger ins Haus.«

»Du fängst also auch an aufzuwachen, was?«, kicherte Deadshot. »Habe ich nicht letzte Nacht, als wir wegen dieses Spuks fast verrückt geworden wären, gesagt, dass es immer Ärger bedeutet, wenn einer von denen auftaucht? Und habe ich euch nicht, nachdem wir herausgefunden hatten, dass es ein Überfall war, gesagt, dass es kein Kinderspiel wird, sie zur Strecke zu bringen, so wie Sam es vorhatte?«

Der spöttische Ton, in dem der Cowboy seinen Kameraden an seine Vorhersagen erinnerte, erregte Sandys Zorn.

»Sicher hast du das. Aber du erzählst so viel Zeug, das nichts wert ist, dass ein Kerl es erst mit eigenen Augen sehen muss, bevor er dir zustimmen kann.«

»Der hat gesessen, Deadshot«, grinste sein Boss. »Ein Glück für dich, dass Pinky nicht hier ist, sonst hätten Sandy und er dich vor Sonnenuntergang auf die Palme gebracht.«

In einem Schweigen, das in seiner Intensität fast unheilvoll wirkte, holte der Cowboy seine Zigarettenblättchen aus Maisstroh hervor und den Tabak, drehte sich geschickt eine Zigarette, zündete sie an und stieß, nach einem langen Zug, den Rauch bedächtig aus, während seine Gefährten sich fragten, wie wohl seine Replik ausfallen würde.

»Ist dir eigentlich schon mal aufgefallen, Sam?«, dehnte er schließlich die Worte, »dass man manchen Leuten eine Sache erst um die Ohren hauen muss, bevor sie sie kapieren? Genau so liegt der Fall hier bei Sandy, obwohl ich es als Mitglied der Double Cross-Truppe nur ungern zugebe. Statt sofort zu begreifen, wenn ein Kerl schlau genug ist, so ein Spuk-Theater abzuziehen, um einen Überfall zu decken – und dass es verdammt schwer werden würde, nah genug an sie heranzukommen, um sie mit Blei vollzupumpen –, fällt bei ihm der Groschen erst gut achtzehn Stunden später.«

Glücklicherweise besaß der Vormann der Double Cross ein ausgeprägtes Quäntchen Humor, und er lachte über die treffende Antwort ebenso herzlich wie Bowser oder der Mann, der sie ausgesprochen hatte. Das hatte zur Folge, dass ein handfester Streit vermieden wurde, der die Harmonie unter den Rächern und das geschlossene Handeln, das zum Fangen der Räuber nötig war, hätte gefährden können.

Als Mrs. Hawks ihre Hausarbeit beendet hatte, erschien sie mit einem Nähkorb auf der Veranda und rief die Männer zu sich herüber. Doch unter dem Vorwand, sie müssten eines ihrer Ponys scharf im Auge behalten, weil sie befürchteten, es hätte sich eine Sehne gezerrt, gelang es ihnen, der lästigen Gesellschaft der gutmütigen, aber geschwätzigen Frau zu entgehen.

Die drei Männer, die so darauf brannten, die Verfolgung der Räuber aufzunehmen, vertrieben sich nun die Zeit – mal oben auf dem obersten Balken des Corrals hockend, mal langgestreckt auf dem Boden –, indem sie mit aller Geduld, die sie aufbringen konnten, immer wieder den östlichen Horizont nach einem Lebenszeichen der Star and Moon-Truppe absuchten.

Doch als der Nachmittag verstrich, ohne dass von ihnen etwas zu sehen oder zu hören war, wurde Bowser allmählich unruhig.

»Wenn diese Teufel merken, dass wir die Sümpfe bis Sonnenuntergang nicht erreicht haben, treiben sie meine Rinder mit ziemlicher Sicherheit an einen anderen Ort – und dann werden wir unsere helle Freude daran haben, sie aufzuspüren. Es wird schon schwer genug, wenn wir wissen, dass sie in den Flussniederungen stecken. Aber wenn wir uns nicht einmal dessen sicher sein können, stehen wir vor einer verdammt harten Nuss«, beklagte er sich.

»Was hast du vor? Wollen wir aufbrechen und Hen und seinen Männern Nachricht hinterlassen, dass sie uns folgen sollen?«, fragte Sandy. »Es ist wirklich jammerschade, diesen elenden Halunken die Chance zu geben, uns zu entwischen.«

»Genau mit dem Gedanken habe ich gespielt«, erwiderte der Rancher. »Was sagst du dazu, Deadshot?«

»Genau das, was du Mrs. Hawks gesagt hast – mach dir keine ungelegten Eier«, entgegnete der Cowboy mit einem Augenzwinkern.

»Bedeutet was?«

»Dass es eine Schnapsidee ist, sich darüber den Kopf zu zerbrechen, dass die Viehdiebe sofort weiterziehen, sobald sie erst einmal die Sicherheit der Sümpfe erreicht haben. Lasst euch eines sagen: Die werden verdammt froh sein, wenn sie merken, dass wir ihnen nicht auf den Fersen sind, damit sie sich mal eine Nacht richtig ausschlafen können. Ihr beide wisst genauso gut wie ich, dass es kein Zuckerschlecken ist, fünfzig Stück Vieh im Dunkeln so schnell vorwärtszutreiben, wie die Beine sie tragen.«

»Diese Argumentation hat Hand und Fuß«, erklärte der Besitzer der gestohlenen Rinder nach einigen Augenblicken des Nachdenkens.

»Und das Schöne daran ist, dass es den Tatsachen entspricht«, rief Deadshot aus. »Ich habe noch nie einen Viehdieb erlebt, der nicht faul war, und sobald sie erst einmal in den Niederungen sind, werden sie sich so sicher fühlen, dass ich wetten möchte, dass sie mindestens eine Woche lang nicht daran denken, ihr Versteck zu verlassen – es sei denn, wir jagen sie auf. Wenn Hen sich also noch achtundvierzig Stunden nicht blicken lässt, ist immer noch kein großer Schaden angerichtet.«

Die Rächer mussten jedoch nicht so lange auf das Erscheinen der Männer warten, von denen sie hofften, dass sie die Fährte mit ihnen aufnehmen würden.

Gerade als das Abendrot das wogende Gras in herrliche Rot- und Purpurtöne tauchte, ertönte das Hallo-Rufen von Cowboys, und kurz darauf ritt der Besitzer der Star and Moon-Ranch auf den Hof.

Beim Anblick seines Nachbarn war er erfreut, begrüßte ihn mit herzlicher Offenheit und schalt ihn dafür, dass sein letzter Besuch schon so lange zurücklag. Doch als er den Grund für Bowsers Anwesenheit erfuhr, wurde er ernst.

»Du hast verdammt recht, ich helfe dir, diese feigen Hunde aufzuspüren, Sam!«, erklärte er. »Sobald die Jungs ihr Futter im Magen haben, brechen wir auf. Wir haben das Vieh in gemütlichen Etappen hergetrieben, das hat uns so lange aufgehalten, also sind sie nicht müde.«

Während die beiden Rancher Begrüßungen ausgetauscht und geredet hatten, war der Rest der Truppe mit dem Vieh eingetroffen, und als Hawks dies bemerkte, rief er: »Hey, Dude, sag Ki Yi, er soll direkt zum Haus kommen.«

Doch noch bevor er vor seinen Boss trat, war der Mann – dessen Name ihm von seinen Kameraden wegen des Schreis verpasst worden war, den er in der Aufregung immer ausstieß – ebenso wie die anderen Mitglieder der Star and Moon-Truppe über den Grund für die Anwesenheit der Männer von der Double Cross aufgeklärt worden.

»Ich nehme an, Deadshot hat dir von dem Überfall erzählt?«, fragte Hawks, als sein Cowboy auf die Veranda trat.

»Sicher.«

»Was hältst du davon? Hast du jemals davon gehört, dass so eine Spuk-Nummer schon mal abgezogen wurde?«

»Das ist mir neu, ganz sicher, Hen«, erwiderte der Cowboy. »Mir scheint, das ist eine verdammt schlaue Bande von Dieben, und ich setze jeden Dollar gegen einen Kojotenfloh, dass die ganze Meute in genau dieser Minute in den Sümpfen hockt.«

»Glaubst du, sie wechseln in ein anderes Versteck?«, fragte Bowser.

»Nicht, bevor die Ochsen wieder etwas Fleisch auf den Rippen haben, das sie ihnen heruntergejagt haben – es sei denn, wir überrumpeln sie«, erklärte der Mann.

»Dann schätze ich, da Ki Yi und Deadshot sich darin einig sind, müssen wir uns heute Nacht nicht den Hals brechen, um über die Ebenen zu reiten, Sam«, rief der Besitzer der Star and Moon aus.

»Der Tagesanbruch wird früh genug sein, um aufzubrechen«, pflichtete Bowser bei, und entsprechende Anweisungen wurden sogleich an die Männer übermittelt, die er von Hawks’ Ranch mitzunehmen gedachte.

Doch in ihrer Behauptung, dass der Mitternachts-Räuber die Sümpfe für viele Tage nicht verlassen würde, es sei denn, er würde herausgezwungen, machten sowohl Deadshot als auch Ki Yi einen gewaltigen Fehler!

Hätten die Rächer bei Einbruch der Dunkelheit an den Flussniederungen Wache gehalten, hätten sie einen einsamen Reiter aus dem hohen Gras auftauchen sehen, der die umliegenden Ebenen absuchte und dann in leichtem Galopp genau auf den Ort hielt, an dem die Szenen der vergangenen Nacht gerade zum zwanzigsten Mal geschildert wurden.

Und hätten sie um Mitternacht an den Schuppen des Pferdecorrals der Star and Moon Posten bezogen, hätten sie bemerkt, wie ebendieser Reiter in dessen Schatten vom Pferd stieg!

Doch stattdessen schliefen die Cowboys und ihre Bosse tief und fest.

Nachdem sie einige Minuten lang angestrengt gelauscht hatte, sammelte die heranschleichende Gestalt hastig ein Bündel trockenes Gras, stieß ein brennendes Streichholz in die halmartigen Enden und platzierte die flammende Masse dann unter einer Kante des Corrals.

Zweimal wiederholte er diesen Vorgang, eilte dann zum Haupthaus hinüber und legte an fünf Stellen die Fackel an.

Er hielt am Ranchhaus gerade so lange inne, um sicherzugehen, dass das Holz Feuer gefangen hatte, dann rannte der Schurke zurück zu seinem Pferd, schwang sich mit Leichtigkeit auf dessen Rücken, ritt ein kurzes Stück in den Schutz, den die Schatten des Bunkhouse boten, und zügelte sein Pferd, um sich an seinem teuflischen Werk zu weiden.

Die Bretter, die vor Trockenheit wie Zunder brannten, fingen wild Feuer, und schon bald waren sowohl der Pferdestall als auch das Haus ein tosender Hexenkessel aus zischenden Flammen.

Als die Feuersbrunst an Kraft gewann, weckte ihr Knistern und Heranbrechen Bowser auf.

Er sprang ans Fenster und erblickte die emporlodernden Flammen.

»Feuer! Feuer!«, brüllte er aus vollem Hals.

Durch den markerschütternden Schrei geweckt, sprangen Mr. und Mrs. Hawks aus dem Bett, während die Cowboys aus ihren Kojen stürzten.

Mit solch schrecklicher Schnelligkeit verschlangen die Flammen die Holzgebäude, dass die Bewohner des Hauses kaum mehr als die Kleider neben ihren Betten retten konnten.

In einer kurzen Atempause, während sie in die Flammen starrten, gellte es plötzlich schrill und durchdringend herüber:

»O-u-e-e!«

Einen Moment lang starrte Bowser seine Männer fassungslos an.

»Holt eure Knarren! Das sind die Mitternachts-Räuber!«, brüllte er.

Augenblicklich stürzten die Jungs von der Double Cross und jene von der Star and Moon in die Baracke und kehrten sofort mit Gewehren und Six-Shooter zurück.

»Schießt, schießt!«, donnerte Bowser.

Doch ohne zu wissen, in welche Richtung sie feuern sollten, standen die Cowboys dicht gedrängt beieinander und spitzten die Ohren, ob sich der Schrei wiederholen würde.

Während sie warteten, brach der Dachfirst des Corrals in sich zusammen und jagte einen heftigen Funkenregen hoch in die Luft.

Und während der unheimliche, düstere Schein das umliegende Land erhellte, preschte auf einmal ein weißes Gespenst hinaus auf die Ebenen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert