Jim Jackson – Die Zähne des Mörders
Alin Monjardin
Jim Jackson
Detektivgeschichten
Die Zähne des Mörders
Jim Jackson befand sich auf dem Weg zum Polizeipräsidium. Als er das monumentale Gebäude in der Mulberry Street passierte, wurde seine Aufmerksamkeit durch eine Menschenansammlung an der Ecke zur 30. Avenue gefesselt. Der berühmte Detektiv trat an einen herbeieilenden Polizisten heran und befragte ihn.
»Was gibt es Neues, Altermout?«, erkundigte er sich. »Man hat soeben in seiner Apotheke die Leiche von Mr. Jack John Murphey entdeckt.«
Der Gesetzeshüter stieß ein tiefes Seufzen aus.
»Mr. Murphey, der Apotheker? Wurde er ermordet?«
»Ja. Und es ist kaum eine halbe Stunde her, seit man ihn so aufgefunden hat.«
»Dann muss ich wohl einen kleinen Umweg machen und mir das ansehen.«
Jim schlug die Richtung ein und schritt mit entschlossenen Schritten auf die 30th Avenue zu. Nur unter großen Mühen gelang es ihm, bis zur Apotheke vorzudringen, deren Schaufenster fest verschlossen war. Fast tausend Neugierige drängten sich auf dem Bürgersteig, und Jim Jackson musste vollen Körpereinsatz zeigen, um sich einen Weg in das Innere des Hauses zu bahnen, in dem das Verbrechen verübt worden war.
Die Justizbehörden schickten sich gerade an, die ersten Feststellungen zu treffen. Mr. Randall, der mit dem Fall betraute Untersuchungsrichter, stieß einen Seufzer der Erleichterung aus, als er den scharfsinnigen Detektiv erblickte.
»Sie kommen wie gerufen, Jim!«, rief er aus. »Wir sind selbst kaum angekommen, und Sie können uns vielleicht helfen, den Mörder zu entlarven.«
»Wo befindet sich die Leiche?«, fragte Jim knapp.
»Im Hinterzimmer. Wenn Sie mir folgen wollen …«
Der Detektiv folgte den Justizbeamten.
Der Leichnam von Mr. Jack John Murphey lag ausgestreckt auf dem Boden. Das Gesicht war bläulich angelaufen, gezeichnet von den typischen Merkmalen eines Todes durch Erwürgen. Die Unordnung, die im Raum herrschte, zeugte von einem heftigen, verzweifelten Kampf zwischen dem Mörder und seinem Opfer. Die Taschen des Apothekers waren umgedreht worden. Eine leere Brieftasche lag auf dem Parkettboden. Der Raubmord stand außer Frage; das Motiv war unverkennbar, da ein Nachbar soeben berichtet hatte, dass Mr. Murphey am Vorabend eine Summe von fünftausend Dollar erhalten hatte – das Erbe aus einem kleinen Nachlass.
»Die Tat kann nur von jemandem begangen worden sein, der mit den Gewohnheiten der Apotheke vertraut war«, bemerkte Mr. Randall.
Jim schwieg. Seine Blicke wanderten unablässig und mit höchster Aufmerksamkeit im Raum umher. Er setzte seine Untersuchung fort und bückte sich plötzlich vornüber. Unter einem Möbelstück lag ein Taschentuch, das zu einem Knebel zusammengefaltet war.
»Dieses Tuch ist mit Chloroform getränkt«, stellte er fest.
»Dennoch«, wandte der Untersuchungsrichter ein, »zeugt sein Gesicht nicht von einem sanften Schlaf oder einer Betäubung, wie sie Mr. Murphey hätte erleiden müssen.« »Nein. Der Mörder wollte den Apotheker offenbar betäuben, um ihn lautlos zu berauben. Unglücklicherweise muss Mr. Murphey die Absicht erahnt, um Hilfe gerufen oder versucht haben, sich des Angreifers mit Gewalt zu erwehren. In diesem Moment hat sich der Täter auf ihn gestürzt und erwürgt.«
»Wer, glauben Sie, könnte eine solche Tat begangen haben?«
»Die Untersuchung der Leiche und dieses Zimmers wird es uns zeigen. Der Körper des unglücklichen Apothekers wird uns vielleicht das Geheimnis dieses tragischen Todes offenbaren.«
Jim beugte sich tief über den Leichnam und betrachtete aufmerksam die Blutunterlaufungen am Hals. Plötzlich stieß er einen Schrei der Überraschung aus, als er die Brust des Toten entblößte.
»Sehen Sie, meine Herren!«, sagte er.
Sein Finger zeigte auf die rechte Hand des Opfers. Diese wies die Spuren eines schrecklichen Bisses auf. Die Zähne hatten tiefe, blutige Furchen im Fleisch hinterlassen, aus denen sich die Form des Gebisses präzise abzeichnete.
»Wie Sie sehen«, fuhr Jackson fort, »habe ich richtig vermutet. Der Mörder wollte Mr. Murphey betäuben. Dieser fuhr jedoch aus dem Schlaf auf, und der Angreifer stürzte sich auf ihn, um ihn zu erwürgen. Seine rechte Hand schnellte nach vorn, doch im Todeskampf gelang es dem Opfer, sich zu befreien und seine Zähne tief in die Hand des Angreifers zu schlagen. Der rasende Schmerz zwang diesen wohl, den Griff kurz zu lockern, woraufhin der Mörder erneut zustieß, um den Hals des Opfers zu packen und es nach einem heftigen Ringen endgültig zu erwürgen.«
»Das alles fügt sich logisch zusammen«, pflichtete der Gerichtsmediziner bei. »Wir wissen nun, wie das Opfer starb, aber uns bleibt noch herauszufinden, wer der Täter ist. Und das ist eine weitaus schwierigere Aufgabe.«
»Nichts ist unmöglich für Jim Jackson«, warf der Untersuchungsrichter ein, der volles Vertrauen in die Fähigkeiten des Meisterdetektivs hatte. »Ich bin gewiss, dass unser Freund uns zum Schuldigen führen wird.«
»Hoffen wir es«, entgegnete der Detektiv bescheiden. »Haben Sie bereits die Angehörigen und Angestellten der Apotheke befragt?«
»Ja«, antwortete Mr. Randall. »Ich habe nach einem gewissen Henry Cringlehope schicken lassen, dem Gehilfen von Mr. Murphey. Dieser junge Mann steht seit zwei Jahren in dessen Diensten, und man versichert mir, er sei absolut zuverlässig. Wir erwarten stündlich nähere Berichte, die uns noch fehlen.«
Jim Jackson horchte auf. Es war nicht das erste Mal, dass er den Namen Henry Cringlehope hörte. Doch wie sehr er sein Gedächtnis auch anstrengte, er konnte sich im Moment nicht entsinnen, bei welcher Gelegenheit er ihn zuvor vernommen hatte.
Der Polizist kehrte zurück. Er war allein. Der Untersuchungsrichter blickte ihn erstaunt an.
»Und Mr. Cringlehope?«, fragte er.
»Verschwunden, Euer Ehren«, meldete der Beamte und zuckte mit den Achseln. »Er ist heute Morgen gegen fünf Uhr fluchtartig aus seiner Wohnung geeilt, und seither hat man ihn nicht mehr gesehen.«
»Und um welche Uhrzeit kehrte er gestern Abend nach Hause zurück?«
»Gegen ein Uhr nachts, wie mir der Pförtner versicherte. Dieser achtet allerdings nicht sonderlich genau auf die Zeiten des Kommens und Gehens der Mieter, da er weiß, dass dieser jede zweite Nacht Dienst in der Apotheke hatte.«
»Was sagen Sie dazu, Jim?«, fragte der Untersuchungsrichter.
»Dieser Cringlehope erscheint mir nun mehr als verdächtig …«
»Offensichtlich«, stimmte der Detektiv zu. »Wir müssen unverzüglich eine Hausdurchsuchung bei ihm durchführen. So können wir feststellen, ob die am Hals von Mr. Murphey gefundenen Fingerabdrücke mit jenen übereinstimmen, die sich auf den Gegenständen im Zimmer des Apothekergehilfen befinden.«
Es bestand kein Zweifel mehr. Henry Cringlehope war der Mörder. Er war in das Hinterzimmer eingedrungen, in dem sein Chef schlief. Mr. Murphey, der tief schlief, hatte das Eindringen nicht bemerkt. Er war jedoch genau in dem Moment erwacht, als der Verbrecher ihm das mit Chloroform getränkte Tuch auf den Mund pressen wollte. Das Drama hatte sich daraufhin exakt so abgespielt, wie Jim Jackson es rekonstruiert hatte.
Die erste Sorge der Polizei war es, einen Steckbrief des Mörders zu erstellen, den alle Zeitungen der Vereinigten Staaten umgehend veröffentlichten. Er lautete wie folgt:
Detaillierte Beschreibung von Henry Cringlehope, dringend tatverdächtig des Mordes an Mr. Murphey:
Größe: Ca. 1,70 m. Kräftige Statur. Spitz zulaufendes Kinn. Große, abstehende Ohren.
Augen: Graublau; das rechte Augenlid hängt leicht herab. Der Blick ist lebhaft und stechend, blickt einen jedoch selten direkt an; er verweilt oft in einem hinterlistigen und boshaften Ausdruck.
Mund: Geschwungen. Exzellente Zähne.
Haare: Sehr kraus, dunkelbraun.
Bart und Schnurrbart: Blond, zu einem Hufeisenbart getrimmt, sehr spärlich auf den Wangen. Kleine, feine Hände mit gepflegten Fingernägeln; trägt mehrere Ringe mit Damenmotiven. Sehr kleine Füße.
Besondere Merkmale: Bemerkenswerte Muskelkraft, an gymnastische Übungen gewöhnt, raucht viel.
N.B. Henry Cringlehope besitzt ein bemerkenswertes, makellos weißes Gebiss.
Jim Jackson hatte diese Notiz persönlich ergänzen lassen, denn im Laufe seiner Ermittlungen hatte er festgestellt, dass es sich um die Zähne des Apothekergehilfen handelte, die er zuerst auf der Hand des Opfers gesehen hatte.
Unter den fünftausend Dollar, die der Dieb erbeutet hatte, befand sich auch die Uhr des Opfers. Jim hatte es nicht versäumt, die folgende Beschreibung im Steckbrief zu ergänzen:
Taschenuhr Nr. 37652, 10 Linien, Rotgold, Zylinderhemmung, Drücker an der Krone, 8 Rubine, weißes Zifferblatt mit Sekundenzeiger, Gehäusenummer 7886, Ziffer J.-J.M. eingraviert. Der Buchstabe M als Initiale auf guillochiertem Grund. Gekauft für 180 Dollar bei M. Hobbie Elliot, Juwelier, 30thAvenue.
Trotz all dieser Vorsichtsmaßnahmen vergingen acht Tage, ohne dass die Ermittlungen eine neue Wendung nahmen. Henry Cringlehope war unauffindbar. Selbst die fähigsten Detektive, die auf Anweisung von Jim Jackson die zwielichtigsten Viertel von New York durchkämmt hatten, blieben ohne Erfolg. Zudem hatten die Polizeibehörden aller großen Städte der USA Telegramme erhalten, doch die Nachforschungen blieben ergebnislos.
Sollte dieses Verbrechen ungestraft bleiben? Würde Jim Jackson an diesem banalen Mörder scheitern? Der berühmte Detektiv grämte sich. Er stellte Vermutungen an, bezahlte Informanten aus eigener Tasche, doch er fand nichts.
Mr. Ridder, der Gerichtsmediziner, der die ersten Feststellungen getroffen hatte, konnte es sich nicht verkneifen, ihn zu frotzeln: »Mein lieber Jim, der Mörder treibt ein grausames Spiel mit Ihnen, nicht wahr?«
Woraufhin Jim stets antwortete: »Wer zuletzt lacht, lacht am besten. Wenn ich ihn erst erwische, wird er nicht mehr lachen.«
Gleichwohl wusste er nicht, wo und wann diese Verhaftung stattfinden sollte, oder ob sie überhaupt je gelingen würde. Doch der berühmte Ermittler verzweifelte nicht.
Die Ermittlungen im Mordfall Murphey steckten in einer Sackgasse. Detektiv Jim Jackson hatte seine Informanten angewiesen, jeden noch so unbedeutenden Polizeibericht und die täglichen Meldungen der Gerichtsmedizin zu filtern. Er folgte einer unerschütterlichen Logik: Ein Mörder auf der Flucht brauchte Unterschlupf. Er musste sich bei einem Komplizen verbergen, unsichtbar für die Welt, bis Gras über die Sache gewachsen war. Irgendwann, so hoffte Jim, würde ein aufmerksamer Hausmeister Verdacht schöpfen. Doch die Tage strichen ereignislos ins Land. Der Mörder schien wie vom Erdboden verschluckt.
Mitte August, als eine drückende Hundstage-Hitze über der Stadt lag, stieß Jim auf eine Notiz, die sein Interesse weckte. In der Wohnung eines jungen Handelsangestellten war ein Kaminbrand ausgebrochen. Ein Kaminfeuer im glühend heißen August? Das widersprach jedem gesunden Menschenverstand. Während die Spurenleser der Polizei an einen banalen Unfall glaubten, witterte Jim eine Fährte.
»Hier stimmt etwas ganz und gar nicht«, murmelte er.
Selbst wenn es nichts mit Murphey zu tun hatte – dieses Rätsel verlangte nach einer Antwort.
Der Vorfall lag im Bezirk von Kommissar Ridder. Jim sucht den Beamten auf und bat kurzentschlossen darum, dessen Büro für ein Verhör nutzen zu dürfen. Ridder, ein Mann von spöttischer Natur, lachte laut auf.
»Haben wir dort etwa den Mörder unseres Apothekers aufgestöbert?«
Jim blieb ernst. Er ließ sich nicht beirren. Auch als Ridder den Mieter, einen gewissen Nicholas Readows, als unbescholtenen Bürger und pünktlichen Zahler verteidigte, blieb der Detektiv hartnäckig. Er schickte drei Beamte los, um Readows und jeden, der sich bei ihm aufhielt, vorzuführen – im Zweifel mit sanfter Gewalt.
Als die Polizisten wenig später mit zwei Männern zurückkehrten, schien Ridders Skepsis bestätigt. Der Begleiter des Verdächtigen passte so gar nicht auf die Beschreibung des gesuchten Henry Cringlehope. Cringlehope war als massiver, kräftiger Mann beschrieben worden; der Fremde vor ihnen war von mittlerer Statur. Er trug einen gefärbten Bart, der Schnurrbart war rasiert, und seine Hände wirkten ungepflegt. Doch als der Mann den Mund öffnete, bemerkte Jim ein entscheidendes Detail: Ihm fehlten die sechs vorderen Zähne. Zudem besaß er seltene, graublaue Augen – Augen, die Jim vor Jahren in einem Giftmordprozess in Philadelphia schon einmal gesehen hatte.
Während Ridder im Hintergrund amüsiert lächelte, ratterte es im Kopf des Detektivs. Das Kaminfeuer im August ergab plötzlich einen schrecklichen Sinn. Es war kein Mittel gegen eine Erkältung, wie Readows hastig betonte. Es war die brutale Methode der Jockeys, um durch extremes Schwitzen in kürzester Zeit massiv an Gewicht zu verlieren. Cringlehope hatte seine Korpulenz weggeschwitzt, seine Haare gefärbt und – Jim trat dicht an den Mann heran – sich selbst verstümmelt.
»Ein wahrlich außergewöhnlicher Mut«, durchbrach Jim das eisige Schweigen. Er fixierte den vermeintlichen Cousin aus Chicago.
»Seit wann fehlen Ihnen diese Zähne?«
Die Antwort kam zögerlich: »Seit drei Jahren …«
»Öffnen Sie den Mund! Weiter!«, befehligte Jim.
Ein Blick genügte: Das Zahnfleisch war noch frisch entzündet, Spuren von geronnenem Blut waren sichtbar. Die Maskerade war entlarvt.
»Diese Zähne wurden vor höchstens einer Woche herausgerissen, Cringlehope! Ein teuflischer Plan, aber er endet hier. Sie sind verhaftet.«
Wie vom Blitz getroffen sank der Mörder in sich zusammen. Angesichts der erdrückenden Beweise brach auch Readows in Tränen aus und gestand alles. Cringlehope hatte sich mit einem stumpfen Messer die eigenen Zähne extrahiert, um sein markantes, makelloses Gebiss unkenntlich zu machen – eine unvorstellbare Qual auf der Flucht vor dem Galgen.
Jim wandte sich mit einem feinen, triumphierenden Lächeln an den sprachlosen Kommissar.
»Nun, Kollege Ridder, was sagen Sie jetzt?«
Ridder verneigte sich tief vor dem Scharfsinn des Detektivs.
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