Felsenherz der Trapper – Teil 03.4
Felsenherz, der Trapper
Selbst Erlebtes aus den Indianergebieten erzählt von Kapitän William Käbler
Erstveröffentlichung im Verlag moderner Lektüre GmbH, Berlin, 1922
Überarbeiteter Text
Band 3
Der Kundschafter von Fort Kavett
4. Kapitel
Die Flucht
Die Gruppe schlug die Richtung zum Berg der Hasen ein. Felsenherz’ Gedanken arbeiteten fieberhaft. Er wusste, dass sein Brauner völlig ausgeruht war und kein Indianermustang mit dessen Schnelligkeit mithalten konnte. Absichtlich spielte er weiterhin den durch den Kolbenhieb halb Betäubten, während er jede noch so geringe Einzelheit seiner Lage genau abwog.
Sein Pferd war mit Lassos an die Gäule seiner beiden Wächter gebunden, die rechts und links neben ihm ritten. Man hatte die Seile fest an die Steigbügel des Braunen geknüpft. Felsenherz versuchte nun unauffällig, ob sich die Riemen lockern ließen, die seine Hände auf dem Rücken zusammenhielten. Dank seiner ungeheuren Muskelkraft drehte er die linke Hand ganz allmählich aus den Schlingen, auch wenn er sich dabei die Haut verletzte. Der rechte Arm jedoch blieb gefesselt. Da half alle Anstrengung nichts, denn ein Lasso presste diese Hand unverrückbar an seinen Rücken.
Doch das reichte ihm – eine freie Hand genügte!
Seine beiden Wächter hingen nach Indianerart schlaff und schläfrig auf ihren Pferden. Felsenherz drehte den Kopf unmerklich nach links. Der dort reitende Wächter trug ein langes Skalpmesser mitten im Gürtel. Auf einen leisen Schenkeldruck hin drängte der Braune sanft nach links hinüber. Felsenherz’ Arm zuckte wie ein Blitz vor, und seine Hand entriss dem Apachen die Klinge. Er bückte sich. Zwei schnelle Schnitte, die Lassos fielen herab, und der Braune brach in einem riesigen Satz nach rechts aus.
Ein wahnwitziges Geheul erhob sich. Fünf, sechs Schüsse knallten durch die Luft. Der Braune schien über die Prärie dahinzufliegen und warf mit leisem Wiehern den Kopf hoch. Felsenherz hatte in der Zwischenzeit seine Fesseln vollständig durchtrennt. Er schob das Messer in den Gürtel, ergriff die Zügel, duckte sich tief in den Sattel, um sich möglichst leicht zu machen, und klopfte seinem wackeren Tier beruhigend den Hals.
Hinter ihm war die Hölle los.
Den anderen Apachen weit voraus ritt der Große Bär auf einem fahlbraunen Mustang. Der Häuptling hatte sich Felsenherz’ Doppelbüchse angeeignet und noch beide Schüsse im Lauf. Plötzlich trat der Braune mit einem Vorderbein in das Erdloch eines Präriehundes und überschlug sich nach kurzem Stolpern. Felsenherz hatte dies im Bruchteil einer Sekunde vorausgesehen und sich noch vor dem Sturz geschmeidig aus dem Sattel gleiten lassen.
Der Große Bär jagte mit gellendem Triumphgeschrei heran und war nur noch vierzig Meter entfernt, als Felsenherz sich wieder in den Sattel schwingen wollte. Der Mustang des Apachenhäuptlings stand nun mit einem Ruck still. Der Große Bär hob die Büchse des Trappers und zielte. Felsenherz wandte den Kopf zurück. Ein kurzes Schnalzen mit der Zunge, der Braune tat einen Satz und riss seinen Reiter gleichzeitig mit sich, sodass Felsenherz nun zur Deckung halb hinter seinem Pferd hing.
Der Apache drückte zweimal ab. Die Hähne klackten auf die Pistons, doch beide Läufe versagten, da das Pulver in den Zündlöchern noch nass war. Wütend warf der Große Bär die Waffe weg und riss den Tomahawk aus dem Gürtel, unterließ den Wurf jedoch als zu unsicher.
Die wilde Jagd ging weiter, doch der Braune gewann einen immer größeren Vorsprung. Als Felsenherz sich umschaute, wusste er, dass er entkommen würde. Jetzt konnte er es wagen, den Braunen etwas verschnaufen zu lassen. Etwa acht Apachen waren noch hinter ihm. Nur acht! Und abgesehen vom Mustang des Häuptlings schienen nur drei von ihnen bessere Pferde zu haben. Felsenherz ließ den Braunen eine Strecke traben, fiel dann wieder in den Galopp und wechselte erneut in den Trab. Der Große Bär war noch etwa dreihundert Meter entfernt, zweihundert Meter dahinter folgten zwei weitere Apachen und mit einigem Abstand die letzten beiden. Der Rest der Verfolger war offenbar umgekehrt.
Der junge Westmann hielt nun auf ein langgestrecktes Buschwerk zu. Er umritt die linke Ecke, sprang ab, drängte seinen braven Braunen ins Dickicht und eilte zu Fuß zur Ecke zurück. Dort kroch er auf allen Vieren vorwärts und erwartete das Nahen des Apachenhäuptlings. Der Große Bär sprengte heran, bog scharf um die äußersten Sträucher und stutzte – denn der Flüchtling war verschwunden und die Prärie lag leer vor ihm.
Felsenherz stand bereits dicht hinter dem Mustang des Apachen. Er schnellte hoch, saß auf der Kruppe des Indianerpferdes und schlug von der Seite mit der geballten Rechten zu. Dumpf, wie ein Hieb auf ein dickes Brett, krachte die Felsenfaust gegen die rechte Schläfe des Apachen. Felsenherz schleuderte den Bewusstlosen aus dem Sattel, sprang hinterdrein und entriss ihm den Tomahawk. Dann rannte er zu seinem Braunen und ritt den nächsten beiden Apachen langsam entgegen.
Diese hatten genau beobachten können, wie ihr Häuptling scheinbar leblos vom Pferd stürzte. Da der Name Felsenherz unter den Apachen ohnehin gefürchtet war, zogen es diese beiden Rothäute vor, ihre Gäule herumzuwerfen und davonzujagen. Felsenherz gab dem Braunen einen Schenkeldruck, um die Entfernung zu verkürzen. Er musste unbedingt seine Büchse wiederhaben, die einer der Fliehenden vom Boden aufgehoben und sich umgehängt hatte.
Die vier verbliebenen Verfolger hatten sich nun vereinigt und schienen kurz zu beraten. Felsenherz galoppierte ohne Scheu direkt auf sie zu. Einer von ihnen hob seine Flinte, schoss – und verfehlte sein Ziel. Ein anderer hatte bereits seinen Bogen gespannt und wartete, bis das Bleichgesicht ganz nahe heran sein würde. Doch Felsenherz’ Tomahawk sorgte dafür, dass der Krieger nicht mehr zum Schuss kam: Das Schlachtbeil wirbelte plötzlich durch die Luft und traf den Apachen schwer an der Brust.
Im nächsten Moment war der Braune schon bei den anderen drei Kriegern, die ihre Wurfbeile nicht zu schleudern wagten, um ihre Waffen nicht aus der Hand zu geben. Das mutige Pferd schnellte empor, setzte im Sprung über den einen Mustang hinweg, schleuderte dessen Reiter ins Gras und riss das andere Pferd um. Der vierte Apache ritt wie gehetzt von dannen. Kurz darauf hatte Felsenherz seine geliebte Büchse zurück und sah im Gürtel des durch den Wurf mit dem Beil verletzten Kriegers seinen eigenen Tomahawk stecken.
Der Braune galoppierte bereits zur Buschreihe zurück. Gleich darauf fesselte der blonde Trapper den noch immer bewusstlosen Häuptling auf dessen Mustang und ritt im Trab nach Norden, wo ein kahler, niederer Höhenzug die Prärie überragte. Als Felsenherz die ersten steinigen Ausläufer der Hügelkette erreicht hatte, stieg er ab. Er zerschnitt die Satteldecke des Großen Bären, legte Grasbüschel in die Stoffstücke und umwickelte damit die Hufe beider Pferde, um deren Tritte weich und lautlos zu machen. Dann ging es weiter, immer am Rande des Hügels entlang, wo der harte Boden keine Spuren annahm.
Der Große Bär war längst wieder zu sich gekommen und hatte seinen Gefühlen zunächst nur mit einem einzigen Satz Luft gemacht: Felsenherz ist ein berühmter Krieger!«
Als der Trapper mit seinem Gefangenen schließlich in ein felsiges Tal einlenkte, ergriff der Apache abermals das Wort: »Das Bleichgesicht ist ein großer Krieger. Doch der Häuptling der Apachen wird für Felsenherz ganz besondere Qualen ersinnen, wenn der junge Trapper erst einmal am Marterpfahl steht.«
»Darauf wirst du wohl noch etwas warten müssen, Großer Bär«, erwiderte Felsenherz trocken. »Vorläufig bist du mein Gefangener und nicht umgekehrt. Wir wollen sehen, was Colonel Douglas in Fort Kavett mit dir anfängt. Vielleicht lässt er dich aufhängen.«
Ein Ausdruck versteckten Hohns glitt über das Gesicht des Apachen, als Felsenherz das Fort erwähnte. Dem blonden Westmann entging dies nicht. Er sagte sich sofort, dass dieses höhnische Aufleuchten in den Augen des Großen Bären einen besonderen Grund haben müsse. Er war gewarnt und argwöhnte, dass vielleicht eine andere Gruppe der Apachen beabsichtigte, das Fort anzugreifen, und bereits dorthin unterwegs sei.
Nach einer halben Stunde nahm er den Pferden die Hufschuhe ab und schwenkte nach Nordwesten ein. Die Sonne stieg höher und höher. Gegen Mittag erreichte er einen breiten Bach, der ihm gestattete, eine Weile durchs flache Wasser zu reiten, um seine Spur abermals zu verwischen.
Gerade als er auf steinigem Boden auf eine Anhöhe zuhielt, wurde er angerufen: »Halt! Woher und wohin?«
Aus einem Steinhaufen starrten ihm zwei Flintenläufe entgegen.
»Gut Freund!«, rief er zurück. »Seid ihr vielleicht eine vorgeschobene Wache aus Fort Kavett? Ich nenne mich Felsenherz, und …«
Hinter den Steinen erhoben sich nun zwei uniformierte Texaner. Wenig später befand sich Felsenherz sicher im verschanzten Lager dieses dreißig Mann starken Vorpostens, der unter dem Befehl von Captain Tobbler stand.
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