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Inspektor Pinson – 01

Inspektor Pinson
Nach den Texten, die 1907 in der illustrierten Volks-Familienzeitschrift MON BONHEUR erschienen sind
Das spurlose Verschwinden von Professor Kowalski
Von Jacques Bellême

Die Laboratorien des Bakteriologen Professor Kowalski befanden sich seit fast zwei Jahren auf einem großen Anwesen in der Umgebung von Paris, das ein großzügiger Spender dem Gelehrten zur Verfügung gestellt hatte. Dieser, dessen Forschungen die wissenschaftliche Welt in Erstaunen versetzt hatten, hatte – obwohl gebürtiger Pole – sein gesamtes Studium in Frankreich absolviert, und seine Entdeckungen hatten ihm höchste Auszeichnungen und größte Ehren eingebracht.
Das Gut La Chesnaye, von seinem Besitzer schon lange vernachlässigt, hatte sich in einem Zustand fortgeschrittenen Verfalls befunden, als Kowalski es übernahm. Obwohl er selbst nur über begrenzte Mittel verfügte, wurden dem Professor weitere Gelder zur Verfügung gestellt, damit er seine Forschungen fortsetzen und erfolgreich zum Abschluss bringen konnte.

Er führte dort ein recht zurückgezogenes Leben, das er mit seinem Assistenten Charles Baudon und einigen Studenten teilte, die seine Experimente mit großem Eifer verfolgten. Sie alle wohnten in einem recht gewöhnlichen, weiß getünchten Gebäude – das in der Umgebung hochtrabend Schloss La Chesnaye genannt wurde –, während ein freistehendes Gebäude, bestehend aus Erdgeschoss und erster Etage, eigens für die Laboratorien hergerichtet worden war.

Eine der Fassaden dieses Baus grenzte an einen kleinen Teich mit fast stehendem Wasser, in dem zahlreiche Wasserpflanzen wucherten; die anderen gingen auf den verwilderten Park hinaus. Schließlich umfasste das Anwesen am anderen Ende des Teiches noch einen kleinen, verschlossenen Pavillon, den nie jemand betrat, sowie nahe dem Eingangstor des Parks ein Pförtnerhaus. Dieses wurde von Pierre Chevalier, dem Gärtner, und seiner Frau Eugénie bewohnt, die den Professor und seine Studenten bediente.

All diese Details sind, wie man sehen wird, unerlässlich, um die Ereignisse zu verstehen, die sich auf Schloss La Chesnaye abspielten.

***

Es war etwa ein Uhr morgens, als aus dem Hauptgebäude Frauenschreie und verzweifelte Hilferufe ertönten, während gleichzeitig heftig an die Tür des Assistenten geklopft wurde.

Aus dem Schlaf geschreckt, warf sich Charles Baudon hastig ein Kleidungsstück über. Als er aus seinem Zimmer trat, stand er plötzlich einer Frau gegenüber, deren Züge vor blanker Panik entstellt waren – was er im schwachen Schein der kleinen Gartenlampe, die sie trug, gerade noch erkennen konnte.

»Monsieur Charles«, rief Eugénie Chevalier sogleich – denn es handelte sich um die Frau des Gärtners –, »ich flehe Sie an, helfen Sie mir! Ich weiß nicht, was passiert ist, aber Pierre liegt im Pförtnerhaus und stirbt, glaube ich. Er ist bewusstlos.«

Zwei der Studenten, die den ganzen Lärm gehört hatten, standen ebenfalls auf der Schwelle ihrer Zimmer, und der Assistent bat sie, ihn zu begleiten. Wenige Augenblicke später eilte die kleine Gruppe auf das Wohnhaus des Gärtners und der Hausangestellten zu.

In ihrer Eile hatte diese die Tür weit offen stehen lassen, sodass man den hell erleuchteten Raum in der Nacht schon von Weitem sehen konnte. Pierre Chevalier lag ohnmächtig auf dem Boden, und es dauerte eine Weile, bis die jungen Männer ihn wieder zu Bewusstsein brachten. Völlig benommen sah er sich um, ohne ein Wort herausbringen zu können.

Man verabreichte ihm ein Stärkungsmittel, das der Assistent mitgebracht hatte, und er konnte endlich sprechen, während seine Frau neben ihm kniete und seinen Kopf stützte.

»Nun erzählen Sie schon, mein guter Pierre«, drängte Charles Baudon. »Was ist Ihnen denn zugestoßen? Ein Unfall?«

»Oh nein, Monsieur Charles. Es ist kein Unfall, es ist viel schrecklicher!«

»Was denn? Sprechen Sie!«

»Professor Kowalski wurde ermordet!«

»Ermordet?«

»Ja. Und das Verbrechen wurde nicht von einem Menschen begangen, das ist das Unfassbarste daran.«

»Beruhigen Sie sich doch, verdammt noch mal! Hier, trinken Sie noch einen Schluck Cognac. So! Und jetzt sagen Sie uns, wo der Professor ist.«

»In seinem Labor.«

»Wie das? Er hat uns doch um halb elf verlassen, um sich schlafen zu legen! Um wie viel Uhr haben Sie ihn also in seinem Labor gesehen?«

»Punkt halb zwölf. Ich kenne die Uhrzeit genau, denn ich hatte um elf Uhr, vor dem Schlafengehen, meinen Wecker aufgezogen. Ich hatte gerade meine Lampe gelöscht und wollte zu Bett gehen, als ich durch den Vorhang sah, dass eines der Fenster des Labors im ersten Stock noch erleuchtet war. Das kam mir seltsam vor, denn ich wusste, dass um diese Nachtzeit dort drüben niemand mehr arbeitet!«

»In der Tat, das ist merkwürdig«, unterbrach ihn Baudon, »aber der Professor bereitete einen Vortrag für morgen vor. Vielleicht wollte er ein letztes Experiment durchführen, ohne uns zu stören, oder er holte sich Papiere, um noch ein paar Stunden auf seinem Zimmer zu arbeiten. Trotzdem ist es sehr seltsam!«

»Alles, was ich weiß, Monsieur Charles, ist, dass ich es für meine Pflicht hielt, dort drüben einen Rundgang zu machen, um nach dem Rechten zu sehen.«

»Aber wie kommen Sie überhaupt darauf, dass er tot ist?«

»Ich klopfte an die Tür im Erdgeschoss, erhielt aber keine Antwort. Ich rief nach ihm. Wieder nur Stille. Ich zog mich an den Händen zum erleuchteten Fenster hoch, ließ mich aber sofort wieder hinabgleiten.«

»Was hatten Sie denn gesehen?«

»Der Professor lag der Länge nach mit dem Gesicht nach unten inmitten eines Haufens umgeworfener und zerbrochener Gläser und Gefäße. Daneben lag ein völlig umgestürzter Tisch, und der Boden war mit Papieren übersät.«

»Vielleicht ein Unfall? Ein Anfall?«

»Das dachte ich auch, meine Herren. Kaum war ich wieder unten, rannte ich zum Schuppen, in dem ich meine Werkzeuge aufbewahre. Ich holte eine Leiter und kehrte in aller Eile zurück, fest entschlossen, das Fenster einzuschlagen und ihm zu helfen. Wenige Minuten genügten mir, aber stellen Sie sich meine Verblüffung vor, als bei meiner Rückkehr alle Lichter erloschen waren. Ich wollte gerade die Scheiben einschlagen, als ich in einer Ecke des Raumes etwas erblickte … Oh, meine Herren!«

»Sprechen Sie weiter, Pierre, sprechen Sie!«

»Ein monströses Wesen, meine Herren, kugelrund, so groß wie ein dicker Kinderball, und mit schrecklichen, haarigen Beinen … Oh, das Grauen! Es sah aus wie eine Riesenspinne.«

»Sagten Sie nicht vorhin, dass die Lampen aus waren, als Sie zum zweiten Mal dorthin kamen?«

»Ganz gewiss. Aber dieses Monster strahlte am ganzen Körper eine Art phosphoreszierendes, bläuliches Leuchten aus. So etwas habe ich noch nie gesehen. Es kroch langsam vorwärts, wich dann schnell zurück und kletterte die Wand hinauf, auf der es eine schleimige Spur hinterließ, die durch das Licht seines Körpers erhellt wurde. Dann ließ es sich plötzlich wieder hinabgleiten, so als ob es zeitweise unter der Last von etwas zu Schwerem zusammenbrach, das es unmöglich ziehen konnte.«

»Und was haben Sie danach getan?«

»Meine Güte! Mich packte die blanke Panik, denn das Monster schien in meine Richtung zu schauen; ich stieg wieder hinunter und rannte zum Pförtnerhaus zurück, um eine Lampe zu holen und Sie zu verständigen. Aber es war alles zu viel für mich, meine Kräfte verließen mich, und ich wurde ohnmächtig. Danach erinnere ich mich an nichts mehr.«

»Bleiben Sie hier«, sagte Baudon zu ihm. »Diese Herren und ich werden zum Labor gehen und uns ansehen, was dort los ist. Geben Sie uns Ihre Lampe.«

Die drei machten sich unverzüglich auf den Weg. Die Leiter, von der der Gärtner gesprochen hatte, lehnte tatsächlich noch immer an der Außenwand. Baudon stieg als Erster hinauf.

»Man sieht rein gar nichts«, rief er, während er versuchte, mit der Lampe hineinzuleuchten. »Lassen Sie uns versuchen, die Tür zu öffnen.«

Diese war jedoch verschlossen. Der Assistent steckte seinen Schlüssel ins Schloss, doch es ließ sich nicht öffnen: Von innen war ein Riegel vorgelegt, und die drei jungen Männer mussten ihre gesamten Kräfte bündeln, um die Tür aufzubrechen. Mit wenigen großen Schritten erreichten sie die erste Etage, wo sie auch die Tür zum privaten Labor des Gelehrten aufbrechen mussten.

Kaum hatten sie den Raum betreten, schnürte ihnen ein widerlicher Geruch die Kehle zu.

»Machen wir erst einmal das Licht an«, sagte Baudon und ging auf eine der Wände zu. Seine Füße rutschten auf glitschigen Substanzen aus und zermalmten Glassplitter.

»Oh, wie furchtbar!«, fügte er hinzu, als er mit der Hand über die Wand strich. »Es ist alles feucht und klebrig hier. Was um Himmels willen mag hier passiert sein?«

***

Als die elektrischen Lampen schließlich brannten, beleuchteten sie einen Raum, in dem ein unbeschreibliches Chaos herrschte, ganz so, wie der Gärtner es ihnen beschrieben hatte. Es sah aus, als wären die Gefäße gegen die Wände geschleudert worden, denn diese waren von langen, feuchten Streifen durchzogen, die auch über den Boden inmitten eines Haufens verstreuter Papiere verliefen.

Darunter fiel jedoch eine Spur besonders auf: Sie war schleimig und erinnerte an die Spur von Nacktschnecken, wenn auch viel breiter. Man stieß überall auf sie, an den Wänden, auf dem Boden, und wenn man ihr folgte, sah man, dass sie zu einem kleinen Fenster führte, das auf den Teich hinausging.

Dem Assistenten fiel plötzlich ein, dass der Gelehrte dieses Fenster oft angelehnt ließ, um von den strengen Gerüchen seiner Experimente nicht belästigt zu werden. Die Durchsuchung durch Baudon und seine beiden Begleiter führte jedoch nicht zum Auffinden der Leiche des Professors. Alle Labore wurden von ihnen von Grund auf durchsucht. Von Kowalski fehlte jede Spur.

Die ganze Angelegenheit grenzte schon fast an das Übernatürliche, denn es gab keinen Zweifel mehr: Was Pierre Chevalier in jener schrecklichen Vision, die zu seiner Ohnmacht geführt hatte, gesehen hatte, entsprach in allen Punkten der Wahrheit und war nicht das Ergebnis einer Halluzination. Ein Körper konnte sehr wohl durch das Fenster passen, das auf den Teich hinausging und das – statt wie üblich angelehnt – nun sperrangelweit offen stand.

Daraus musste man schließen, dass der Professor in seinem Labor nach einem erbitterten Kampf gegen seinen Widersacher getötet, dann zu diesem Fenster geschleift und allmählich in Richtung des stehenden Gewässers gezogen worden war. Im Schein der Lampe erkannte man zudem die schleimige Spur an der Außenwand unterhalb des Fensters. Diese Theorie wurde auch durch die Aussage des Gärtners gestützt, das Monster habe so gewirkt, als breche es zeitweise unter der Last von etwas zu Schwerem zusammen, das es nicht ziehen konnte!

Blut war jedoch nirgends zu finden, was die Vermutung nahelegte, dass es sich wohl mit den Flüssigkeiten der zerbrochenen Gefäße vermischt haben musste. Auf dem Sims des kleinen Fensters war jedoch der Abdruck einer blutbefleckten Hand zu erkennen – mehr nicht.

Zu diesem Zeitpunkt trafen auch die anderen Studenten des Professors ein, die der Gärtner geweckt hatte, um Neuigkeiten zu erfahren. Baudon und seine beiden Begleiter setzten sie rasch über die ersten Ereignisse der Nacht und das Ergebnis ihrer Nachforschungen in Kenntnis.

Einige schlugen vor, sofort mit der Suche im Teich zu beginnen, aber der Assistent hielt sie zurück und sagte: »Die Theorie, dass eine monströse Bestie ein Verbrechen an unserem Meister verübt hat – eine Theorie, die sich auf die Aussage von Pierre Chevalier stützt –, scheint mir zwar unwahrscheinlich, ist aber offensichtlich Realität. Und für mich steht fest, dass der Professor tot ist; er liegt irgendwo auf dem Grund des Teiches, und unsere Suche mitten in der Nacht wird zu nichts führen. Ich bin daher der Meinung, meine Herren, dass wir das Labor in dem Zustand belassen, in dem wir es vorgefunden haben, und den Tag abwarten, um unsere Aussage bei der Polizei zu machen. Diese wird dieses Geheimnis vielleicht lüften können.«

Fast alle Studenten schlossen sich der Meinung des Assistenten an. Einige begaben sich dennoch ans Ufer des Teiches und versuchten, ihn zu sondieren, jedoch vergeblich.

Das Verschwinden des Professors wurde noch am selben Morgen in den frühesten Stunden bei der Gendarmerie gemeldet, und die Pariser Abendzeitungen widmeten den Ereignissen, die von einem tiefen Geheimnis umhüllt waren, lange Artikel mit zahlreichen Kommentaren. Die Behörden hatten sich an den Tatort begeben, und im Laufe des Tages waren von der Polizeipräfektur scharfsinnige Kriminalisten entsandt worden, unter der Leitung von Inspektor Pinson, dem man stets die Lösung der schwierigsten Fälle anvertraute.

Pinson ließ sich von den Bewohnern des Schlosses La Chesnaye einen detaillierten Bericht über alles geben, was sie beobachtet hatten. Einige der Studenten, die der vom Assistenten unterstützten Version des Gärtners keinen Glauben schenkten, hatten den Verdacht auf Pierre Chevalier gelenkt – einen Verdacht, den Pinson wohlweislich nicht entkräftete. Er riet ihnen vielmehr, den Gärtner heimlich im Auge zu behalten, da er – wie er später erklärte – bei seinen Ermittlungen nicht durch den Übereifer dieser jungen Männer behindert werden wollte. Er achtete sogar darauf, die Pariser Reporter auf diese falsche Fährte zu locken, um auch sie vom eigentlichen Ort seiner Untersuchungen fernzuhalten.

Es fehlte nicht viel, und die Bewohner der umliegenden Dörfer hätten dem Gärtner und seiner Frau etwas angetan, so sehr hatte dieses noch immer undurchdringliche Geheimnis die Gemüter erhitzt. Man musste sogar den Schutz der Gendarmerie in Anspruch nehmen. Währenddessen setzte Pinson seine Nachforschungen mit unermüdlichem Eifer fort.

***

Auf diese Weise vergingen fünf bis sechs Tage. Der Teich war in alle Richtungen sondiert, der Park in jedem Winkel und Versteck durchsucht worden, ohne dass man auch nur das geringste Ergebnis erzielt hätte. Eines Abends schließlich kam Pinson, der der Einfachheit halber ein Zimmer im Schloss bezogen hatte, wie gewohnt in das Zimmer des Assistenten, um eine Zigarre zu rauchen und eine Tasse Kaffee zu trinken.

»Nun«, fragte ihn dieser, »gibt es schon etwas Neues, Monsieur Pinson?«

Der Inspektor schwieg einen Moment, blies einige Rauchwolken in Richtung Decke und antwortete dann gelassen: »Wollen Sie, dass ich ganz offen zu Ihnen spreche, mein Monsieur Baudon? Nun, es wäre das Beste, die Staatsanwaltschaft die Akten schließen zu lassen und zuzulassen, dass sich der Mantel des Schweigens über dieses Geheimnis legt.«

»Wie bitte? Sie haben also nichts gefunden?«

»Ja und nein.«

»Wie meinen Sie das?«

»Ja, weil ich das Verschwinden von Professor Kowalski restlos aufgeklärt habe.«

»Ah? Und ….«

»Nein«, fuhr Pinson ungerührt fort, »weil der Gelehrte zwar verschwunden, aber keineswegs tot ist, und weil es überhaupt kein Verbrechen gegeben hat.«

»Aber wenn Sie wissen, wo er ist, brauchen Sie doch nur all jene zu beruhigen, die sich für diesen Fall interessieren: seine Freunde, seine Studenten, die Öffentlichkeit.«

»Glauben Sie, dass das wirklich nützlich oder zwingend notwendig ist?« Charles Baudon sprang aus seinem Sessel auf. »Sagen Sie mal, werden Sie jetzt verrückt, Inspektor?«

Pinson lächelte: »Und was, wenn Professor Kowalski aus freien Stücken verschwunden ist und eine Fülle dramatischer Details inszeniert hat, um alle glauben zu lassen, er sei tot?«

»Wie bitte?«

»Wenn Sie mir einige Augenblicke Ihre Aufmerksamkeit schenken wollen, werde ich Ihnen das Ergebnis meiner Nachforschungen darlegen. Sie werden sehen, zu welchem Schluss ich gekommen bin – Schritt für Schritt.«

»Ich höre Ihnen zu«, antwortete Baudon und setzte sich wieder.

»Zunächst einmal wird Ihnen aufgefallen sein, dass bei der Analyse der auf dem Boden gefundenen Flüssigkeiten keinerlei Spuren von menschlichem Blut entdeckt wurden, ebenso wenig wie auf den Papieren, die den Boden übersäten.«

»Einverstanden, aber was ist mit dem blutigen Handabdruck?«

»Das war kein Blut, sondern eine rötliche Flüssigkeit, die mit bloßem Auge den Eindruck eines blutbefleckten Abdrucks erwecken konnte. Sie werden auch bemerkt haben, dass in der tiefen Stille der Nacht kein einziger Schrei, kein einziges Geräusch eines Kampfes gehört wurde. Was in einer Stadt noch möglich wäre, wo der Straßenlärm andere Geräusche übertönen kann, ist auf dem Land absolut undenkbar.

Selbst wenn er völlig überrascht worden wäre, war der Professor nicht der Mann, sich nicht zur Wehr zu setzen. Der Beweis dafür scheinen all die zerbrochenen und verstreuten Gegenstände auf dem Boden zu sein. Aber diese Unordnung war gewollt und von ihm raffiniert inszeniert, wie auch dieser Hammer beweist, den ich im Labor gefunden habe.«

Pinson zog einen ganz gewöhnlichen Hammer aus einer seiner Taschen.

»Er könnte dazu gedient haben, unseren Meister niederzuschlagen«, warf Baudon ein.

»Wenn ein Mörder ein solches Werkzeug benutzt, findet man daran Blutspuren. Hier jedoch gibt es keine. Ein Schlag auf den Kopf hätte zudem dazu geführt, dass Haare an dem Mordwerkzeug kleben blieben. Aber auch die gibt es nicht.«

»Aber die Theorie der Riesenspinne?«

»Zunächst einmal unwahrscheinlich, und zweitens falsch. Folgen Sie mir genau: Selbst für den Fall, dass dieses Monster den Mord begangen und es geschafft hätte, die Leiche auf den Grund des Wassers zu zerren, müssen Sie zugeben: Da unsere Untersuchungen zwölf Stunden nach dem Verschwinden des Professors begannen, hätte diese Bestie unmöglich die Zeit gehabt, den Körper komplett zu verschlingen. Doch weder im Teich noch an seinen Ufern hat man auch nur die geringste Spur davon gefunden.«

»Ich gebe zu, dass diese Schlussfolgerungen sehr scharfsinnig sind und der Theorie dieses Monsters widersprechen. Dennoch, die schleimigen Spuren, die wir bemerkt haben …«

»… konnten sehr wohl durch irgendeine x-beliebige klebrige Flüssigkeit erzeugt worden sein.«

»Bleibt noch die Erscheinung einer grässlichen Bestie, so dick wie ein großer Kinderball und mit bläulichem, phosphoreszierendem Leuchten, von der der Gärtner gesprochen hat.«

»Hier ist die einfache Erklärung dafür. Sehen Sie sich das an.«

Pinson überreichte ihm eine kleine Glasplatte, wie man sie in Laterna Magicas einlegt. »Das blaue Monster, das Pierre Chevalier in Panik versetzt hat«, fuhr er fort, »war schlicht und einfach eine Lichtprojektion, erzeugt durch irgendeinen Apparat des Professors, den ich allerdings nicht finden konnte, da alle Geräte zerstört waren.

Und damit komme ich zu den letzten Beweisen. Sie haben am Teich einen kleinen Kahn, den niemand benutzt und der immer am Ufer festgemacht war. Als ich den Teich untersuchte, war dieses kleine Boot nicht mehr angebunden. Schließlich habe ich auf den zwei Stufen des kleinen Pavillons am anderen Ende des Teiches, die direkt ins Wasser führen, dieses Kartenetui gefunden. Es trägt die Initialen des Professors und enthält Papiere von ihm. Hier ist es. In diesem Pavillon, den seit Jahren niemand mehr betreten hat, habe ich im Staub des Fußbodens Fußspuren gesichert, die exakt mit den Maßen der Schuhsohlen von Kowalski übereinstimmen – Schuhe, die mir der Hausdiener übergeben hat.«

»Nun gut, all dies scheint schlüssig zu sein. Aber ein menschlicher Mörder könnte ihn doch bis dorthin geschleift haben, was weiß ich?«

»Nein. Lesen Sie lieber dieses Telegramm, das der Chef der englischen Polizei an unseren Leiter der Kriminalpolizei gerichtet hat.«

Baudon ergriff das Papier. Er las:

Seien Sie unbesorgt. Kowalski gesund und munter. Wünscht absolutes Stillschweigen über Verschwinden.

»Aber wie ist das möglich?«, fragte der Assistent. »Wie das möglich ist?«

»Das ist ganz einfach. Der Professor bereitete sich meiner Meinung nach darauf vor, der wissenschaftlichen Welt eine neue Entdeckung mitzuteilen, die bestimmte bisher anerkannte Theorien über den Haufen geworfen hätte. Im letzten Moment bemerkte er, dass er sich geirrt hatte. Und anstatt seinen Irrtum einzugestehen und ihn öffentlich zuzugeben, zog er es vor, für immer zu verschwinden, um im Ausland unter einem anderen Namen als berühmter Gelehrter weiterzuleben. Daher diese ganze Inszenierung.«

»Nun«, fügte Pinson hinzu, »glauben Sie nicht auch, Monsieur Baudon, dass es besser wäre, die Akten zu schließen? Schon allein um der Ehre des großen Gelehrten willen, der sich aus reinem Stolz zu einem so armseligen Ausweg hinreißen ließ?«

Ende

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