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Lord Lister, genannt Raffles, der Meisterdieb – Band 6

Kurt Matull & Theo von Blankensee
Lord Lister, genannt Raffles, der Meisterdieb
Band 6
Der Doppelgänger des Bankdirektors
Überarbeitete Fassung
1. Kapitel
Lord Lister, der Menschenfreund

Lord Lister lehnte sich behaglich mit übereinandergeschlagenen Beinen in einem bequemen Sessel aus rotem Leder zurück. Seine schlanken, weißen Finger spielten mit einem silbernen Zigarettenetui.

Ihm gegenüber saß sein Freund Charly Brand mit vorgebeugtem Oberkörper, die Ellbogen auf die Knie gestützt.

»Und gefällt es dir nun gut hier in der Einsamkeit?«, fragte Charly.

Lord Lister unterdrückte ein aufkommendes Lächeln. »Nun, natürlich! Es ist sehr schön hier!«

»Hast du nette Nachbarn, Edward?«

»Ich habe mir noch nicht die Zeit genommen, Höflichkeitsbesuche zu machen«, war die Antwort des Lords, während er laut gähnte und aus seinem Sessel aufstand.

Langsam ging er zum Fenster, vor dem kostbare Spitzengardinen hingen, während Vorhänge aus weinrotem Samt das allzu grelle Licht etwas dämpften.

»Ich wüsste zu gerne, wem dieses protzige Haus drüben gehört«, bemerkte Lord Lister nach einer Pause und zeigte auf das Gebäude auf der gegenüberliegenden Seite.

Charly Brand trat neben seinen Freund. »Das Haus dort mit der geschmacklosen Fassade? Das gehört wohl irgendeinem reich gewordenen Metzger. Vielleicht gehört es auch einem Bankier!«

»Du irrst dich. Der Eigentümer ist ein alter Lord, aber er sieht aus wie ein Viehhändler. Er scheint schwer an Gicht zu leiden. Jeden Morgen fährt er in den Hyde Park.«

»Hast du das alles von hier aus gesehen?«

»Das alles, Charly – und noch viel mehr.«

»Zum Beispiel?« Brand brannte vor Neugier.

»Zum Beispiel habe ich noch bemerkt, dass mein asthmatischer, rheumatischer Nachbar eine sehr schöne, junge Frau hat.«

»So!« Charlys Neugier verwandelte sich in Interesse. »Bist du schon …«, er hielt inne, »… da … da … ist sie das?«, fragte er auf einmal.

Am gegenüberliegenden Fenster erschien eine Gestalt, weiß gekleidet, mit hellblondem Haar. Die beiden Herren sahen deutlich, dass sie aufgeregt durch das Zimmer lief und wie in Verzweiflung die Hände rang.

»Da ist sie«, sprach Lord Lister, »was fehlt ihr wohl?«

»Natürlich Streit mit ihrem Mann! Sie wird wohl nicht besonders glücklich sein!«

»Das ist verständlich!«

Da kam der blonde Kopf wieder hinter den Vorhängen hervor. Ein Paar große, betrübte Augen blickten in den Garten und an dem Zaun entlang, der das Haus von der Straße trennte.

»Wie ein gefangener Vogel in einem goldenen Käfig«, verglich Charly.

Die weiße Gestalt setzte sich in einen Sessel am Fenster und verbarg schluchzend das Gesicht in beiden Händen. Lord Lister wandte sich vom Fenster ab und sah seinen Freund ernst an.

»Eine arme, leidende Frau – mitten in üppigster Pracht. Könnte ich ihr nur helfen!«

»Das ist immer dein erster Gedanke!«, sprach Charly. »Du bist ein Menschenfreund reinsten Wassers, Edward! Übrigens ist der Gedanke wahrhaftig noch nicht so unausführbar. Du kannst ganz einfach als neuer Nachbar einen Besuch abstatten und dann das Terrain sondieren. Es bleibt natürlich noch eine andere Frage, ob du helfen kannst!«

»Ich kann es versuchen. Aber ich fürchte, dass man mich nicht empfangen wird können. Eine Ausflucht ist leicht gefunden: Der Lord hat dringende Geschäfte – die Dame Kopfschmerzen, und so weiter!«

Sein Freund zuckte die Achseln. »Ja, damit musst du natürlich rechnen, Edward!«

Einen Augenblick zögerte Lord Lister. Er blickte noch einmal zu der schlanken Gestalt drüben hinüber. Dann trat er mit entschlossener Gesten in sein Schlafzimmer.

Er war in eleganter Besuchskleidung, als er wieder zum Vorschein kam. Vor dem Spiegel band er seine Krawatte und aus einem großen Flakon besprengte er sich mit einem eigenartig duftenden Parfüm. Er blickte in den Spiegel – und war zufrieden. In sein Knopfloch steckte er eine prächtige Orchidee, dann nahm er seine Handschuhe und schlug seinem Freund damit leicht auf die Schulter.

»Bis später, Carlo mio!«

»Du bist ein Mann der Tat, Edward!«

Die vollständige Story steht als PDF, EPUB, MOBI und AZW3 zur Verfügung.

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